21.10.1991

„ . . . den Affen erfunden“

In unnachahmlichem Takt hat die Bundesrepublik Deutschland 1991, verspätet, ein Zehn-Mark-Stück zum Gedenken an die 800 Jahre zurückliegende Gründung des Deutschen Ordens prägen lassen. Ursprünglich war dieser Orden eine von Lübecker und Bremer Bürgern gestiftete Hospitalgenossenschaft zur Pflege von Kranken, die aber schon acht Jahre nach ihrer Gründung, und zwar 1198, in einen geistlichen Ritterorden mit Sitz in Acko im Heiligen Land (wo Napoleon 1799 scheiterte) umgewandelt wurde. Sein päpstlicher Auftrag war der Kampf gegen die Heiden, weshalb er bis heute das Sinnbild für den Drang der Deutschen nach Osten geblieben ist.
Seine auf die mönchischen Gelübde verpflichteten Ritter, die einen weißen Mantel mit schwarzem Kreuz trugen, waren eine Art schnelle Einsatztruppe des römischen Papstes zur Verteidigung des Glaubens. 1242 wurden sie auf dem Eis des baltischen Peipussees von dem später von der russisch-orthodoxen Kirche heiliggesprochenen Alexander Newski im Auftrag der Patrizierstadt Nowgorod geschlagen, 1410 von den vereinigten Polen und Litauern bei Tannenberg - Grund genug für ein neues Zehn-Mark-Stück im Jahre 2010.
Aber was war das für ein Orden, dessen auf Lebenszeit gewählter Hochmeister seinen Sitz schon 1291 von Akko nach Venedig, 1309 von Venedig auf die Marienburg an der Nogat, 1466 von der Marienburg nach Königsberg verlegte? Dessen letzter Heermeister 1561 das säkularisierte Kurland als Herzogtum von den Polen zum Lehen nahm?
Die Deutschen des Kriegsjahres 1914 wußten wohl, warum sie die für die 2. russische Armee vernichtende Schlacht nahe dem ostpreußischen Gumbinnen als Schlacht von Tannenberg bezeichneten; die Deutschen von 1934 wohl auch, warum der tote Tannenberg-Sieger Paul von Hindenburg vom dortigen Symboldenkmal aus seinen Ritt nach "Walhall" (Hitler) antreten sollte. Was aus einer Hospitalgenossenschaft nicht alles werden kann!
Das Zehn-Mark-Stück steht mithin für die oft imponierende Kolonisierung slawischen Landes durch Deutsche; es steht für deutsche Aufbauleistung ebenso wie für deutschen Eroberungswillen, der schon vor Hitler, unter Hindenburg und seinem Spiritus rector Ludendorff, von Archangelsk bis Baku ausgriff.
Nur waren Slawen keine Indianer, die einfach zu permanenten Nicht-Christen erklärt und demgemäß ausgerottet werden durften. Zwischen 1763 und 1871 war das seltsame Rußland, dessen Name sich aus der germanischen Stammesbezeichnung für die Bewohner des Kiewer Reiches herleitet, in der Mitte Europas sogar bestimmender als die deutsche Staatenwelt.
Erst das Bismarck-Reich verschob die Gewichte und begnügte sich nach dem Tod seines Gründers damit nicht. Hitler, gestützt auf das deutsche Potential, war das letzte Glied in dieser Kette. Man kann nur spekulieren, ob er Lenins und Stalins Staat auch dann "angefallen" hätte (dies eines seiner Lieblingswörter), wenn seine pathologische Wut auf die Juden nicht mit der Volk-ohne-Raum-Idiotie in eins geflossen wäre.
Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, lebten in Rußland (das Baltikum, Finnland und Ostpolen inbegriffen) 1,8 Millionen Deutsche oder Deutschstämmige, im Kaiserreich von Wilhelm II. 138 000 Russen. Bei den Deutschen in Rußland muß man strikt zwischen den sogenannten Kolonisten und denjenigen unterscheiden, die seit 1900 auf ein neues Kolonialreich im Osten erpicht waren, obwohl der Unterschied, wie sich zeigen läßt, manchmal verschwimmt.
Kolonisten wurden schon vor Zar Peter dem Großen (1672 bis 1725) gebraucht und ins Land gerufen. Sein Vorgänger Iwan IV., der Gestrenge (1530 bis 1584), bei uns als der "Schreckliche" bekannt, der erste Zar von Rußland, hatte in der Tat wie ein Vorläufer Stalins gewütet.
