03.07.1989

„Ich bin 'n Verbrecher - du bist 'n Bulle“

Was bei der Gladbecker Geisel-Affäre alles schieflief (II): Geldübergabe und Flucht
Der 16. August 1988, ein sonnenschwüler Dienstag, scheint für den nordrhein-westfälischen Innenminister Dr. Herbert Schnoor, 61, ein Tag wie jeder andere zu werden. Er trifft, wie üblich, gegen 8.30 Uhr in seinem Büro in der Düsseldorfer Haroldstraße ein.
Fast beiläufig hört sich Schnoor die "Wichtige-Ereignis-Meldung" an, die ihm, gegen neun Uhr, der Leiter der Polizeiabteilung vorträgt: Banküberfall mit Geiselnahme in Gladbeck. Zwei bewaffnete Täter haben zwei Angestellte der Deutschen Bank in ihrer Gewalt; Forderung: 300 000 Mark Lösegeld, Fluchtfahrzeug, freier Abzug; Sondereinheiten sind angefordert.
Schnoor reagiert ganz unaufgeregt. In den letzten zwölf Jahren mußte die Landespolizei bei 32 Geiselnahmen eingreifen - und fast immer sind die Beamten damit fertig geworden. Nur einmal, als zwei Täter in Alsdorf-Hoengen eine Sparkasse überfielen und zwei Personen in ihre Gewalt brachten, wurden die Geiseln getötet - durch Polizeikugeln.
Mit Genugtuung hat der Minister bei der Erläuterung einer Kriminalstatistik gerade wieder hervorgehoben, wie erfolgreich seine Einsatzkräfte dieses Delikt bekämpfen: "Geiselnehmer haben bei uns im Land keine Chance."
Der markige Spruch täuscht. Herbert Schnoor, seit 1980 im Amt, ist kein rigider Verfechter von Law und Order. Der gelernte Verwaltungsjurist, der aus Ostfriesland stammt, steht in der Tradition liberaler Innenminister, wie sie zu Zeiten der SPD/FDP-Regierung in Bonn am Kabinettstisch saßen.
Im Gegensatz zu seinen süddeutschen Unions-Kollegen, die immerzu, ob in Kreuzberg oder in der Hafenstraße, nach scharfen Gesetzen und härterem Durchgreifen verlangen, setzt Schnoor auf Mäßigung. Den Einsatz von Reizgas und Gummigeschossen gegen Protestierer lehnt er ebenso ab wie Vermummungsverbote für Demonstranten oder eine Verschärfung des Asylrechts.
Mit dieser Grundeinstellung, unter Sicherheitspolitikern als "nordrheinwestfälische Linie" definiert, unterscheidet sich Schnoor vom knüppelschwingenden Amtsverständnis seines langjährigen CSU-Kontrahenten Friedrich Zimmermann. NRW-Ministerpräsident Johannes Rau rühmt seinen Innenminister gern als Garanten sozialdemokratischer Rechts- und Sicherheitspolitik.
Seinen Ruf verdankt Schnoor jedoch nicht nur der strikten Abgrenzung gegenüber Scharfmacher Zimmermann. Der Sozialdemokrat entwickelt auch ein Gespür für Defizite der eigenen Partei. Denn seit der sozialdemokratische Reichswehrminister Gustav Noske in der Weimarer Republik auf demonstrierende Arbeiter schießen ließ und als "Bluthund" berüchtigt wurde, haben SPD-Politiker ein zwiespältiges, ja traumatisches Verhältnis zum staatlichen Gewaltmonopol.
Auch heute noch schwanken SPD-Sicherheitspolitiker zwischen unverhältnismäßiger Härte, wie etwa bei der stundenlangen Einpferchung von Demonstranten im "Hamburger Kessel", und übervorsichtiger Zurückhaltung wie bei den jüngsten Krawallen in Berlin-Kreuzberg.
Schnoor dagegen meistert, wie kein anderer Sozialdemokrat, die schwierige Gratwanderung zwischen dem Wunsch nach Bürgerfreiheit und dem Bedürfnis nach Recht und Ordnung. Sein Balanceakt verschafft ihm eine gute Presse. Die "Zeit" würdigt ihn als "weißen Raben unter seinen Länderkollegen", selbst die konservative "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die so leicht keinen Sozialdemokraten lobt, beschreibt ihn als "nachdenklich, leise, aber sehr beharrlich".
