16.09.1991

Ein Weltstar kann alles bewegen

SPIEGEL: Paul McCartney, Mitte dieser Woche wird Ihr Film "Get Back" in Hamburg uraufgeführt. Er entstand während Ihrer Welttournee 1989. Warum diese Zeitverzögerung?
McCARTNEY: "Get Back" ist in erster Linie Richard Lesters Werk. Er hat schon 1964 beim ersten Beatles-Film "A Hard Day''s Night" Regie geführt. Diesmal wollte er zunächst nur einen 14-Minuten-Spot drehen, aber dann koppelte er die Konzertaufnahmen mit zeitgeschichtlichen Dokumenten. So entstand ein 95-Minuten-Film.
SPIEGEL: Und das dauerte zwei Jahre?
McCARTNEY: Wenn ich Richard fragte, ob er nun alles beisammen habe, dann hieß es meist: nächste Woche. So ist das hier. Typisch britisch.
SPIEGEL: "Get Back" wird als autobiographischer Film gehandelt, aber es ist vor allem ein Konzert-Mitschnitt.
McCARTNEY: Mit der Vermarktung wurde bereits begonnen, als das Drehbuch noch gar nicht fertig war. Deshalb das hartnäckige Gerücht, es handele sich um meine Autobiographie. Ursprünglich _(* Mit Redakteuren Rüdiger Falksohn und ) _(Thomas Hüetlin in einem Londoner Hotel. ) sollten auch Fans aus dem Publikum porträtiert werden. Kamerateams haben sie nach Hause begleitet und dort gefilmt, zum Beispiel eine Krankenschwester, die erst beim Konzert war und am nächsten Tag in ihrer Uniform im Hospital beim Fiebermessen.
SPIEGEL: Das fiel dann dem Cutter zum Opfer?
McCARTNEY: Die Idee erwies sich als nicht tragfähig, das Material war zu dünn. Letztlich waren die Konzertaufnahmen der cineastisch beste Stoff.
SPIEGEL: Warum ist der Film mit unkommentierten Schnipseln aus dem Vietnamkrieg, aus der Zeit der Studentenunruhen und auch vom Fall der Mauer garniert?
McCARTNEY: Richard Lester wollte die Songtexte und Melodien kontrapunktieren. Wenn er ein Stück wie "A Long and Winding Road" hört, denkt er an die US-Bomber, die Napalm abwerfen.
SPIEGEL: Der Streifen könnte auch "Paul McCartney plays Beatles" heißen. 17 von 21 Titeln sind alte Beatles-Stücke.
McCARTNEY: Tatsächlich? Auf der Tournee habe ich eher eine Balance zwischen Beatles- und Wings-Material zu halten versucht. Für die Musikauswahl im Film war Richard Lester zuständig.
SPIEGEL: Es machte Ihnen offenkundig Spaß, nach jahrelanger Abstinenz wieder die alten Kamellen zu spielen. Einmal Beatle, immer Beatle?
McCARTNEY: Ich habe nie versucht, vor meiner Vergangenheit zu fliehen.
SPIEGEL: Aber zeitweise waren Sie gegen Lennon/McCartney-Kompositionen regelrecht allergisch.
McCARTNEY: Die Trennung der Beatles war schmerzhaft. Es war wie eine Scheidung. Und es ging uns allen gleich - auch John spielte danach die alten Hits nicht mehr. Mittlerweile hat die Vorstellung, "Hey Jude" oder "Sergeant Pepper" zu singen, wieder etwas Frisches. Diese beiden Titel hatte ich bis zur Tournee noch nie vor Publikum gespielt.
SPIEGEL: Warum?
McCARTNEY: Weil sie mich zu stark an alte Reibereien erinnerten.
SPIEGEL: An Ihren Hahnenkampf mit John Lennon, wer der größte Beatle sei?
McCARTNEY: Das ist für mich immer noch ein sehr ernstes Thema, obwohl unsere Beziehung das Gegenteil war. Sehr locker, sehr respektlos, eine produktive Konkurrenz. Nach seinem Tod haben ihn die Leute zum Märtyrer stilisiert und behauptet, er sei der einzig intelligente Beatle und der bessere Komponist gewesen.
SPIEGEL: Wir hören Zweifel an dieser These heraus.
McCARTNEY: Stellen Sie sich vor, ich wäre erschossen worden. Dann säße John jetzt hier, und alle Welt würde ihm erzählen, wie großartig Paul McCartney war. Der einzige, der wirklich über John Bescheid weiß, bin ich.
SPIEGEL: Weswegen Sie ihn noch vier Jahre nach seinem Tod als eifersüchtiges und intrigantes Schwein bezeichnet haben.