Seine größte außenpolitische Tat - die Eroberung des immer noch tatarisch geprägten Kasan im Jahre 1552 - wäre vermutlich ohne die von ihm angeworbenen deutschen Mineure (Pioniere) nicht gelungen.
Er vertraute den Deutschen anfangs, ging aber später rigoros gegen sie vor. Sein selbsternannter Nachfolger, der durch den Komponisten Modest Mussorgski bekannte Boris Godunow, war deutschfreundlich und leistete sich sechs hochbezahlte deutsche Ärzte. Zu seinem niemals mehr aufzuklärenden Tod könnte das beigetragen haben.
Die Dynastie der Romanows, 1613 nach entsetzlichen Wirren von einer Landesversammlung auf den Zarenthron gewählt, war im ganzen ausländer- und auch deutschfreundlich. Die Romanows stammten vielleicht aus Litauen, vielleicht aber auch "aus den Preußen".
Die Russen, so Adam Olearius, Dolmetscher einer deutschen Gesandtschaft nach Rußland um die Mitte des 17. Jahrhunderts, könnten "wol nachaffen". Daher vermutlich das russische Sprichwort, die Deutschen hätten "den Affen erfunden". Da die Russen, wie Olearius uns glauben machen will, bekanntlich nicht tränken, "musten die nassen Brüder über dem Wasser alleine wohnen". Eine schöne Erklärung.
Die eigentliche Zeit der Deutschen begann mit Zar Peter dem Großen. Eine Fußstunde nordöstlich von Moskau gab es eine den Ausländern vorbehaltene Vorstadt ("Sloboda"), die meist die deutsche genannt wurde. Dort waren nach Zahl und Bedeutung die Deutschen am stärksten vertreten. Ohne viel Federlesens rechnete man ihnen auch Schotten, Dänen und sonstige protestantische Einwohner zu. Dort hielt der noch nicht mündige Peter sich am liebsten auf, wenn er nicht vor seiner gewalttätigen älteren Halbschwester Sofja in das Troizki-Kloster in Sagorsk flüchten mußte. In der Sloboda liebte er die Deutsche Anna Mons, deren Erzählungen er sich gern anhörte.
Peter wollte mit dem moskowitischen Zarentum nichts mehr zu tun haben, er wollte ein modernes Reich schaffen. Dazu brauchte er neben hochqualifizierten Schotten, Holländern und Schweizern vor allem die Deutschen. Ihr Einfluß im petrinischen Rußland war niemals ernsthaft in Frage gestellt.
In den August-Tagen des Jahres 1689 beorderte Peter den Obersten Zickler mit zwei Regimentern der Leibgarde ("Strelitzen") nach Sagorsk und zog ihn auf seine Seite. Sofja wurde in das Neue Jungfrauenkloster verbannt. Der 17jährige Machtmensch Peter hatte es aber noch mit der orthodoxen Kirche und ihrem Patriarchen Joakim zu tun, der ihn vor dem Umgang mit "Lateinern, Lutheranern, Calvinisten" eindringlich warnte. Sein Glück wollte es, daß der betagte Joakim schon bald eines natürlichen Todes starb.
Zar Peter hatte zwei beträchtlich ältere Freunde, den Schotten Patrick Gordon und den Schweizer Francois Lefort, beide Militärs, die ihn mit den Annehmlichkeiten und Gebräuchen der deutschen Vorstadt vertraut machten. Ging es um die häufigen Streitigkeiten zwischen Deutschen und Russen, so scheint er seinen noch nicht so arg zivilisierten Russen gegenüber nicht immer gerecht gewesen zu sein. Hatten sie keine Gabeln, so sagte er wohl: "Hunde sind es, nicht meine Bojaren!" Dabei war er, der selbst folterte und gelegentlich schon mal einen Kopf abschlug, ja auch noch ein halber Barbar.
