16.09.1991

Eine deutsche Karriere

Der Experte vom DDR-Fachblatt Der Leichtathlet war rundum zufrieden: Heidi Krieger, gerade 17 Jahre alt, hatte die Kugel 16,82 Meter weit gestoßen und dabei eine gute Figur gemacht. Trotz ihrer Größe, lobte der Kritiker, "erscheint sie uns als angenehm proportioniertes junges Mädchen".
Doch auch die "lustige Berlinerin" war schon längst auf den in der DDR üblichen Horrortrip geschickt worden. In der 15. Woche des Jahres 1982 wurde sie, damals noch 16 Jahre jung und mit einer Bestleistung von 14,05 Metern notiert, von ihren Trainern als "Sportler Nr. 54" in das Anabolikaprogramm aufgenommen.
Das erschien selbst den sonst so freigebigen Sportwissenschaftlern zu früh. Der Leipziger Lothar Hinz monierte, daß "die vorzeitige Anwendung durch die Sportlerin 54 aus unserer Sicht unbegründet ist, da das Ausgangsleistungsniveau deutlich unter dem empfohlenen Vorgabewert liegt". Mit anderen Worten: Er hielt Heidi Krieger für nicht talentiert genug.
Doch die Praktiker bewiesen, wie man auch aus wenig Talent noch Sieger machen kann: mit vielen Anabolikatabletten. In die jugendliche Kugelstoßerin wurde hineingepumpt, was der VEB Jenapharm hergab. Hatte sie 1982 in 14 Wochen nur 885 mg Oral-Turinabol geschluckt, waren es ein Jahr später schon 1820 mg in 22 Wochen, im Olympiajahr 1984 gar 2590 mg in 29 Wochen. Schließlich wurde die Anabolikerin 1986 mit 21,10 Metern Europameisterin.
Heidi Krieger kam auch in der Doping-Bestenliste der DDR-Athletinnen weit nach vorn: auf Platz fünf. Spitzenreiterin der Hormon-Hitparade war die Rostocker Kugelstoßerin Ines Müller-Reichenbach. Die WM-Dritte von 1987 vertilgte eine Jahresdosis von 3680 mg.
Dabei hatten die DDR-Wissenschaftler bei den Frauen immer wieder eine Jahresmenge von 1000 mg Anabolika als Grenze propagiert, "die in keinem Anwendungsfall überschritten werden darf". Doch Hinz akzeptierte schließlich die real existierende Dopingpraxis: "Der härtere Kampf um die Nominierung drängt Trainer und Sportler zu langen Einsatzzeiträumen und hohen Jahressummen."
Was Heidi Krieger ohne pharmazeutische Hilfe wert ist, zeigte sich im vorigen Winter: Bei ihrem letzten Wettkampf stieß sie gut fünf Meter weniger als bei der EM, ihre Karriere ist beendet. Der Mann, der sie damals hochpuschte, ihr Trainer Lutz Kühl, wirkt heute als Angestellter des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV).
Auch der Diskuscoach Gerhard Böttcher, der mit Helma Knorscheid (2900 mg) und Silvia Madetzky (2390 mg) zwei Athletinnen unter die ersten sechs der DDR-Doping-Bestenliste plazierte, produziert weiter Siegerinnen für Deutschland: Er trainiert jetzt im DLV-Auftrag die Vize-Weltmeisterin Ilke Wyludda.

DER SPIEGEL 38/1991
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