McCARTNEY: Ich habe das einmal einem Journalisten am Telefon gesagt, und das war ein Fehler.
SPIEGEL: Stehen Sie denn dazu?
McCARTNEY: Ja. Aber ich meine es eher freundschaftlich. John war ein smarter Junge, und er war sehr eifersüchtig. Trotzdem, wir haben uns gegenseitig respektiert. Er wäre der letzte gewesen, der es 15 Jahre mit mir ausgehalten hätte, wenn wir uns nur beharkt hätten.
SPIEGEL: Woran denken Sie, wenn Sie die vergangenen drei Jahrzehnte betrachten, in denen Sie die Jugend- und Alltagskultur mitgeprägt haben?
McCARTNEY: In den siebziger und achtziger Jahren ist nichts passiert, was die Menschen bewegt hat. Es gab keine neue Philosophie, keine neuen Gedanken, keine neuen Ideen. Nur Yuppies, Optionsgeschäfte an den Börsen und dieser ganze Quatsch. Nichts, was die Menschen weitergebracht hätte.
SPIEGEL: In der Beatles-Ära war das anders.
McCARTNEY: Die Jugendlichen entwickelten damals zum erstenmal ein eigenes Selbstbewußtsein und ein eigenständiges Denken: Liebe, Frieden, Meditation, Ökologie. In den siebziger Jahren wurden die neuen Lebensformen zurückgedrängt, weil zuviel Drogen genommen wurden und man zu exzessiv lebte. Aber heute erinnern sich wieder eine Menge Leute an die guten Seiten der Sechziger. Das ökologische Bewußtsein breitet sich allmählich aus. Obwohl mit dem Begriff Umweltschutz auch eine Menge Schindluder getrieben wird.
SPIEGEL: Zum Beispiel?
McCARTNEY: George Bush möchte als ökologischer Präsident in die Geschichte eingehen. Sehr aufregend. Was hat er bisher getan? Nichts. Die Amerikaner leben nur von der Substanz und beuten die Natur aus. Sie haben jede Menge Geld in eine Rüstung gepumpt, die sie nun nicht mehr brauchen. In die Entwicklung alternativer Energiequellen, zum Beispiel der Windenergie, fließen geringe Summen, genau wie in England, denn das interessiert nicht wirklich. Atomenergie ist immer noch wichtiger, auch nach Tschernobyl.
SPIEGEL: Auf Ihrer Tournee haben Sie für die Umweltgruppe "Friends of the Earth" geworben, Sie lassen Ihre Plattencover auf Umweltpapier drucken und verbieten auf Ihren Ländereien in England die Jagd. Was kann ein Künstler, ein Weltstar wie Sie bewegen?
McCARTNEY: Im Grunde alles. Ich glaube, John Lennon hatte einen großen Anteil daran, daß der Vietnamkrieg beendet wurde. Eine Million Leute standen vor dem Weißen Haus und sangen "Give Peace a Chance". Danach hat Richard Nixon den Truppenrückzug befohlen. Hätten sie nur gerufen "Wir wollen Frieden", wäre die Wirkung geringer gewesen. Wenn ich mir die Weltgeschichte anschaue, sehe ich nur Beweise für die Macht der Musik. Sicher haben Symphonien auch die russische Revolution in Gang gebracht.
SPIEGEL: Demzufolge hat die heutige Rockmusik Anteil am Zusammenbruch des Ostblocks?
McCARTNEY: Natürlich.
SPIEGEL: Sie gelten als harmoniebedürftiger, romantischer Musiker. Steckt hinter Ihrem Umweltengagement nicht auch eine romantische Weltsicht, ein naives Ideal von heiler Natur?
McCARTNEY: Es ärgert mich, wenn mir Naivität vorgeworfen wird. Ich bin erwachsen, und ich kann zum Teufel noch mal sagen, was ich mag und was nicht. Als ich in Japan Konzerte gab, riet man mir, nichts über Ökologie zu sagen, weil man dort immer noch Wale fängt. Ich habe mich nicht einschüchtern lassen, und jetzt gibt es einen sehr erfolgreichen Ableger der "Friends of the Earth" auch in Japan. Natürlich ist das naiv. Es ist von mir aus auch romantisch, aber immer noch besser, als überhaupt nichts zu tun.
SPIEGEL: Gehen Sie denn mit gutem Beispiel beim Umweltschutz voran?
McCARTNEY: Ich betreibe eine biologisch-dynamische Farm, und ich ernähre mich vegetarisch. Nicht nur weil es gesund ist, sondern weil auch Tiere Rechte haben.
