25.11.1991

Persönlichkeit ohne großes P

Ein Jahr nach dem Thatcher-Sturz muß der britische Premier John Major noch immer um Anerkennung kämpfen

Zweimal wöchentlich, dienstags und donnerstags, stehen sich im Londoner Unterhaus Premierminister John Major und Oppositionsführer Neil Kinnock Auge in Auge gegenüber und leisten rhetorische Schwerarbeit.

Im Ritual der parlamentarischen Fragestunde versuchen der Rechte wie der Linke, sich selbst in die Sphären der Staatskunst hochzureden und den Widersacher polemisch zu fällen.

Für Major wie Kinnock geht es um alles oder nichts, wenn die Briten im nächsten Frühjahr wählen: Downing Street für den Sieger, ein schmachvoller Vorruhestand - mit Ende Vierzig - für den Verlierer. Wenn er gegen Labour untergeht, bleibt Major nicht Tory-Chef; sollte Kinnock von Majors Truppe geschlagen werden, ist er die Labour-Führung los.

Gestikulierend beugt sich Major im Parlament über das traditionelle hölzerne Rednerpult. Das ergraute, volle Haar mit dem stets frischen Rundschnitt im Genick liegt ihm wie eine Kappe um den Kopf. Selbst wenn er heftig wird, reicht es beim Tory-Boß mit der steifen Oberlippe nur zu einem Minimum an Mimik.

Wegen seines scheinbaren Mangels an menschlichen Regungen nannte der Schriftsteller Auberon Waugh den Premier einmal einen "Humanoid".

Nichts prägt das Öffentlichkeitsbild von Regierungschef und Oppositionsführer so nachdrücklich wie die Rededuelle in der "question-time". Über das BBC-Fernsehen ist die Nation live dabei, wenn Major und Kinnock mal über ein verrottetes Londoner Krankenhaus, mal über die Zukunft Hongkongs aneinandergeraten. Die Parlamentskorrespondenten der großen Blätter rezensieren die Auftritte der Akteure wie Theaterkritiker oder Sportreporter.

Die rauflustige Premierministerin Margaret Thatcher erkämpfte sich ihr Image als Superwoman vornehmlich in den Redeschlachten der Fragestunden. Über Majors Leistungen als Debattierer seufzte hingegen die Times: Der Bläßling verliere "jeden Wettbewerb in leidenschaftlicher Rhetorik".

John Major, 48, regiert sein Land seit einem Jahr mit einem geerbten Mandat. Nicht das Volk hat ihn in einer Wahl nach Downing Street geschickt, er verdankt den Einzug ins Machtzentrum des Königreichs am 28. November 1990 einem parteiinternen Putsch gegen seine Vorgängerin. Für Liberalen-Chef Paddy Ashdown ist die Major-Regierung daher "nicht mehr repräsentativ" für den Wählerwillen.

Die einzige sichere Chance, vorzeitig Neuwahlen zu gewinnen - vergangenen März in der nationalen Begeisterung nach dem Golfsieg -, verpaßte der "Zauderer", wie rechte und linke Gegner den Jung-Premier nennen.

Die Konservativen würden es Major nicht verzeihen, wenn er bei den Wahlen das kostbare Thatcher-Erbe verliert. Schon beim Parteitag im Oktober zeigten die Delegierten eine auffallende Vorliebe für den Umweltminister Michael Heseltine - obwohl es der blonde Recke war, der Maggie Thatcher ausgehebelt hat.

Neil Kinnock, 49, hat gleichfalls nur noch einen Versuch frei. Labour hat seit 1979 drei Unterhauswahlen verloren, die letzte Schlappe gegen die "Eiserne Lady" ging auf Kinnocks Kappe. Verliert der sommersprossige Waliser auch noch gegen den Thatcher-Nachfolger, steht Ersatz schon bereit: der landesweit respektierte, auch von der Tory-nahen Industrie geschätzte Schatten-Schatzkanzler John Smith.

Dem konservativen Parteivolk ist sein Führer zu zahm. Der konfliktscheue Premier hat in seiner Karriere keinen einzigen nachweisbaren politischen Feind zurückgelassen - ein politischer Fall fürs "Guinness Book of Records".

Weitsichtig spottete schon 1969, als der junge John im Stadtrat des Londoner Vororts Lambeth Politik lernte, der Labour-Kollege Ken Livingstone: "Alle Tories sind Monstren. Major ist reizend. Also kann Major kein Tory sein."

Avancen des Imagespezialisten Gordon Reece, der dem blassen "Honest John" einige kräftige Farbtupfer verpassen will - andere Brille, anderer Haarschnitt, tiefere Stimme -, hat Major bisher abgewehrt. Reece ließ Maggie Thatchers schiefe Zähne richten, senkte ihr schrilles Organ und wurde dafür mit dem Sir-Titel belohnt. Der Premier will von solchen Aufbesserungen nichts wissen: Man solle nicht vorgeben, "jemand zu sein, der man nicht ist".

