23.09.1991

BiographienGrandiose Anpassung

Der Schweizer Essayist und Diplomat Carl Jacob Burckhardt war ein eitler Geschichtsklitterer und Dokumentenfälscher.
Adolf Hitler lobte öffentlich sein "persönliches Format", sein "Takt" beeindruckte ihn; Theodor Heuss, dem ersten Präsidenten der Bundesrepublik, erschien er als "ein guter Europäer"; und der Dichter Hugo von Hofmannsthal empfand seine Nähe als "so schön, daß es mich aufhebt wie eine warme starke Welle".
Wer immer dem Schweizer Historiker und Essayisten Carl Jacob Burckhardt (1891 bis 1974) begegnete, konnte sich seiner Faszination nicht entziehen.
Als letzter Hoher Kommissar des Völkerbunds in Danzig, als Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), als Gesandter in Paris, als Grandseigneur alter Schule trat der Diplomat ein halbes Jahrhundert lang als eine der bekanntesten Gestalten der europäischen Politik auf. Seine moralische Autorität war unbestritten.
Doch nun, ausgerechnet zum Gedenktag, stößt die erste kritische Biographie dieses Denkmal "zwischen Hofmannsthal und Hitler" vom Sockel**. Sie belegt, daß der Eidgenosse seinen strahlenden Ruf auch selbsterfundenen Legenden, einer grandiosen Anpassungsbereitschaft und sogar gefälschten Dokumenten verdankte.
Burckhardt sei "ein egozentrischer Fabulierer" gewesen, dessen Anstrengungen weniger dem Engagement für verfolgte und vom Krieg bedrohte Menschen als einer "apologetischen Absicht" entsprungen seien, behauptet der Autor Paul Stauffer, ein Berufskollege Burckhardts, der von 1984 bis 1989 als Schweizer Botschafter in Warschau wirkte.
Erste Kratzer hatte das untadelige Burckhardt-Bild schon vor drei Jahren erhalten, als der Genfer Historiker Jean-Claude Favez dessen unrühmliche Rolle als IKRK-Mitglied beschrieb. Aus Furcht vor einer Verstimmung der Nazis zwang Burckhardt 1942 das Komitee, Meldungen über die Massenvernichtung der Juden in Polen und eine vorbereitete Protesterklärung gegen die Verletzung des Völkerrechts zurückzuhalten.
Aufgrund umfangreichen Aktenstudiums und - schockierender - Einblicke in den erst teilweise zugänglichen Nachlaß demontiert der gelernte Historiker Stauffer jetzt vor allem Burckhardts Paraderolle als Völkerbund-Kommissar, wie der sie in dem 1960 erschienenen Rechenschaftsbericht "Meine Danziger Mission" beschrieben hat.
Vieles, was in jenem brillant formulierten zeitgeschichtlichen Bestseller steht, fand Stauffer heraus, ist frei erfunden. Und manches ist beträchtlich geschönt - immer im Bestreben, den Autor in ein günstiges Licht zu rücken. ** Paul Stauffer: "Zwischen Hofmannsthal und _(Hitler: Carl J. Burckhardt, Facetten ) _(einer außergewöhnlichen Existenz". ) _(Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich ) _(1991; 340 Seiten; 58 Mark. * Mit dem ) _(polnischen Staatspräsidenten Ignacy ) _(Mosicki 1937 in Warschau. )
Die Unwahrheiten beginnen schon bei der Darstellung seiner Berufung auf den ebenso prestigeträchtigen wie diplomatisch fast hoffnungslosen Posten: In der "Danziger Mission" gibt Burckhardt vor, er sei 1937 vom Schweizer Außenminister in das Amt gedrängt, ja zu einem Opfergang gezwungen worden.
In Wirklichkeit ging der Anstoß von einem Deutschen aus, dem späteren Staatssekretär im Auswärtigen Amt Ernst von Weizsäcker. Burckhardt gab keine Ruhe, bis er sich den Job, gegen die Bedenken seiner Regierung, ergattert hatte. "Für mich", schrieb er einem Freund, "ist es noch einmal ein Ausblick in große Verhältnisse."
Weizsäcker, mit Burckhardt seit Jahren befreundet und eben von der Berner Gesandtschaft nach Berlin wechselnd, wollte einen der Reichsregierung genehmen Völkerbundsvertreter in Danzig haben - was ein "ausgeklügeltes Ränkespiel" (Stauffer) nötig machte: Burckhardt nutzte die Jugendfreundschaft seiner Frau zur Gattin des zuständigen französischen Beamten und bewarb sich dort privat um die Danziger Stelle. In seinem Selbstporträt stellte er seine Tätigkeit für das IKRK heraus und behauptete, es sei ihm dabei gelungen, Carl von Ossietzky aus der KZ-Haft zu befreien.
Das war falsch. Der schwer lungenkranke Herausgeber der Weltbühne kam aufgrund einer internationalen Kampagne aus dem Lager; die SS fürchtete, der Tod des prominenten Häftlings würde eine "wüste Hetze gegen Deutschland" auslösen.
Frei erfunden ist auch Burckhardts Darstellung, er habe am 22. Oktober 1935 im Moorlager Esterwegen "im Kasernenhofton" die Vorführung des "Nobelpreisträgers" durchgesetzt. Der Nobelpreis wurde Ossietzky erst am 23. November 1936 verliehen, und die Vorführung des Star-Häftlings gehörte zum normalen Ritual bei KZ-Besuchen.
Burckhardts Interventionen für die KZ-Insassen beschränkten sich im übrigen auf den Wunsch nach Trennung der Kriminellen und Homosexuellen von den politischen Gefangenen. Die Berechtigung der Lager stellte er nie in Frage.