SPIEGEL: Ihre Nachbarn beschweren sich, die Tierliebe der McCartneys gehe zu weit. Ihre freilaufenden Kaninchen fressen deren Gemüseernte auf.
McCARTNEY: Die Zeitungen machen aus uns einen Haufen karnickelverrückter Hippies. Ich lade alle Journalisten ein, die Kaninchen abzuschießen. Vorausgesetzt, sie finden welche.
SPIEGEL: Warum leben Sie immer noch in England? Die Presse verbreitet die Kaninchenlüge, und Sie sind ein erklärter _(* Paul McCartney, John Lennon, Ringo ) _(Starr, George Harrison. ) Gegner des Thatcherismus. Hat die Senkung der Steuern den Milliardär McCartney zum Bleiben bewogen?
McCARTNEY: Ich mag den britischen Humor, und ich möchte meine Kinder in England großziehen. Die staatlichen Schulen sind immer noch ganz gut.
SPIEGEL: Anfang dieses Monats war in der Sun zu lesen, daß Sie in den siebziger Jahren ein "Schnaps- und Heroin-Zombie" waren. Auch eine Erfindung der Presse?
McCARTNEY: Eine Übertreibung. Ich habe ein einziges Mal Heroin geschnupft. Aber es ist beinahe ein Wunder, daß ich nicht so weit abgerutscht bin.
SPIEGEL: Weil Sie mit anderen Rauschgiften intensiveren Kontakt hatten?
McCARTNEY: Ich war nahe daran, zugrunde zu gehen. Wer denkt schon ans Essen, wenn man LSD hat.
SPIEGEL: Hatte das Einfluß auf Ihre Musik?
McCARTNEY: Seit "Rubber Soul" 1965 ist jedes Beatles-Album unter Drogeneinfluß entstanden, vor allem unter Marihuana und LSD. Alles, was in den Sechzigern gemacht wurde, war von Drogen inspiriert - Musik, Literatur, Kino. Der Vietnamkrieg wurde doch auch unter Drogen geführt.
SPIEGEL: Sind die Drogen für Sie Schnee von gestern?
McCARTNEY: Ich bin inzwischen ein sehr, sehr glücklicher Mensch. Ich werde nächstes Jahr 50, und ich entdecke immer neue Dinge. Ich habe meine Farm, zur Zeit arbeite ich an einer minimalistischen Filmmusik, vor drei Monaten habe ich meine erste klassische Arbeit, ein Oratorium, in Liverpool uraufgeführt.
SPIEGEL: In den sechziger Jahren haben Sie noch gesagt, daß Sie sich "in der Oper nur einen wunden Hintern holen". Entdecken Sie nun, im reiferen Alter, die Hochkultur für sich?
McCARTNEY: Das Oratorium war eine Auftragsarbeit und eine Herausforderung. Der Komponist Carl Davis hatte mich eingeladen, zum 150jährigen Jubiläum der Liverpooler Philharmoniker ein solches Projekt zu leiten. Von allein hätte ich mich nicht getraut, obwohl ich mein Leben lang mit Klassik geliebäugelt habe.
SPIEGEL: Wie vertraut sind Sie denn mit klassischer Musik?
McCARTNEY: Ich kenne nur die populären Sachen. Beethoven ist für mich der Größte, Mozart und Bach mag ich auch. Ich bin kein intellektueller Hörer, aber als ich mich mit Beethoven beschäftigt habe, war ich überrascht, wie einfach seine Werke aufgebaut sind.
SPIEGEL: Und nun wollen Sie ihm Konkurrenz machen.
McCARTNEY: Absolut. Warum nicht? In ein- oder zweihundert Jahren wird man die Beatles genauso einschätzen wie heute Beethoven oder Mozart. Ich glaube, es gibt keine Statusunterschiede zwischen großen Komponisten. Das mag arrogant klingen, aber man kommt zu nichts, wenn man nicht an sich glaubt.
SPIEGEL: Ist es nicht trotzdem schwierig für jemanden wie Sie, der keine Noten beherrscht, ein Chorwerk zu schreiben?
McCARTNEY: Carl Davis kennt sich in diesen Dingen aus. Er saß am Klavier, ich daneben; ich war der Maler, er die Palette. Hinterher haben wir dann darüber diskutiert, ob an einer Stelle drei oder acht Cellos eingesetzt werden sollen.
SPIEGEL: Das Resultat wurde als eklektizistisch bezeichnet, Anleihen hier und dort, dazu als Zuckerguß die eleganten McCartneyschen Melodiebögen.