Jahrzehnte vor der bekannten Maxime Friedrichs II., der zufolge "jeder nach seiner Facon selig" werden möge, erließ Peter folgendes Edikt: _____" Und wie bereits in unserer Residenz Moskau das freie " _____" exercitium religionis für alle anderen, obwohl mit " _____" unserer Kirche nicht übereinstimmenden Sekten eingeführt " _____" ist, so soll solches auch hiermit von neuem bestätigt " _____" sein, dergestalt, daß wir bei der uns von dem " _____" Allerhöchsten verliehenen Gewalt uns keines Zwanges über " _____" das Gewissen der Menschen anmaßen und gerne zulassen, daß " _____" ein jeder Christ auf seine eigene Verantwortung sich die " _____" Sorge seiner Seligkeit lasse angelegen sein. "
Peters oberstes Ziel war die Modernisierung der Armee. Die berühmte Bildungsreise nach Riga und London, vor allem aber nach Amsterdam, die er 1697/98 unternahm, diente in erster Linie der Befriedigung seiner praktischen Neugier. Insbesondere der Schiffbau hatte es ihm angetan. Außerdem brachte er viele holländische Wörter mit nach Hause. So hieß die an der Newa entstehende neue Hauptstadt seines Reiches "Piterburch". Heute noch gehen, wenn man Solschenizyn glauben darf, die Bewohner der Umgebung nach "Piter".
Die Festung "Kronschlot" stand neben der "Kronstadt". Die wohlhabenden Ausländer lebten auch hier wieder in der "Nemezkaja Sloboda", der deutschen Vorstadt. Es hat also den Anschein, als hätten die Deutschen aus "Piterburch" St. Petersburg gemacht.
War der Zar in seinem Wissensdurst nicht zu stoppen, so mußte er doch auf seine Nachbarn achten. Karl XII. von Schweden, mit dem Kosakenhetman Masepa verbündet, wurde, eben 27 Jahre alt, 1709 bei Poltawa geschlagen. Als "Hanswurst im Furchtbaren" stand er Preußens Friedrich als abschreckendes Beispiel vor Augen. Schweden, noch Garantiemacht des Westfälischen Friedens von 1648, schied aus dem Konzert der Großmächte aus.
Peter konnte sich mit seiner neuen Hauptstadt nicht begnügen. Er mußte - wie später Stalin - über die baltischen Staaten mit ihren stark deutsch besiedelten Städten und ihrem wohlorganisierten, leistungsfähigen deutschen Bürgertum verfügen. Die Hälfte der im estnischen Dorpat ansässigen Handwerker und zahlreiche Kaufleute wurden umgesiedelt, viele nach Moskau oder ins Innere Rußlands bis hin nach Kasan.
Die "deutschen" Ostseeprovinzen gehörten nun zum Zarenreich. Obwohl Peter seinen engsten Kumpanen Pfründen zuschanzte, war der eigentliche Gouverneur der neuen Gebiete ein livländischer Freiherr von Löwenwolde, der dem Zaren direkt unterstellt war. Die Deutsch-Balten wurden zu einem Grundpfeiler der Zarenherrschaft, obwohl ihre latente Rach- und Eroberungssucht schon im Ersten Weltkrieg wieder hervortrat. Ihr politisches und soziales Selbstbewußtsein erhielt sich bis 1940.
Peter, bei seinem Lebensstil, konnte nicht sehr alt werden. Er hinterließ ein Stückwerk. Schon seine Nachfolge war nicht geregelt. Fürst Menschikow, der ihm nächste Favorit, verhalf seiner Geliebten Jekaterina Alexejewna, die er dem Zaren als Ehefrau zugeführt hatte, auf den Thron - ein in der damaligen Staatenwelt unerhörter Vorgang. Sie war die Tochter eines litauischen Bauern, die als Halbwaise im Hause des deutschen Pastors Ernst Glück aufgewachsen war.
Es hätte nun wenig Sinn, den Lauf der russischen Geschichte zu verfolgen. Genug, auf dem russischen Zarenthron überwog künftig das sogenannte deutsche das sogenannte russische Blut. Auch Lenin war allenfalls ein halber Russe. Er hatte eine tatarische und eine deutsche Großmutter, allerdings einen Tatarenschädel.
Die Zarin Elisabeth, extrem faul und genußsüchtig, war die jüngere Tochter Peters des Großen aus seiner ersten Ehe. Vor ihrer Zeit konnte sich die Clique um die deutschen Ratgeber der Zarin Anna, Biron, Ostermann und Münnich, nur deswegen nicht voll entfalten, weil sie dem Irrtum erlag, Uneinigkeit mache stark. Die "Bironowschtschina" hinterließ, wenn man der Historikerin Ingeborg Fleischhauer glauben darf, unauslöschliche Spuren im russischen Volksbewußtsein*.
