28.10.1991

Orchester

Aus dem Blech gefallen

Die Solo-Posaunistin der Münchner Philharmoniker fühlt sich seit Jahren schikaniert. Musikerinnen passen dem Dirigenten nicht ins Weltbild.

Die Geschichte begann in einer Turnhalle im Münchner Stadtviertel Giesing, und zwar überaus harmonisch. Die Münchner Philharmoniker suchten eine neue Solo-Posaune. 33 Bewerber bliesen, unsichtbar hinter einem Vorhang, aus Leibeskräften um die begehrte Stelle.

Die Nummer 16 warf alle Mitkonkurrenten aus dem Rennen. Vor dem Vorhang nahm sie sich noch vorteilhafter aus als dahinter - sie entpuppte sich als Frau, als die amerikanische Posaunistin Abbie Conant aus Oklahoma.

Eigentlich hatte die Intendanz der Philharmoniker einen "Herrn Abbie Conant" zum Vorspielen eingeladen. Die falsche Anrede war zweifellos ein kleiner Fauxpas, aber auch die Verwaltung eines international tätigen Spitzenorchesters kann wohl mal Abie (für Abraham), Abby (für Abigail) und die amerikanische Mischform Abbie durcheinanderbringen. Ein schlüssiger Beleg für Frauenfeindlichkeit ist dies jedenfalls nicht. Auch der Vorhang war ja unter dem früheren Chefdirigenten Rudolf Kempe ausdrücklich zugunsten weiblicher Bewerber eingeführt worden.

Weil der Wettbewerb mittlerweile schon über zehn Jahre zurückliegt und inzwischen die Harmonie zwischen allen Beteiligten in die Brüche gegangen ist, haben sich die Erinnerungen je nach Seelenlage etwas eingetrübt. Abbie Conant meint sich zu entsinnen, aus dem Probespiel als klare Siegerin hervorgegangen zu sein. Laut Orchestervorstand Deinhart Goritzki, Bratsche, hingegen war die Posaunistin nur "sehr knapp" über die Runden gekommen.

Auch der Münchner Generalmusikdirektor und Chef des Orchesters, der aus Rumänien stammende Sergiu Celibidache, 79, behauptet Goritzki, habe die US-Posaunistin von Anfang an abgelehnt, doch aus Gutmütigkeit und Respekt vor dem Orchester von seinem Vetorecht keinen Gebrauch gemacht. Für Abbie Conant waren es zunächst geradezu "mystische Erfahrungen", die sie unter dem Dirigentenstab des Maestros erleben durfte.

Doch schon nach gut anderthalb Jahren brach der berufliche Höhenflug schlagartig ab. Ohne jede vorausgehende Abmahnung wurde Abbie Conant mit einem Zehn-Zeilen-Brief das "Arbeitsverhältnis als Musikerin (Solo-Posaunistin)" gekündigt. Nur noch als schlechter bezahlte stellvertretende Solo-Posaunistin durfte sie im Münchner Klangkörper weiterblasen. Die Amerikanerin wehrte sich vor dem Arbeitsgericht gegen die Zurückstufung.

Die beklagte Stadt München legte im Verlauf des Verfahrens, offenkundig instruiert von Maestro Sergiu Celibidache, immer massivere Mängelrügen auf den Tisch. Die Siegerin von Giesing verfüge als Stimmführerin der Posaunen, so ließ das Personalreferat in Schriftsätzen vortragen, einfach nicht "über die nötige physische Ausdauer und Belastbarkeit". Sie habe "nicht genügend Luft" und müsse "zu häufig atmen", und das auch noch "an Stellen, die vom Orchesterleiter aufgrund seiner künstlerischen Vorgaben nicht gewünscht werden".

Weil die Klägerin auch nicht in ausreichendem Maße in der Lage sei, die Posaunengruppe "nach den künstlerischen Anweisungen des Dirigenten" durch "sichere, aber unauffällige Gesten und Zeichen" zu einem "ausgewogenen, homogenen Klang zu führen", seien die Posaunen nicht selten "aus dem gesamten Blech herausgefallen".

Auch außergerichtlich wurde die Solo-Musikerin plötzlich nach Kräften genervt, etwa durch einen Fünf-Zeilen-Brief der Orchesterdirektion, wonach sie nun nicht einmal mehr für die Position der 2. Posaune geeignet war. Bei der beklagten Stadtverwaltung wurde erörtert, ob die Aufenthaltsgenehmigung der Ausländerin überhaupt noch verlängert werden könnte.

