16.12.1991

TelefonSchweinereien möglich

Die neuen Telefonkarten sorgen für Ärger: Mal funktionieren sie, mal nicht.
Spätabends, nach einer Vernissage in Stuttgart, verspürte der Sindelfinger Kunstjournalist Dietrich Bühler, 60, noch das Bedürfnis nach geistigem Austausch.
Er steuerte eine Telefonzelle im Hauptbahnhof an. Doch statt der befreundeten Malerin meldete sich der Telefonapparat selbst zu Wort: "Karte ist ungültig", signalisierte das Display. Bühler fand das "ärgerlich". Er hatte eine neue Telefonkarte benutzt und war sicher, sie sei noch für einige Gespräche gut.
Solche Fälle häufen sich: Post-Kunden klagen über Ärger mit den neuen, buntbedruckten Telefonkarten im Scheckkartenformat, über mißlungene Telefonate und über Geldverlust. Bei der Post ist das Problem bekannt. Mit steigendem Kartenverkauf, räumt der Bonner Telekom-Sprecher Jürgen Kindervater ein, "explodieren" auch die Mängelmeldungen.
Sechs Postler sind in der Nürnberger Telekom-Beschwerdezentrale mit der Bearbeitung der Reklamationsfälle und der Erstattung von Kartengebühren befaßt. Die Beschwerdestatistik hält die Post unter Verschluß: "Das sind betriebsinterne Zahlen."
Der Absatz jedenfalls sprengt alle Prognosen. Von den 1989 eingeführten Karten wurden zunächst nur ein paar hunderttausend Stück ausgegeben; heute werden jeden Monat 1,5 Millionen verkauft. Fast 40 Millionen Exemplare sind in Umlauf, im nächsten Jahr sollen 50 Millionen Karten verkauft werden - ein Ergebnis, das in den alten Bundesländern erst für 1995 angepeilt worden war.
Derzeit sind zwei Varianten in Gebrauch: die Telefonkarte mit vorausbezahlten Gebühreneinheiten für 12 oder 50 Mark und die Telekarte, mit deren Hilfe die Gebühren über die Telefonrechnung abgebucht werden.
Für die Post-Tochter Telekom, die 1990 einen Jahresgewinn von 7,3 Milliarden Mark erwirtschaftete, sind die Karten ein lukratives Geschäft. Weil die Gespräche zwar sofort bezahlt, aber erst später geführt werden, bekommt die Post zinslose Kredite in gewaltiger Höhe. Bei 50 Millionen Karten und einem durchschnittlichen Preis von 12 Mark ergibt sich ein Gratis-Darlehen von 600 Millionen Mark.
Weil die bargeldlos betriebenen Telefone nicht geleert werden müssen und nie aufgebrochen werden, sinken zugleich die Verluste durch Vandalismus (bislang jährlich 17 Millionen Mark) und das Defizit im Münztelefon-Sektor (bislang jährlich 400 Millionen Mark).
Profit bringen der Post auch die Sammler: Sie bezahlen die Karten, telefonieren jedoch nie, weil nur unbenutzte Karten maximale Wertsteigerung versprechen. Für seltene Exemplare, zum Beispiel Testkarten aus der Erprobungszeit, werden schon bis zu 10 000 Mark geboten.
Die Sammler, die ihre Karten nicht zum Telefonieren nutzen, bleiben von den Nervereien verschont, über die viele Telekom-Kunden klagen: Mal verweigert sich der Apparat, wie im Falle eines Berliner Geschäftsmannes, obwohl die Plastik-Karte nagelneu ist. Mal meldet das Telefon, wie bei einer Wiesbadener Sekretärin mit einer immergültigen Dauer-Karte, fälschlich "ungültig".
Bisweilen zeigt die Karte auch ausgeprägten Eigensinn: Mal funktioniert sie, mal nicht, auch bei ein und demselben Telefon. Manchmal vergißt das angeblich intelligente Kunststoff-Stück ein paar Einheiten - auf einer 50-Mark-Karte sind dann nach wenigen Ortsgesprächen nur noch 4 Mark übrig.
Defekt sind jährlich, so eine Expertenschätzung, rund eine Million Karten im Gesamtwert von etwa sieben Millionen Mark. Ursache ist die komplizierte Kartentechnik.
Im Gegensatz zu Euroscheck- oder Kreditkarten ist das Post-Ding nicht mit einem Magnetstreifen, sondern mit einem Mikrochip ausgestattet, der vom Karten-Telefon über den jeweiligen Wertverlust der Karte informiert wird.
Manfred Firll, 37, vom Fernmeldetechnischen Zentralamt in Darmstadt, bestätigt, daß es zu Störungen kommt, wenn die vergoldete Schutzschicht des Chips verkratzt ist oder wenn die Anschlüsse der Chips durch allzulange Aufbewahrung in der Gesäßtasche gekrümmt sind.
Gestört ist der Kontakt zum Leseteil des Karten-Telefons auch dann, wenn die Kontaktfläche verschmutzt ist - etwa weil die Besitzer "Kaffee oder Cola drübergekippt haben" (Firll). Überdies könnten Defekte am Karten-Einschub den Chip beschädigen: "Da sind sehr viele Schweinereien möglich." In seltenen Fällen komme es auch durch elektrische Aufladung zu Störungen.
Die Karte kann Schaden nehmen, wenn ihr Träger einen Teppichboden überquert oder aus dem Auto steigt und es zur Entladung elektrostatischer Spannungen kommt. Bei Post-Tests allerdings sind solche Effekte, wiewohl von Kunden häufig behauptet, laut Firll niemals nachgewiesen worden.
Ernster nimmt die Post das gelegentlich beobachtete Phänomen, daß die Karte Einheiten gleichsam vergißt - statt 40 sind plötzlich nur noch 4 Mark drauf. Firll: "Das wird von uns natürlich außerordentlich peinlich beobachtet."
Derlei Wertverluste führt der Telefonexperte vor allem auf Temperaturschwankungen zurück. Irritationen im elektronischen Gedächtnis des Kärtchens könnten etwa auftreten, wenn ein Schlachthof-Mitarbeiter das Ding mit ins Kühlhaus nimmt oder wenn die Karte bei Sonnenschein im Auto liegt und sich wie unter einem Brennglas erhitzt.
Allerdings könne auf diese Weise der Gebührengehalt nicht nur sinken, sondern sich auch erhöhen, weiß Firll: "Das ist nicht voraussagbar."
Der Beamte rät denn auch von Experimenten ab, etwa von gezieltem Aufkochen in der Hoffnung auf Werterhöhung: "Es wäre sicher völlig verkehrt, die Karte ins Eierwasser zu tun."

DER SPIEGEL 51/1991
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 51/1991
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Telefon:
Schweinereien möglich

  • Rassismusdebatte um Video: Jugendliche Trump-Fans treffen auf Ureinwohner
  • Was von Wetumpka übrig blieb: Tornado zerstört US-Kleinstadt
  • Star-Doubles: Helene und Robbie sind ein Paar
  • Einmalige Aufnahmen: Berghütte in den Alpen komplett schneebedeckt