War Peter der Große nach Ansicht der gesamten Popenschaft noch der "Antichrist" in Person gewesen, so billigten ebendiese Popen 1742 die morganatische Ehe ihrer Herrscherin Elisabeth mit dem kleinrussischen Kosakensohn Alexej Rasumowski, war es ihnen dadurch doch möglich, den Einfluß der Deutschen am ehesten zurückzudrängen. Die Deutschen galten nun als Verderber des wahren russischen Lebens und Glaubens. Die Popen verhängten 1743 sogar ein Einfuhrverbot für ausländische Bücher.
Im Krieg gegen Friedrich den Großen mußte sich der siegreiche russische Feldmarschall Stepan Apraksin 1757 des Verdachts erwehren, dem Preußenkönig gefällig zu sein. Der Sachse _(* Ich verdanke Ingeborg Fleischhauers ) _(Buch "Die Deutschen im Zarenreich" viele ) _(Anregungen; es ist 1986 in der Deutschen ) _(Verlags-Anstalt erschienen. ) Gottlieb Heinrich Graf Totleben, 1760 Eroberer von Berlin, ließ sich in der Tat auf ein Techtelmechtel mit dem Feind ein.
Er wurde von einem russischen Kriegsgericht zum Tode verurteilt, sieben Jahre später aber begnadigt und von der neuen Zarin Katharina II. in allen Ehren wiederaufgenommen. Deren Gatte war vermutlich von einem ihrer Liebhaber ermordet worden, vermutlich wohl, weil er verrückt, nicht, weil er zu preußisch gesinnt war. Kurz: Er stand seiner deutschen Gattin Katharina im Wege.
Sie war es nun wiederum, die gerade ihre deutschen Landsleute verdächtigte und empfahl, sie von den Angelegenheiten des russischen Reiches fernzuhalten. Ob sie eine bedeutende Herrscherin war, diese Frage können wir den Historikern überlassen. Ganz gewiß war sie ein Mensch, der sich für viele Dinge interessierte, wenn auch nicht mit letzter, manchmal ganz ohne Konsequenz.
Die damals in nicht-katholischen Staaten übliche "Peuplierung", also die Besiedlung von Neuland, hat sie mit großem Eifer gefördert. Es kamen viele Deutsche ins Land, mit unterschiedlichsten Ergebnissen. Auch Katholiken durften kommen.
Ein deutscher Staatsrat im russischen Landwirtschaftsministerium sehr viel später: "Da waren ruinierte Offiziere, Künstler, Studenten und sogar dem Arm der Gerichte entschlüpfte Sträflinge; am wenigsten verlässige Landwirte darunter." Auch dieses sicher kein eindeutiges Bild, aber die Habsucht der lokalen Behörden bewirkte, daß allein die Ansiedlung deutscher Kolonisten am Unterlauf der Wolga die Krone auf zwei Millionen Rubel zu stehen kam.
Am zuverlässigsten waren die Mennonitenfamilien, die aber als schwerfällig verschrien waren, weil sie den Kriegsdienst strikt ablehnten. Daß die Kaiserin durch ihr liederliches Leben die Befreiung der Bauern von der Leibeigenschaft nicht erleichtert, sondern noch weniger gefördert hat als Peter der Große, ist nicht mehr umstritten. Man mußte ja wohl ein schlechter Liebhaber gewesen sein, wenn man von Ihrer Majestät weniger als 100 000 Leibeigene geschenkt bekam. "Tout est permis a Catherine", schrieb der französische Aufklärer Denis Diderot.
Es scheint aber wohl doch so, daß die Deutschen insgesamt ihren russischen Part gut gespielt haben. Gegen den Usurpator Napoleon waren sie in russischen Diensten ausgesprochene Kriegstreiber, zumindest, sofern sie sich als Preußen verstanden. Der Kriegsplan der Armee Zar Alexanders I. gegen Napoleon stammte von einem Mann, der in der russischen Gesellschaft als Deutscher galt, weil seine Vorfahren sich nach Riga geflüchtet und in eine deutsch-baltische Familie eingeheiratet hatten: Barclay de Tolly. Sein Großvater war noch Kaufmann und Ratsherr in Riga gewesen.
