03.07.1989

AFFÄREN

Rote Handakte

Ermittlungen gegen den Südmilch-Chef: Ist Deutschlands erfolgreichster Molkerei-Manager auch ein erfolgreicher Steuerhinterzieher?

Wenn Wolfgang Weber das Land verlassen will, dann muß er mit dem Staatsanwalt seine "Reisepläne abstimmen". Er hinterlegt einen Scheck über eine Million Mark und bekommt seinen Paß.

Der Chef des schwäbischen Molkereikonzerns Südmilch in Stuttgart darf ohne ausdrückliche Genehmigung nicht ins Ausland fahren, weil der Staatsanwalt befürchtet, daß Weber vielleicht nicht wiederkommt. Ihm droht, wegen Steuervergehen, eine mehrjährige Haftstrafe.

Zehn Millionen Mark soll Weber nach Meinung der ermittelnden Staatsanwälte in Stuttgart für sich und ein paar Freunde über Abschreibungsgeschäfte in Südamerika an der Steuer vorbeigelotst haben. Vielleicht schon im Herbst soll Anklage erhoben werden.

Mit Weber stünde einer der erfolgreichsten Manager Baden-Württembergs vor Gericht. Die Südmilch ist eines der größten Molkereiunternehmen Europas. Die Firma, die unter anderem den Milch liefernden Bauern gehört, vertreibt ihre Joghurts und andere Milchprodukte auch in Ländern wie Spanien und England.

Das Steuerverfahren, findet der Südmilch-Aufsichtsrat, sei Webers Privatsache. Erst vor wenigen Tagen haben sich die Kontrolleure auf einer Sondersitzung, im Beisein von Webers Anwalt, über eine Ehrenerklärung für den Chef verständigt.

Der Aufsichtsratsvorsitzende, der Bauer Fritz Josenhans, will die dürren Worte auf der Hauptversammlung der Molkerei am Freitag dieser Woche verlesen. Sie gleichen fast wörtlich denen, die er vor einem Jahr an derselben Stelle zum selben Thema gesagt hat.

Doch der Fall Weber ist auch ein Fall Südmilch. Genossen-Filz und Bauern-Schläue haben sich hier als eine höchst einträgliche Verbindung erwiesen.

Vater Karl Weber, Molkereidirektor in Heilbronn, hatte 1969 seinen Sohn Wolfgang im Südmilch-Vorstand untergebracht. Schon acht Monate später hatte sich der 35jährige an die Spitze des Vorstands geboxt, sein Vorgänger verließ das Unternehmen.

Vorsorglich ließ sich der weitsichtige Weber schon damals einen Passus in den Vertrag schreiben, den er heute gern zitiert. Ihm seien, heißt es da, "Beteiligungen und Tätigkeiten im Zusammenhang mit der Verwaltung seines eigenen Vermögens und des Familienvermögens uneingeschränkt gestattet". Dies gelte auch "für seine Funktionen in Gesellschaften im In- und Ausland, die von ihm oder anderen Mitgliedern seiner Familie oder gemeinsam kontrolliert werden".

Treibende Kraft im Aufsichtsrat, der diesen ungewöhnlichen Passus genehmigte, war Karl Weber. Der verfügte über ein beträchtliches Vermögen, das Sohn Wolfgang mehren sollte.

Vater Weber hatte einen Teil des elterlichen Hofes am Rande der Schwäbischen Alb als Bauland verkauft. Der Molkereidirektor träumte von riesigen Rinderherden und suchte Schutz vor dem Finanzamt. Beides fand er in Paraguay.

Im sogenannten Gran Chaco, 500 Kilometer nördlich von Asuncion, kaufte Karl Weber in den sechziger Jahren Land. Dort, nahe der Mennoniten-Siedlung Fernheim, entstand die Estancia "Campo Weber", inzwischen schon rund 100 000 Hektar groß.

Anfangs leitete Wolfgang Webers Bruder Gerhard die Ranch, 1974 übernahm der Südmilch-Chef selbst die Geschäfte. Von da an ging es steil bergauf, wie mit der Südmilch hatte Wolfgang Weber auch mit dem Familienbesitz in Paraguay Großes vor.