Um der für das Paßwesen zuständigen städtischen Kreisverwaltungsbehörde zu entgehen, zog Abbie Conant mit ihrem Mann, dem amerikanischen Komponisten William Osborne, vorsichtshalber aufs Land.

"Die Autorität und die Kompetenz des Generalmusikdirektors", so ließ der sonst sprachgewaltige Celibidache über die Rechtsabteilung der Stadt München dem Gericht übermitteln, seien "absolut notwendig und nicht diskutierbar". Die "selektive Auswahl der Mitarbeiter" habe aus dem philharmonischen Orchester München immerhin ein "Weltorchester" gemacht: "Dem Fachurteil des Generalmusikdirektors muß deshalb höchste Priorität zuerkannt werden."

Die erste Runde konnte die standhafte Posaunistin dennoch für sich verbuchen. Das mit dem Posaunen-Fall befaßte Arbeitsgericht München pfiff auf das angebotene Zeugnis des Generalmusikdirektors. Die Degradierung, befand der Richter, sei "sozial ungerechtfertigt" und somit "rechtsunwirksam".

Mit dieser Schlappe vor dem Arbeitsgericht hätte es eigentlich sein Bewenden haben können. Doch die "Weltstadt mit Herz" wollte ihren Maestro, der jährlich über eine Million Mark bezieht und der dem Zusammenwirken der Münchner Musiker nach übereinstimmendem Urteil der Kritiker zu "klanglichem Schmelz" verholfen hat, offenbar nicht vergrätzen. Um die widerborstige Posaunistin doch noch in die Knie zu zwingen, gingen Orchester und Stadt in die Berufung.

Der Vorsitzende der 5. Kammer des Landesarbeitsgerichts, Nikolaus Starkloff, eingestandenermaßen "auf dem Gebiete der Musik bar jeglicher Kenntnisse", verzichtete auf einen eigenen "Ohrenschein" und bestellte einen Gutachter.

Die Nerven der Posaunistin wurden auf eine harte Probe gestellt. Denn erst nach jahrelangem Warten und mehrmaligen Rückziehern von Celi-Kollegen fand sich eine Musik-Koriphäe, Professor Heinz Fadle aus Ahrensburg, früher Präsident der Internationalen Posaunenvereinigung, zu einer Hörprobe bereit - diesmal nicht in der Turnhalle von Giesing, sondern in der Neuen Aula der Nordwestdeutschen Musikakademie in Detmold.

Zwei Orte - ein- und dasselbe Resultat: Abbie Conant gab laut Gutachter Fadle "auch bei schwierigsten Passagen" eine überzeugende Vorstellung. Sie "entfaltete die nötige Lautstärke" und schaffte "das erforderliche Klangvolumen ohne Probleme" - dies alles "mit viel Ausdruck und gepflegtem, weichen Anstoß".

Mit ihrer exzellenten Atemtechnik ist die Amerikanerin nach dem Fadle-Gutachten "durchaus in der Lage, in einem Spitzenorchester als Solobläserin schwierigste Phasen durchzuhalten", und zwar auch - so das Beweisthema - "nach Anweisung des Dirigenten ausreichend lange und mit der gewünschten Intensität sowie Stärke".

Die Münchner Richter entschieden nach dieser eindeutigen Expertise zum zweitenmal für Abbie Conant. Im August letzten Jahres, acht Jahre nach Klageerhebung, wurde der Amerikanerin das Endurteil des Landesarbeitsgerichts zugestellt. Revision ist nicht zugelassen. Seither steht fest: Die Änderungskündigung war "sozial ungerechtfertigt", Frau Conant durfte ihren Platz auf dem Solistenstuhl wieder einnehmen.

Allerdings mußte sie auf Geheiß Celibidaches mit einer schlechteren Vergütungsgruppe vorliebnehmen, als sie sämtlichen männlichen Solo-Bläserkollegen gewährt wird.

Hatte der 79jährige "Marlon Brando der Dirigenten" (The Gazette, Montreal), vor dem selbst altgediente Orchestermusiker strammstehen und der Musikkritiker gern als "Flaschen mit Sauerkrautohren" bezeichnet, dies nicht von Anfang an erkennen können? Wollte er, wie die Wiener Philharmoniker, überhaupt keine Frauen an den Instrumenten oder höchstens ganz wenige wie das Berliner Philharmonische Orchester (zur Zeit sind es dort vier)?