Grausamkeiten gegen die politischen Führer gehören zum Ritual der Londoner Pressekolumnisten; aber eine Überdosis an Spott hat Major, wie seine Umgebung beobachtete, persönlich tief verletzt.

In einer Comic-strip-Serie im Spectator agierte Major als "The Suit" - als leerer Anzug. Major-Biographin Nesta Wyn Ellis - es gibt schon drei Bücher über den Premier - nannte ihn eine "Persönlichkeit ohne großes P". Für den Economist war der Premier nur "Mrs. Thatchers kleiner Sir Echo", der Wirtschaftsexperte Alan Walters sah im Regierungschef bestenfalls einen "sehr tüchtigen Verwaltungsbeamten".

Kein Wunder, daß der Premier sich im Umgang mit vorurteilslosen Ausländern wohler fühlt als daheim im Königreich. US-Präsident George Bush akzeptiert den Junior als gleichrangigen Partner, und Bundeskanzler Helmut Kohl fügte den Briten trotz sachlicher Differenzen anstandslos in die lange Reihe seiner "Freunde" ein.

In der Außenpolitik gab Major bisher auch die beste Vorstellung; da tritt er aus dem mächtigen Schatten seiner Ziehmutter Thatcher heraus und ist "sein eigener Mann" (Major).

Als in Moskau die Reaktionäre putschten, verurteilte der Premier - mutiger als der opportunistische Franzose Francois Mitterrand - den "Schlag gegen den Reformprozeß"; Gorbi dankte ihm am Telefon. Gegen den Rat seiner eigenen Diplomaten rüffelte Major in Peking die Menschenrechtsverletzungen der chinesischen Machthaber.

Innenpolitisch muß der Chef-Konservative sich gegenüber einem Establishment behaupten, das ihm kühl entgegentritt: die Reichen, die alten Namen, das "Old Boy"-Flechtwerk aus Absolventen von Eliteschulen wie Eton und Prestige-Universitäten wie Oxford und Cambridge.

Der jüngste Britenpremier dieses Jahrhunderts ging mit 16 von der Schule ab, danach hat ihn die "Universität des Lebens" (Major) geformt. Im Parlament jedoch muß er sich gegen 263 selbstbewußte und oft genug dünkelhafte Voll-Akademiker behaupten.

Herkunft und Schule sind in der starren Klassengesellschaft Britanniens noch immer von überragender Bedeutung für gesellschaftliches Ansehen. Aufsteiger stehen nicht hoch im Kurs, ob in Politik, Wirtschaft oder Kunst. Für das britische Establishment seien "außerordentliche Erfolge" einfach "vulgär", weiß aus eigener Erfahrung ein anderer Erfolgreicher, der Shakespeare-Mime und Filmemacher ("Henry V") Kenneth Branagh.

Die Linken halten den Konservativen aus dem Arbeiterviertel Brixton, der sich als 18jähriger in Arbeitslosenschlangen "gedemütigt" fühlte - so Major noch vorletzte Woche -, für eine Art Klassenverräter. Der junge Major habe doch, so meint verächtlich ein Gewerkschafter, seinen Aufstieg nicht gegen das Establishment, sondern "an dessen Rockschößen" geschafft.

Die Tory Party kann Erzkonservative wie den Ex-Minister Cecil Parkinson vorweisen, die früher links standen. Major, als Sohn eines Zirkusartisten ein Unterklassenkind, hat dagegen "nie eine auch nur vorübergehende Linksphase" durchlebt, so Bruce Anderson, ein anderer Biograph.

Zwei große Themen werden letztlich die Wahlen entscheiden: Innenpolitisch zählen der Kampf gegen die Wirtschaftsrezession, den Niedergang des Gesundheitsdienstes, die Serien von Firmenzusammenbrüchen und die neuen Arbeitslosenheere; außenpolitisch ist der Bruchpunkt Britanniens Beitritt zur europäischen Wirtschafts- und Währungsunion.

John Major diente Maggie Thatcher drei Jahre lang im Schatzamt. Als ihr engster Gehilfe kann er sich von den katastrophalen Spätfolgen des Thatcherismus nicht distanzieren. Unter Maggie "und ihrem Major", so höhnte das Londoner Magazin Blitz, seien die Reichen reicher, die Armen ärmer geworden, "und der Rest lebt auf Kredit".