Mit seiner abwägenden Haltung lag Schnoor nur ein einziges Mal völlig daneben. Im Juni 1983 konnten NRW-Polizisten nicht verhindern, daß in Krefeld Chaoten den gepanzerten Cadillac des damaligen US-Vizepräsidenten George Bush mit Erdbrocken und Steinen bewarfen und sich blutige Schlägereien mit den Beamten lieferten. Auch eigene Genossen reagierten sauer, und CDU-Politiker warfen Schnoor vor, er entscheide sich "im Zweifel gegen die wehrhafte Demokratie und für die Chaoten".
Schnoor kann nicht ahnen, daß ihn jener Dienstag im August vorigen Jahres, als in Gladbeck Geiseln genommen werden, fast zum Rücktritt zwingen sollte. Beruhigt nimmt der Minister zur Kenntnis, daß sein langjähriger Mitarbeiter, der Leitende Kriminaldirektor Friedhelm Meise, 47, vom Polizeipräsidium Recklinghausen den Einsatz leitet. Schnoor weiß, daß "Meise in der Polizei einen guten Ruf hat".
Seine Verdienste hat sich Meise vor allem am Schreibtisch erworben. Bevor der Verwaltungsfachmann 1987 zum Kripochef von Recklinghausen aufstieg, bearbeitete er Akten im Referat Kriminalpolizei des Düsseldorfer Innenministeriums. Davor saß er acht Jahre lang im Landeskriminalamt, war Dezernent für Organisierte Kriminalität.
Praktische Erfahrungen im Umgang mit Kapitalverbrechern sammelt Meise später als Mitglied einer Beratergruppe, die bei Geiselnahmen, Kidnapping oder Flugzeugentführungen den jeweiligen Einsatzleitern nahebringt, wie Zugriffsmöglichkeiten genutzt oder Geiselgangster zermürbt werden.
Als verantwortlicher Krisenmanager vor Ort hat sich Kripochef Meise dagegen noch nicht bewährt. Die Nachfrage im Düsseldorfer Untersuchungsausschuß, ob er vor Gladbeck Erfahrungen als Einsatzleiter hatte, muß er acht Monate nach den Ereignissen mit "Nein" beantworten.
In Gladbeck findet Meise eine Lage vor, die selbst erfahrene Einsatzleiter überfordert: in der Bank die immer gereizter reagierenden Täter Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski, in deren Gewalt die von panischer Angst erfaßten Bankangestellten Reinhold Alles und Andrea Blecker; draußen über 300 Polizisten, darunter Spezialkommandos aus ganz Nordrhein-Westfalen, die am Tatort schlecht orientiert eintreffen und nur mangelhaft koordiniert die Arbeit aufnehmen.
In der Einsatzzentrale, im Polizeiamt am Gladbecker Jovyplatz, trifft Meise um 10.10 Uhr, wie das Einsatzprotokoll vermerkt, erste Anordnungen: Absperrungen verstärken, provozierende Aktionen vermeiden, Telephongespräche abhören, präpariertes Fluchtfahrzeug bereitstellen, Notzugriff vorbereiten.
In der Bank spürt Degowski, daß er und sein Kumpel Rösner in der Falle sitzen. Von einer Stehleiter und vom Dach der Kassenbox erspähen sie durch das Oberlicht stahlhelmbewehrte Männer eines Spezialeinsatzkommandos (SEK), die mit Maschinenpistolen in Stellung liegen.
Anders als in der Anfangsphase, in der Rösner auf einen Zivilbeamten feuert, zwingt er sich diesmal zur Beherrschung. Obwohl er einen SEK-Mann direkt im Visier hat ("Ich hätte jetzt schon so auf den Mann schießen können"), drückt er nicht ab.
Doch von dem übermächtigen inneren Druck können sich Rösner und Degowski nur durch wildes Herumballern in der Bank befreien; sie schießen um sich wie trunkene Westernhelden. Weil er sich in einem Telephongespräch mit dem Westdeutschen Rundfunk nicht ernst genommen fühlt, feuert Rösner mit seiner "Colt Government"-Pistole (Kaliber neun Millimeter Luger) in die Decke. Degowski, dem ebenfalls die Nerven durchgehen, jagt mit seinem Trommelrevolver "Highway Patrolman" eine Kugel in das Lamellendach des Kassiererhäuschens.
