28.10.1991

BischöfeRömischer Furz

Der Fuldaer Oberhirte Johannes Dyba hat sich zum bösen Geist der deutschen katholischen Bischöfe entwickelt.
Johannes Dyba, 62, ist seinen Mitbrüdern wieder mal um Längen voraus. Als erster deutscher Oberhirte handelte sich der Erzbischof von Fulda eine Strafanzeige wegen Beleidigung, übler Nachrede und Verleumdung ein.
Ausgelöst hat die Justiz-Aktion eine verbale Entgleisung des katholischen Oberpriesters. Beim Schlußgottesdienst während der Herbsttagung der deutschen Bischöfe Ende September drang eine Gruppe von Aids-Infizierten und Homosexuellen mit Transparenten und Trillerpfeifen in Dybas Hauskirche, den Fuldaer Dom, ein. Die Demonstranten legten sich vor dem Altarraum auf den Boden, um gegen ihre Diskriminierung zu protestieren. Dyba beschimpfte die Eindringlinge öffentlich als "Chaoten", "hergelaufene Schwule" und "randalierende Aids-Positive".
Die Störung der bischöflichen Andacht hatte der Kirchenmann selbst provoziert: Er drängte die Fuldaer Stadtverwaltung, die ursprünglich für den Domplatz angemeldete Demo gerichtlich verbieten zu lassen. Doch das Kasseler Verwaltungsgericht lehnte ab, die Demo-Veranstalter, die Frankfurter "Aids Coalition to unleash power" (Kürzel: Act up), revanchierten sich mit dem Spektakel im Gotteshaus.
Dybas Schwulen-Beschimpfung war kein Ausrutscher - der erzreaktionäre Katholikenführer denkt schon immer so und sagt es auch. Homosexualität ist für ihn "eine entehrende Leidenschaft und eine widernatürliche Verirrung", Aids das Kainsmal für einen "Abfall von Gott", der "nicht ungestraft" bleibe.
Solch frommer Gesinnung vor allem verdankt Dyba seinen Posten, seine Ansichten sind ganz nach dem Geschmack des Chefs in Rom.
Bevor Papst Johannes Paul II. Dyba 1983 zum Bischof der Diözese Fulda machte, hatte der deutsche Kleriker 23 Jahre vorwiegend im diplomatischen Dienst des Vatikans verbracht. Spätestens seit Dybas Einsatz in der Apostolischen Nuntiatur in Den Haag (1968 bis 1972) wußte der Vatikan die Loyalität und den Eifer des Deutschen zu schätzen.
Als die römische Kurie damals die reformfreudige holländische Kirche auf Linie bringen wollte, erwies sich der Nuntiaturrat Dyba als einer ihrer treuesten Helfer - aus Überzeugung. Denn für Dyba kommt die göttliche Wahrheit nur aus Rom.
"Nicht verschämt, sondern unverschämt katholisch" wolle er als Fuldaer Bischof wirken, tönte Dyba nach seinem Amtsantritt im Hessischen. Gänzlich ungeniert posaunt der gebürtige Berliner seither nahezu Woche für Woche hinaus, wo und warum ihn die Welt nicht römisch-katholisch genug dünkt.
Einen "Kinderholocaust" nennt er etwa die Abtreibung, ihre Abrechnung auf Krankenschein ein "staatlich finanziertes Tötungsgeschäft". Wegen ihrer liberalen Haltung zur Abtreibung kritisierte er die hessische FDP als das "Fleckchen", das "so zwei Eintagsfliegen auf altes fuldisches Porzellan setzen". Dyba: "Das kann man bei der nächsten Wahl schon wieder abwaschen."
Gegen das Töten in einem "gerechten Krieg" hat der bigotte Moralprediger nichts einzuwenden; konsequent avancierte er im vergangenen Februar zum katholischen Militärbischof für die Bundeswehr.
Vor allem aber innerkirchlich versteht sich der Oberhirte als Hüter des rechten Glaubens. 1986 kündigte er den Bistumsvertrag mit dem Theologisch-Pastoralen Institut in Mainz, weil dort Priester und Laien unter der Devise weitergebildet werden: "Offenheit, Dialog und Transparenz der Entscheidungen". Eine demokratisierte Kirche ist für Dyba "eine Kirche ohne Gott".
Die feministische Theologie verspottete er als "Theaphantasie", unter anderem mit dem Argument, es gebe auch keine "feministische Mathematik".
Dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) drohte er in seiner Diözese mit dem Entzug von Räumen und Zuschüssen, falls sich der kirchliche Nachwuchs nicht strikt seinen Anweisungen unterwerfe. Die Bundesführung des BDKJ, pöbelte Dyba, bestehe aus "linken Grünen und kirchenfeindlichen Ideologen"; "von dieser Mafia" wolle er "die gutwilligen Kräfte in der katholischen Jugend befreien".
Auch beim eigenen Klerus räumte der Oberchrist auf. 1989 schaßte er den Marburger Hochschulpfarrer Günter Loock wegen einer ketzerischen Predigt über "Kirche und Demokratie" und weil Loock in einem Gottesdienst auch dem evangelischen Studentenpfarrer die Kommunion gereicht hatte.