Unterstützt von seinem Steuerberater Albert Sluka, fand Weber Möglichkeiten, den Familienbesitz auf Staatskosten zu mehren. Er gründete eine Abschreibungsfirma, die Beef Vieh und Fleisch GmbH & Co. KG, für die er Kommanditeinlagen sammelte. Es sollte die erste von vielen Firmen sein, die Weber und Sluka so kunstvoll miteinander verflochten, daß ihre Entwirrung den Ermittlern noch immer Mühe macht.

Verlustzuweisungen sollten, wie bei allen solchen Firmen, die Anleger locken. Die Geldgeber konnten Verluste, die in Paraguay entstanden, mit ihren deutschen Einkünften verrechnen und so Steuern sparen.

Die Aussicht auf schnelle Gewinne lockte nicht nur private Bekannte. Auch Südmilch-Vorstandsmitglied Rudolf Hoffmann steckte Geld in die Privatgeschäfte seines Chefs, ein ehemaliger Einkäufer der Handelsfirma Tengelmann war mit von der Partie, und der Unternehmer Ernst Freiberger investierte ebenfalls in Paraguay.

Freiberger besaß genügend flüssige Mittel, der Südmilch-Chef hatte ihm zuvor seine Firma Efa-Eiscreme abgekauft. Zwar erschien Kritikern der Kaufpreis, insgesamt sollen rund 40 Millionen Mark geflossen sein, reichlich hoch, einen Zusammenhang mit seinem Paraguay-Engagement bestreitet der Eisverkäufer jedoch energisch.

Der Aufsichtsrat nahm an den Nebengeschäften des Managers keinen Anstoß. Die Kontrolleure konnten sich auf ausgedehnten Reisen immer wieder von Webers Geschäftstüchtigkeit überzeugen.

Den damaligen Aufsichtsrat und früheren Oberbürgermeister von Heilbronn, Hans Hoffmann, schickte Weber als Delegierten zum Milchwirtschaftlichen Kongreß nach Melbourne, auch für andere Mitglieder des Aufsichtsorgans fiel hin und wieder eine weite Reise ab. Einen seiner Kontrolleure bewirtete Weber auf seiner Estancia in Paraguay.

Die Stimmung für Weber war jedenfalls so günstig, daß er auch die gefährliche Schieflage der Südmilch Ende der Siebziger mit heiler Haut überstand. Der ehrgeizige Aufsteiger hatte sich offensichtlich übernommen, der massive Einstieg in das Eis-Geschäft wurde ein Reinfall.

Webers private Geschäfte entwickelten sich günstiger. Bis Anfang der achtziger Jahre konnten Weber und seine Partner nach Ansicht der Ermittler Millionen am Finanzamt vorbeidrücken, die Ranch im Gran Chaco erwies sich als zuverlässige Verlustquelle.

Das machte die Steuerfahnder schließlich mißtrauisch. Weber hatte sein Land inzwischen verkauft, die Firma Beef überwies auffällig hohe Pachtzahlungen an den neuen Eigentümer.

Die Vermutung der Fahnder: Hinter der Briefkastenfirma Bator Consulting, dem neuen Eigner, verbirgt sich der alte, die hohen Pachtzahlungen sollen nur die Verluste aufblähen. Diese Verluste, die für die Geldgeber Steuerersparnisse in Deutschland bringen, will der Fiskus nun nicht mehr anerkennen.

Ende 1988 erhielten die Beef-Gesellschafter vom Finanzamt den geänderten Steuerbescheid für 1975. "Die Aufwendungen für Pachtzahlungen waren statt wie erklärt mit 1 455 000 DM nur mit 200 000 DM anzusetzen", hieß es darin. Ebenso drastisch wurden die Aufwendungen für Rodungen und Zinsen gekürzt, weil, so die Begründung des Finanzamts Heilbronn, "insoweit Steuerhinterziehung vorliegt".

Zu solchen Erkenntnissen waren Steuerfahnder und Staatsanwälte nach jahrelangen Ermittlungen gekommen. Mehrmals hatten sie Privat- und Diensträume Webers und seiner Bekannten durchsucht.

Der wichtigste Fund fiel den Fahndern im Büro der Weber-Sekretärin Hannelore Eggersdörfer in die Hände. Die "rote Handakte", wie sie das Beweisstück nennen, könnte Weber zum Verhängnis werden.

Fein säuberlich ist in Webers Handschrift in dem eher orangefarbenen Hefter eingetragen, welche Aufwendungen die Firma Beef in Paraguay tatsächlich hatte. Da ergeben sich erstaunliche Unterschiede zu den Steuererklärungen der Betroffenen: Rodungen fanden Jahre später als angegeben statt, Viehherden standen offensichtlich nur auf dem Papier.