Der biedere Orchestervorstand und Bratschist Deinhart Goritzki will von solchen Männervorurteilen noch nichts gehört haben. "Der Chef hat nichts gegen Damen", beteuerte er ein ums andere Mal. Beide Geschlechter würden genau gleich behandelt - "dieselben Gehälter, dieselben Prozeduren". Das launische Naturell seines Herrn kennt er immerhin: "Was der Frau Conant passiert, ist schon vielen passiert - hauptsächlich Männern."

Die anfänglich "wirklich nicht kämpferische", doch "inzwischen zur Feministin gewordene" Posaunistin aus Oklahoma ist da anderer Meinung. Mit geradezu philatelistischem Eifer hat sie chauvinistisch anmutende Duftmarken aus dem Repertoire des Generalmusikdirektors gesammelt.

Celi zu Abbie Conant: "Du kennst das Problem - wir brauchen einen Mann für die Solo-Posaune." Celi zur Steichergruppe des Orchesters: "Sie klingen wie ein Damenorchester." Celi zu einer Konzertmeisterin: "Nur Männer am ersten Pult!"

Erst in allerjüngster Zeit fuhr der Maestro einer Müttergruppe aus dem sogenannten Frauen-Ghetto des Orchesters, die über unbezahlten Urlaub und Job-sharing diskutieren wollte, energisch in die Parade: "Wenn Sie Kinder haben wollen, dann haben Sie den falschen Beruf gewählt."

Abbie Conant, selber kinderlos, hält dies alles für "frauenfeindlich". Im Dezember letzten Jahres reichte sie eine weitere Klage ein, mit der sie durchsetzen wollte, daß sie wie alle anderen Solo-Bläser in die übertarifliche nächsthöhere Gehaltsgruppe eingegliedert wird und auch den bei fast allen Kollegen vorgezogenen Alterszuschlag bekommt. Doch auf Hilfe von außen durfte sie auch dabei nicht zählen.

"Sie wissen, daß ich es mit skrupellosen Leuten zu tun habe", appellierte sie in gleichlautenden Briefen unter anderem an die Bürgermeister der Stadt, an das Kulturreferat und an die Frauengleichstellungsstelle im Rathaus, "es ist ein Alptraum - bitte helfen Sie mir".

Oberbürgermeister Georg Kronawitter zeigte in seinen Antwortbriefen an Abbie Conant "Verständnis, wenn Ihnen Äußerungen der aufgezeigten Art mißfallen und Sie sich als Frau gekränkt fühlen". Obschon formal der Arbeitgeber der Posaunistin und vor dem Arbeitsgericht der Beklagte, wollte sich Kronawitter jedoch lieber nicht für die Gleichbehandlung einsetzen: "I ask you to understand that I cannot interfere in a pending case."

Nicht einmal die vor gut fünf Jahren in München eigens für Diskriminierungsfälle eingerichtete "Gleichstellungsstelle für Frauen", an die sich Abbie Conant mit ihrem Hilferuf gewandt hatte, vermochte der bedrängten Posaunistin zu helfen.

"Die übernatürlichen Kräfte, um einen alten, in sich selbst ruhenden Patriarchen wie Celibidache zum Umdenken zu bringen, hätte ich gern, aber besitze sie nicht", bedauerte Friedel Schreyögg, die Leiterin der Stelle, und gab Abbie Conant brieflich die Empfehlung, einfach "die Zeit abzuwarten, bis ein neuer frauenfreundlicher Generalmusikdirektor das Ruder übernimmt".

"Es wagt doch keiner, dem ans Bein zu pinkeln", meinte der städtische Jurist Wolfgang Brehmer.

Richterin Angelika Mack hatte diesen Mut bei der Verhandlung vor dem Arbeitsgericht im Juni dieses Jahres. Sie zeigte sich unbefangen in bezug auf den "Maestro - wie es so schön devot in den Schriftsätzen heißt" und bestätigte der Klägerin unumwunden, "daß Sie menschlich unanständig behandelt worden sind".

Im Urteil billigte das Gericht Abbie Conant "wegen Verletzung der arbeitsrechtlichen Gleichbehandlungspflicht" die höhere Tarifgruppe (monatlich 370 Mark mehr) zu, allerdings nicht den für besondere Leistungen vom Generalmusikdirektor vergebenen Alterszuschlag (weitere 732 Mark mehr).

Über den halben Sieg versuchte Richterin Mack die Klägerin hinwegzutrösten: "Sagen Sie nicht, die Rechtsprechung sei genauso schlimm wie Ihr Arbeitgeber." o


DER SPIEGEL 44/1991
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