07.08.1989

Roulettbetrug: „Hm-krr-chch-zwo-zwo“

Wird in den staatlich konzessionierten Spielbanken in großem Stil manipuliert? Reisende Falschspieler treffen Absprachen mit dem Personal. Croupiers, behaupten enttäuschte Zocker, werfen beim Roulett gezielt Gewinnzahlen an. Spielgeräte in einigen Kasinos wurden präpariert, Kasino-Mitarbeiter sitzen in Untersuchungshaft.
Der Karlsruher Teppichhändler Armin Rose, 45, derzeit arbeitslos, leidet an einer fixen Idee. Im Keller einer Sozialwohnung hat er einen Roulettkessel aufgestellt, wie er in fast jedem Spielkasino zu finden ist. Dort trainiert er den sogenannten Zielwurf.
Rose behauptet, eine vorher angesagte Zahl mit hoher Wahrscheinlichkeit treffen zu können: Die Elfenbeinkugel, sagt er, falle bei ihrem Rundlauf um den entgegengesetzt drehenden Zahlenkranz schließlich genau in das Nummernfach, das er vorher anvisiert habe.
Hätte Rose mit seiner "speziellen Wurftechnik" Erfolg, dann wäre ein weltweit florierendes Milliardengeschäft gefährdet. Das nur vom Zufall der unabsehbaren Zahlenfolgen bestimmte Glücksspiel Roulett müßte zu einer Geschicklichkeitsübung fingerfertiger Croupiers herabgestuft werden. Die behauptete Unbeeinflußbarkeit der rollenden, hüpfenden, bisweilen an rhombische Hindernisse anstoßenden Kugel wäre passe, jedwede Art von Manipulation möglich.
Seit Rose, der sich selber bankrott gespielt hat, seine Vorwürfe kürzlich dem Baden-Badener Schöffengericht zu Protokoll gegeben hat, ist die These vom gelenkten Roulettglück in Fach- und Branchenkreisen heiß umstritten. Experten des Bundeskriminalamts (BKA) halten Roses Behauptungen für "baren Unsinn". Doch der Baden-Badener Roulettfabrikant Klaus Kies, 50, berichtete der Polizei in einem anderen Verfahren als Zeuge Ähnliches: Ein ehemaliger Croupier habe in seiner Firma "die Kugel mit großer Treffsicherheit dahin plaziert, wo er sie haben wollte".
Die Attacken Roses, der den Spielbanken den Kampf angesagt hat, sind den auf Diskretion bedachten Roulettmanagern unangenehm. Denn sie lenken den Blick der Kritiker, die sich seit jeher mit kriminellen Machenschaften unerwünschter Trickspieler, Diebe und Betrüger beschäftigen, in eine andere Richtung - auf sie, die Glücksspielunternehmer selber.
Staatsanwälte und Roulettexperten haben seit langem den Verdacht, daß es in der stilvoll-gedämpften Atmosphäre der eleganten Spielsalons nicht immer so vornehm und korrekt zugeht, wie es die distinguierten Herren Croupiers, Saalchefs und Direktoren glauben machen wollen.
Den Mitarbeitern, vom Kasinochef bis zum Hausdiener, bleiben nach einschlägigen Erkenntnissen trotz strenger Haus-, Spiel- und Geräteordnung genug Möglichkeiten, den Glücksfaktor etwas zu mildern. Damit wächst offenbar die Versuchung, sich mit unsauberen Methoden am schnellen Geldgewinn zu beteiligen.
In Wiesbaden genügten 1984/85 ein bißchen kriminelle Energie und die Wut einiger Croupiers über eine interne Verordnung, die sie als Enteignung empfanden, um die Spielbank zu betrügen. Nach Ansicht der Bankhalter hatten ihnen die Kasinokonzessionäre ihre Bezüge geschmälert, da sie einen neuen Geschäftsführer (Jahresbezüge: 230 000 Mark) aus der Trinkgeldabgabe der Spielbankbesucher entlohnten. Die Tributkasse der Gewinnspieler, der Tronc, ist die Haupteinnahmequelle der nicht festangestellten Croupiers.
"Sie holten sich das", sagt ein Ermittler, weil sie "annahmen, daß es ihnen die Chefs vorenthalten hätten". Und zwar so: Mit zwei eingeweihten Gästen sprachen sie Gewinnspiele ab, die immer nach dem gleichen Muster abliefen. Die Spieler, einer von ihnen ein leibhaftiger Berliner Amtsrichter, machten kurz vor dem Fallen der Kugel ihre Zahlenansage, aber räuspernd und nuschelnd, so daß niemand sie verstehen konnte. Fiel die Kugel auf eine von Mitspielern nicht belegte Zahl, sprach der Croupier dem Komplizen am Spieltisch kurzerhand den Gewinn zu - so, als habe dieser die ausgespielte Zahl richtig annonciert.
