25.11.1991

RassismusDu riechst nach Hund

Rufmord als Methode - eine sprachwissenschaftliche Studie belegt, wie perfekt Hitlers Propagandist Joseph Goebbels diese Technik beherrschte.
Der muß nun zur Strecke gebracht werden", notierte Joseph Goebbels, Reichstagsabgeordneter und Gauleiter der Berliner Nationalsozialisten, am 24. Juni 1932 in seinem Tagebuch. Sechs Jahre lang habe er gegen den Mann gekämpft. "Er ist für jeden Berliner Nationalsozialisten der Repräsentant des Systems. Wenn er fällt, dann ist auch das System nicht mehr lange zu halten."
"Er", das war Bernhard Weiß, Polizeivizepräsident der Reichshauptstadt, Jude und vehementer Verfechter republikanischer Staatsautorität.
Bernhard Weiß, der von Geburt an so hieß, wurde von Nazis wie Goebbels mit dem Spottnamen "Isidor" belegt. Der Polizeiführer war für Hitlers Gefolgschaft Inbegriff und Verkörperung des verhaßten Weimarer "Systems" in einem. Als "Isidor" tauchte der preußische Beamte auch in antisemitischen Karikaturen auf: entstellt zum Untermenschen mit Krummnase und Plattfüßen.
Goebbels, Giftzwerg der NSDAP, geiferte: _____" Isidor: Das ist kein Einzelmensch, keine Person im " _____" Sinne des Gesetzbuches. " _____" Isidor ist ein Typ, ein Geist, ein Gesicht, oder besser " _____" gesagt, eine Visage. " _____" Isidor ist das von Feigheit und Heuchelei entstellte " _____" Ponim* der sogenannten Demokratie. "
Jahrelang baute die NS-Propaganda den demokratischen Staatsschützer Weiß zur Feindfigur auf, zogen Goebbels und seine rechtsradikalen Gesinnungsgenossen in einer skrupellosen ** Dietz Bering: "Kampf um Namen. Bernhard _(Weiß gegen Joseph Goebbels". Verlag ) _(Klett-Cotta, Stuttgart; 527 Seiten; 68 ) _(Mark. * Ponim (jiddisch): Gesicht. ) Verleumdungsschlacht Namen und Ansehen des Polizeivizepräsidenten durch den Dreck.
Hitlers Demagoge wußte genau, gegen wen er da, Woche um Woche, niederträchtig hetzte und warum: "Wer das Polizeipräsidium in Berlin hat, der hat Preußen, und wer Preußen hat, der hat das Reich."
"Wir bekämpfen auch Männer, aber in den Männern das System", hämmerte Goebbels seinen Zuhörern im September 1929 ein. Sie müßten nicht vom "korrupten Berlin" sprechen, um Mißstände anzuprangern. "Wir sagen nur: Isidor Weiß! Das genügt!"
Der Kölner Sprachwissenschaftler Dietz Bering hat jetzt den "Kampf um Namen", der zugleich ein Kampf für und gegen die Demokratie war, erforscht**. Seine Studie, halb Biographie, halb semantische Analyse, schildert die eskalierende Verfemung der Juden, die schließlich in den Holocaust führte. Mit Namensstigmatisierung begann, was mit der Brandmarkung durch KZ-Nummern endete.
Die Nazis wollten eine Symbolfigur treffen und vernichten, die den von ihnen als schlappe "Judenrepublik" verhöhnten Staat durchaus selbstbewußt und energisch vertrat. Weiß, Sproß einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie, hatte 1927, als er unter dem sozialdemokratischen Präsidenten Karl Zörgiebel zum zweiten Mann der Polizei aufrückte, bereits eine für Juden in Deutschland einzigartige Karriere hinter sich. Nach dem Jurastudium war der Reserveoffizier und Rittmeister im Ersten Weltkrieg noch vor dem Zusammenbruch des Kaiserreiches ins Polizeipräsidium nach Berlin gekommen.
