23.12.1991

Deine Fäuste tanzten für das Gute

Mensch Horst, Alter, starker Abgang, echt. Wie dumm die alle dastehen, den Kopf im Nacken, das Maul weit offen: der Thanner, von wegen Freund! Die scharfe Tussi, ganz schön am Boden. Der Oberaufseher von der Kripo, das heimtückische Schwein. Und Du hebst einfach ab Richtung Rheinbrücke und dann mit den Jungens vom Motorrad-Rockerklub um die Wette. Doll.
Leise gehst Du ja nicht gerade, gebeugt oder so, nach zehn Schimanski-Jahren bei der Kripo Duisburg. Nach dem Gemotze in der Presse: Ruhrpott-Rambo, Hitzkopf, Rebell, Tollpatsch, Treuherz, Muskelmacho, Potenzprotz, Versager, Traummann. Genau, hast Du Dir gesagt, und in Deinem Abschieds"Tatort" am kommenden Sonntag machst Du noch mal vor, wie das alles in einem geht.
Die Drehbuchschreiber Axel Götz und Thomas Wesskamp und Regisseur Hajo Gies scheren sich einen Dreck darum, ob einer wie Du in einer deutschen Kripodienststelle wirklich so auftreten darf. Und Du sagst so oft "Scheiße", wie es Dir paßt. Gut so, Horst, das wird ein Fest.
Dabei sieht es im "Fall Schimanski", Deinem 29. Tatort, gar nicht gut für Dich aus. Was aus ein paar geilen Nummern im Campingwagen für ein Schlamassel werden kann. Der Thanner hat Dich immer gewarnt. "Horst", hat er gesagt, "irgendwann wirst Du über Deinen eigenen Schwanz stolpern." Der Spießer hat recht behalten.
Da verdächtigen sie Dich der Bestechlichkeit, Dich, Horst Schimanski, den Robin Hood der Zweidrittel-Gesellschaft. Zehn Jahre lang hast Du Dich nicht geschont, hast keinen Hinterhalt und keinen Fettnapf ausgelassen, hast Dich zusammendreschen und voll Heroin pumpen lassen und bist mit dem nackten Arsch auf dem nassen Rasen vom MSV wieder aufgewacht - immer im Dienst für den kleinen Mann, die schwache Frau, das mißhandelte Kind.
Weiß Du noch, Horst? Du hast Deine Birne schon hingehalten, als Helmut Kohl Kanzler wurde. Ihr habt ganz gut zusammengepaßt - Helmut und Horst, die Kraftprotze der Nation. Einen besseren Sozialarbeiter als Dich konnte dieser Oggersheimer gar nicht finden: bundesweit im Einsatz, kostenlos frei Haus.
Jetzt zum Abschied muß es einmal gesagt werden, Horst: Du warst ein schwacher, aber oft der einzige Trost. Da konnten rundum Recht und Unrecht verschwimmen - gekaufte Politiker, geschmierte Parteien, Denunzianten, Umweltsünder, Drogendealer, Waffenschieber -, auf Dich war immer Verlaß. Deine Cowboystiefel traten nur in böse Bäuche, Deine Fäuste tanzten für das Gute.
Schade, daß der Kanzler im letzten Tatort nicht einen mit Dir trinken kam, _(* Links: mit Sunnyi Melles. ) auf dieser Party da, bei der Industriellen-Witwe, aber Du paßt eben nicht in die feine Gesellschaft. Prost, Horst.
Außerdem, Du siehst ja, Alter: Sobald es hart auf hart geht, nützt die Nähe zu den Großen gar nichts. Wenn sie einen fertigmachen wollen, halten sie wie die Mafia zusammen. Du buddelst die übelsten Machenschaften aus - Drogengeschäfte, Geldwäsche, illegale Immobilientransaktionen -, und je tiefer Du gräbst, um so einsamer wirst Du. Selbst Thanner läßt Dich im Stich, und dann stehst Du da, die Fresse poliert, die Jacke zerrissen, wie John Wayne in der Prärie ohne Pferd.
