23.12.1991

LuftfahrtKüken nach Teheran

Ehemalige Interflug-Beschäftigte übernahmen einige der alten Maschinen, sie machen jetzt auf eigene Rechnung weiter.
Es war schon dunkel, da machte sich auf dem Flughafen Göteborg ein Mann mit Klebefolie an der rotweißen Interflug-Maschine zu schaffen.
Als das Flugzeug morgens wieder zum Start rollte, waren die alten Embleme weg und neue Herren an Bord: "the Ber Line" heißt das Unternehmen, das anstelle der abgewickelten alten DDR-Staatslinie am 1.November das Kommando in der Iljuschin übernahm.
Zusammen mit ein paar westlichen Marketing-Experten haben sich rund 90 Interflug-Beschäftigte, Cockpit- und Wartungspersonal, billige Restbestände ihrer alten Firma gesichert. Fünf Turboprops vom Typ Iljuschin 18, viermotorige Sowjetmaschinen aus den sechziger Jahren, sind der Grundstock fürs Charter- und Güterfluggeschäft.
250 000 Mark kostete ein Flugzeug einschließlich Umrüstung auf Weststandard. Die Maschinen sollen in Osteuropa, Nahost und Nordafrika Geld verdienen, wo "unsere Besatzungen über langjährige Erfahrungen" ("Ber Line"-Werbung) verfügen.
Zunächst jedoch sind die Jungunternehmer auf jeden Auftrag angewiesen. Sie fliegen Urlauber nach Griechenland und Küken nach Teheran. Fiepsende Flipper einer Delphin-Show transportieren sie ebenso wie Güter fürs ukrainische Kriwoi Rog oder für Volvo-Händler nach Schweden. Auch die Eishockey-Kämpen vom BSC Preußen reisten schon mit der "Ber Line" zum Bundesliga-Auswärtsspiel.
Die Anfänge sind bescheiden, die Sowjetmaschinen veraltet. Doch an großen Plänen mangelt es nicht. Schnell soll, so kündigt Geschäftsführer Reinhard Knäblein an, der Flugzeugpark erneuert werden. Kapitalgeber stünden auch schon bereit.
Die Pläne sind neu. Am Anfang gab es keine ausgeklügelten Unternehmensstrategien - es war eine Firmengründung aus Trotz.
Von der Staatslinie Interflug ist nach dem Untergang der DDR wenig übriggeblieben. Die rot-weiß lackierten Jets wurden ins Ausland verkauft oder tragen jetzt Kennzeichen der Bundeswehr-Flugbereitschaft. Ehemalige Interflug-Iljuschins und Tupolews shutteln Bundesbedienstete vom Rhein zum Alltagsjob ins ungeliebte Berlin.
"Das drückt einen schon erheblich", sagt "Ber Line"-Chef Knäblein, 44. Er war zuletzt Pilot einer vierstrahligen Iljuschin 62. Jetzt steigt er wieder in die alte Turboprop, wenn der Dienstplan es verlangt.
Die Veteranen geben sich kämpferisch. Der alte Interflug-Vorstand versuchte vergebens, die Übergabe der Iljuschins zu verhindern. "Ossis gegen Ossis, es flogen die Fetzen", erinnert sich Knäblein.
Der eigentliche Kampf aber steht ihnen noch bevor. Die Flieger müssen sich auf dem Markt und gegen starke Vorbehalte durchsetzen. Einige der neuen Herren von der "Ber Line" gelten vielen als rote Socken.
Das alte System hatte die Interflug-Bediensteten stets privilegiert. Die SED-Mitgliedschaft war für Flugkapitäne obligatorisch. Das Regime kümmerte sich allerdings nicht nur um das Wohl der Piloten. Allein auf den Flughäfen Schönefeld betrieb die Stasi mit drei Dutzend Aufpassern ihre Art Flugsicherung.
Nun sehen sich die ungeliebten Flugunternehmer vom Luftfahrt-Bundesamt verfolgt. Die harten Sicherheitsauflagen erschienen ihnen als Schikane. "Die Sache sollte wohl tot sein, bevor sie anfing", behauptet Knäblein.
Doch die geforderte Umrüstung der Maschinen wurde geschafft, der Not-Evakuierungstest unter Aufsicht von Westbeamten deutlich unter Zeitlimit bestanden. "Denen haben wir 's mal gezeigt", freut sich der altgediente Interflug-Techniker Hubert Hoffer.
Auf ihr Arbeitsgerät, die IL-18, lassen die "Ber Liner" nichts kommen. Es könne sich mit 3700 Kilometer Reichweite und 625 Stundenkilometer Reisetempo durchaus noch sehen lassen. Auch Luftfahrtveteranen wie der frühere Pan-Am-Chefpilot Jack O. Bennet, 77, loben den Oldie und würden "gern mal einsteigen".
Zwei Millimeter Alu-Außenhaut und robustes Fahrwerk erlauben Landungen auf rauher Piste. Die Maschine hielt es auch aus, erzählen die Piloten, wenn mal Pilger unterwegs in der Kabine Mitgebrachtes auf dem Feuer garten.
Ehemalige DDR-Bürger fühlen sich in der IL-18 an unliebsame Zeiten erinnert. Westler aber, besonders die Jungen, seien "total happy" in dem alten Gerät, behaupten die Neu-Unternehmer.
Das mag an dem urwüchsigen Flugerlebnis liegen und an ebensolchem Interieur. Statt enger Pantry gibt es noch eine richtige Küche und in den Sitzreihen reichlich Raum für Knie und Ellbogen, die Klos haben Duschbad-Format. Im russisch beschrifteten Cockpit arbeiten noch Ingenieur und Navigator den beiden Piloten zu, das abgegriffene Steuerhorn ist aus imitiertem Elfenbein.
Berlins Eishockey-Truppe war jedenfalls begeistert. Sie schlug vor, die Maschine auf den Namen "Preußen" zu taufen.

DER SPIEGEL 52/1991
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