07.08.1989

ATOMKRAFTWERKESchlammiger Grund

Ein Störfall im Kernkraftwerk Isar I bei Landshut gefährdet den weiteren Betrieb der Anlage.
Die Atomgegner, die das Kernkraftwerk Isar I im niederbayrischen Ohu seit langem bekämpfen, sahen sich mal wieder in ihrem Urteil bestätigt. Kein anderer Atommeiler, so offenbarte der Jahresbericht der bundesdeutschen Großkraftwerkbetreiber, hat im vergangenen Jahr so viel radioaktive Stoffe ins Abwasser geleitet wie das Werk an der Isar bei Landshut.
Bürgerforum und Bund Naturschutz forderten deshalb vorletzte Woche lautstark das Ende von Isar I, der "größten atomaren Dreckschleuder" in der Bundesrepublik.
Die Eigentümer, die Bayernwerk AG und die Isar-Amperwerke AG, reagierten ebenfalls wie üblich. Sie warfen den AKW-Gegnern vor, diese starteten "unqualifizierte Angriffe". Auch das bayrische Umweltministerium wiegelte ab: die Abgabe von Spaltprodukten liege "deutlich unter den festgelegten Grenzwerten".
Betreiber und Aufsichtsbehörde verschwiegen, daß sich in dem 870-Megawatt-Siedewasserreaktor kurz zuvor ein schwerer Zwischenfall ereignet hatte, der nach Einschätzung von Kraftwerksingenieuren womöglich zwangsläufig zur Folge haben wird, was die Landshuter Atomkraftgegner verlangen - die endgültige Abschaltung des Meilers.
Am Montag vorletzter Woche, einen Tag vor den beschwichtigenden Erklärungen von Stromerzeugern und Ministerium, hatte nach Informationen von Betriebsangehörigen ein Defekt auf der Wechselbühne, von der aus die Brennelemente ausgetauscht werden, wahrscheinlich irreparable Schäden im Druckbehälter des Reaktors verursacht. Die Anlage war zu diesem Zeitpunkt abgeschaltet.
Der Teleskopmast, ein schweres Metallgestänge mit einem Greifer an der ausgefahrenen Spitze, löste sich aus der Verankerung, sauste runter und zerstörte durch die Wucht des Aufpralls ein Kugellager an der Wechselbühne oberhalb des Druckbehälters. Zahlreiche Edelstahlkugeln mit einem Durchmesser von nur acht Millimetern fielen in die geöffnete Druckkammer, die mit hochradioaktivem Wasser gefüllt ist. Die Kügelchen, zwei Gramm schwer, blieben auf den Brennelementen liegen, schoben sich zwischen die Stäbe oder sanken, rund 25 Meter tief, bis auf den Reaktorgrund, der durch Korrosionspartikel verschlammt ist.
Die Suche nach den versunkenen Rundteilchen gestaltete sich äußerst schwierig. Ingenieure durchforschten das sogenannte Reaktorgrab mit Hilfe von Fernsehkameras und fischten an Magnetangeln einige der Metallteile heraus. Doch nahezu aussichtslos schien es, berichten Techniker, an die Kugeln in der verschmutzten Senke zu gelangen.
Noch Tage nach dem Störfall wußten die Techniker nicht, wie viele Kugeln in dem zerstörten Lager enthalten waren. Folglich konnten sie auch nicht die genaue Zahl der verschwundenen Stahlperlen errechnen.
Die vorläufige Bilanz: Von über 100 Kugeln war etwa die Hälfte versunken. Ein Drittel davon wurde relativ schnell wieder aus dem Druckbehälter geborgen.
Kraftwerksingenieure halten es aber für unverantwortlich, den Reaktor wieder anzufahren, wenn die Gefahr besteht, daß auch nur eine Stahlkugel im innersten Gehäuse verblieben ist. Denn in dem Siedewasserreaktor entstehe bei Betrieb eine "immense Strömung".
Das Wasser wird im Druckbehälter von riesigen Axialpumpen umgewälzt, die mit Propellern in der Stärke von Schiffsschrauben ausgerüstet sind und mit 1700 Umdrehungen pro Minute arbeiten. Druck und Sog würden die Teilchen, gleich wo sie liegen, zwischen die Brennelemente schleudern, wo sie die vergleichsweise dünnen (0,7 Millimeter) und weichen Zircaloyhüllen der Brennstäbe, wie ein Atomtechniker erläutert, "in kürzester Zeit, bedingt durch die strömungsindizierten Schwingungen, durchfressen und damit Spaltprodukte freisetzen würden".
Eine erhöhte Radioaktivität im Reaktordruckbehälter birgt nach Ansicht von Atomexperten gerade beim 1979 in Betrieb genommenen KKW Isar I ein erhebliches Risiko. Anders als bei anderen Reaktortypen führt der Kühlkreislauf direkt aus dem Sicherheitsbehälter hinaus. Die Leitungen sind, warnt ein Techniker, "bei großem Kühlmittelverlust nur äußerst miserabel absperrbar".
Das bayrische Umweltministerium wurde kurz nach dem Zwischenfall von der Kraftwerksleitung informiert. Die Bayernwerk AG stufte das Ereignis als Störfall der "Kategorie N" ein. Das ist der niedrigste Gefährlichkeitsgrad.
Gemeinsam suchten Betreiber und Behörde den Störfall zunächst zu vertuschen. So meldete das Ministerium am Freitag vorletzter Woche lediglich, am Reaktorgebäudekran würden "Umrüstungsmaßnahmen" vorgenommen: Fahrwerk, elektrische Ausrüstung und Schienenlaufkatze müßten erneuert, die Kranbrücke müßte verstärkt werden - kein Wort über das geborstene Kugellager.
Am Freitag letzter Woche dann bestätigte Ministeriumssprecher Walter Czapka auf Anfrage, daß "ein Kugellager aufgesprungen ist und diese einzelnen Kügelchen in den Reaktorbehälter gefallen sind". Wie viele es waren, so Czapka, wisse man "nicht genau".
Erst spät, so als hätte es den Zwischenfall lieber für sich behalten, reagierte auch das Bayernwerk. Elf Tage nach dem Störfall, aber nur Stunden nach der SPIEGEL-Anfrage im Ministerium, verbreitete die Gesellschaft eine knappe Mitteilung.
Ende August soll die Anlage "wieder ans Netz" gehen. Aber nur, beteuert Czapka, "wenn sichergestellt ist, daß da keine Kugel mehr drin ist".

DER SPIEGEL 32/1989
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