Birkhofer, 57, ist Geschäftsführer der Gesellschaft für Reaktorsicherheit in Garching.
SPIEGEL: Herr Professor Birkhofer, als Sie mit dem Bundesumweltminister vorletzte Woche in Tschernobyl waren, hat Herr Töpfer gefordert, die dort noch arbeitenden drei Reaktorblöcke sofort abzuschalten. So klang es auch schon vor fünf Jahren unmittelbar nach dem Unfall. Was wurde in der Zwischenzeit getan?
BIRKHOFER: Die Ursache des Unfalls in Tschernobyl war ein Leistungsausbruch, bei dem sich der Reaktor selbst zerstört hat. Die physikalischen Eigenschaften der verbliebenen Reaktorblöcke wurden nach sowjetischen Angaben so geändert, daß ein derartiger Leistungsausbruch nicht mehr eintreten kann. Die Anreicherung des Brennstoffs mit U-235 wurde erhöht, und die Absorberstäbe zur Bindung von Neutronen wurden verstärkt.
SPIEGEL: Betrifft das nur die drei Blöcke in Tschernobyl?
BIRKHOFER: Dies gilt für sämtliche 16 RBMK-Reaktoren vom Tschernobyl-Typ, überdies konnte die Abschaltzeit der Reaktoren bei einem Störfall, die vor dem Unfall bei etwa 20 Sekunden lag, wesentlich reduziert werden.
SPIEGEL: Besteht die Forderung nach Stillegung zu unrecht?
BIRKHOFER: Ich habe nur aufgezählt, was gemacht wurde. Nicht nachgerüstet wurde der Brandschutz. Daß es dort leicht brennen kann, haben wir erst jetzt wieder gesehen. Auch sind die Sicherheitseinrichtungen nicht in dem erforderlichen Umfang nachgerüstet worden. So ist bei den alten RBMK-Typen das Reaktorsystem nur darauf ausgelegt, Brüche kleiner Rohrleitungsquerschnitte zu beherrschen. Bei den neueren Typen wird auch der Bruch der größten Leitung durch ein Druckabbausystem gesichert. Diese Einrichtung kann bei den alten nicht nachträglich eingebaut werden. Vor allem verfügt aber kein RBMK-Reaktor über einen Sicherheitsbehälter; bei einem Störfall freiwerdende Radioaktivität kann also nicht wirksam zurückgehalten werden.
SPIEGEL: Sind Sie von Ihren sowjetischen Kollegen über diese Verbesserungen, aber auch über noch bestehende Schwachstellen unterrichtet worden, oder glauben Sie, daß Ihnen etwas verschwiegen wurde?
BIRKHOFER: Nach dem Tschernobyl-Unfall sprachen die Sowjets mit uns zunächst nur über neue Reaktorkonzepte. Seit etwa 1989 hat sich das geändert. Erst bei unserer Sicherheitsanalyse für Greifswald haben wir Informationen zu Störfällen erhalten, von denen wir nie etwas gehört hatten. Wir wissen jetzt, daß es wenigstens zwei schwerwiegende RBMK-Störfälle gegeben hat, einen in Leningrad und den zweiten im Block 1 von Tschernobyl.
SPIEGEL: Haben westliche Experten inzwischen Vorstellungen entwickelt, wie das Problem Tschernobyl auf Dauer gelöst werden könnte?
BIRKHOFER: Der Sarkophag um den Unglücksreaktor wurde 1986 unter sehr schwierigen Bedingungen gebaut. Seine Qualität entspricht nicht dem erforderlichen Niveau. So ist beispielsweise das Dach undicht, was sehr unangenehm ist. Aus der erstarrten Kernschmelze bilden sich Stäube. Diese werden zwar derzeit durch Einsprühen von Wasser gebunden. Das kann aber nur eine Zwischenlösung sein, weil unter widrigen Umständen die strahlenden Staubmassen ins Freie gelangen könnten.
SPIEGEL: Es gibt Experten, die ein Bersten des Sarkophags nicht ausschließen mögen.
BIRKHOFER: Diese Gefahr sehe ich im Moment nicht, dennoch muß die gesamte Betonstruktur dauernd beobachtet werden. Der Reaktordeckel beispielsweise wiegt etwa 2000 Tonnen und ist zusätzlich mit 1000 Tonnen abgeworfenem Material belastet. Er steht schief, kann langfristig nicht stabilisiert werden und könnte allein durch sein Eigengewicht herunterkrachen und Teile des Sarkophags zerstören.
SPIEGEL: Was haben westliche Experten, denen dieses Problem offenbar schon länger bekannt ist, in der Zwischenzeit getan?
BIRKHOFER: Bisher nichts, gar nichts. Sie warten auf einen Statusbericht, in dem die Sowjets den Zustand des Sarkophags beschreiben und die bisher getroffenen Maßnahmen zur Überwachung nennen wollen. Die Problematik ist in ihrem ganzen Ausmaß jedoch erst seit relativ kurzer Zeit bekannt.
SPIEGEL: Fünfeinhalb Jahre nach dem folgenschwersten Unfall in der zivilen Kraftwerksgeschichte kommt so ein Statusbericht reichlich spät.
BIRKHOFER: Ja, schon, allerdings waren aufwendige Explorationsarbeiten erforderlich. Nun wollen die Sowjets westliche Hilfe für konstruktive Lösungen anfordern. Es wird erwogen, einen neuen Betonmantel zu bauen oder das gesamte Gebäude mit Beton auszugießen.
SPIEGEL: Wäre die Ausbetonierung eine Lösung?
