23.09.1991

StasiEin Kunde unter vielen

Modeschöpfer Joop hatte etliche Berührungspunkte mit der DDR-Staatssicherheit.
Was hätte ich schon liefern können - höchstens, daß der Kohl unmögliche Klamotten trägt." Der Hamburger Modeschöpfer Wolfgang Joop, 46, dementierte gereizt, als Anfang September das Berliner Boulevardblatt Super "Modekönig Joop - Schalcks schönster Spion?" titelte und den Duftwassercreateur (JOOP!) mit üblem Stasi-Geruch überzog.
Der lange Schatten des Mielke-Unternehmens hatte sich plötzlich auf den Strahlemann gelegt. In den einschlägigen Branchen und Gesellschaften keimte der Klatsch: Sollte die Neugier des eitlen Alleskönners mit den Jahren zum schnöden Schnüfflertum mutiert sein?
Joop: "Wen Gott bestrafen will, dem gibt er viele Talente."
Aber hatte nicht, so munkelte der Hofstaat des Modekönigs, der Narziß ständig mit seinen Ostkontakten geprahlt?
Joop wäre nicht Joop, würde er solche Dinge auf sich beruhen lassen. Das erfolgsverwöhnte Schneiderlein stichelte tapfer zurück. Die Berichte über seine angeblich dunklen Ostgeschäfte, ließ der Lifestyle-Cutter aus seinem zeitweiligen New Yorker Exil über Bild verlautbaren, stammten von Stasi-Leuten, die sich als Journalisten tarnten.
Joop: "Die platzen vor Neid und versuchen, Geld aus der Sache zu machen."
Im Berliner Staatsschutz brach beim Super-Lesen Hektik aus, weil dort eine Quelle als undicht galt. Beamte der polizeilichen Innenrevision erschienen im Büro von Staatsschutz-Ermittler Henkel und beschlagnahmten die Akte Joop.
Die, soviel ist klar, wurde am 25. Januar 1991 angelegt. An diesem Tag hatte Generalbundesanwalt Alexander von Stahl in Karlsruhe unter dem Aktenzeichen 3 BJS 28/91-2 ein Ermittlungsverfahren gegen Joop sowie gegen seinen Mitarbeiter und Lebensgefährten Edwin Lemberg wegen Verdachts geheimdienstlicher Agententätigkeit eingeleitet.
Sechs Monate später ging das Verfahren ohne abschließende Bewertung des Tatverdachts als "Fall minderer Bedeutung", so von Stahls Sprecher Hans-Jürgen Förster, an die Staatsanwaltschaft beim Berliner Kammergericht.
Die Vorwürfe stützen sich hauptsächlich auf die Aussage des ehemaligen Stasi-Majors Dietmar Fubel, Mitarbeiter im Referat 1 der Arbeitsgruppe XV (Hauptverwaltung Aufklärung/HVA) in Potsdam. Fubel habe unter dem Decknamen Arndt den Modemacher mehrmals angelaufen und sich dabei als Kunstexperte und Mitarbeiter der Schalck Firma Kunst und Antiquitäten GmbH (KuA) ausgegeben.
Arndts Order: vorsichtiger Aufbau von Kontakten zu dem Künstler. Sein Vorwand: Er brauche Hilfe bei der Suche nach dem legendären barocken Bernsteinzimmer, das von deutschen Truppen im Krieg aus Leningrad nach Königsberg verschleppt wurde und in den letzten Kriegsmonaten verlorenging. Mit der Fahndung nach diesem Schatz hatte sich die Stasi schon seit langem beschäftigt.
Nach den bisherigen Erkenntnissen des Staatsschutzes hat Joop nie erfahren, daß Arndt Stasi-Agent war. Es sei auch nie zu einer direkten Zusammenarbeit gekommen. Berliner Staatsanwaltschaft und Staatsschutz bemühen sich sichtlich um Schadensbegrenzung im Fall Joop: Bei solchen Hinweisen werde ganz automatisch ermittelt.