Diese Zurückhaltung, die auch seine Tätigkeit in Danzig bis zum Schluß bestimmte, war Burckhardts einziges diplomatisches Rezept: Ermahnungen zu humanitärem oder rechtsstaatlichem Wohlverhalten, so seine Überzeugung, seien sinnlos, ja kontraproduktiv. Für nutzbringend hielt er einzig den Appell an die Eigeninteressen der Verhandlungspartner.
Mit dem Danziger Senatspräsidenten Greiser, der später im besetzten Polen grausam wütete, verstand sich Burckhardt so gut, daß er sich sogar zu Denunziationen hinreißen ließ: Bei einem hohen Senatsbeamten mokierte sich Burckhardt über den "übereifrigen" französischen Generalkonsul, der im polnischen Gdingen Kontakte zu "Juden und Sozialdemokraten" unterhalte.
Als am 12. November 1938, zwei Tage nach der "Reichskristallnacht", auch in Danzig die ersten Synagogen brannten und jüdische Geschäfte geplündert wurden, war der Hochkommisar in Oberschlesien zur Jagd; an eine vorzeitige Rückkehr dachte er nicht. In der "Danziger Mission", Ende der fünfziger Jahre geschrieben, findet sich die Behauptung, er habe sich am 12. in Berlin um Mäßigung bemüht. Belegt ist: Er machte erst auf dem Rückweg am 15. November kurz in Berlin Station - unter anderem, um dem polnischen Botschafter von seinem Jagdglück zu berichten.
Die Verfolgung der Juden hielt der konservativ-autoritäre Burckhardt, wie viele seiner Zeitgenossen, für eine häßliche, aber unbedeutende Nebensache. Anders als jene glaubte er zudem felsenfest an die baldige Zähmung des Nationalsozialismus.
Deshalb versuchte er mit allen Mitteln, eine Verständigung zwischen dem Reich und Großbritannien einzufädeln. Denn der einzige wirkliche Feind, glaubte der Schweizer, sei der Bolschewismus.
Dazu paßt ein Hitler-Wort, das der Hochkommissar in der "Danziger Mission" aus seiner Unterredung mit dem Führer am 11. August 1939, kurz vor der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Pakts, zitiert, und das bislang als erstklassiges Zeitzeugnis galt: _____" Alles, was ich unternehme, ist gegen Rußland " _____" gerichtet; wenn der Westen zu dumm ist und zu blind ist, " _____" um dies zu begreifen, werde ich gezwungen sein, mich mit " _____" den Russen zu verständigen, den Westen zu schlagen, und " _____" dann nach seiner Niederlage mich mit meinen versammelten " _____" Kräften gegen die Sowjetunion zu wenden. Ich brauche die " _____" Ukraine, damit man uns nicht wieder wie im letzten Krieg " _____" aushungern kann. "
Merkwürdig nur: In den Aufzeichnungen der britischen und französischen Beamten, die tags darauf in Basel über das Gespräch informiert wurden, fehlen diese Enthüllungen über Hitlers Kriegspläne. Aufgrund sorgfältiger Textvergleiche hegt Stauffer größte Zweifel an der Echtheit des Zitats. _(* Beim Besuch eines Gefangenenlagers ) _(1941 in Ostdeutschland. )
In der "Danziger Mission" formulierte Burckhardt zunächst auch seine abenteuerliche Ansicht, die Westmächte hätten den Zweiten Weltkrieg aus "menschlichem Versagen" ausbrechen lassen. Mitschuldig schienen ihm auch die "Juden der ganzen Welt", die dem "Faschismus, dessen Wesen ihnen ursprünglich nicht durchaus artfremd gewesen war, nun einen Krieg auf Tod und Leben erklären mußten".
Daß diese Ungeheuerlichkeiten - und noch einige mehr - im letzten Moment wieder getilgt wurden, verdankte Burckhardt dem Chefredakteur der Neuen Zürcher Zeitung, der ihn nach der Lektüre der Druckfahnen zu tiefgreifenden Änderungen aufforderte. Der Autor war dazu sofort bereit, machte dem Journalisten aber in einem Postskriptum klar, "daß er an der Grundsubstanz seiner Auffassung festhielt" (Stauffer).
Burckhardts blitzartige Anpassungsbereitschaft kam gelegentlich nicht nur seinem eigenen guten Ruf, sondern auch Freunden zustatten. So entlastete er 1948 im sogenannten Wilhelmstraßen-Prozeß Ernst von Weizsäcker bereitwillig mit eilig angefertigten "Tagebuch-Einträgen". Dabei verwechselte er einige Namen, was er aber, durch die Vermittlung des Weizsäcker-Sohnes Richard, des heutigen Bundespräsidenten, rechtzeitig korrigieren konnte.
Skrupel beim Anpassen der Wirklichkeit an die jeweiligen Bedürfnisse hatte er nie. Denn: "Am nächsten an dasjenige, was man mit so großem Hochmut ,historische Wahrheit'' nennt", schrieb Burckhardt am 19. November 1926 an Hofmannsthal, "kommen nur die Dichter heran." o
** Paul Stauffer: "Zwischen Hofmannsthal und Hitler: Carl J. Burckhardt, Facetten einer außergewöhnlichen Existenz". Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 1991; 340 Seiten; 58 Mark. * Mit dem polnischen Staatspräsidenten Ignacy Mosicki 1937 in Warschau. * Beim Besuch eines Gefangenenlagers 1941 in Ostdeutschland.

DER SPIEGEL 39/1991
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