Als im selben Jahr über 200 deutschsprachige Theologieprofessoren in der "Kölner Erklärung" gegen die Entmündigung durch den Vatikan protestierten, empfahl er den "gekränkten" Hochschullehrern statt "dauernder Auseinandersetzung" den "Dialog mit Gott in der Stille" und riet den Unterzeichnern, sie sollten statt "im Konkubinat" besser im vorgeschriebenen Zölibat leben.
Gottesgelehrte wie Hans Küng und Eugen Drewermann, die nicht nur bei vielen Gläubigen, sondern auch außerhalb der Kirche in Ansehen stehen, sind Dyba ein Greuel. Küng und Drewermann gehören für ihn zu den "Scharlatanen", die einen "besoffen reden". Aber "an der Himmelstür", höhnte der Bischof vor katholischen Militärgeistlichen, stehe "dann natürlich kein Küng und kein Drewermann". Letzterer "sitzt dann wahrscheinlich noch im tiefenpsychologischen Fegefeuer".
Daß der Paderborner Erzbischof Johannes Degenhardt dem Privatdozenten Anfang Oktober die kirchliche Lehrerlaubnis entzog, hat Drewermann nicht zuletzt Dybas Druck auf den Episkopat zu verdanken.
Nicht einmal die eigenen Kollegen läßt der Eiferer von Fulda aus. Weil er bei seinen Mitbischöfen in der Bundesrepublik gebührende Begeisterung für die Nachrüstung vermißte, mahnte er 1984 öffentlich strammere Haltung an: "Man darf unseren Bischöfen ruhig ein wenig von dem eichenfällenden Mut des heiligen Bonifatius wünschen."
Als zu Beginn dieses Jahres nicht gleich alle Bischöfe den Golfkrieg mit Hurra begrüßten, ging Dyba auf Überzeugungstournee und meldete auch alsbald Vollzug: "Wir haben einige Mitbrüder aufgefangen, die in Blut und Öl ausgeglitten waren."
Sogar in der Asylfrage, in der die deutschen Bischöfe bislang tapfer gegen jede Aufweichung der Grundgesetzgarantie fechten, legte sich Dyba bereits vor Jahren quer: Pro-Asyl-Plakate seines Limburger Kollegen Franz Kamphaus ließ er nicht ans Schwarze Brett des Fuldaer Doms.
Bei den anderen deutschen Oberhirten gilt Dyba als der vatikanische Horchposten. "Der meldet doch jeden Furz nach Rom", sagt ein über Dyba verärgerter Weihbischof. Dybas Anwesenheit hindere viele Bischöfe, in der Bischofskonferenz "wirklich mal offen zu reden".
"Der kleine Despot" (die linkskatholische Zeitschrift Publik-Forum) hat bei seinen Brüdern in Christo längst Spuren hinterlassen. Seit Dyba in der Bundesrepublik auf die Pauke haut, trommeln auch sie wieder lauter.
So wies der Kölner Kardinal Joachim Meisner seine Behörde an, keine Bücher mehr bei der traditionell katholisch orientierten Kölner Herder-Buchhandlung zu ordern. Grund: Die Buchhandlung organisiert Veranstaltungen mit dem Paderborner Theologen Drewermann (SPIEGEL 34/1991).
Der Augsburger Bischof Josef Stimpfle vergrätzte seine Gläubigen im Frühjahr 1990 als Zensor. In den Dokumenten der Diözesansynode ließ er eigenmächtig wichtige Passagen ändern; so fehlte etwa ein Passus über die Zulassung von Frauen zum Diakonat, für die mehr als 60 Prozent der Synodalen gestimmt hatten.
Dem Chefredakteur der Kirchenzeitung für das Bistum Augsburg, Gerhard Eberts, kündigte Stimpfle, weil der Pater das Bischofsblatt zum Sprachrohr der kirchlichen Basis ummodeln wollte.
Fast zur gleichen Zeit blockte der Rottenburg-Stuttgarter Bischof Walter Kasper zum wiederholten Mal die Berufung einer Theologin an die Uni Tübingen ab, obgleich sie von der Katholisch-Theologischen Fakultät als besonders qualifiziert vorgeschlagen worden war.
Im Katholischen Sonntagsblatt machte Kaspers Mitarbeiter, der Domkapitular Hubert Bour, die Gründe publik. "Im Vorwort ihrer Dissertation bekennt sich Frau Dr. Silvia Schroer ganz klar zu einer feministischen Exegese", schrieb Bour, sie wolle auch "vor ,den patriarchalen Strukturen von Gesellschaft und Kirche nicht die Augen verschließen'" und rede gar "einer erotischeren Religion" das Wort.
Besonders augenfällig wurde der Einfluß Dybas zur Jahreswende 1989. Da setzte er in der Bischofskonferenz durch, daß am 28. Dezember, dem "Kirchenfest der unschuldigen Kinder", in den meisten katholischen Kirchen der Altrepublik die Glocken läuteten - "für die abgetriebenen Kinder, die in den Plastikeimern auf dem Klinikmüll landen".
Das Gebimmel wurde von vielen Bürgern als Volksverhetzung verstanden. Doch derlei Kritik ficht den Oberhirten nicht an, im Gegenteil.
"Von den Gegnern der Kirche beschimpft zu werden", kontert er selbstbewußt, "zeigt doch, daß man auf dem richtigen Weg ist." o

DER SPIEGEL 44/1991
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