Der Fachautor Walter Faber, 66, nennt die in Wiesbaden praktizierte Variante der ungesetzlichen Arbeitsteilung am Roulettkessel das "Hm-zwo-zwo"-Spiel. "Der Spieler, der mit im Bunde ist", so Faber, "spielt eine Zeitlang ein Nebennummernspiel." Er setzt gegen geringe Einsätze auf wechselnde Zahlen, aber immer mit den linken und rechten Nachbarziffern dazu - zwei links, zwei rechts. Die Ansage lautet etwa: "14-zwozwo" oder "9-zwo-zwo".
In günstig scheinenden Augenblicken annonciert der Schrägspieler undeutlich: "hm-krr-chch-zwo-zwo". Der Croupier verkündet beim Fall der Kugel, etwa auf die 29, bestätigend "die 29 für den Herrn" - oder auch mal eine der mitgesetzten Nebennummern, um das Zusammenspiel nicht allzu deutlich werden zu lassen.
Die Gewinne, mal Tarnbeträge in geringer Höhe, mal fette Beute wie 190 000 oder 265 000 Mark, wurden zwischen den Wiesbadener Kesselhütern und den mit ihnen verbündeten Absahnern redlich geteilt.
Die Gewinner machten nur den Fehler, mit allzu dreisten Murmelspielen den Argwohn unbeteiligter Kasinogäste zu erregen, die ihre Beobachtungen der Direktion meldeten. Die Telephone verdächtiger Croupiers wurden abgehört. Heraus kam, daß ein stellvertretender Betriebsratsvorsitzender der hundert Wiesbadener Croupiers acht Kollegen zu der illegalen Wiedergutmachungsaktion überredet hatte. Bei günstigen Gelegenheiten ließ der Anstifter einen früheren Studienfreund, den beteiligten Amtsrichter, von Berlin nach Rhein-Main einfliegen.
Erstaunt vernahmen die Ermittler in den mitgeschnittenen Telephonaten auch die ihnen bekannte Stimme einer BKA-Angehörigen. Die Mitarbeiterin des Abteilungspräsidenten für Kriminaltechnik, Wolfgang Steinke, ist mit einem der beschuldigten Croupiers verheiratet. Die kriminelle Gewinngemeinschaft, darunter ihr Ehemann, wurde 1987 vom Wiesbadener Landgericht wegen Untreue zu Haftstrafen von acht bis 21 Monaten mit Bewährung verurteilt.
Der überschaubare Kreis der Wiesbadener Abzocker fügt sich als Facette in ein finsteres Kolossalbild, das sich Fahnder wie Peps Zoller, 51, Roulettexperte des Bayerischen Landeskriminalamts, von der ganzen Branche machen. "In den Spielbanken ist so viel Geld zu holen", meint Zoller, "daß die organisierte Kriminalität daran nicht vorbeimarschiert."
Manche Profis arbeiten mit höchster technischer Raffinesse. So entdeckte ein Saalchef im Kasino in Velden am Wörthersee bei einem verdächtigen Spieler eine Laserkanone: Von einer Gaspatrone (Aufschrift: "Freon '12") unter seinem Jackett führte ein Schlauch durch den Ärmel zu einer Herrenhandtasche.
Mit einem gebündelten Lichtstrahl aus dem im Ledertäschchen verborgenen Zielgerät visierte der später als Mario Duina identifizierte Mann die ausrollende Kugel an. Ein Komplize namens Rolando Pelizza löste mit einem versteckten Funkgerät im richtigen, vorauskalkulierten Augenblick ein Signal aus, und ein Strom des geruch- und geräuschlosen Gases "Freon '12" stoppte die Kugel exakt an jenen Zahlen, die vier spielende Mitwisser gesetzt hatten (siehe Graphik Seite 55). Über die Effizienz dieses Tricks meldeten Kriminaltechniker aus Klagenfurt ihren Interpol-Kollegen in Europa auf dem Dienstweg: "Acht von zehn Spielen wurden bei der Rekonstruktion gewonnen."
Banden wie in Wiesbaden oder in Velden, glaubt Norbert Weise, Leitender Koblenzer Oberstaatsanwalt, operieren "heute fast in jedem Kasino". Auch Interpol berichtet von Hinweisen auf europaweit operierende Falschspieler-Syndikate: Da gebe es eine "Union Corse", die von Genua und Marseille aus die Fäden zieht, eine Mailänder Mafia, die Seminare für kriminellen Spielbanknachwuchs abhält, ferner eine Kasinobande von Jugoslawen und eine Holland-Connection.
