02.01.1989

Einer singt falsch beim Halleluja

Von Herrmann, Horst

Horst Herrmann über Karlheinz Deschners "Kriminalgeschichte des Christentums" bis 1981 Priester und Professor für katholisches Kirchenrecht, lehrt Religionssoziologie an der Universität Münster.

Horst Herrmann,48, bis Priester und Professor für katholisches Kirchenrecht, lehrt Religionssoziologie an der Universität Münster

Kaiser Konstantin "der Große", der 337 starb, hat alle Mitglieder seiner Familie umgebracht, die seiner Karriere im Weg standen. Tausend Mordtaten "zu Felde" hat er auf dem Gewissen. Als "leuchtendes Vorbild der Christenheit" wird er heiliggesprochen: Er hat im rechten Glauben gehandelt.

Vor allem hat Konstantin, den "alle als einen gütigen Vater kennengelernt" (Bischof Theodoret), gesiegt. Es kommt auf die Menge des Erfolgs an und auf die richtige Rechtfertigung desselben. Wer einmal mordet, ist kriminell. Erst der Umfang des Wütens und die Flut des vergossenen Blutes machen Verbrechen straflos. Wer sich seine Taten von Päpsten sanktionieren läßt, ist historisch am erfolgreichsten.

Papst Leo I. (440 bis 461) stachelt an: "Wenn Gottes Geist die Eintracht zwischen den Christenherrschern stärkt, dann sieht die ganze Welt, wie in doppelter Hinsicht das Vertrauen wächst: Durch den Fortschritt im Glauben und in der Liebe wird die Macht der Waffen unüberwindlich, so daß Gott, durch unsere Glaubenseinheit gnädig gestimmt, in einem den Irrtum der falschen Lehre und die Feindseligkeit der Barbaren vernichten wird."

Einer seiner Nachfolger, Sergius I., setzt diesem "Löwenpapst" übers Heilige Grab: "Er hat gebrüllt, und die feigen Herzen der Tiere begannen zu zittern." Der Schreibtischtäter Leo I. hatte geraten, die Nichtchristen "wie todbringendes Gift" zu meiden und kein Wort mit ihnen zu sprechen, sondern sie in ihre "finsteren Schlupflöcher" zurückzujagen. Vernichtung der Menschenwürde der Andersgläubigen und Sprache der gesalbten Totschläger nenne ich so was, entnommen dem uralten Wörterbuch des Unmenschen.

Kirchengeschichte anders gelesen, als Geschichte von Verbrechen mit Billigung oder unter dem Beifall der Kirche, von Laien wie von Klerikern, von Priestern, Bischöfen und Päpsten verübt - das ist der rote Faden in Karlheinz Deschners "Kriminalgeschichte des Christentums".

Deschner, 64, im Jahre 1988 Träger des Arno-Schmidt-Preises (weil er für den Primat der Vernunft, für den Vorrang der Wahrheit vor der historischen Lüge schreibe), ist Moralist, kein Fachhistoriker, obgleich die Mehrzahl seiner Bücher Geschichtswerke sind.

Seit Jahrzehnten völlig auf sich allein gestellt, im Gegensatz zu seinen zahlreichen Gegnern ohne Zuträger und Geldmittel aus einer Universität, weist er als freier Schriftsteller und Chevalier seul nach, daß das Verbrechen "gegen die, denen Gott zürnt", von Anfang an System hat.

Des Moralisten verzweifelte Fragen hinter seinen kirchenkritischen Büchern: Wie viele Ermordete müssen denn noch her, bis Reue einsetzt und Abkehr? Wieviel muß aufgedeckt sein, bis Komplizenschaft sich nicht mehr lohnt? Bis es als Schande gilt, sich als Christ zu bekennen? Bis die Täter nicht mehr die Beleidigten spielen dürfen?

1986 ist Deschners erster Band, "Die Frühzeit" (bis 430), erschienen, mit rund 30 000 verkauften Exemplaren. Jetzt liegt der zweite Band vor, "Die Spätantike" (bis 565). Für 1990 ist der dritte angekündigt (bis zum Jahr 1000). Im Jahr 2000 (nach "christlicher" Zeitrechnung) soll das Gesamtwerk vorliegen. Wie viele Bände es umfassen wird, weiß der Autor selbst noch nicht. Neun werden es gewiß.