Schon als er sich zum erstenmal, Ehefrau Norma, 49, im Arm, vor der schwarzen Tür mit der Nummer zehn in Downing Street ablichten ließ, rief der Neuankömmling die "klassenlose Gesellschaft" für den überkommenen Kastenstaat aus. Inzwischen hat Major dieses ehrgeizige Ziel modifiziert - er steuert mehr in Richtung einer klassenübergreifenden Meritokratie mit Chancengleichheit für oben und unten.Von einem Abschied vom Thatcherismus kann noch keine Rede sein. Aber aus dem Mund des umgänglichen, anderen Meinungen zugänglichen Mr. Major klingt die harte Thatcher-Heilslehre menschlicher.

Jedem will Major etwas Gutes tun. Eine Bürger-Charta soll die Rechte der Untertanen gegen die Verwaltung stärken, Kranken werden Wartefristen von nicht mehr als zwei Jahren vor Operationen zugesichert. Natürlich bekamen auch die Frauen - obwohl im Major-Kabinett keine einzige sitzt - ihre Aufwertungs-Charta. "Unverbindliches Geschwafel", giftete Labour gegen Majors Charta-Welle. Besonders scharf wird das Inselvolk seinen Premier im Auge behalten, wenn er am 9. und 10. Dezember im holländischen Maastricht seinen europäischen Drahtseilakt vollführt. Die emotionsgeladene Debatte um Britanniens Integration in Europa einerseits, das Festkrallen an der geheiligten nationalen Unabhängigkeit andererseits wühlt das Königreich seit Monaten auf und spaltet die Tory-Partei.

Mit Rücksicht auf die Euro-Hysteriker darf der Premier nicht zeigen, was er wirklich ist: ein überzeugter Europäer. Spätestens 1989, als er Maggie Thatcher für volle drei Monate als Außenminister dienen durfte, habe Major "beschlossen", ein "guter Europäer" zu sein, fand Biograph Anderson heraus. Durch die Thatcheristen hat Major aber auch hinzugelernt: Er will Britanniens Rolle als unbestechlicher Entlarver europäischer Luftschlösser erhalten.

Dabei muß Major auf den Labour-Führer Neil Kinnock aufpassen. Der Waliser hat seine traditionell europafeindliche Partei behutsam auf einen neuen Kurs in Richtung Brüssel gesteuert. Der Frontenwechsel ist paradox: Tory-Premiers wie Winston Churchill - der forderte schon 1946 die "Vereinigten Staaten von Europa" -, Harold Macmillan und Edward Heath haben Britannien an Europa herangeführt, immer gegen den Widerstand von Labour.

In der Europa-Debatte des Unterhauses vorige Woche beteuerte der alte Anti-Europäer Kinnock sein "absolutes Engagement" für Europa. Major dagegen schaukelte zwischen einer Absage an eine "föderale Union" und der Warnung, ohne Integration bleibe Britannien "reduziert" draußen vor der Tür. Kinnock: "Der Premier spielte auf Unentschieden."

Ein energiegeladener Auftritt von Frau Thatcher - "Manchmal muß man die Handtasche schwingen", trompetete sie von ihrem neuen Platz auf der Hinterbank - verwandelte Major auf seinem Premierssitz unter ihr wieder in einen braven Schüler.

Noch einmal sprühte die Dame vor anti-europäischem Eifer und machte einen tückischen Vorschlag, der Major letztlich die Europa-Entscheidung entwinden könnte: "Laßt das Volk sprechen." Ein Referendum über die EG-Integration hatte Major noch einen Tag zuvor abgelehnt, jetzt auf einmal schloß Downing Street eine Volksbefragung zeitweilig nicht mehr völlig aus - Major schien zurückzuweichen.

Für die Masse der Briten ist die Europäische Union weniger ein Rechenexempel - zahlt es sich aus? -, sondern eine Entscheidung über die Unabhängigkeit des ältesten Parlaments. Die Europafrage wird zu einer Frage nach der politischen Statur des Premierministers.

Als John Major vor einem Jahr zum erstenmal in Downing Street vorgefahren wurde, kramten Londoner Polit-Veteranen einen der sarkastischen Sprüche Winston Churchills aus den Archiven.

Der im Krieg siegreiche Tory-Premier hatte 1945 überraschend die Wahlen gegen den Labour-Kandidaten, den unscheinbaren Clement Attlee, verloren. Churchill über die Ablösung: "Ein leeres Taxi fuhr in Downing Street vor, und Clement Attlee stieg aus."

Inzwischen haben Majors Gegner die Anekdote wieder eingemottet. Verständlich: Attlee begründete den kostenlosen staatlichen Gesundheitsdienst, befreite das wankende Empire von seiner Koloniallast Indien und gilt heute als einer der größten Britenpremiers des Jahrhunderts. o


DER SPIEGEL 48/1991
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