Ungewiß bleibt indes, ob Ex-Major Fubel überhaupt die belastenden Hinweise auf eine mögliche Stasi-Verstrickung Joops geliefert haben kann. Als die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe im Januar das Verfahren gegen Joop und andere eröffnete, war der Potsdamer Stasi-Mann noch nicht einmal vernommen worden. Auch die Berliner Staatsschützer ließen sich Zeit. Erst sechs Wochen nach Übernahme des Falles aus Karlsruhe tauchten sie bei Arndt in Potsdam auf, um ihn über Joop auszufragen.
Wilde Spekulationen, gezielte Rufmordkampagne - oder mehr?
Die "DDR-Vergangenheit" des gebürtigen Potsdamers Joop kennt viele Geschichten und Namen. Bereits 1954 siedelte seine Familie nach Braunschweig über. Joop selbst kehrte immer wieder in seinen Heimatort zurück: "Meine Wurzeln sind in Potsdam geblieben."
Auf dem weitläufigen Grundstück seiner Tante Ulla Ebert fand der überzeugte Preuße jene Besinnung, die er in Hamburg vermißte, und jene Privatheit, die ihm damals im Westen nicht möglich schien.
Inwieweit die Stasi schon damals ihre schützende Hand auf den Kreativen aus dem Westen gelegt hat, ist ungeklärt. Daß sie auf dem Ebertschen Hof präsent war, steht aber fest.
Joops geschäftstüchtige Tante Ulla hatte ihre große Scheune an den VEB Antikhandel Pirna verpachtet. Was da unter unverdächtigem Namen firmierte, war nichts anderes als der Partner von Schalck-Golodkowskis dubioser Unternehmung Kunst und Antiquitäten GmbH.
In Ullas Scheune lagerten hinter gut verriegelten Toren jene Kleinodien, die skrupellose Aufkäufer und Steuerfahnder mit Hilfe der Stasi von eingeschüchterten DDR-Bürgern beschafft hatten. An der Plünderung des kulturellen Erbes verdiente Joops Tante kräftig mit.
Ob oder in welchem Ausmaß Neffe Wolfgang und seine damalige Frau Karin schon damals von diesen dubiosen Antiquitätengeschäften profitierten, bleibt im dunkeln. Jedenfalls wurzeln hier Joops spätere Geschäftsbeziehungen zu Schalcks KuA.
Zunächst aber kamen die DDR-Geschäfte der beiden Joops auf anderem Wege voran. Ende der siebziger Jahre lernten die beiden bei Fototerminen in Monaco Vertreter der Firma Salzmann kennen, die zu DDR-Zeiten die Generalvertretung für das ostdeutsche Außenhandelsunternehmen Textilcommerz auf dem westdeutschen Markt übernommen hatte.
Die Firma Salzmann bot dem aufstrebenden Designer einen Beratervertrag für die künstlerisch zurückgebliebenen Kleiderhändler aus dem Osten an und verschaffte dem reiselustigen Paar über Textilcommerz ein Dienstvisum für die DDR. So fiel die Mauer für die Joops bereits Ende der Siebziger.
Jahre später kam es zum Eklat. Als Joop versuchte, wertvolle Seidentapeten aus dem kulturellen Erbe der DDR, vermutlich aus Friedrich des Zweiten Sanssouci, über Textilcommerz in den Westen zu verschieben, flog die Sache beim Zoll auf. Die Firma Salzmann trennte sich von ihrem Berater.
Inzwischen hatte der Liebhaber und Sammler von Potsdamer Barock und Rokoko enge Beziehungen zu Gleichgesinnten geknüpft. Längst gingen die Joops beim illustren Kreis Potsdamer Antiquitätensammler und -händler ein und aus. Und die Stasi war mit ihren Zuträgern immer dabei.
Was die erschnüffelten, nennt die von Joop geschiedene Ehefrau Karin "üble Verleumdungen": "Da wollen sich irgendwelche Leute an uns rächen."