Die bisherigen Bände haben, auf 1200 Seiten, gerade gut 560 Jahre aufbereitet. Die Rede ist von gut 20 000 Seiten Exzerpten und Entwürfen - kein Wunder bei dieser Überfülle an Tatbeständen, an kirchlich inspirierten und von Kirchenleuten begangenen Verbrechen, reuelos an Juden, Heiden, Ketzern, Hexen verübt, im Namen und auf Rechnung der Alleinseligmachenden Heiligen Kirche.

Deschners Plan, 2000 Jahre Heilsgeschichte unter deren nicht unwichtigstem Aspekt, dem der kriminellen Energie, zu bearbeiten, schlägt der konfessionell gesteuerten Geschichtsschreibung ins Gesicht. Die läßt das Christentum von Christen aufbereiten und mokiert sich allen Ernstes darüber, daß und wie sowjetische Gelehrte die Geschichte der Sowjet-Union schreiben.

Diese eine Gegenstimme ertragen die Eingeweihten nicht. Deschner, streuen sie, ist ein Volksverhetzer, ein neuer Streicher, ein Rosenberg; zumindest sei er ein unseriöser Schreihals, dem die Zunft den Dialog verweigern muß und die entsprechende Anerkennung.

Im Chor derer, die zigtausend Schriften in Archiven, Bibliotheken, Buchhandlungen füllen ließen, die das orthodoxe Halleluja absingen, singt einer falsch.

Deschner hat zwei Dutzend lästerlich erregende Bücher hinter sich. Mund zu, rät man ihm "im guten". Er nimmt die Drohung nicht an. Er will immer wieder dasselbe sagen, es nachwachsenden Generationen sagen und die Hoffnung nicht aufgeben, es einmal nur noch historisch sagen zu dürfen, als Reminiszenz an das Ungeheuerliche in der Kirchengeschichte.

Deschner hat die Inhalte der Kirchen-Kritik nicht erfunden, wohl aber wieder aufgefunden. Ich erinnere an Aufklärer des 18. Jahrhunderts wie die Franzosen Pierre Bayle, Claude Helvetius, Voltaire oder an den deutschen Schriftsteller Heinrich Heine. In Deschners "Kriminalgeschichte des Christentums" hat nun auch das 20. Jahrhundert sein Buch. Allgemeingut ist sein Wissen um kirchliche Abgründe aber noch lange nicht.

Doch dieser Autor wird in die Schulbücher kommen. Ich gebe, gegen manche der heutigen Kulturbürokratien, die Hoffnung auf das Humane und auf den Beginn von Redlichkeit nicht auf.

Der Verdacht vieler, die Kirche habe schmutzige Hände, wird durch die Knochenarbeit Deschners zur Gewißheit. Die Fakten beginnen endlich die Vermutung der vielen zu ersetzen, und was die Phantasie erdacht hat, ist durch Hinweise auf die Realität übertroffen.

"Ich warne euch vor den Tieren in Menschengestalt", sagt der heilige Irenäus. "Sind sie aber keine Christen, sind sie Teufel"; "Schlachtvieh für die Hölle", sagt der nicht weniger heilige Kirchenvater Hieronymus.

Wenn Heilige so deutlich die Richtung weisen, muß das Folgen haben. Beispielsweise: Der katholische Kaiser Valentinian I., gestorben 375, befiehlt schon wahllose Exekutionen; nur sonntags sollen keine Hinrichtungen von Ungläubigen erfolgen. Der Irrtum, wenn's denn überhaupt einer war, hat kein Recht, die Irrenden bekommen keine Gnade.

"Es ist gerecht, diejenigen auch ihrer weltlichen Güter zu berauben, die nicht den wahren Gott verehren", dekretiert der Christenkaiser Justinian im Jahre 527, und schon hat das Reich seine Pogrome. "Auf daß sie im Elend erliegen", verlieren Ketzer die Bürgerrechte, ihr Besitz wird beschlagnahmt und an rechtgläubige Volksgenossen verteilt, ihre Bethäuser gehen in Flammen auf.

Die "Christenverfolgungen" der christlichen Ur- und Frühzeit sind, verglichen mit den Verfolgungen, die durch Christen geschehen sind, unerheblich gewesen.

