25.11.1991

StarsTuten und Blasen

Becker - der Film: Ein deutscher TV-Sender zeigt in dieser Woche den wahren Boris.
Weltstar ist ein harter Job. Du lebst im Hotel, heimatlos. Du bist im Streß, grenzenlos. Du spielst Turniere, erste Runde Freilos.
Da kommst du manchmal schwer ins Schleudern. "Oh shit", dachte der Weltstar Boris im Finale von Melbourne, "is ja Matchball!" Und plötzlich war er die Nummer eins, "plötzlich konnte ich fliegen".
Er mußte fort vom Centre Court, mußte laufen und allein sein. Keine Kameras, keine Ovationen. "Ich wollte für mich meine Freiheit, meine Gefühle rauslassen" - advantage emotion.
Ein Weltstar, auch ein 24jähriger, hat viele Gesichter. Und wenn er, wie Boris Becker, die Brüder Carlo und Bernd Thränhardt zu Freunden hat, die ins Filmgeschäft streben, dann können sogar Menschen wie du und du an diesem Facettenreichtum teilhaben.
Carlo, der Hochspringer, und Bernd, der Journalist, haben binnen eines Jahres einen Dokumentarfilm gedreht, den der Pay-TV-Sender Premiere (250 000 Kunden) am Montag und Donnerstag dieser Woche verschlüsselt sendet. Am 28. Dezember strahlt ihn auch die ARD aus. "Advantage Emotion", so der Titel, verspricht intime Nähe zu dem jungen Tennisdenkmal - und verblüfft durch das Fehlen jeglicher Distanz.
Vor gedankenschnell wechselnden Kulissen lassen die Brüder den Freund Rückschau halten. In München war er down, "ich lag in der Badewanne und hatte von Tuten und Blasen keine Ahnung". Nach der Wimbledon-Pleite gegen Michael Stich hat er "durch den Schmäz wiedä Hoffnung geschöpft".
Wenn Boris mal, ausnahmsweise, schweigt, vertieft ein Kommentator (Christian Brückner, die deutsche Synchronstimme Robert de Niros) die Materie. "Gedanken verblassen in der Verzweiflung" und: "Er, der so früh erwachsen wurde, ist inzwischen rigoros in seinem Wunsch nach Selbstbestimmung." Gedanken, verblasen.
Beckers Freiheitsdrang durchdringt leitmotivisch das Porträt. "Entscheiden können, ob man morgens aufwachen will oder nicht", gehört zu seinen kostbaren Privilegien, doch ist solche Autonomie dialektisch verknüpft mit schnöden Zwängen: "Es kommen öfters Mädchen bei mir vorbei, da muß ich auf die Zähne beißen."
Tennis, sagt Becker und kratzt sich, "ist Nummer eins, Frau ist Nummer zwei". Entfernungen, denkt es an anderer Stelle aus dem Off, "sind abstrakt".
Als 90minütiger Videoclip, unterlegt mit pathetischer Filzball-Philosophie, kommt die rund 500 000 Mark teure Produktion daher. Um in die Gewinnzone zu gelangen - Premiere zahlte für die Erstrechte etwa 150 000 Mark -, wollen die Thränhardts den Film international vermarkten.
Zu diesem Zweck fokussierten sie ausschließlich ihren Hauptdarsteller; Weggefährten wie Günther Bosch oder Ion Tiriac fehlen. Einzig die frühere Freundin Karen Schultz taucht, entgegen einer mündlichen Absprache mit Bernd Thränhardt, in drei Sequenzen auf - im Auftrag der Familie Schultz droht nun ein Anwalt mit Schadensersatzforderungen, falls diese Szenen nicht herausgeschnitten werden.
Hat ein Weltstar noch Träume? Taxifahrer in New York, sagt Boris am Steuer eines Yellow Cab, "das paßt voll zu mir". Ist er, nach der Erstürmung aller Tennis-Gipfel, saturiert? Nein, sagt Boris, "weil, ich möchte nicht mehr durch ein Tal gehen".
In Wimbledon ist er "geboren", in Leimen lebte er "die ersten 16 Jahre", doch das ist lange her. Nun sucht er eine neue "Heimat" - neben "Freiheit" seine zentrale Kategorie, seine Vorstellung von Glück.
In der Steueroase Monte Carlo, im 17. Stock eines Appartementhauses, fühlt er sich noch am ehesten zu Hause. Da sitzt Boris Becker am runden Wohnzimmertisch, hört Musik und "schöpft Kraft".
Oder er liest auf dem sonnenüberfluteten Balkon den SPIEGEL. So normal kann ein Weltstar sein. o

DER SPIEGEL 48/1991
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