In der Spielbank Bad Neuenahr ließ eine Hundertschaft von Ermittlern im Juni eine verdächtige Glücksspieltruppe mit bundesweiten Beziehungen und internationalem Hintergrund hochgehen. Der Hamburger Berufsspieler Horst Bratschke, 39, der in Bad Neuenahr bereits als "gefährlicher Falschspieler" registriert war, wurde an einem Sonntagmorgen um 6.30 Uhr aus dem Bett heraus verhaftet.
Zwölf mutmaßliche Komplizen, darunter vier Croupiers und ein stellvertretender Saalchef, wanderten mit ihm in Untersuchungshaft. Und letzte Woche geriet noch ein 50jähriger Österreicher ins Netz der Telephonüberwachung und wurde ebenfalls festgenommen.
Bratschke, als Spieler ohnehin gesperrt, hatte sich zuletzt nicht mehr an Spielkarten- und Roulettischen hervorgetan, sondern ein reisendes Gastspiel-Ensemble aus dem Hintergrund dirigiert.
Glücksspieler aus dem Inland, aber auch aus Frankreich, England und anderswoher hörten - und flogen - auf sein Kommando. Erste Erkenntnis der zunächst alarmierten hauseigenen Ermittler: "Bestimmte Gäste kommen immer zu bestimmten Zeiten, wenn bestimmte Croupiers Dienst haben."
Es stellte sich heraus, daß einige offenbar bestochene Croupiers noch versiegelte, scheinbar fabrikneue Baccara-Spielkarten in Wahrheit gezinkt und dem für die Kartenausgabe zuständigen Kasinodirektor untergeschoben hatten. Der Saladier, der Jeton-Verwalter am Roulettisch, soll den Bratschke-Marionetten fingierte Gewinne ausgezahlt haben.
Festlich gekleidete BKA-Beamte und Kollegen vom Mobilen Einsatzkommando hockten mit Leihgeld aus der rheinland-pfälzischen Landeskasse an Roulett- und Baccaratischen und sahen dabei den Filous auf die Finger. Der Schaden, taxiert Spielbankdirektor Bert Hanken, 55, "geht in die Millionen".
Die meisten Verhafteten schweigen, aber Chefermittler Weise ist "sicher, daß die Bande weit größer ist". Hanken hörte schon von mindestens "fünf weiteren Spielbanken", in denen Bratschkes Zocker erfolgreich gastiert haben sollen. Der Hintermann, heißt es in Fahnderkreisen, sei ein noch gesuchter Brite mit Querverbindungen nach Paris und Monaco.
Die Dunkelziffer scheint in der Bundesrepublik höher als in vergleichbaren Ländern. Während in den USA ein "Gaming Control Board" und in Frankreich die "Police de Jeu" das Glücksspiel überwachen, vertreten in westdeutschen Spielbanken ein paar Finanzbeamte den Staat, um die öffentliche Hand nach der 80prozentigen Abgabe auszustrecken. Als Kontrolleure des Spielbetriebs sind die Beamten hoffnungslos überfordert.
Mauscheleien zwischen Spielern und Spielbankern sind besonders schwer aufzudecken, kommen aber öfters vor. "Die kennen sich doch, spielen Tennis miteinand' und gehen zusammen Ski laufen", weiß der bayrische Kasinofahnder Zoller. Roulettautor Faber machte vor Jahren in Monte Carlo die Erfahrung, daß schon ein üppiges Anfangstrinkgeld, 500 Franc "pour les employes", bei der erstbesten Auszahlung für ein sogenanntes Plein, einen Treffer auf die gesetzte Zahl, unterderhand gleich einen Tausender zusätzlich brachte.
Etwas gravierender als solche kleinen Gefälligkeiten war die "Affäre Goldfinger", Zollers bisher größter Kasinofall. Gut 100 Aktenordner mußte eine von ihm geführte Sonderkommission anlegen, um den Münchner Systemspieler Wladimir Granec, 68, zu überführen.
Der alte Herr, in Branchenkreisen als "Goldfinger" berühmt, ließ über Jahre Dutzende von Lohnschreibern an Europas Spieltischen die gefallenen Roulettzahlen notieren und zu sogenannten Permanenzen gruppieren. Zweck der Dauerübung: Granec wollte Abweichungen in den vom Zufall diktierten Zahlenfolgen herausfinden, also gewisse Häufungen bestimmter Ziffern, die auf leichten Fehlern oder Verschleißfolgen der Roulettkessel beruhen. Solche Abweichungen waren früher von sogenannten Kesselfehlerspielern zu spektakulären Gewinntourneen ausgenutzt worden.