Barclays durchdachter und verwegener Plan wurde aber von der russischen Öffentlichkeit, als der Krieg erst einmal im Gange war, nicht mehr goutiert. Ein Volksgeneral mußte her, der unbewegliche Michail Kutusow. Barclay überzeugte ihn und die Generäle davon, daß man Moskau notfalls aufgeben müsse. Da dieser rücksichtslos richtige Plan gelang, wurde Barclay Feldmarschall und Fürst.
Alexander Samojlowitsch Figner (1787 bis 1813) erwies sich im "Kleinkrieg" als ein erfolgreicherer Partisanenführer als Lützow, ertrank aber bei der Überquerung der Elbe in der Nähe seiner Geburtsstadt Dessau.
Der Deutsche August von Kotzebue, den der Student Karl Ludwig Sand 1819 ermordete, war zweimal nach Sibirien verbannt gewesen, als man den später ermordeten Zaren Paul I., dessen Vater auch schon ermordet worden war, mit einem Kotzebue-Stück vertraut machte. Es führte den schönen Titel: "Der alte Leibkutscher Peters III.".
Zar Paul entschied, der Autor dieses Stückes könne kein schlechter Mensch sein. Kotzebue wurde aus der Verbannung zurückgeholt und zum Theaterdirektor in St. Petersburg bestellt. Daß er ein Verfechter reaktionärer Ideen und besonders jener der nach den Napoleonischen Kriegen zwischen Österreich, Rußland und Preußen 1815 geschlossenen Heiligen Allianz war, kann nicht bestritten werden. Aber ein "Deutschenkind" war er doch.
Der Zwiespalt in der russischen Seele offenbart sich in Gontscharows großartigem Roman "Oblomow", erschienen 1859. Der Titelheld verbringt sein Leben vornehmlich im Bett. Sein Widerpart, der tatkräftige deutsche Kaufmann Stolz, ist sich nicht zu schade, sich die Schuhsohlen abzulaufen, wenn er seine Brötchen irgendwo um eine Kopeke billiger erstehen kann.
Gontscharow, der 1852 eine Weltreise unternahm, scheint allerdings mehr Sympathien für den phlegmatischen Oblomow als für den (allzu) tüchtigen Stolz gehabt zu haben.
Im Krimkrieg (1854 bis 1856), in dem der Interessenkonflikt zwischen dem Zarenreich und der Türkei aufbrach und England wie Frankreich der Pforte beisprangen, rettete der deutsche Pionier-General Totleben bei der Verteidigung der Festung Sewastopol Rußlands Ehre. (Seiner Fürsprache verdankte Dostojewski die Befreiung aus den Kerkern Sibiriens.)
Überhaupt findet man während des ganzen 19. Jahrhunderts in hohen und höchsten Stellungen Rußlands Deutsche. Häufig mußten sie ihren Namen auf abenteuerliche Weise ändern. Deutsche haben dem russischen Reich mehr reaktionär als liberal gedient, es gab aber beides.
Der Außenminister Nikolai Karlowitsch von Giers (1820 bis 1895) konnte nicht verhindern, daß die Beziehungen zwischen dem Bismarck-Reich und Rußland ruiniert wurden. Er entstammte einer deutsch-wolhynischen Familie, war und blieb Lutheraner, war und blieb ein erklärter Freund Deutschlands. In seinem Sinne wirkte ab 1901 der Außenminister Wladimir Lamsdorff, ein Enkel des 1817 in den Grafenstand erhobenen Erziehers des damaligen Großfürsten und späteren Zaren Nikolaus I. (der FDP-Vorsitzende Otto Graf Lambsdorff ist ein Großneffe von ihm).
Der Zug in Richtung auf einen großen Krieg war freilich schon abgefahren. Der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck hatte auf dem von ihm arrangierten Berliner Kongreß 1878 kaum mehr als eine repräsentative Rolle gespielt. Der eigentliche Drahtzieher war nämlich Englands Premier Benjamin Disraeli gewesen, der Wien und St. Petersburg vorher hatte wissen lassen, wie weit England gehen würde.
Bismarck, der zwischen England und Rußland wählen mußte und England bevorzugt hatte, schickte seinen Botschafter von Schweinitz im November 1879 mit der Direktive an den russischen Kaiserhof zurück: "Also, kühl bis ans Herz hinan!" Als der Botschafter die Frage stellte: "Auch gegen den Kaiser?", antwortete Bismarck: "Auch gegen den Kaiser!"