Etwa der Rechtsanwalt Michael Hunte*, ehemaliger Stasi-Offizier in der Bezirksverwaltung Potsdam? Hunte erklärte an Eides statt, daß Joop 1982 seine Frau Karin und ihren damaligen Freund, einen Arzt aus Potsdam, bei der Stasi denunziert habe. Joop habe angegeben, daß seine Frau ihren Freund aus der DDR schleusen wollte.
Doch die allgegenwärtige Stasi griff seltsamerweise nicht zu. Das Rätsel könnte ein Protokollvermerk lösen, auf den der Ex-Major Hunte wenig später stieß: "weitergeleitet an HVA" - die Auslandsspionagetruppe der Stasi.
Joops Sammelleidenschaft für dies und jenes habe ihn mit der Stasi zusammengebracht, behauptet Axel Hauptmann*, der Anfang der Achtziger Antiquitätenbeschaffer für KuA und Mieter der Ebertschen Scheune war.
Joop habe, so der Händler, Antiquitäten "für''n Appel und ein Ei abgezockt _(* Name geändert. ) und auch problemlos über die Grenze gebracht".
Noch immer rätselt der Stasi-Intimkenner, warum seine Auftraggeber im Falle Joop einfach wegschauten: "Die Antiquitäten, seine Männergeschichten - der war doch erpressbar."
Der Stasi-Mann ist es auch gewesen, der Joop und seiner Ex-Frau den Zugang zur eigentlichen Quelle verschaffte. KuA-Generaldirektor Joachim Farken nahm sie unter seine Fittiche.
Karin Joop baute nach dem Bruch mit ihrem Ehemann eigene Geschäftsbeziehungen zur Schalck-Firma Delta GmbH auf. Über deren Tochterfirma Letex versuchte die Hamburgerin, Westklamotten an die biedere Politprominenz in Wandlitz zu verhökern.
Die Ex-Gattin: "Zu größeren Geschäften ist es nie gekommen. Ich habe nur einmal für etwa 10 000 Mark an Letex geliefert. Denen war meine Mode viel zu teuer."
Und Joop? Sein neuer Ziehvater Farken fand Gefallen an dem geistreichen Wessi. Größere Abschlüsse seien aber nie getätigt worden: "Joop war für mich ein Kunde unter vielen."
Warum er Joop ein Dauervisum für die DDR beschafft hat, auch dafür findet Farken schnell eine Erklärung: "Ich wollte ihm einfach einen Gefallen tun."
Außerdem habe er gemeinsam mit der Porzellanmanufaktur in Meißen versucht, Joop als Designer anzuheuern, doch sei das Projekt gescheitert. Als Joop seine Hamburger Villa renovierte, bot ihm Farken über seine Tochterfirma Delta Bauleistungen "zu günstigen Konditionen" an. Der Unternehmer: "Ich glaube, das hat dann auch geklappt."
Der ehemals allmächtige KuA-Chef nimmt Joop in Schutz: "Ich kann mir das alles nicht erklären."
Vielleicht findet sich in der Beziehung Joop/Farken ein Schlüssel für die Ermittlungen. Der Schalck-Geschäftsführer hatte Joop auf die Liste verläßlicher Kaufleute aus dem Westen gesetzt, die alle Koko-Direktoren zu führen hatten.
Diese "Freunde im Westen" sollten im Boykottfall und in Krisensituationen die Geschäfte der jeweiligen Schalck-Firmen weiterführen oder die vorhandenen Auslandskonten treuhänderisch verwalten. Farken: "Ich weiß nicht, ob ich Joop davon jemals erzählt habe."
Lauter schlechte Gedächtnisse. Viele üble Verleumdungen. Etliche schlimme Gerüchte.
Die Berliner Staatsanwaltschaft hat die Akte Joop noch nicht geschlossen. "Die Ermittlungen", so die Justizsprecherin Jutta Burghart letzte Woche, "halten an." o
* Name geändert.

DER SPIEGEL 39/1991
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