Die Geisel Blecker, der Hysterie nahe, verkriecht sich in der Kassenbox, schreit, daß sie "das Knallen nicht mehr ertragen" kann. Rösner empfiehlt ihr einen Trick, wie sie den schmerzhaften Druck auf das Trommelfell ertragen lernt: "Mach den Mund auf, wenn's kracht, dann ist es nicht so schlimm."
Um die Geiseln zu erlösen, entwickeln die Fahnder einen ungewöhnlichen Plan. Der aus Essen angereiste Staatsanwalt Hans-Christian Gutjahr will Rösner und Degowski mit einer nicht unproblematischen Zusage ködern.
Polizeioberrat Horst Tiemann, 41, der sich als Gutjahr ausgibt, macht den Tätern am Telephon "ein optimales, großzügiges Angebot". Wenn sie bedingungslos kapitulieren und ihre Geiseln innerhalb einer Stunde freilassen, werde die Staatsanwaltschaft vor Gericht nur sechs Monate Freiheitsstrafe beantragen. Andernfalls droht Tiemann alias Gutjahr, ihnen "die ganze Härte des Gesetzes zukommen zu lassen".
Juristisch ist die Offerte zulässig. Denn laut Strafgesetzbuch kann ein Geiselnehmer, der "das Opfer unter Verzicht auf die erstrebte Leistung in dessen Lebenskreis zurückgelangen läßt", mit einer Mindeststrafe von sechs Monaten davonkommen. Öffentliche Kritik erntet der Staatsanwalt jedoch, weil er durch mißverständliche Wortwahl in Interviews den Eindruck vermittelt, er würde den Gladbecker Geiselnehmern ein Sonderrecht einräumen, eine Art "Lex Rösner".
Aber Aufgeben, selbst zu Sonderkonditionen, kommt gerade für Rösner nicht in Frage. Einmal mißtraut er dem staatsanwaltlichen Ehrenwort: "Ich kenn die gesamte Justiz und die Polizei." Außerdem weiß er, daß er ohnehin noch eine Reststrafe von 437 Tagen zu verbüßen hat und selbst, wenn ein Gericht Milde walten läßt, für lange Zeit wieder hinter Gitter muß. Aber genau das will Rösner auf keinen Fall: "Lieber geh ich kaputt, bevor ich noch mal in die Kiste geh."
Und einschüchtern läßt Rösner sich schon gar nicht. "Der Hund mit seiner Härte, soll er doch mal die Härte machen", herrscht er einen Polizeibeamten an, "dann, eh, is hier alles zu Ende, für uns alle vier. Entweder kommen wir weg, oder wir gehen kaputt."
Die Angst im Nacken, mimt Rösner den starken Mann. "Bedrohen lassen wir uns grundsätzlich nicht. Wenn einer bedroht, ne, dann sind wir das . . . Wir haben die Waffengewalt hier, und wir bestimmen über Leben und Tod."
Erst jetzt, nachdem die Bemühungen um ein schnelles Ende gescheitert sind, setzt der beispiellose Medienrummel ein, der die Geiselnahme von Gladbeck zur öffentlichsten Gewalttat in der Kriminalgeschichte der Bundesrepublik macht. Die Telephonnummer 02043/24092, unter der die Zweigstelle der Deutschen Bank in Rentfort-Nord erreichbar ist, wird zum Geheimtip für Journalisten aus der ganzen Republik.
Die Polizei hat die Leitung nicht gekappt, weil sie hofft, daß sich über Telephon eventuell Komplicen melden. "Mein Gott, man kann Sie einfach anrufen, das ist unglaublich", staunt ein Redakteur des "Hamburger Abendblatts", als tatsächlich die Geisel Alles den Hörer abnimmt.
Aus Stuttgart klingelt "Radio Media" wegen eines Exklusiv-Interviews mit den Geiselnehmern an. Aus Würzburg meldet sich "Radio Gong" und will mit den Opfern sprechen. Aus West-Berlin hakt der Privatsender "Radio 100,6" nach. Mehrfach erkundigen sich Redakteure detailliert nach den Täterforderungen und geben Rösner und Degowski Gelegenheit, Drohungen gegen die Polizei auszustoßen.
