21.10.1991

OperHochamt am Imbißstand

Spitzengagen auf der Beletage, Demontage an der Basis - in Ost-Berlins Deutscher Staatsoper herrscht Disharmonie.
Unter den Linden laufen die Proben für die neue Ära: Man trägt wieder Haute Culture. Und als repräsentative Wechselstube für die Wende von DDR-Ton zu EG-Sound dient den Berlinern die legendäre Deutsche Staatsoper im Ostteil der Stadt.
Dort, wo bis Kriegsende hochrangiges Musiktheater und dann unter SED-Regie vor allem volkseigene Sangeskunst verbreitet wurde, soll wieder Oper von Welt gespielt werden, am liebsten Scala plus Met.
Den Floh mit dem Wolkenkuckucksheim voller Stars hat den Hauptstädtern ein von dem sonst eher sachdienlichen Bühneninspizienten Ivan Nagel geleitetes Gutachter-Quartett ins Ohr gesetzt. In seinen "Überlegungen zur Situation der Berliner Theater" nach dem Mauerfall, einem Auftragswerk des Senats, stellte das Team reichlich unüberlegt eine Hitliste der örtlichen Singstätten auf.
Danach ist "der besondere Anspruch der Staatsoper berechtigt, an den großen Opernhäusern von Mailand bis New York gemessen zu werden". Landesweit sei die "Vergleichbarkeit mit München und Hamburg" gegeben, stadtintern gebühre dem Altbau sogar "die höchste Bezuschussung". Gleich starteten Berlins Kulturbürokraten zum Shopping.
Ohne falsche Scheu vor größeren Geldausgaben erstand Kultursenator Ulrich Roloff-Momin, 52, einen Darling der Dirigierszene als Galionsfigur für die Lindenoper: Der Pianist, Dirigent und rastlose Plattenbespieler Daniel Barenboim, 48, zeigte sich geneigt, das Hochamt der künstlerischen Leitung ab Herbst 1992 zu bekleiden.
Bis auf ein sagenhaftes Fiasko in Paris hat der Umbuhlte allerdings noch kein Opernhaus geführt. Damals, vor drei Jahren, sollte er gegen eine Apanage von jährlich zwei Millionen Mark die neue Bastille-Oper zu einem Musterhaus der Musikpflege hochziehen.
Doch über den Blütenträumen der Grande Nation kam es am Hof von Francois Mitterrand zu Mißstimmungen. Barenboim fühlte sich durch Personalentscheidungen ausgetrickst und schied mit einem Schmerzensgeld in achtstelliger Franc-Höhe - ohne auch nur ein einziges Mal den Taktstock erhoben zu haben.
Als die Berliner jetzt um seine Hand anhielten, ließ der Maestro im Preis auch gleich etwas nach: Bei vier Monaten Anwesenheitspflicht vor Ort verlangte er nur noch 250 000 Mark Jahreslohn; das Dirigat von jährlich 30 Opernvorstellungen stellte er zum Stückpreis von 24 000 Mark in Rechnung.
Bei immerhin acht Monaten Absenz pro Jahr ist Barenboim mit der Aufsicht über sein neues Opernhaus naturgemäß überfordert. Also sorgte Roloff-Momin auch noch für genehme Adjutanten:
An der - eigentlich konkurrierenden - Komischen Oper signalisierte Chefregisseur Harry Kupfer, dem sich Barenboim spätestens seit dem gemeinsamen Bayreuther Wagner-"Ring" sehr verbunden weiß, daß er sich in der Lindenoper gern "ein bißchen beratend betätigen" und mit dem Freund auch jedes Jahr eine Oper einstudieren wolle. Für diesen Freundschaftsdienst, so heißt es, wolle der Hilfreiche nicht einmal 200 000 Mark im Jahr.
Für allgemeine Verblüffung aber sorgte der Kultursenator mit der Besetzung des Intendanten-Postens: Georg Quander, 40, ein Greenhorn aus Düsseldorf, schwang sich con brio auf den Chefsessel und ernannte sich dort zum "Intendanten im klassischen Sinne".
Quander, jubelte der findige Roloff-Momin, sei schon deshalb Klasse, weil er nicht zum "Opernklüngel" zähle. Das stimmt: Der Novize gehört bislang überhaupt nicht zur Oper. Sein "fester beruflicher Strang" (Quander) führte ihn über die Musikabteilung des Sender Freies Berlin auf den entsprechenden Chefposten beim RIAS Berlin.
Dennoch will sich der Rundfunker auch im Operngekröse auskennen. So sei er immerhin mal ein "kleiner Hospitant" beim Groß-Regisseur Walter Felsenstein gewesen, er habe sich überhaupt so seine "dramaturgischen Gedanken gemacht" und werde, wenn gewünscht, "auch gern inszenieren": Quander ist laut Quander "nur mit Rolf Liebermann vergleichbar".
