18.11.1991

DopingSenfkorn im Ohr

Erstmals beurteilen Gerichte die Doping-Vergangenheit von Trainern und Wissenschaftlern. Ein Bundestrainer wurde prompt beim Lügen ertappt.
Der Oberstudienrat Karlheinz Steinmetz, betont Rechtsanwalt Fritz Roth in Schriftsätzen gern, sei ein ehrenwerter Mann. Sein Mandant sei "einer der besten Diskuswerfer" gewesen und habe in den sechziger Jahren seine beeindruckenden Leistungen "ohne Doping" erzielt. So böten "sein Charakter und seine sportliche Grundeinstellung die beste Gewähr", daß Steinmetz auch als Trainer ungewöhnlich qualifiziert sei.
Dennoch geriet Steinmetz, 42, vor fast einem Jahr in den Verdacht, Athleten zum Doping aufgefordert, ihnen sogar beim sportlichen Betrug geholfen zu haben (SPIEGEL 50/1990). Der Bundestrainer aus dem hessischen Dieburg konterte die Vorwürfe mit einer eidesstattlichen Versicherung.
Am Mittwoch letzter Woche mußte der Saubermann vor dem Heidelberger Landgericht zugeben, gelogen zu haben. Der frühere Sprinter Eckart Brieger, der bei einem Trainingslager 1971 mit Steinmetz ein Zimmer geteilt hatte, schilderte ein vertrauliches Gespräch der Bettnachbarn. Dabei habe Steinmetz seinen Anabolikakonsum so begründet: "Ich habe kurze Arme, und die Mängel muß ich ausgleichen."
Was die zahlreichen Untersuchungskommissionen der Sportverbände trotz monatelanger Arbeit nicht schafften, werden jetzt ordentliche Gerichte erledigen. In mehreren Verfahren versuchen belastete Trainer und Wissenschaftler, den Verkauf des Buches "Doping-Dokumente" der Heidelberger Autorin Brigitte Berendonk zu verhindern*. Die ehemalige Diskuswerferin beschreibt darin detailliert die Dopingszene in Deutschland.
Schon die ersten Verfahren zeigten, warum die immer wieder beschworenen "Selbstreinigungskräfte des Sports" erfolglos bleiben mußten. Solange die Dopingsünder nicht durch strafrechtliche Konsequenzen zur Wahrheit gezwungen werden, leugnen sie mit Chuzpe jegliche Beteiligung.
Exemplarisch verhielt sich Steinmetz: Erst nach Briegers Zeugenaussage gestand er seinen Anabolikakonsum, wollte ihn aber auf "exakt 14 Tage" beschränkt wissen: "Damals war ich so abgemagert."
Als ihn sein ehemaliger Schützling, der fünfmalige deutsche Diskusmeister Alwin Wagner, beschuldigte, vor der Europameisterschaft 1978 und vor den Olympischen Spielen 1984 Testosteron-Zäpfchen verteilt zu haben, bestritt Steinmetz dies - räumte aber ein, "die Zäpfchen schon mal in der Hand gehabt" _(* Brigitte Berendonk: "Doping-Dokumente ) _(- Von der Forschung zum Betrug". ) _(Springer Verlag, Berlin, Heidelberg, New ) _(York; 520 Seiten; 39,80 Mark. ) zu haben. Die Frage des erstaunten Richters, wie man denn an so ein ungewöhnliches Medikament komme, beantwortete Steinmetz, als sei der Umgang mit solchen Zäpfchen für Mathematiklehrer selbstverständlich: "Ein Mann mit Allgemeinbildung kennt so etwas."
Unter den Dopern, das wurde in der Verhandlung deutlich, galt der Bruch der ärztlichen Schweigepflicht als normal. Stets habe er, erklärte Steinmetz, vom Freiburger Medizinprofessor Armin Klümper Durchschläge der Arztbriefe an seine Athleten erhalten. Bei Wagner sei nur einmal ein Dopingmittel aufgeführt gewesen, das gebräuchliche Anabolikum Megagrisevit. Vor Gericht aber legte Wagner ein weiteres Schreiben Klümpers vor, in dem dieser unter anderem über die Verordnung des Dopingpräparats Dianabol berichtete. Steinmetz war auch hier als Adressat eines Durchschlags ausgewiesen.