BIRKHOFER: Es mag eine sein, aber keine gute. Solange nicht bekannt ist, wo sich der ausgeworfene Brennstoff genau befindet, und solange er noch intensiv strahlt, kann ein Ausgießen keine Dauerlösung sein.
SPIEGEL: Demnach wissen die Sowjets nicht, wie es im Reaktor aussieht?
BIRKHOFER: Sie wissen offenbar nicht alles, noch offen ist der Verbleib von etwa 30 Tonnen Brennstoff.
SPIEGEL: Um ihn zu finden, muß jemand in den Sarkophag?
BIRKHOFER: Nein, die Strahlung dort ist zu hoch. Jetzt werden hinter Abschirmungen Bohrungen eingebracht, durch die dann Meßgeräte und TV-Kameras eingeführt werden können.
SPIEGEL: Müssen alle RBMK-Reaktoren abgeschaltet werden?
BIRKHOFER: Die sechs älteren sehr bald. Allerdings gibt es sowjetische Experten, die RBMK-Reaktoren im jetzigen Zustand für sicher halten. Nicht zuletzt daher konnte ich die Sowjets erst vor einem halben Jahr dazu bringen, einer internationalen Sicherheitsanalyse der neueren RBMK zuzustimmen.
SPIEGEL: Sowjetische Techniker glauben, die RBMK-Typen könnten mit westlicher Technologie nachgerüstet werden. Gibt es im Westen Überlegungen in dieser Richtung?
BIRKHOFER: Mir ist kein westliches Unternehmen bekannt, das darüber nachgedacht hätte.
SPIEGEL: Wäre eine Nachrüstung wirtschaftlich sinnvoll?
BIRKHOFER: Wohl kaum. Wenn man diese Reaktoren auf westlichen Sicherheitsstandard bringen will, wird man sehr viel tun müssen, unter anderem Sicherheitsbehälter bauen; es wird sehr teuer und wirtschaftlich absolut sinnlos.
SPIEGEL: Sollten die Sowjets besser gleich westliche AKW bestellen?
BIRKHOFER: Ich kann nicht für die Industrie sprechen, doch als Sicherheitsfachmann ist es mir erheblich lieber, wenn neue Reaktoren gebaut, als wenn alte Reaktoren nur zum Teil nachgerüstet werden.
SPIEGEL: Entsprechen wenigstens die östlichen Druckwasserreaktoren vom Typ WWER mittlerweile westlichem Sicherheitsstandard?
BIRKHOFER: Nein. Auch die zehn Kraftwerke des alten WWER-Typs, wie etwa die in Greifswald, weisen schwere Sicherheitsmängel auf. Auch sie haben keinen Sicherheitsbehälter, und nur Brüche in Rohrleitungen bis zu einem Querschnitt von 32 Millimetern können beherrscht werden. Auch der Feuerschutz muß verbessert werden.
SPIEGEL: Wie weit sind die WWER-Reaktoren nachrüstbar?
BIRKHOFER: Wenigstens die neuen Reaktoren könnte man auf westlichen Standard bringen. Sie sind beispielsweise mit neuer Instrumentierung sowie verbesserter Meß- und Informationstechnik nachzurüsten. Die alten Reaktoren sollten auch nach vorübergehender Abschaltung und Nachrüstung nur befristet betrieben werden.
SPIEGEL: Wie ist der sowjetischen Kernkraftindustrie zu helfen?
BIRKHOFER: Vor allem müßten wir den Sowjets zeigen, wie sie sich selber helfen können, etwa durch bessere Schulung des Betriebspersonals.
SPIEGEL: Kommen die Sowjets ohne westliche Materialhilfe aus?
BIRKHOFER: Die Sowjets können sicher eine Reihe technischer Einrichtungen mit eigenen Mitteln verbessern, man muß ihnen nur zeigen, was zu tun ist. Vom Westen brauchen sie jedoch Instrumente zur Meßwertverarbeitung sowie Fühler, die beispielsweise Leckagen entdecken und weitermelden. Zudem müssen Leitungssysteme schlechter Qualität gegen neue ausgetauscht werden.
SPIEGEL: Jede Art von Nachrüstung ist teuer; gibt es Kostenvoranschläge?
BIRKHOFER: Es gibt grobe Schätzungen der europäischen Industrie. Danach sind die sehr alten Reaktoren, die für einen langfristigen Betrieb wirtschaftlich nicht nachrüstbar sind, mit einem Kostenaufwand von je 100 Millionen Mark pro Block für etwa fünf Jahre, wenn sie denn unbedingt gebraucht werden, über die Runden zu bringen.
Die neueren Reaktoren könnten für 200 bis 300 Millionen pro Block, die modernen großen WWER-Typen für etwa 200 Millionen Mark je Reaktor auch für eine längere Betriebszeit sicher gemacht werden - alles in allem sind zehn bis zwölf Milliarden Mark zu veranschlagen. Allerdings kann ein erheblicher Teil der Leistungen in den Ursprungsländern erbracht werden.
SPIEGEL: Und wer soll den Rest bezahlen?
BIRKHOFER: Es gibt Überlegungen, es durch Kredite internationaler Banken zu finanzieren, die später aus den Erlösen des Stromverkaufs getilgt werden könnten. Minister Töpfer bemüht sich um eine gemeinsame Anstrengung der großen Industrieländer in dieser Richtung.
SPIEGEL: Hinzu kommen noch die Kosten für eine dauerhafte Einschließung des weiterhin strahlenden Unglücksreaktors von Tschernobyl in seinem untauglichen Sarkophag.
BIRKHOFER: Eine Kostenabschätzung dafür übersteigt derzeit meine Phantasie.
DER SPIEGEL 44/1991
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