Damit bekam der Fall Weber eine neue Dimension. Es ging nicht nur um die Geschäfte der Firma Beef und ihrer Kommanditisten, sondern nach Ansicht der Fahnder um ein raffiniertes System der Steuerhinterziehung. Das hätten Weber und sein Kompagnon Sluka nach Ansicht der Staatsanwälte "mit großer krimineller Energie" (Staatsanwalt Paul Gramich) entwickelt und vertrieben.

Die Firma Beef nämlich bewirtschaftete nicht nur die "Campo Weber". Sie kümmerte sich auch um die Weiden, die Weber an Freunde und Bekannte verkauft hatte.

Der Südmilch-Chef machte dabei ein gutes Geschäft: Er konnte die Grundstücke zum Doppelten des Preises losschlagen, den er selbst dafür bezahlt hatte. In diesem Preis, schrieb Weber an seinen Bruder Gerhard, "war stets steuerliches Know-how mitenthalten, ohne das die Grundstücke nicht verkauft worden wären".

Das Eigentumsrecht an dem Land nahm seltsame Wege. Es gelangte über so klangvolle Firmen wie Badoma und Remonia, über Panama und Paraguay schließlich in die Schweiz, zu einer Briefkastenfirma namens Para Toro. Diese erwarb, vermutet die Staatsanwaltschaft, das Land treuhänderisch für die eigentlichen Besitzer. Hinter ihr wie hinter allen anderen Firmen steckt nach Meinung der Ermittler immer nur ein und dieselbe Person: Wolfgang Weber.

Für die neuen Eigentümer hat das "perfekte Verschleierungssystem" (Gramich) einen besonderen Vorteil: Sie tauchen gegenüber dem Finanzamt gar nicht als Besitzer auf. Den Kaufpreis können sie als angebliche Pachtzahlungen deklarieren - und damit als Betriebsausgaben von der Steuer absetzen.

Von alledem wußten die Bauern, die Eigentümer der Südmilch, nichts, als sich Weber auf der Hauptversammlung des vergangenen Jahres rechtfertigte. "Etwas rührselig" ("Stuttgarter Nachrichten") schwärmte er von seinem Landleben in Paraguay, von "dem Geruch von Vieh" und vom körperlichen Ausgleich für seinen Schreibtischjob, den er da "im Schweiße meines Angesichts" finde.

Ein Jahr später ist Weber spürbar angeschlagen. Immer neue Details dringen an die Öffentlichkeit, immer offenkundiger wird auch, daß Weber Privat- und Südmilch-Geschäfte keineswegs so sauber trennt, wie er versichert. Seine Sekretärin Hannelore Eggersdörfer etwa diente ihm auch als Handlungsbevollmächtigte für die Firma Beef. In gleicher Funktion war sie für den Schwarzwaldhof in Freudenstadt tätig, ein Hotel, das der Familie Weber gehört und das die Südmilch gern für Tagungen nutzt.

Noch hat Weber die Situation im Griff. Der Unmut der Bauern schlägt stets in Beifall um, wenn ihr oberster Milchverkäufer von der neuen Dimension Europa und von der richtigen Weichenstellung von Südmilch spricht.

Für das Unternehmen hat Weber nach anfänglichen Schwierigkeiten in der Tat viel erreicht. Deutschlands größte Molkerei, Umsatz 845 Millionen Mark, hat sich auf veredelte Milchprodukte spezialisiert, ihre Marke "Landliebe" ist nicht nur überregional, sondern auch international ein Erfolg.

"Wir wollen und können auf Herrn Weber nicht verzichten", gibt Aufsichtsratschef Josenhans die Stimmung wieder. Deshalb half die Südmilch im vergangenen Jahr Weber auch aus einer peinlichen Klemme: Der Manager saß im Gefängnis und brauchte dringend acht Millionen Mark. So hoch hatte die Staatsanwaltschaft die Kaution angesetzt, die inzwischen reduziert wurde.

Damals war Weber, weil die acht Millionen vorgelegt wurden, nach wenigen Stunden wieder auf freiem Fuß. Der Wärter verabschiedete den höflichen Häftling mit den Worten: "So einen wie Sie hätten wir gerne noch behalten." Abwarten, vielleicht kommt er ja bald wieder. #


DER SPIEGEL 27/1989
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