23.12.1991

SchweizSchande im Paradies

Wie eine Seuche breitet sich im reichsten Land der Welt die Armut aus.
Das ist eine Eiterbeule", ekelt sich der Sekretär der Ladenbesitzer in der Glitzerwelt der Zürcher Bahnhofstraße vor den Bettlern draußen. Süchtig, Aids-krank, obdachlos hockt die Armut auf dem teuersten Pflaster der Stadt.
Solche Schwären auf dem helvetischen Luxuskörper machen die Behörden ebenso ratlos wie die Geschäftsleute. In Zürich ansässige Drogenabhängige erhalten neuerdings einen Ausweis, der ihnen einen Platz in einer Notschlafstelle und weitere Hilfe sichert. Auswärtige aber werden abgeschoben.
Doch das Elend im reichsten Land der Welt hat viele Gesichter. Soziale Not, die nichts mit Sucht zu tun hat, wuchert im verborgenen und dringt nur langsam in die Statistiken.
Das relative Gleichmaß der Wohlstandsverteilung gehörte bisher ebenso zum Schweizer Selbstbewußtsein wie die Ideologie der Selbstverantwortung. Deshalb empfinden viele Bedürftige auch den Gang zum Sozialamt als schwere Demütigung und als Eingeständnis einer Niederlage.
In den letzten Jahrzehnten galten als wirklich arm eigentlich nur kinderreiche Bergbauernfamilien, Behinderte oder Alte mit Minimalrenten. Nun aber ist Armut plötzlich nicht mehr ein mitleiderregendes Randgruppenphänomen, sondern Alltag für viele Erwerbstätige.
"Reichen 3600 Franken nicht mehr aus zum Leben?" fragte unlängst der Zürcher Tages-Anzeiger. Eine alleinerziehende, berufstätige Mutter mit einem fünfjährigen Sohn komme damit nur knapp über die Runden, rechnete das Blatt vor - hauptsächlich wegen der hohen Wohnungskosten. Für ihre kleine, dunkle Zweizimmerwohnung in einem Neubau muß die 32jährige Frau monatlich 1706 Franken aufwenden. Sind die Fixkosten bezahlt, bleiben gerade 1000 Franken zum Leben.
Doch wirklich bedürftig ist die Frau nicht. Dem Durchschnitt der neuen Armen entspricht schon eher eine Basler Verkäuferin mit zwei Kindern. Sie arbeitet achteinhalb Stunden an fünf Tagen in der Woche und trägt doch bloß 2000 Franken nach Hause. Ohne Unterstützung wäre sie nicht in der Lage, sich und ihre Kinder durchzubringen.
Andere trifft es noch schlimmer. In Genf, wo der Wohnungsmangel besonders schlimm ist, stieg die Zahl der Obdachlosen sprunghaft an. In den Notunterkünften sind die gewöhnlichen Stadtstreicher längst in der Minderheit.
In der teuren Uno-Stadt, so eine Gewerkschaftsstudie, braucht eine vierköpfige Familie ein Jahreseinkommen von wenigstens 75 400 Franken, um leidlich leben zu können. In der Maschinenindustrie verdient über die Hälfte der Beschäftigten aber weniger als 3500 Franken im Monat, im Baugewerbe sind die Verhältnisse ähnlich.
Noch trostloser ist die Lage in den Dienstleistungsbranchen. Da die Schweiz keine gesetzlichen Minimallöhne kennt, jobben dort Zehntausende nicht organisierter Arbeitnehmer mit Monatseinkommen von deutlich unter 2500 Franken.
Eine soziologische Studie der Universität Basel bezeichnet 15 Prozent der Wohnbevölkerung aufgrund ihrer Lebensverhältnisse als arm, weitere 10 Prozent sind von Armut bedroht, insgesamt 44 Prozent gehören laut Steuerstatistik zu den Schwachverdienenden. Untersuchungen in den Kantonen Tessin, Neuenburg und Wallis bestätigen diese Befunde.
Selbst vorsichtige Experten schätzen, daß mindestens 600 000 Personen im vermeintlichen Paradies unter dem Existenzminimum leben müssen. Dies sei, findet Georges Enderle, Wirtschaftsethiker an der Hochschule St. Gallen, "eine Schande für die Schweiz".
Bei den Wirtschaftsverbänden sieht man das anders. Sie halten die Armutsstudien, wie der Basler Arbeitgeberfunktionär Geza Teleki rügt, für "nicht repräsentativ" und eröffneten sofort einen polemischen Gutachterstreit.
Teleki bemängelt vor allem, daß die Soziologen all jene als arm bezeichnen, die staatliche Unterstützung beanspruchen können. "Dabei verhindert die Sozialhilfe doch gerade, daß die Leute arm werden."
Die steigende Zahl der Hilfesuchenden belegt allerdings die wachsende Not. In Basel, das über ein besonders eng geknüpftes soziales Netz verfügt, wuchs die Zahl der Fürsorgeempfänger in den vergangenen zwei Jahren um jeweils 10 Prozent. In Zürich waren es in den letzten zwölf Monaten sogar 19 Prozent. Das kostet: Allein die Stadt Zürich mußte ihren Sozialhilfeetat um 20 Millionen auf 82 Millionen Franken aufstocken - vor allem, um die Beihilfen für die stark gestiegenen Mieten zu finanzieren.
Für den Bau neuer Wohnungen ist kaum Platz. Wo es Grundstücke gibt, wird wegen der hohen Zinsen und der enormen Teuerung nicht investiert. Springt die öffentliche Hand wie beim geplanten Bau von 1200 Wohnungen am Stadtrand von Bern ein, können Wenigverdienende nicht mithalten. Nicht subventioniert, würde die Miete für eine Vierzimmerwohnung 3200 Franken betragen, mit Steuermitteln kostet sie 1780 Franken - wobei der Mietvertrag eine rasche Steigerung vorsieht.
Neben den Wohnungskosten ist die Rezession mit jetzt 52 000 Arbeitslosen - mehr denn je seit 1938 - am wachsenden Elend beteiligt. Experten erwarten eine weitere Steigerung "auf das europäische Niveau von rund vier Prozent". Im Kanton Bern sollen 1000 Lehrerstellen abgebaut werden.
Seit zehn Jahren rationalisiert die Industrie mit hohem Tempo, viele Stellen gehen verloren, auch für Fachleute mit langer Erfahrung. Nicht einmal die Jobs bei den Banken sind mehr sicher. In fünf Jahren, prophezeit Robert A. Jeker, Präsident der Schweizerischen Kreditanstalt, werden im Geldgewerbe etwa 20 Prozent weniger Beschäftigte gebraucht.

DER SPIEGEL 52/1991
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