Intuitiv nutzt Rösner die Informationssucht, um Druck auf die Einsatzleitung auszuüben. Um Gefährlichkeit zu demonstrieren, schwadroniert Rösner etwa gegenüber dem damaligen Chefreporter der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung", Hans-Jürgen Pöschke, im dicksten Kohlenpott-Platt: "Wir haben zwei dicke Pusten im Moment in der Hand und wenn da irgendwat unternommen wird, wat mich in Gefahr bringt und meinen Kumpel, dann is vorbei, ne, dann klink ich aus, dann gibt dann oben ein Peng inne Birne, und dann wern wir wohl alle sterben."
Im Übereifer verlieren Journalisten die Distanz des Beobachters, dienen sich den Tätern als Handlanger an, werden selber zu Tätern. Fahrlässig überschreiten sie dabei die Grenze zwischen Informieren und Agieren. In diesen Mittagsstunden beginnt jener journalistische Aktivismus, der darin gipfeln wird, daß sensationsgierige Reporter bei Verfolgungsjagden von den Geiselnehmern beschossen werden oder gar zu den Gangstern ins Fluchtauto steigen, weil sie ihre Story exklusiv haben wollen.
Als erster offeriert ein forscher Mitarbeiter des privaten Fernsehsenders RTL plus ("Was kann ich für Sie tun?") seine Hilfe. Er geht irrtümlich davon aus, einen Geiselgangster am Telephon zu haben, verhandelt über Lösegeld und Fluchtwagen ("Okay, und dann laßt ihr die Geiseln auch frei?"), bis er merkt, daß er mit dem Bankkassierer Alles spricht. In devotem Ton erkundigt sich ein Mitarbeiter des Deutschen Fernsehens bei Rösner, ob er "Ihnen ja irgendwie vielleicht auch helfen" könne, und bietet an, einen "Aufruf der Geiselgangster" zu veröffentlichen.
Die Einsatzleitung, die alle diese Gespräche mithört, weiß in den Mittagstunden noch nicht, wer die Täter sind. Doch den Beamten wird klar, daß die Geiselnehmer zum Durchhalten entschlossen sind, offenbar um jeden Preis.
Im ersten Stockwerk des Polizeiamts Gladbeck, das eilig zur Führungszentrale umgerüstet wird, herrscht Alarmstimmung. Zwischen rasselnden Telephonen und piepsenden Funkgeräten bereiten Dutzende von Experten verschiedener Spezialkommandos den Sturm auf die Bank vor. Anhand von Bauzeichnungen und Lageskizzen suchen Fachleute Zugriffsmöglichkeiten im oder am Bankgebäude. Zugleich probieren Kollegen vor Ort, mit Spezialgeräten das Geschehen im Innern des Gebäudes zu beobachten und die Gespräche zu belauschen.
Vom Keller der Bank aus bugsieren sie ein Mikrophon durch die Rohre der Klimaanlage in den Kassenraum, verstehen aber nur Wortfetzen. Mit einem biegsamen Guckrohr, einem sogenannten Fibroskop, versuchen sie vergebens, aus der Deckung heraus in den Schalterraum zu spähen.
Erwogen werden die unterschiedlichsten Eingreifvarianten, vom Frontalangriff bis zum Überraschungscoup. Zur Debatte steht, mit einem Panzerwagen durch die Glasfront in den Kassenraum vorzuwalzen oder mit Schrotpatronen die Scheiben zu zerschießen und in die Bank zu hechten.
Feuerwerker des Spezialeinsatzkommandos schaffen Sprengsätze heran. Mit dem Explosivstoff kann nicht etwa die Bank in die Luft gesprengt, sondern nur infernalischer Lärm produziert werden. Die Detonation soll die Täter derart schocken, daß Nahkämpfer sie bei einem gleichzeitigen Angriff widerstandslos überrumpeln können.
Während auf den angrenzenden Dächern und Balkons Scharfschützen sondieren, ob sie in die Bank hineinschießen können, versuchen Mitglieder einer Verhandlungskommission über Telephon, Rösner und Degowski mit psychologischen Mitteln auszutricksen.