Monatelang habe Granec, gebürtiger Slowake und einst Redakteur bei Radio Free Europe, in seinem Zimmer gesessen und Kolonnen mit bis zu 30 000 Gewinnzahlen auf verwertbare Ausreißer untersucht, erzählte seine Ehefrau später vor Gericht. Anschließend schickte er dann Auftragsspieler vor Ort, rüstete sie mit 150 000 Mark Spielgeld und 250 Mark Spesen pro Tag aus und ließ sie mit großem Erfolg auf die ermittelten, gehäuft auftretenden Zahlen setzen.
Alles nur Bluff, behaupten die Ermittler. In Wahrheit habe Granec solche Kesselfehler nicht nur ausgenutzt, sondern zuvor mit Hilfe von Spielbanckomplizen manipulativ herbeigeführt - also kriminell gespielt. Tatsächlich wurden bei den Nachforschungen auch Querverbindungen zur "Union Corse", nach Las Vegas und zur Cosa-Nostra-Familie Genovese sichtbar.
Doch das Münchner Landgericht ließ sich auf die verwirrenden Interpol-Indizien gar nicht erst ein, sondern konzentrierte sich auf Goldfingers Wirken in Bayern - etwa in Bad Wiessee, wo seine Roulettjungs binnen drei Jahren 6,8 Millionen Mark eingesackt hatten.
Das Gericht hielt das Foulspiel am Zahlenkessel für erwiesen und verdonnerte Granec wegen Betrugs zu viereinhalb Jahren Gefängnis. Das Urteil wurde letztes Jahr rechtskräftig. Ein Herzleiden des mehrfach operierten Kasinoschrecks bewahrte ihn nach der Verurteilung vor dem Haftantritt.
Im Herbst wird es neue Aufregung für ihn geben. Dann muß sich der frühere technische Spielbankdirektor von Bad Wiessee, Horst Wenta, einst angeblich ein Granec-Vertrauter, wegen enttarnter Kesselmanipulationen vor Gericht verantworten. Doch schon sucht Granec über Inserate wieder Auftragsspieler, die 20 000 Mark Kaution bei einem Anwalt hinterlegen müssen, damit sie nach einem Gewinn nicht gleich untertauchen.
Daß bei seinem verzweigten Spielbetrieb noch vieles im dunkeln blieb, lesen die Fahnder aus einem Granec-Notizbuch ab. Darin waren Kürzel für zahlreiche Spielbanken vermerkt, etwa Bad Wiessee, Bentheim, Zaragosa oder Rhodos. Und siehe da: Überall dort wurden auch technische Manipulationen an Roulettkesseln entdeckt.
Einen auffälligen Quervermerk lieferte der von Granec notierte Name "Ristenbiehl". Den Mann gibt es wirklich. Die nordrhein-westfälische Polizei stieß bei einem nächtlichen Einsatz im Juni 1982 auf ihn - in einem Aachener Hotelzimmer. Dort war Ristenbiehl gerade konzentriert dabei, ein Roulettgerät zu manipulieren. Das Erstaunliche daran: Es handelte sich um den Original-Drehzylinder, also die rotierende Zahlenschüssel, eines Spielkessels aus der Aachener Spielbank.
Die Polizei hatte sich so etwas schon gedacht, bevor sie das Hotelzimmer stürmte. Den Ermittlern war ein früherer Croupier gemeldet worden, der als Systemspieler an drei Tagen gut 300 000 Mark gewonnen hatte. Sie beschatteten daraufhin drei Männer, die sie mit dem Ex-Croupier in Verbindung brachten, einen Belgier, einen Niederländer und einen Amerikaner.
Prompt beobachteten die Fahnder eines Nachts, wie das Trio am Personaleingang der Spielbank vorfuhr. Zwei von ihnen schleppten eine schwere Reisetasche ins Haus, kamen damit wieder heraus und ließen sich von dem Dritten ins Hotel zurückfahren. Das Geschehen war leicht zu deuten. Die Männer hatten einen eigenen Roulettzylinder mitgebracht, in der Spielbank installiert und das vorhandene Kasinogerät aus dem Roulettsaal mitgenommen. Ein vermutlich bestochener Angestellter hatte ihnen Zutritt zum Saal verschafft. Nach der Manipulation des Apparats durch Ristenbiehl sollten die Zylinder noch in derselben Nacht zurückgetauscht werden. Vom nächsten Tag an hätte ein Kesselfehlerspieler gewinnreich auf die von Ristenbiehl produzierten Ausreißer-Nummern setzen können.