Und der konfliktfreudige "Super-Preuße", wie Kollegen den EK-I-Träger gern neckten, machte, nach 1918, Ernst mit dem Republikschutz. Links- und Rechtsradikale lernten den kleinen schneidigen Mann mit der Berliner Kodderschnauze, inzwischen Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei, fürchten und hassen.
Kaum im Amt, brachte Weiß im Frühjahr 1927 wie kaum ein anderer die Staatsmacht gegen den braunen Terror in Stellung. In einer Blitzaktion setzte er nach Krawallen auf einer NSDAP-Versammlung am 5. Mai ein vorläufiges Verbot der Partei in der Reichshauptstadt durch. Goebbels, seit 1926 Gauleiter in Berlin, um die rote Bastion im demokratischen Bollwerk Preußen mit brutaler SA-Gewalt zu erobern, schäumte und sann auf Revanche.
Vom Rufmord verstand keiner soviel wie der Fanatiker mit dem Klumpfuß, gegen den sein Parteigenosse und Widersacher Otto Strasser stichelte: "Hüte dich vor den Gezeichneten." Im Angriff, dem "Anti-Isidor-Kampfblatt" (Bering), gaben die Nazis, in infamen Hetzartikeln und diffamierenden Karikaturen, Weiß zum Abschuß frei.
Alles andere als ein Vorzeige-Arier (Volksspott: "Lieber Gott, mach mich blind, daß ich Goebbels arisch find"), lenkte "Goebbeles", wie die Weltbühne ihn verspottete, unentwegt die Aufmerksamkeit auf das jüdische Aussehen und den Namen des Polizeivizepräsidenten, der sich, wie Goebbels log, bloß Bernhard Weiß nenne, in Wirklichkeit aber "Isidor" heiße und auch so sei: ein verschlagener und täuschender Jude.
Obwohl "Isidor" nicht hebräischen, sondern griechischen Ursprungs ist, luden die Antisemiten vor allem diesen Namen mit ihren rassistischen Ressentiments auf. Goebbels: _____" Kommt da so ein Jude aus Galizien mit Namen Wacholder " _____" Trompetenschleim, und nach einem Jahr hat er seinen " _____" Vornamen vertauscht und heißt "Isidor". Nach einem " _____" weiteren Jahr hat er auch seinen Zunamen vertauscht und " _____" heißt "Weiß". Nach noch weiter einigen Jahren sitzt " _____" dieser Mann im Polizeipräsidium und behauptet, er heiße " _____" "Bernhard" mit Vornamen. "
Die Verunglimpfung jüdischer Namen hatte schon lange vor den Nazis eine unselige Tradition in Deutschland. Und die Geschichte der Assimilation der deutschen Juden im 19. Jahrhundert war auch eine Geschichte ihrer teils erfolgreichen, teils gescheiterten Kämpfe um andere Namen.
Dreimal, zuletzt beim preußischen König selbst, mußte etwa der Berliner Kaufmann Isidor Russ "ganz unterthänigst" nachsuchen, bevor er sich "Oskar" nennen durfte. "Ich bin ein guter deutscher Staatsbürger", bat er devot, "halte nichts vom Judentum, glaube an Gott und seinen Sohn. Gesellschaftlich verkehre ich in angesehenen kristlichen Familien und erziehe mein Kind im Sinne dieser Freunde." Das war 1911.
Die Nationalsozialisten entwickelten die Stigmatisierung zu einem Instrument gesellschaftlicher und menschlicher Ausgrenzung der Juden. "Du riechst nach Hund und die Hunde riechen nach Knoblauch", sudelte der Angriff über Weiß. "Luft bist Du für uns", höhnte das Schmierblatt, "oder höchstens ein guter Witz." Zynisch ergötzten sich die Nationalsozialistischen Briefe an mörderischen Phantasien, die Auschwitz vorwegnahmen: "Schiebt diese unglaubliche Roheit der Natur in den Ofen! Gebt acht, daß er _(* Aus "Das Buch Isidor", einer von ) _(Goebbels 1928 herausgegebenen ) _(Schmähschrift. ) nicht oben mit derjenigen Nase anstoße, die ihm nie ein Inkognito gestattete."