Die in Dortmund stationierte Spezialeinheit besteht aus einem halben Dutzend psychologisch geschulter Polizeibeamten, die immer dann zu Rate gezogen werden, wenn es gilt, vertrackte Situationen aufzulösen. Mit geschickten Fragen und mit Einfühlungsvermögen sollen sie unter anderem herausfinden, ob es sich bei dem jeweiligen Täter um einen gefährlichen Gewaltverbrecher oder um einen Aufschneider handelt.
Leiter der Gruppe ist der Polizeioberrat Tiemann, der den Staatsanwalt mimt. Die Verbindung zu den Tätern soll der Kriminalhauptkommissar Manfred Doerks, 53, herstellen. Er bleibt in den nächsten Stunden der alleinige Ansprechpartner für Täter und Geiseln. Seine Kollegen hören die Gespräche über Lautsprecher mit und schieben ihm während der Telephonate Zettel mit Stichworten und Verhandlungstips zu.
Die Einsatzleitung hat Doerks beauftragt, Unvereinbares zu vereinbaren. Er soll das Vertrauen der Täter gewinnen, sie aber zugleich aushorchen und beschwindeln; er soll so beruhigend auf die Täter einreden, daß sie ihre Geiseln nicht erschießen, zugleich aber Rösner und Degowski derart verunsichern, daß sie womöglich doch noch aufgeben; er soll die schnelle Erfüllung ihrer Forderungen vortäuschen, zugleich jedoch mit hinhaltenden Nachfragen Zeit gewinnen (siehe Kasten Seite 102).
Das kann nicht gutgehen. Weil die Täter das Doppelspiel durchschauen (Rösner: "Ich hör das ganz genau raus, daß du mir einen in die Tasche labern willst"), verkommt der Dialog zeitweise zum bloßen Ritual. Unnachgiebig beharren die Geiselnehmer auf ihren Forderungen, und ebenso hartnäckig versucht Doerks, sie immer wieder umzukrempeln.
"Ich bin 'n Verbrecher - du bist 'n Bulle", stellt Rösner die Fronten klar. "Ich hab Bulle gelernt, und du hast Klauen gelernt", pflichtet Doerks dieser groben Vereinfachung bei.
Um sich als Kumpel anzudienen, verfällt der Hauptkommissar in den Gossenjargon der Ganoven. Als hätte er mit ihnen schon in einer Zelle gesessen, spricht er mit Rösner und Degowski über "Muffe" (Angst) und "Blagen" (Kinder), "Brocken" (Geld), "linken" (reinlegen) und "abknipsen" (erschießen).
In einem vertraulichen Polizeipapier wird später, bei einer Analyse der Tonbandprotokolle, kritisiert, daß die Verhandlungsgruppe zu einseitig darauf hingearbeitet habe, einen "guten Kontakt zum Täter herzustellen". Bei künftigen Telephonaten mit Verbrechern dürfe die Strategie nicht nur auf "Verzögerung, Anpassung und Nachgiebigkeit" beschränkt bleiben, sondern müsse "als gleichwertiges Element die Erzeugung von Druck beinhalten".
Doch davon ist in Gladbeck nichts zu spüren. Bis zur Selbstverleugnung biedert Doerks sich an. "Ich bin 'n norddeutscher Typ", versucht er sich als gradlinig und verläßlich darzustellen, "du kannst mit mir reden wie mit 'nem Doofen, ich bin 'n Kumpel aus'm Leben."
Doch Rösner erfaßt instinktiv, daß alles nur Masche ist. Als Doerks, wie zufällig, ihn zum wiederholten Male mit "dem Ding vom Staatsanwalt" nervt, dem Angebot, gegen eine milde Strafe von sechs Monaten aufzugeben, höhnt der Bankräuber nur: "Schön so, psychologisch reden, ne."
Es wirkt komisch und plump zugleich, wie der Kriminalhauptkommissar sein psychologisches Training verniedlicht: "Ach, hör mal, ich bin doch gar nicht geschult, ehrlich nicht, du", versucht sich Doerks rauszustottern, "ich hab sicher wohl - da - so'nen, so'nen Kommissar-Lehrgang gemacht - dat freut mich, weil ich mehr Moos kriege, verstehst. Nur ich bin doch nicht so ein unheimlicher Psychologe, das mußt nicht meinen, du."