Mit besonders ausgefallenen Argumenten warteten vergangene Woche zwei Dopingforscher aus der ehemaligen DDR auf. Der Leipziger Professor Winfried Schäker und der Jenaer Hormonexperte Hartmut Riedel, inzwischen Professor an der Universität Bayreuth, sahen durch die Zitate aus ihren Habilitationsschriften im Berendonk-Buch die Urheberrechte an ihrer "eigenschöpferischen Leistung von einiger Gestaltungshöhe" (Riedel) verletzt. So als gäbe es die Stasi immer noch, verlangten beide, daß die in der DDR verfügte Geheimhaltung weiter Bestand haben müsse.
Auch Klümper, der Wagner Anabolika verschrieb, klagt gegen Berendonk, weil sie behauptet, er habe eine führende Rolle in der westdeutschen Dopingvergangenheit gespielt. Und der neue Cheftrainer der deutschen Leichtathleten, Bernd Schubert, der schon im flächendeckenden Dopingsystem der DDR leitende Funktionen ausübte, will beweisen, daß er "Dopingkonzeptionen" weder aufgestellt noch überhaupt von ihnen erfahren habe.
Allen Klagen ist eines gemein: Die Dopingsünder bleiben vor den ordentlichen Gerichten bei der gleichen Taktik, die ihnen vor den sportlichen Instanzen bisher genügte. Vor Funktionären reichte einfach Leugnen, um weiterhin unbehelligt Karriere machen zu können.
Eine dieser Laufbahnen führte geradewegs ins vornehmste Gremium des deutschen Sports: Die ehemalige Kugelstoßerin Margitta Gummel wirkt inzwischen im vereinten Deutschland als Persönliches Mitglied des Nationalen Olympischen Komitees.
Die Olympiasiegerin von 1968 ("Ich bin strikt gegen Doping") fiel bei ihrer zweiten Karriere durch ein energisches Eintreten für die belasteten Trainer, Ärzte und Funktionäre auf. Margitta Gummel forderte für sie eine Amnestie, wie sie den Athleten zugebilligt werden soll. Sie selbst sei froh, zu einer Zeit aktiv gewesen zu sein, "als Doping noch in den Anfängen" steckte.
Margitta Gummel, so weist eine in der letzten Woche aufgetauchte wissenschaftliche Arbeit ihres ehemaligen Trainers Professor Karl-Heinz Bauersfeld aus, hat all ihren Beteuerungen zum Trotz die Anfänge des Dopings intensiv erlebt. Sieben Tage vor ihrem Olympiasieg in Mexiko schluckte die Kugelstoßerin noch 10 Milligramm Oral-Turinabol.
Die noch ausstehenden Prozesse werden neue Enthüllungen bringen. So wird an diesem Freitag die Seite 54 eines von Riedel geführten "Arbeitsbuchs" in den Prozeß Schubert gegen Berendonk eingeführt. Darauf hat Riedel penibel notiert, wie vor dem Hallen-Länderkampf gegen die CSSR im Februar 1987 eine Expertenrunde neue Dopingtricks austüftelte.
Als Teilnehmer der Runde führte Riedel unter anderen die Verbandstrainer Bernd Schubert und Edwin Tepper sowie die Mediziner Hans-Joachim Wendler und Regina Schwanitz auf. Alle vier wurden 1988 mit dem Orden "Banner der Arbeit, Stufe I" ausgezeichnet und stehen jetzt in Diensten des gesamtdeutschen Sports: Wendler als Arzt am Olympiastützpunkt Berlin, Schubert als Chef-, Tepper als Nachwuchstrainer und Schwanitz als Ärztin der Leichtathleten.
Bei den Weltmeisterschaften im August in Tokio fiel Regina Schwanitz durch eine eigenwillige medizinische Behandlungsmethode auf. Die von ihr betreute zweifache Weltmeisterin Katrin Krabbe verriet, was sie so schnell gemacht habe: Die Rostocker Dopingkennerin Schwanitz hatte der Sprinterin "ein Senfkorn ins Ohrläppchen gepflanzt". o
* Brigitte Berendonk: "Doping-Dokumente - Von der Forschung zum Betrug". Springer Verlag, Berlin, Heidelberg, New York; 520 Seiten; 39,80 Mark.

DER SPIEGEL 47/1991
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