Die Berufung des Berufenen, diese "Mischung aus traumhafter Unwirklichkeit und beängstigend Schicksalhaftem" (Quander), hat denn auch ihren Preis: 250 000 Mark Jahressalär und 12 000 Mark Aufwandsentschädigung.
Damit sich Nobody Quander zwischen den Kunstköpfen Kupfer und Barenboim nicht übernimmt, gehen ihm erfahrene Hiwis zur Hand. Für 230 000 Mark ist aus Bremen der pensionsreife Verwaltungsdirektor Erich Dünnwald, 62, an die Lindenoper verzogen, für 180 000 Mark aus Wien der Betriebsdirektor Hans Dieter Roser unterwegs.
Bei soviel Großzügigkeit auf der Beletage reicht es in dem Singpalast der verstorbenen Republik hinten und vorn nicht mehr. Ein Minus von 1,6 Millionen ist bereits ausgewiesen. Für nächstes Jahr rechnet Quander eine Entwicklungshilfe von 85 Millionen hoch. "Danach" brauche er "gut und gerne 110 Millionen".
Da heißt es sparen. Wohl deshalb hat Quander auch die Entsorgung des Ensembles forciert. Entgegen seiner Zusage, die Belegschaft der Staatsoper mit ihren 50 festangestellten Solisten nicht überstürzt auszudünnen, und entgegen dem wolkigen Versprechen Roloff-Momins, "keine Eindämmung und keine Zurückstutzung oder sogar eine Entlassung" zu gestatten, wurden singende Altlasten mittels Formblatt zu einem Anhörungsverfahren getrommelt, wo sie sich in 20 Minuten weniger angehört als abgekanzelt fühlten.
"Wir werden abserviert wie überreife Früchte", empört sich der Weltklasse-Bariton Siegfried Lorenz, 46, der seit 1977 an der Staatsoper singt - für 5200 Mark brutto im Monat. Lorenz, der im Januar Wagners "Tannhäuser"-Wolfram an der Wiener Staatsoper übernehmen wird und auch andernorts leicht eine Abendgage in Höhe eines doppelten Monatslohns kassiert, muß sein Stammhaus verlassen. Der Rausschmiß verbittert: "Die Staatsoper ist kein Imbißstand, den man so einfach verscherbelt."
Nicht verlängert wurde auch der Vertrag mit der Sopranistin Eva-Maria Bundschuh, die pikanterweise im Bayreuther "Ring" von Kupfer und Barenboim die Gutrune singt. Mit dem Ende der Spielzeit müssen insgesamt neun Solisten gehen, sechs weiteren droht demnächst das Aus. "In der Lindenoper", sorgte sich die Berliner Morgenpost, "geht die Angst um."
Der forsche Intendant hält das für Panikmache. Schon sechs Wochen nach Amtsantritt kennt er "alle die _(* "Die Hochzeit des Figaro". ) Leutchen in der Oper" (1200 Bedienstete) und weiß ihr Können zu zensieren: "Ich maße mir da durchaus ein Urteil an."
Vor allem hat der Kunstrichter durchschaut, daß die Solisten an der Basis nur dem Schlaraffenland DDR nachjammern: "Die hatten da doch alle Privilegien wie an keinem anderen Ort der Welt." Im übrigen sei er nicht schuld an den Folgen der Zeitenwende: "Ich habe die DDR nicht aufgelöst."
Die zynischen Allüren seines Kollegen haben selbst dem sonst so wortgewaltigen Generalintendanten Götz Friedrich von der Deutschen Oper im Westen Berlins zunächst die Sprache verschlagen.
Was Friedrich nun allerdings lautstark verlangt, ist "Gleichberechtigung zwischen den drei Opern", und was er befürchtet, ist "Großmannssucht" bei den Neuen, "die zu Lasten aller geht". Das heißt wohl: Wenn der Senat ihm, wie jetzt, einen Etatposten sperrt und er sich im November womöglich zu Kurzarbeit gezwungen sieht, dann sollen die Kollegen Unter den Linden nicht aasen dürfen.
Spätestens im nächsten Herbst könnte der Berliner Opernkrieg offen ausbrechen. Dann feiert die Staatsoper ihren 250. Geburtstag, Barenboim ist im Amt, Quander vielleicht als Regisseur tätig, das Ensemble entsorgt, der Etat vollfett, und aus dem Überfluß taucht Schirmherr Richard von Weizsäcker auf und macht mit dem Ganzen Staat. Die Oper selbst wird da zur Oper. o
* "Die Hochzeit des Figaro".

DER SPIEGEL 43/1991
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