Obwohl die Männer auf frischer Tat ertappt wurden, konnte ihnen die Justiz nicht recht beikommen. Das Aachener Landgericht wertete den Trick nicht als Betrugsversuch, sondern als "straffreie Vorbereitungshandlung". Der Vorwurf des Hausfriedensbruchs und der "Urkundenunterdrückung in Form einer Urkundenvernichtung" - die Täter hatten eine Plombe am Gerät gelöst - brachte ihnen lediglich Geldstrafen ein, die sie mühelos bezahlen konnten. Allein in einem ihrer Aktenkoffer hatte die Polizei neben zwei Funkgeräten einen tintenfrischen Scheck über eine halbe Million belgische Franc gefunden.
Auch in diesem Fall zeigten sich wieder zahlreiche Spuren in die weite Welt des Glücksspiels. Ein Gutachter des Bayerischen Landeskriminalamts erkannte bei der Aachener Zylinder-Zubereitung die gleiche Handschrift wie bei ähnlichen Roulettmanipulationen in Kasinos an der Riviera.
Hier wie dort waren Stege von Zahlenfächern gelockert worden, um die Kugel weniger leicht darüber hinweggleiten zu lassen und dadurch Zahlenhäufungen herbeizuführen. Anderswo wurde auch der Filz bei einigen Zahlenfeldern mit Leim oder Klebstoff bestrichen, um die Kugel zu bremsen.
Die zahlreichen Fragwürdigkeiten im Glücksgewerbe lassen das Spielbankopfer Armin Rose in Karlsruhe längst daran zweifeln, ob Kasinogäste überhaupt noch irgendwo von einem geordneten Spielbetrieb ausgehen können. So will er in Erfahrung gebracht haben, daß Gewinner in staatlich konzessionierten Spielbanken oft gar keine echten Besucher seien, sondern Croupiers anderer Kasinos, die mit Leihgeld und Jetons aus der Spielbankkasse fremde Gäste zum Spielen animieren.
Er selbst, sagt Rose, habe als "früherer Suchtspieler" mit den Jahren "über zwei Millionen Mark verloren". Nun sucht er, wie so viele, Revanche für den "großen Beschiß".
Vor Gericht landete er wegen einer spektakulären Auto-Attacke auf die feudale Baden-Badener Spielbank. Nachts, um viertel vor zwei, war er im Februar letzten Jahres mit einem geleasten Isuzu-Trooper durch die splitternde Sicherheitsglastür gedonnert. Sodann rollte er in den Wintergarten, setzte vor und zurück wie mit einem Bulldozer und legte mehrere Rouletttische um. Ein amerikanischer Tourist stoppte den Angetrunkenen mit einem Pistolenschuß in einen Reifen des Geländewagens.
Das Baden-Badener Schöffengericht verurteilte Rose wegen Sachbeschädigung und Fahrens ohne Führerschein zu zehn Monaten Haft. Die Richter hörten aber bei seinen Erzählungen über Zielwürfe versierter Croupiers aufmerksam zu.
Auf den Trick will Rose im Lindauer Kasino gestoßen sein. Dort sei er einmal zwei Stunden zu früh erschienen und habe die Croupiers insgeheim "beim Probewerfen" beobachtet. Bei zehn Würfen Richtung Zero habe einer der Männer achtmal getroffen, was ein Vorgesetzter mit der Bemerkung quittiert habe, der Kollege habe offenbar "einen schlechten Tag" erwischt.
Von seinen eigenen Zielübungen hat Rose inzwischen eine Videoaufnahme gefertigt, in der er den "Weg zum Zielwurf" erläutert. Entscheidend sei, so sagt er, mit der Kugel die gleiche Geschwindigkeit zu erreichen, in der sich auch - allerdings entgegengesetzt - der Zylinder dreht. Bei einer Demonstration für den SPIEGEL warf er Ende Juni zweimal hintereinander die gewünschte Zero, die angesagte 19 verfehlte er um ein Feld.
Das Schöffengericht, offenbar vor allem von der zustimmenden Aussage des Kesselfabrikanten Kies beeindruckt, ging schließlich "davon aus", daß es einem "geschulten Croupier möglich" sei, "eine bestimmte Zahl" zu treffen.
"Abwegig", so das Gericht, sei nur die Annahme, diese Wurftechnik werde überall "systematisch angewandt".

DER SPIEGEL 32/1989
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