23.12.1991

ZahnmedizinGift im Gebiß

Richten quecksilberhaltige Zahnplomben schwere Gesundheitsschäden an? Kritiker fordern ein Verbot der Füllstoffe, die Experten sind zerstritten.
Die einen plagt die Schwermut, bis sie der Gedanke an Selbstmord nicht mehr losläßt. Andere landen mit Wahnvorstellungen in der Psychiatrie. Bei wieder anderen spielt der Körper verrückt: Die Haare fallen aus, die Sinne versagen, Muskelschwund und Lähmungen zwingen sie in den Rollstuhl.
So vielgestaltig sind die Erscheinungsformen eines Leidens, dessen Ursache nach Ansicht des Münchner Toxikologen Max Daunderer im Mund der Patienten liegt. Die Kranken, behauptet Daunderer, seien "nachweislich" durch das Plomben-Amalgam in ihren Zähnen "vergiftet" worden; der Schaden reiche von "geringer Allgemeinsymptomatik" bis zu "schwersten Nerven- und Immunstörungen".
Was Daunderer als Gefahr für die Volksgesundheit anprangert, ist für den gleichfalls in München tätigen Toxikologen Wolfgang Forth "keineswegs ein besonders drückendes Problem". Wie Forth sehen auch die Zahnärzte keinen Grund, auf den "seit mehr als einem Jahrhundert bewährten" Füllstoff zu verzichten.
Der Streit um das zur Hälfte aus Silber, Zinn, Kupfer und Zink, zur anderen Hälfte aus Quecksilber bestehende Amalgam reißt in der Bundesrepublik seit Jahren nicht ab. Ob die Füllsubstanz tatsächlich massenhaft Quecksilbervergiftungen auslöst, konnte bislang nicht wissenschaftlich eindeutig nachgewiesen werden.
Nun aber hat ein Gärtnermeister den Amalgam-Feinden Rückenwind verschafft. Weil der 44jährige Mann seine Depressionen auf die Giftwirkung von zwei Zahnplomben zurückführte, ließ er die Füllungen entfernen und durch Gold ersetzen.
Als die Krankenkasse sich weigerte, dafür die Kosten zu übernehmen, zog der Gärtner vor Gericht. Da geschah Verblüffendes: Noch bevor es zum Urteil kam, gab die Kasse klein bei und zahlte - in den Augen der Amalgam-Gegner ein Schuldeingeständnis, das die Quecksilber-Risiken bestätigt.
Seither haben die Gesundheitswächter ihre Bemühungen um ein Verbot der quecksilberhaltigen Zahnfüllungen verdoppelt. Deutschland, fordern sie, müsse dem Beispiel Japans folgen, wo der Füllstoff schon seit 1988 aus Umweltschutzgründen nicht mehr benutzt werden darf.
In Österreich verwenden Zahnärzte nur noch das entschärfte "Non-gamma-2-Amalgam"; es enthält nur drei Prozent Quecksilber. In Schwedens Zahnpraxen wird so gut wie kein Amalgam mehr eingesetzt; die Entfernung des umstrittenen Materials wird von den Kassen bezahlt.
Ausschlaggebend für diesen Rückzug waren Erkenntnisse, die zumindest den Verdacht auf Gesundheitsrisiken durch Plomben-Quecksilber nahelegen:
> Das giftige Schwermetall wird, Untersuchungen zufolge, immerhin "in Spurenmengen" aus dem Amalgam freigesetzt. Die Quecksilber-Abgabe an den Körper nimmt mit der Zahl der Plomben zu: "Bei 15 bis 20 Füllungen und mehr", so Toxikologe Forth, könne "die Grenze erreicht sein, bei der Vorsicht geboten ist".
> Das freiwerdende Quecksilber lagert sich in Knochen, Leber, Nieren und Gehirn ein. Was solche Depots auf die Dauer im Körper bewirken, ist unklar. Das Berliner Bundesgesundheitsamt (BGA) sieht in dieser Frage jedenfalls einen "Forschungsbedarf".
> Vor allem Kleinkinder reagieren auf die chronische Quecksilber-Aufnahme empfindlich. Das BGA rät deshalb Frauen seit Oktober 1987 davon ab, sich während der Schwangerschaft Amalgam-Plomben in größerer Zahl legen oder entfernen zu lassen.