Selber schuld! Doch, Horst, da ist was dran. Was hält Dir der Ober-Kripo-Boß vor: In zehn Jahren hast Du einen einzigen Fortbildungslehrgang besucht. Und was war''s: "ein Schleuderkurs". Was Du da gelernt hast, reicht gerade mal, um mit Deiner Rostlaube einem Killer knapp zu entkommen. Aber Datenverarbeitung, Fahndungsmethodik oder Menschenkenntnis? Fehlanzeige.
Du rennst mit offenen Augen in die Falle. Legst Dich mit dieser hergelaufenen Corinna auf die Matratze, einer Dame ohne Nachnamen, so spitz wie verheiratet. Frau Staatssekretär, die Gattin vom Gauner, außen Seide, innen Sau. Erst reißt sie Dir die Jeans vom Leib, dann liefert sie Dich ans Messer.
Aber mit den Frauen hast Du ja immer Probleme gehabt, was Horst? Klar, irgendwie sind sie alle scharf auf Schimanski. Hast Dich ja auch verdammt gut gehalten, Alter, für 53. Die Lotti von nebenan kriegt ganz glasige Augen, wenn sonntags Tatort angesagt ist. Oben rum mit dem engen Leibchen, meint sie, "wie der junge Marlon Brando, unten schmal und geschmeidig wie Jimmy Dean". Na ja.
Bloß, Horst, nur weil es keine lange mit Dir aushält, machst Du doch jetzt wohl keinen Mist. Mal ernsthaft: Was soll die blonde Tunte in Deiner Bude? Der Kimono-Typ mit der Flötenstimme, den Du auf dem Arbeitsamt aufgabelst, nachdem Du der Kripo Deine Dienstmarke hingeschmissen hast?
Klar, Mann, Du brauchst Kohle, und der Kleine zahlt Miete. Aber Horst, da ist doch nix mit dem Bengel, oder? Junge, das kannst Du nicht machen. Fürn Späßchen sind Deine Kumpels immer zu haben, aber überzieh es nicht. Die Lotti, die tut sich glatt was an. Und Du nennst diesen Kerl auch noch "Mäuschen"!
Na, das muß man wohl unter Verwirrung abbuchen. Schließlich kämpfst Du in Deinem Showdown gleich an zwei Fronten: gegen die Fieslinge bei der Polizei und gegen die echten Verbrecher. Und, Horst, im Vertrauen: Bist ein guter Bulle, aber besonders helle biste ja nicht. Nur: Verglichen mit den anderen TV-Kriponasen, ob die nun Stoever heißen oder Derrick oder Kottan, ob die in München, in Wien oder in Miami ermitteln - im Vergleich, Horst, warst Du ein starker Typ.
Jetzt, kurz vor Schluß, geht das auch den anderen auf. "Mit großem Können, viel Professionalität und der richtigen Strategie", schreibt Die Welt, hast Du "reüssiert" - Lotti hat im Lexikon nachgeschlagen, Horst, das heißt, Du hast Erfolg gehabt. Plötzlich fällt der Frankfurter Allgemeinen auf, daß "einer wie Schimanski selten ist im deutschen Fernsehen", und deshalb muß man "ihn pflegen". "Komm zurück, Schimmi", fleht das Zeit-Magazin.
Zu dem Bierfest, das Dir der WDR nach dem letzten Tatort spendiert hat, kam auch der Duisburger Oberbürgermeister Josef Krings. Der Mann weiß, was er an Dir verliert; die grauen Schlote und Deine blauen Augen, das steht jetzt für mindestens ebensoviel Romantik wie der blonde Hans und das Meer. Deshalb hat es der OB auch bestimmt nicht so gemeint, als er Dich zum Abschied mit Shakespeares Hamlet und Richard III. verglich.
Kopf hoch, Horst, mach Dir nichts draus. Du hast das schon richtig entschieden: Aufhören, wenn es am schönsten ist. Und was wahre Freundschaft ist, Alter, davon haben die doch alle keinen Schimmi. Sagt Lotti auch.
Bettina Musall
* Links: mit Sunnyi Melles.
Von Bettina Musall

DER SPIEGEL 52/1991
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