Es scheint nicht so, als hätte Bismarck seine Rußland-Politik seitdem wieder in den Griff bekommen. Soziale und wirtschaftliche Gegensätze, so dachte er, dürften auf die Beziehungen zwischen Großmächten keinen Einfluß haben. Sie hatten es aber.
Meinte Bismarck schon während der Orient-Krise 1877/78 mit Bedauern, dies sei nicht mehr die "Staatenpolitik", sondern _(* Auf dem Dreikaisertreffen mit dem ) _(russischen Außenminister Giers und dem ) _(Wiener Außenminister Kalnoky. ) die "Preßpolitik", so tat er doch nichts, um dem entgegenzuwirken. Er bezeigte den hochmütigen Deutsch-Balten sein fortdauerndes Desinteresse. Aber 30 000 russische Untertanen, Polen und Juden, ließ er aus Deutschland ausweisen, was der russische Außenminister Giers und der deutsche Botschafter Schweinitz für eine "unkluge und nutzlos grausame" Maßnahme hielten.
Im März 1887 (Schweinitz: "Es hängt Gewicht sich an Gewicht") beschränkte die russische Regierung den Grundbesitz für Ausländer in den Westprovinzen, allerdings mit mehr Ausnahmen als Regeln. Die Berliner Kreuzzeitung, von Deutsch-Balten subventioniert, schäumte gegen die "Russifizierung" der russischen Westprovinzen.
Es gab eine allgemeine Kolonialdebatte währen der achtziger und neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Rußland wie auch in Deutschland. Die Alldeutschen und die Kolonialpolitiker blickten auch auf die "deutschen Bauernstaaten auf russischer Steppe". Ingeborg Fleischhauer: _____" Nun trat ein, was die Väter der russischen " _____" Siedlergesetzgebung des Jahres 1871 zu verhindern " _____" suchten: Der Begriff der deutschen "Kolonien" und " _____" "Kolonisten" auf russischem Boden wurde zum Zankapfel " _____" reichsdeutscher und russischer Nationalisten. Beide " _____" Seiten beanspruchten diese "Kolonien" als ihren " _____" nationalen historischen Besitz und divergierten scharf in " _____" der Ansicht, wo die Metropole dieser "Kolonien" liege, in " _____" St. Petersburg oder in Berlin! "
Ingeborg Fleischhauer spricht noch von der "intransigenten Nichteinmischungspolitik" Bismarcks gegenüber Rußland. Nun, er hätte sich zwar einmischen sollen, er konnte aber nicht mehr. Er konnte nur noch seine Militärs zurückhalten.
Begonnen hatte diese Debatte die deutsche Seite. Und sie war nicht kleinlich. Die Alldeutschen wollten die "deutschen Bauernstaaten" benutzen, um nach Innerasien und Indien zu expandieren, unter Einschluß von Persien und Afghanistan.
So darf es denn nicht wundernehmen, daß in der nationalistischen Presse Rußlands mit Abwehr pariert wurde. Die deutsche Kolonisation in Südrußland, die deutsche Reichspolitik der Schutzzölle machte nicht nur den Nationalisten zu schaffen, sondern der Regierung des Zaren selbst.
Hatte Bismarck noch den damals schon abenteuerlichen Gedanken gehabt, man wolle die Minderheiten wechselseitig austauschen, so hatte sich das Blatt nach seinem Rausschmiß 1890 gewendet. Rußland mußte wählen, und es wählte Frankreich. 1891 entblößte der Zar aller Reußen Alexander III. vor der Trikolore in Kronstadt das Haupt.
Was blieb, war der große Krieg, der beide Monarchien zu Fall brachte. Fortan konnte ein Deutscher mit Namen Stürmer wegen seines Namens nicht einmal mehr Minister werden respektive bleiben, obwohl er sich bei dem Minister-Macher Rasputin eingeschmeichelt hatte.
Was weiter blieb, war das Schicksal der Wolgadeutschen Republik, deren Bewohner nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 in alle Winde zerstreut wurden. o
* Ich verdanke Ingeborg Fleischhauers Buch "Die Deutschen im Zarenreich" viele Anregungen; es ist 1986 in der Deutschen Verlags-Anstalt erschienen. * Auf dem Dreikaisertreffen mit dem russischen Außenminister Giers und dem Wiener Außenminister Kalnoky.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 43/1991
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