23.12.1991

SpieleRiege der Götter

Hobby-Strategen schlagen Völkerschlachten und erobern ferne Planeten - per Post und via Datenleitung.
Lothar Hübbers, 26, ist "Atlan". Nach Feierabend vertauscht der Elektromeister im rheinischen Moers den Phasenprüfer mit der Laserkanone und verwandelt sich in den allmächtigen Herrscher von Avalon.
Als Atlan führt er dann seine intergalaktische Flotte durch die Weiten des Alls. Mit feindlichen Kriegern, tückischen Kampfrobotern oder anderen kosmischen Kreaturen macht der Weltraum-Rambo vom Niederrhein kurzen Prozeß. "Das geht zu wie bei High Noon", schwärmt Atlan alias Hübbers.
Des Elektromeisters Sternenkrieg spielt sich in Wahrheit auf kleinkarierten DIN-A3-Bögen vom Schreibwarenhändler nebenan ab. Die Schüsse aus der imaginären Laserkanone werden von der Deutschen Bundespost ins Ziel gebracht. Hübbers ist nach eigenem Bekunden "mehr oder weniger süchtig" nach den sogenannten Postspielen, einer komplexen Variante des altbekannten Schiffchen-Versenkens.
So erhalten Teilnehmer des Sciencefiction-Postspiels "Evolution der Sterne" neben einer "Sternenkarte" (dem eigentlichen Spielfeld) für jede Runde ein "Besitztümerblatt", das aktuelle Daten ihres jeweiligen "Reiches" (etwa über Sternenkolonien, Raumschiffe oder Waffen) enthält.
Die Spielzüge, mit denen sie Macht und Wohlstand ihres fiktiven Imperiums auf Kosten der anderen Teilnehmer zu mehren suchen, senden sie anschließend - im frankierten Briefumschlag - in Form von Kürzeln und Koordinatenangaben auf einem "Befehlsblatt" an den sogenannten Spielleiter.
Angeboten werden Postspiele von Hobby-Klubs und kleineren Spiele-Firmen. Als Werbeträger dienen Szene-Zeitschriften ("Zines") mit ausgefallenen Titeln wie Abseitsfalle (Aachen), Amtsblatt (Darmstadt) oder Lübecker Nachtwächter.
Nicht wenige der verschrobenen Briefabenteurer versuchen sich auch selbst als Schöpfer neuer Phantasiewelten, ihre Spielideen und Regelwerke werden regelmäßig in den "Zines" vorgestellt.
Rund 5000 Spieler, schätzen Szenekenner, schicken im Zustellbereich der Deutschen Bundespost regelmäßig fiktive Heere und erdachtes Kriegsgerät in langwierige Briefschlachten. Als Szenarios, in sogenannten Regelheften detailliert beschrieben, stehen finsteres Mittelalter und fernste Zukunft zur Verfügung.
So streiten im Postspiel "Feudalherren" englische Lords um die Nachfolge von König Artus, bei "Evolution der Sterne" hingegen, dem Lieblingsspiel von Elektromeister Hübbers, wird die Geschichte einer ganzen Galaxis simuliert.
Geduld müssen die Postspieler aufbringen: Ein einziger Durchgang, an dem sich mitunter bis zu 30 Briefkrieger beteiligen, kann ein ganzes Jahr dauern, manchmal auch länger. Die Teilnahmegebühren (durchschnittlich 30 bis 40 Mark im Monat) werden rundenweise fällig. Jeweils zu bestimmten Stichtagen schicken die Spieler ihre Befehlslisten an den Spielleiter, der (meist mit Hilfe eines Personalcomputers) Zug um Zug registriert und anschließend jedem Teilnehmer einen individuellen Lagebericht für die nächste Runde zusendet.
Als Spielverderber gilt dabei gelegentlich die Deutsche Bundespost: Manchmal gehen über Monate mühsam aufgebaute Imperien auf dem Postweg über Nacht verloren, Befehlslisten treffen erst nach Annahmeschluß ein.
Fantasy-Fans, die nicht auf den Postboten warten wollen, können jedoch neuerdings auch am heimischen Computer gegeneinander antreten.
Die kleine Firma "Peter Stevens Postspiele" in Gelsenkirchen bietet, nach britischem und amerikanischem Vorbild, eine ganze Spiel-Welt "online" an, anwählbar von jedem PC, der (über ein sogenanntes Modem) mit dem Telefonnetz verbunden ist.
In der "Stadt der Götter", wie der elektronische Abenteuerspielplatz heißt, können derzeit maximal 15 Bewerber gleichzeitig um den Aufstieg in die "Riege der unsterblichen Götter" (Spielanleitung) ringen. Für bewegte Bilder, wie bei herkömmlichen Computerspielen, reicht die Übertragungstechnik allerdings noch nicht aus, die über Datenleitung vernetzten Rollenspieler müssen sich mit Textbotschaften und Trefferstatistiken begnügen.
Vom heimischen PC aus nehmen sie es mit den realen, ebenfalls zugeschalteten Mitspielern auf, zum anderen treffen sie auf zahllose imaginäre Ungeheuer, die von Spielleiter Stevens in die Computer-Welt "hineingeschrieben" wurden.
Ständig laufen die Teilnehmer darüber hinaus Gefahr, sich in dem ausgedehnten Labyrinth von mehr als 1000 computerprogrammierten Räumen hoffnungslos zu verirren.
Manche kommen allerdings gar nicht erst hinein. Das erfuhr ein Mitarbeiter der Frankfurter Allgemeinen, als er via Datenleitung die "Stadt der Götter" besuchen wollte. Er wurde schon am Stadttor abgewiesen: Der Gelsenkirchener Computer hatte womöglich, wie es im FAZ-Datenreisebericht heißt, "eins an der Waffel".

DER SPIEGEL 52/1991
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