Sowenig Rösner und Degowski mit Worten beizukommen ist, so wenig sind sie mit Waffen außer Gefecht zu setzen. Wie und wo die Spezialkommandos auch immer einen Angriff erwägen - es ist, so der Düsseldorfer Kriminaloberrat Dieter Höhbusch, "praktisch kein Durchkommen".
Von vorn können Angreifer durch die breite Fensterfront aus Sicherheitsglas gesehen werden, hinten müßten sie sich durch schmale Oberlichter zwängen; links grenzt der Schalterraum ans Nachbarhaus, durch die Fenster rechts würden Nahkämpfer im Frühstücksraum landen.
Und alle Angriffspläne haben den gleichen entscheidenden Nachteil: In jedem Fall würde das Eindringen in die Bank länger als fünf, sechs Sekunden dauern - es bliebe allemal Zeit genug für die Täter, die Geiseln zu erschießen. Mit hängenden Schultern meldet ein Sonderkommando-Führer seinem Einsatzleiter Meise: "Keine Chance, null."
In ihrer Hilflosigkeit prüfen die Spezialisten am Tatort, wie eine Woche später Polizeiführer Heinz Hermey in einer nichtöffentlichen Ausschußsitzung des nordrhein-westfälischen Landtags preisgibt, "ob die Möglichkeit bestanden hätte, hier im Objekt selbst einen finalen Rettungsschuß anzuwenden". Im Klartext: Rösner und Degowski hinterrücks zu erschießen.
Erstmals diskutieren Hermey und Kollegen damit ein Einsatzmittel, das zu den umstrittensten Maßnahmen des Polizeirechts gehört und dessen Anwendung im Verlauf der Gangster-Odyssee durch die halbe Republik und die Niederlande noch mehrfach gefordert wird.
Das Für und Wider um den Todesschuß führt nach dem Finale zu erbitterten politischen Auseinandersetzungen. Rigorose Ordnungspolitiker, die Verbrecher am liebsten - ruck, zuck - mit Genickschüssen am Tatort liquidieren würden, streiten sich mit Verfechtern liberaler Rechtskultur, die bei Geiselnahmen mehr auf Verhandlungsgeschick setzen.
Durch eine geschmacklose Nachstellung des Geiseldramas bringt der damals zuständige bayrische Innenstaatssekretär Peter Gauweiler später Polizeipraktiker und auch CSU-Parteifreunde gegen sich auf. Mit Platzpatronen und Stuntmen demonstriert er vor zusammengetrommelten Journalisten, wie man im Freistaat den Geisel-Krimi beendet hätte: Feuer frei, Täter tot.
Der sogenannte finale Rettungsschuß ist nur in unionsregierten Bundesländern wie Bayern ausdrücklich im "Polizeiaufgabengesetz" erlaubt. Der Unterschied zum Rest der Republik besteht jedoch lediglich auf dem Papier. Denn auch in Nordrhein-Westfalen räumen die "allgemeinen Vorschriften für den Schußwaffengebrauch" indirekt tödliche Schüsse ein - um Täter "angriffs- oder fluchtunfähig zu machen".
Zu einer politischen Rückversicherung im Düsseldorfer Innenministerium, ob die Täter zum Abschuß freigegeben werden, kommt es nicht. Weil Lamellen den Einblick in die Bank verhindern, haben Scharfschützen ohnehin keine Chance.
"Bloß keinen Sturm", bekniet der Gladbecker Bankdirektor Wolfgang Schöning, 56, die Einsatzleitung. Der hochgewachsene, leicht distinguiert wirkende Banker sorgt sich um seine Angestellten, die er seit Jahren schätzt. Andrea Blecker, 24, hat er selber als Lehrling eingestellt. Seinen Mitarbeiter Reinhold Alles, 35, schätzt der Direktor seit sieben Jahren als "zuverlässigen Kassierer", weiß auch, daß dessen Frau im dritten Monat schwanger ist.
Um seinen Teil dazu beizutragen, daß den Geiseln nichts passiert, kümmert sich der Direktor persönlich um die Bereitstellung des Lösegeldes. Innerhalb weniger Stunden organisiert er, daß 300 000 Mark, wie gewünscht in kleinen Scheinen, aus der Düsseldorfer Landeszentralbank ins Gladbecker Polizeiamt transportiert werden, wo das Geld präpariert wird. Den Tätern gegenüber täuscht die Polizei jedoch vor, die Geldbeschaffung bereite Schwierigkeiten.