Bis zu 20 Mikrogramm Quecksilber täglich gelangen nach Erkenntnissen unabhängiger Forscher durch den Abrieb und die chemische Zersetzung von Amalgam-Füllungen in den Körper. Entscheidend für das Ausmaß der Giftlast sind Zahl und Fläche der Plomben. Bei gewohnheitsmäßigem Zähneknirschen ("Bruxismus") und Kaugummikauen dürften die Werte höher liegen. Erste Anzeichen einer Erkrankung lassen sich jedoch nach einem Expertenbericht der Weltgesundheitsorganisation WHO "frühestens ab 210 Mikrogramm" feststellen.
Die WHO-Entwarnung hat die Amalgam-Gegner nicht überzeugen können. Sie machen die schleichende Quecksilber-Vergiftung weiter für eine Fülle unterschiedlicher Krankheiten verantwortlich - die Leidensliste reicht von der Multiplen Sklerose bis zu Krebserkrankungen und dem Alzheimer-Syndrom.
Bei Kaugummitests will etwa Toxikologe Daunderer im Speichel vom Amalgam-Trägern Quecksilberanteile "bis zum 187 000fachen" der Toleranzmenge festgestellt haben. Nach "Mobilisationen" mit einem schwefelhaltigen Quecksilber-Gegengift, bei denen Schwermetalldepots im Körper verstärkt ausgespült werden, fanden sich bei seinen Patienten angeblich bis zu 42 000 Mikrogramm Quecksilber pro Liter Urin und bis zu 1500 Mikrogramm pro Kilogramm Stuhl.
Bei Gegenuntersuchungen, die der Erlanger Arbeitsmediziner Rainer Schiele 1989 durchführte, ließen sich Daunderers Meßergebnisse allerdings nicht reproduzieren. Die Quecksilber-Werte im Urin der Probanden lagen weit unterhalb der Gefahrenschwelle.
Auch Daunderers Behauptung, er sei im Körper von Amalgam-Plombenträgern auf "hohe Quecksilber-Depots" gestoßen, trifft bei anderen Experten auf Skepsis. In Nachuntersuchungen an Leichen fand sich für die Depot-These keine Bestätigung.
Die Quecksilber-Belastung im Gehirn der Toten lag, wie Toxikologe Forth berichtet, "bei etwa einem Zwanzigstel" der Menge, "die als toxisch anzusehen ist". Unklar, so der Daunderer-Gegner, sei überdies, woher das Schwermetall stammt; die Untersuchten, meint er, könnten es ebensogut mit der Nahrung aufgenommen haben.
In der von Daunderer propagierten Mobilisation des Quecksilbers mit Hilfe des Gegengifts DMPS ("Dimaval") sehen die Experten eher eine zusätzliche Gefahr. Die vermeintliche Ausspülung und Trockenlegung von Gehirndepots, so die Arzneimittelkommission der Zahnärzte, sei "Wunschdenken". Durch die Behandlung könne es "sogar zu einer gewissen Umverteilung des Körper-Quecksilbers zum Gehirn" kommen.
An ein generelles Amalgam-Verbot denkt bislang kein Politiker. Es käme, in der von Eiferern wie Daunderer aufgeheizten Atmosphäre, dem Eingeständnis gleich, daß Deutschlands Zahnärzte ungehindert ihre Patienten vergiften dürfen.
Rund 50 Millionen Karieslöcher jährlich versiegeln die Zahnbehandler mit der metallischen Paste; insgesamt zehn Tonnen Quecksilber füllen sie dabei in die Münder ihrer Klienten. Würden die Plomben durch weit teurere Goldinlays ersetzt, käme auf die Krankenkassen eine neue Kostenlawine zu.
Obendrein wäre, auch nach Ansicht der Kritiker, das Übel mit einem Amalgam-Verbot längst noch nicht aus der Welt geschafft: Die Verweildauer von Quecksilber-Rückständen etwa im Gehirn beträgt mehrere Jahre, womöglich schon entstandene Gesundheitsschäden können noch jahrzehntelang fortwirken.
Schließlich drohen beim Entfernen der Amalgam-Kerne neue Gefahren: Beim Herausbohren einer alten Amalgam-Füllung atmet ein Patient, laut Daunderer, 1000 Mikrogramm Quecksilber pro Kubikmeter Luft ein - was nach Ansicht des Münchner Mediziners einer neuen "sehr schweren Vergiftung" gleichkommt.

DER SPIEGEL 52/1991
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