23.09.1991

BücherDer Kalif von Stuttgart

Der Nahost-Experte Gerhard Konzelmann kommt unter Beschuß: Ein Orientalistik-Professor zeiht ihn „Scharlatan“ und „Plagiator großen Stils“.
Das waren noch Zeiten, als unser Goethe, im "West-östlichen Divan", schwärmte: "Gottes ist der Orient!/ Gottes ist der Okzident!/ Nord- und südliches Gelände/ Ruht im Frieden seiner Hände." Die Ruh' ist hin.
Und ein Herz ist schwer. Gerhard Konzelmann, 58, der schwäbische Thukydides für alles Arabische und Islamische, dem Volk, per Bildschirm und mit einem guten Dutzend Erfolgsbüchern, als Orient-Experte vertraut, soll gar kein solcher sein. Vielmehr das Gegenteil.
Nämlich ein "Plagiator großen Stils", ein "Scharlatan", ein "Hochstapler, der sich ständig des Diebstahls von geistigem Eigentum anderer schuldig" mache. "Regelrecht dumme Stilblüten" produziere er, "historisch schlichten Blödsinn", und seit Jahrzehnten habe er die öffentliche Meinung über den Nahen Osten "bewußt tendenziös irregeführt".
Ma scha'a llah! (Was Gott alles will!) Der Mann, der so aus dem dicken Konzelmann Tatar macht, hat alle Krummsäbel zur Hand. Gernot Rotter, 50, ist Professor für Islamwissenschaft an der Universität Hamburg, bedauert es als "schweren politischen Fehler", zu lange einen "großen Bogen um die Machwerke des Herrn K." gemacht zu haben, und ist selbst ganz schön betroffen; vor allem bei ihm hat Konzelmann, ohne Quellenangabe, furchtlos abgekupfert.
In einer umfänglichen Expertise, die er vergangene Woche vorlegte, widmet sich Rotter hauptsächlich der innigen Verbindung, die zwischen dem Konzelmann-Buch "Mohammed - Allahs Prophet und Feldherr" und einer Rotter-Eindeutschung besteht: der klassischen arabischen Mohammed-Biographie "Das Leben des Propheten" von Ibn Ishaq. Rotter: "Diese meine Übersetzung ist eindeutig K.s Hauptquelle."
Konzelmann zapfte diese Quelle "in fast allen Kapiteln einmal mehr, einmal weniger intensiv" an. Im Kapitel acht des Konzelmann-"Mohammed" etwa seien "80 Prozent fast wörtlich oder als eindeutige Paraphrase" der Rotter-Übertragung entnommen; der Pirat setzt einige Leihgaben zwar in Kursiv und in Anführungszeichen, ihren Schöpfergeist aber vernebelt er hinter einem "so wird erzählt" oder einem "bewahrt in der Überlieferung sind die Worte . . ."
Leider stammen nicht alle Worte daher, viele sind auf Konzelmanns eigener Mystik gewachsen; Rotters Detektivarbeit wird in dieser Sektion zum hohen Freudenspender. Zunächst ein harmloses Exempel: "Der Koran weist den Gläubigen an, täglich fünfmal zu beten", schreibt Konzelmann; Rotter dagegen: "Wahr ist, daß die Zahl der täglichen Gebete im Koran nicht genannt wird."
Schon härter: In Rotters Übertragung wird berichtet, heidnische Frauen aus Mekka hätten nach einer Schlacht den gefallenen Muslimen "Nasen und Ohren" abgeschnitten; Konzelmann, der wie so viele von uns damals nicht dabei war, ergänzt: "und Geschlechtsteile".
Pikanter sodann: Ein Mädchen verspricht (bei Rotter) einer Gläubigerin, wenn die Karawane komme, "werde ich für sie arbeiten und dir dann zurückzahlen, was ich dir schulde". Die Konzelmann-Maid in Erwartung der Karawane: "Da ist Geld für mich zu holen bei den Männern. Sind sie wieder weg, dann kann ich dir alles zurückzahlen."
Der wack're Schwabe forcht' sich nit, auch aus Mohammed einen ziemlichen Schlingel zu machen. Kenner Konzelmann: In den Berichten aus dem Leben des Propheten seien "Episoden enthalten, die seine Neigung zu Kindern und ganz besonders zu männlichen Kindern zeigen". Noch sinisterer: "Mohammed, so wird erzählt, fand sein Vergnügen daran, das Mädchen auf seinen Knien zu schaukeln."
Konzelmann, schreibt Rotter, besitze "keinerlei Kenntnisse des Arabischen"; der Geprügelte will das auch nie behauptet haben. Schwer vorstellbar mithin sein (Konzelmann-Klappentext) Forschen in "Archiven", in denen sich "Korrespondenzen aus den Kanzleien des Propheten und der Kalifen" befänden. Rotter zudem: "Archive solchen Inhalts gibt es nirgendwo."
So vom Orient-Experten zum entgleisten Orient-Expreß degradiert, muß sich Konzelmann von Rotter schließlich auch noch sagen lassen, sein "Machwerk" offenbare "nicht nur zwischen den Zeilen seinen rassistischen Charakter". Es werde "erheblicher Anstrengungen" der Fach-Orientalistik bedürfen, "das so entstandene Zerrbild wieder zurechtzurücken".
Der Kalif von Stuttgart und der Hamburger Professor sind sich nicht ganz fremd. Im Beirut der achtziger Jahre, Rotter als Direktor des dortigen Orient-Instituts, Konzelmann als Reporter, waren sie sich mehrfach, aber folgenlos begegnet. Beirut-Folge immerhin für Rotter:
Im Bombenhagel reifte in ihm der Entschluß, sich in die Friedensbewegung einzureihen; und als Landtagsabgeordneter der Grünen in Rheinland-Pfalz zog er sich im vergangenen Jahr ein Verfahren an den Hals, als er angesichts des Golfkrieges den US-Soldaten Fahnenflucht empfahl.
Nun hat er seinerseits zur juristischen Zange gegriffen und sie an Konzelmann und dessen Verlag ansetzen lassen. Resultat: Der Verlag (Bastei-Lübbe) verpflichtet sich, die mittlerweile in der vierten Auflage erschienene Taschenbuch-Ausgabe von Konzelmanns "Mohammed" nicht länger zu verbreiten, "sofern und solange darin Texte des Herrn Dr. Rotter und seiner Übersetzung des Werkes ,Ibn Ishaq: Das Leben des Propheten' in einem das Zitatrecht überschreitenden Umfang enthalten sind".
Das vorletzte Wort hat der Angeklagte. Sein "Mohammed"-Buch, sagt Konzelmann, sei vor zwölf Jahren "in der vom Bürgerkrieg bedrohten Stadt Beirut" entstanden; zu den "wenigen Hilfsmitteln", über die er verfügte (Beirut ist voller Bibliotheken - die Red.), "gehörte auch die Rotter-Übertragung des Ibn Ishaq". Er habe bemerkt, "daß mein Buch seine Fehler hat", und vor einem Jahr seinen Verleger gebeten, "es nicht mehr anzubieten"; es entspräche nicht seiner "heutigen Art, ein Thema anzupacken".
Und das letzte Wort hat unser Goethe. Allah anrufend, reimt er im "Divan": "Wenn ich handle, wenn ich dichte,/ Gib du meinem Weg die Richte."

DER SPIEGEL 39/1991
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