Ohne es zu wollen, durchkreuzt Schöning, der nach der Geldübergabe an die Polizei wieder aus der Einsatzleitung herauskomplimentiert wird, die Hinhalte-Tricks. Kurz nach drei Uhr, als er mit der Geisel Blecker telephoniert ("Herr Dr. Schöning, was tut sich?"), gibt der Bankdirektor preis: "Das Geld ist bei der Polizei."
Wütend stellt Rösner wenige Minuten später seinen Gesprächspartner Doerks zur Rede: "Ihr habt die Kohle doch gekriegt, da, von dem Bankfritzen da." Doerks: "Das erste, was ich höre, du - ehrlich! Ich krück dich nicht an, wenn ich sage, daß ich nichts davon weiß." Rösner: "Wenn du mich verarschen willst, dann sag das doch sofort."
Das Mißgeschick beunruhigt die Beamten um so mehr, da sie inzwischen wissen, daß sie es mit Hans-Jürgen Rösner zu tun haben. Seine Ex-Frau Uschi hat ihn auf dem Polizeiamt an der Stimme erkannt.
Als Doerks weisungsgemäß die Geiselnehmer wie beiläufig auf den Namen anspricht ("Rösler oder Rösner, so genau weiß ich das auch nicht mehr"), wiegelt sein Gesprächspartner ab: "Ist doch scheißegal." Und Degowski ruft aus dem Hintergrund: "Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts."
Ob es richtig ist, Geiselnehmern ihre Enttarnung anzudeuten, ist in der Polizei umstritten. Im offiziellen Zwischenbericht des NRW-Innenministeriums behaupten Experten, daß dadurch die Gefahr für die Geiseln "erheblich gemindert" werde. Grund: Geiselnehmer, die von der Polizei erkannt sind, brauchen ihre Opfer nicht mehr aus Angst vor Identifikation zu töten. Inoffiziell wird die Namensnennung als "gravierender polizeitaktischer Fehler" gewertet. Experten behaupten, daß maskierte Verbrecher noch brutaler vorgehen, wenn sie enttarnt sind und mit ihrem Namen angesprochen werden.
Und wie Rösner im Zorn reagiert, wissen die Fahnder aus der Täterakte. Ohne Vorwarnung hatte er im Juli 1983 in der Justizvollzugsanstalt Gütersloh einem Oberregierungsrat ein selbstgebasteltes Stilett in den Bauch gerammt. Weil Rösner aus dem offenen Vollzug geflohen war, hatte der Justizbeamte 14 Tage Arrest über ihn verhängt.
Rösner empfindet die Strafe als große Gemeinheit. Er befürchtet, daß er nun die nächsten Monate keinen Ausgang mehr bekommt, die Ehe mit seiner Frau Uschi in die Brüche geht. Er hat erfahren, daß sie es satt hat, allein zu leben und ihren Mann nur alle paar Wochen im Gefängnis zu besuchen.
Der damals von der Staatsanwaltschaft bestellte Landesmedizinaldirektor Karl Wiedenfeld qualifiziert Rösner in seinem psychiatrischen Gutachten, wenig differenziert, als "eine völlig haltlose, diffus triebbestimmte, sittlich abgestumpfte Persönlichkeit mit ausgeprägten kriminellen Zügen". Mit "das Schlimmste" sei "fast ein moralischer Schwachsinn, keine moralische Gesinnung".
Ganz so, als wolle Rösner das anmaßende und vernichtende Urteil bestätigen, spielt er bei der Geiselnahme die ihm zugeteilte Rolle. Offenbar mitleidlos versetzt er, etwa in Bremen, selbst Kinder mit der Waffe in Todesangst. "Mir kann keiner wat erzählen, von Moral nicht und von andere Schoten auch nicht", tönt er gegenüber der Polizei.
Auf die Bitte, mit den Geiseln doch "ein bißchen menschlich" umzugehen, stellt Rösner, womöglich ein Schlüssel für sein Verhalten, der Polizei die Gegenfrage: "Menschlich, wer geht mit mir menschlich um?"