Die Saat ging auf, die perfide Namensmanipulation verfing. Eine Augenzeugin während einer Demonstration antisemitischer Studenten an der Berliner Universität 1931: _____" Ich kam in eine Ansammlung von Studenten, die, ich " _____" weiß nicht gegen was, protestieren wollten. Polizei traf " _____" ein und - Isidor Weiß, der Polizeipräsident, der für mich " _____" damals noch kein Begriff war. Durch die Straßenbreite " _____" getrennt, begannen die Studenten nun laut im Chor zu " _____" schreien: "Isidor! Isidor!" Da erfuhr ich, daß der kleine " _____" Mann da gegenüber der Polizeipräsident war und Isidor " _____" Weiß hieß. "
Bernhard Weiß wehrte sich gegen die Flut von Beleidigungen und setzte, ganz rechtsgläubiger Beamter, auf die Gerichte. Unermüdlich prozessierte er, am Ende füllten die Klageschriften Weiß contra Goebbels rund 3000 Aktenbände. Es hagelte Strafanträge, und der Polizeivizepräsident erwirkte in 40 Hauptverhandlungen 34 Urteile wegen Namenraubs.
Die meisten fielen, gegenläufig zur sonst üblichen politischen Rechtsblindheit der Weimarer Justiz, zwar zu seinen Gunsten aus. Viel aber nutzten Weiß diese Entscheidungen nicht, denn vollstreckt wurden die Gefängnis- und Geldstrafen wegen erlassener Amnestien für die Täter fast nie. Zudem konnte sich der Reichstagsabgeordnete Goebbels, durch die Immunität geschützt, nahezu ungehemmt im Schmutz suhlen.
"Ich bin ein IdI. Ein IdF", demütigte er seinen Widersacher nach der Mai-Wahl 1928, "ein Inhaber der Immunität, ein Inhaber der Freifahrkarte", und "darf einen mit Namen Max Fridolin und einen mit Namen Bernhard Isidor nennen, auch wenn er nicht so heißt, sondern nur so aussieht."
Auch Weiß'' letzter Schlag, am 12. Mai 1932, als er nach einer von Nationalsozialisten angezettelten Prügelei vier NSDAP-Abgeordnete im Reichstag festnehmen ließ, konnte den braunen Vormarsch nicht mehr bremsen. Ungerügt pöbelte Goebbels beim Auftritt des strammen Ordnungshüters: "Da kommt das jüdische Schwein, der Weiß, hier herein und provoziert uns durch seine Anwesenheit."
Über das wahre Ausmaß der nationalsozialistischen Radikalität täuschte sich auch der couragierte Jude Bernhard Weiß. Wie er unbeirrbar auf die Rettung seiner Ehre durch die Gerichte vertraute, so blieb er, auch nach seiner Flucht vor den Nazis, staatsfromm bis zur Selbstverleugnung.
Empört darüber, daß er verdächtigt wurde, gegen die neuen Machthaber in Deutschland zu konspirieren, schrieb Weiß am 15. August 1933 aus dem Prager Exil an den preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring, daß er als "preußischer Beamter" nie auf die Idee käme, "die deutsche Regierung und damit mein deutsches Vaterland zu schädigen".
Zehn Tage später wurde der treue Staatsdiener von den Nazis ausgebürgert. 1951 starb er in London an Krebs.
** Dietz Bering: "Kampf um Namen. Bernhard Weiß gegen Joseph Goebbels". Verlag Klett-Cotta, Stuttgart; 527 Seiten; 68 Mark. * Ponim (jiddisch): Gesicht. * Aus "Das Buch Isidor", einer von Goebbels 1928 herausgegebenen Schmähschrift.

DER SPIEGEL 48/1991
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