McCARTNEY: Das glauben sogar die Mitglieder _(* Nach der Uraufführung des ) _(Liverpool-Oratoriums am 28. Juni in der ) _(Liverpool Anglican Cathedral. ) meiner Band. Aber es ist Quatsch, eine Erfindung der Kritiker. Es gibt keinen Teil, an dem ich nicht mitgewirkt hätte. Wenn die Kritiker es besser können - bitte. Die mochten damals auch van Gogh nicht. Er hat kaum ein Bild verkauft, und heute sind sie unbezahlbar.
SPIEGEL: Ein Kritiker ist kein Künstler, sein Beruf ist das Analysieren. Man muß ja auch kein Koch sein, um beurteilen zu können, ob eine Suppe versalzen ist.
McCARTNEY: Ich bin ein besserer Koch als jeder Kritiker. Ich würde mich immer für einen guten Koch entscheiden und nicht für einen Kritiker. Die New York Times hat damals über "Sergeant Pepper" geschrieben, die Platte sei kompletter Abfall. Der Autor heißt Michael Goldstein, er arbeitet schon lange nicht mehr da. Versuchen Sie, ihn zu finden, das wird nicht ganz einfach sein. Mich können Sie jederzeit finden und "Sergeant Pepper" auch.
SPIEGEL: Shanty, die Hauptperson Ihres Oratoriums, findet am Ende des Librettos in den Schoß der Familie zurück und zu Gott. Das klingt wie die Antithese zu den Idealen der sechziger Jahre.
McCARTNEY: Es ist halt ein Lebenslauf. Zuerst rebelliert Shanty gegen alle möglichen Autoritäten und versucht, seinen eigenen Weg zu gehen. Dann gerät er in eine große Krise . . .
SPIEGEL: . . . und kehrt heim zu den traditionellen Werten.
McCARTNEY: Genau. Nur weil sie traditionell sind, sind sie nicht falsch. Das ist doch normal, daß einer erst aufbegehrt und dann ruhiger wird. So war es jedenfalls in meinem Leben. John Lennon hat kurz vor seinem 40. Geburtstag gesagt, man müsse Gott dafür danken, daß er uns damals nicht an die Regierung ließ.
SPIEGEL: Es wäre vielleicht auf den Versuch angekommen.
McCARTNEY: Rebellionen sind in Ordnung. Man muß alles umwerfen, um neue Ideen zu entwickeln. Aber das heißt nicht, daß man auf eine Insel zum Meditieren ziehen muß, nur weil einem ein Yogi das Bewußtsein erweitert hat. Ich habe in unserer indischen Phase gelernt, mich zu entspannen, brauche kein Aspirin mehr und kann Kopfschmerzen selbst kurieren.
SPIEGEL: Man munkelt, die Beatles wollen sich für ein Konzert zugunsten der notleidenden sowjetischen Bevölkerung wiedervereinigen. Auch eine Erfindung der Journaille?
McCARTNEY: Live Aid, Hungerhilfe - immer wenn es einem guten Zweck dient, sollen die Beatles wiederauferstehen. Vergeßt es. Ich sage nur: nicht, solange John tot ist.
SPIEGEL: Paul McCartney, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. *VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Paul McCartney *
gilt als der erfolgreichste Liederschreiber aller Zeiten. Zusammen mit John Lennon komponierte er in den sechziger Jahren fast alle Hits der Beatles. Nach der Trennung der Band gründete er mit seiner Frau Linda die Popgruppe "The Wings". Sein Vermögen wird auf 1,5 Milliarden Mark geschätzt. Im Verlauf seiner Karriere erhielt der Arbeitersohn 60 goldene und sogar, als bislang einziger Künstler, eine Rhodium-Schallplatte. Auf einer Welttournee vor zwei Jahren, der ersten nach 13jähriger Pause, präsentierte er erstmals eine Auswahl seines bisherigen Gesamtwerkes. Eine Dokumentation über diese Konzerte kommt in dieser Woche in die Kinos. Für Aufsehen sorgte McCartney, 49, vor kurzem mit der Uraufführung eines 90minütigen Oratoriums. Das in der Liverpool Cathedral aufgenommene Musikstück soll Anfang Oktober als Platte und CD erscheinen.
* Mit Redakteuren Rüdiger Falksohn und Thomas Hüetlin in einem Londoner Hotel. * Paul McCartney, John Lennon, Ringo Starr, George Harrison. * Nach der Uraufführung des Liverpool-Oratoriums am 28. Juni in der Liverpool Anglican Cathedral.
Von Falksohn, Rüdiger, Hüetlin, Th.

DER SPIEGEL 38/1991
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