Ehrliche Bücher machen den Leser ehrlich. Wie hältst du es, nach der Lektüre dieser Fakten, mit so einer Religion, die als genuin abendländisch gilt und auch noch als Frohbotschaft vom lieben Gott? Verständlich, wenn einer nach solcher Deschner-Lesung zum Amtsgericht geht und seinen Kirchenaustritt erklärt, da er in einer so ekelhaft bruchlosen Tradition ein Stück Gegenwart erkennt.

Es gibt keine gute Seite einer Sache und einfach daneben eine böse. Die schlimme ist die wesentliche. Sie drückt dem Ganzen ihren Stempel auf. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, meinte Jesus, der gewiß nicht der Stifter der Religion war, die seinen Namen annektiert hat.

Daß die Wirkungsgeschichte des Evangeliums von der Liebe eine Rekordzahl von gefolterten und getöteten Opfern aufweist, liegt mit an der Unvollkommenheit seiner Anhänger. Aber es liegt auch an den heiligen Schriften selber, deren Autoren die Absichten Jesu bereits im Keim erstickt, abgeschwächt und verfälscht haben.

In jedem Fall hat Deschners historische Perspektive auf Mörderpäpste und Lügentheologen wenn nicht Zustimmung, so doch eine Diskussion verdient. Aber wo sollten ausgerechnet Christen das Diskutieren erlernt haben? Ihre Evangelien kennen keine fairen Gegner, nur zu Pharisäern umgebogene Kretins.

Schon die früheste und heiligste Urkunde, das Neue Testament, hat einen charakteristischen Beigeschmack: Es spielt durchweg in kleingeistigem Milieu; seine Erwählten baden in Selbstgefälligkeit, und seine Jünger hassen alle, die sich nicht bei ihnen zu Hause fühlen. Nietzsche ist von diesem Christen-Mief übel geworden.

Beweisen müßten Deschners Kritiker, daß der Autor erfunden und erlogen hat, daß da Zitate gefälscht, falsch gebraucht, falsch bewertet worden sind, daß Deschner nicht immer auf dem neuesten Stand der Forschung sei. Da sie schweigen, nehme ich an, daß sie ihn nicht widerlegen können.

Daß Deschners Methode unsauber ist, seine Erkenntnisse halbwahr und folglich unwahr sind, das hätten die Lobbyisten der Transzendenz gerne, die Leute mit dem "Alles halb so schlimm"-Gesicht, denen immer alles recht ist, wie es ist - weil es sich für sie lohnt.

Deschner hat mehr Tages- und Nachtstunden drangegeben, als es jedem einfällt, der für seine Arbeit im Weinberg des Herrn nach dem Tarif für Lebenszeitbeamte entlohnt wird. Respekt vor der Leistung des einzelnen, der auf einem Platz bleibt, von dem hundert Besserdotierte sich weggestohlen haben.

Kein Wort der Reue zu finden und keine Geste der Erinnerung an die Opfer ihrer eigenen Kirche, das ist die heutige Taktik derer, die keine Scheiterhaufen mehr brennen lassen können. Papst Wojtyla reist zu den Tatorten, läßt sich feiern und schweigt. Wegsehen ist auch eine Form der Zustimmung.

Der Kölner Katholik und Schriftsteller Heinrich Böll hatte ein besonderes Gespür für die kirchliche Korruptheit, die sich seiner Meinung nach nicht nur in der Vergangenheit, sondern in subtileren Formen auch in der Gegenwart auswirke, weshalb er schließlich aus der Kirche austrat. Böll war über das Infame in der Kirche so empört, daß er mir gegenüber nicht nur einmal deutsche Bischöfe als "noch nicht entdeckte Ganoven" bezeichnet hat.

Damals, vor 15 Jahren, habe ich ihn ungläubig angeguckt. Ich glaubte, das Schlimme läge hinter uns, begraben in den Marmor-Sarkophagen der Kathedralen. *

Das politische Buch Karlheinz Deschner: "Kriminalgeschichte des Christentums" Rowohlt Verlag Reinbek Zwei Bände 536 und 680 Seiten jeweils 48 Mark


DER SPIEGEL 1/1989
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