Um die Bank-Geiseln vor Kurzschlußhandlungen der Gangster zu bewahren, muß die Polizei notgedrungen auf die Bedingungen der Täter eingehen. Ab 15.12 Uhr, nach rund sieben Stunden, wird über Details der Forderungen - 300 000 Mark, zweiter Tresorschlüssel, Fluchtwagen - verhandelt. Die Einsatzleitung spekuliert darauf, Rösner und Degowski bei der Geldübergabe auszutricksen.
Doch die Geiselnehmer wissen, daß sie mit einer List rechnen müssen, denken an alles. Obwohl sie sich mit ihrem Aufputsch-Cocktail aus "Vesparax"-Tabletten und Dosenbier gedopt haben und auch noch eine Flasche Sekt aus dem Kühlschrank der Bank geleert haben, bleiben sie hellwach.
Bei der Geldübergabe lassen sie der Polizei keine Chance. Fast nackt, nur in Badehose, muß sich der Geldbote dem Eingang nähern. Die Banknoten müssen in Klarsichtbeuteln transportiert werden. Rösner zu Doerks am Telephon: "Versuch da keine Tricks."
Die Polizei versucht's dennoch. Das Geldpaket wird nicht, wie gefordert, direkt vor dem Bankeingang, sondern zwei, drei Schritte von der Tür versetzt deponiert. Damit will die Einsatzleitung, wie der Düsseldorfer Experte Höhbusch die vermeintliche Panne später erläutert, "Täter oder Geiseln möglichst weit aus dem Windfang herausbekommen" und so eventuell "einer der Geiseln die Möglichkeit einer Flucht eröffnen".
Rösner paßt auf. "Bin ich nicht mit einverstanden, wie dat da liegt", moniert er. Mit einem Besen muß der Badehosen-Polizist das Geld in die gewünschte Position schieben.
Mit kaltblütiger Professionalität lassen die Geiselnehmer die drei Plastiktüten mit dem Geld in die Bank schaffen. Millionen Fernsehzuschauer werden Zeugen eines abstoßenden Schauspiels:
Ein Würgeband um den Hals, muß Kassierer Alles auf allen vieren zur Tür kriechen. Wie ein Kettenhund hat Rösner ihn mit einem Elektrokabel angebunden, richtet zusätzlich die Waffe auf ihn. Damit nicht die Spur einer Eingriffschance besteht, hält Kumpan Degowski die Geisel Blecker mit seinem Revolver in Schach.
Durch den Türspalt zieht Alles die Tüten mit den 300 000 Mark in die Bank. Rösner meldet Doerks auf Nachfrage ("Habt ihr die Tüten?") Vollzug: "Ja, ist ja alles in Ordnung."
Doch wieder reagiert Rösner nicht so, wie die Polizei gehofft hatte. Statt sich in der ersten Begeisterung über den gelungenen Beutezug gierig auf den Geldhaufen zu stürzen, reklamiert er die fehlenden Zweitschlüssel für den Haupt- und Nachttresor.
Und er läßt sich auch jetzt nicht irreführen. "Mensch, hol doch die Tüte da 'rein, fertig ist die Laube", versucht Doerks ihn vor die Tür zu locken. Doch Rösner, konsequent, läßt den Kassierer Alles die demütigende Prozedur wiederholen.
Wie ein kleiner Junge brennt Rösner darauf, einmal im Leben "in einen solch großen Tresor hineinsehen" zu können. Mit Hilfe von Blecker und Alles, die schon am Morgen die Zahlenkombination auf Druck preisgegeben hatten (Rösner: "Beiden haben wir die Pistole untern Hals gesetzt"), öffnen die Bankräuber die Stahltüren und raffen das Papiergeld zusammen.
Weil ihnen eine Flucht ins Ausland vorschwebt, stopft sich Rösner auch Dollars, Gulden, Schweizer Franken und Francs in die Taschen. Als Zigarettengeld stecken sie auch noch eine Rolle Markstücke ein.
Rösners diffuser Ehrenkodex offenbart sich beim Ausräumen des Nachttresors. Die Geldbomben vom co-op-Supermarkt (7560 Mark) und vom Friseurgeschäft Gresch (900 Mark) plündert er. Die dritte Geldbombe mit 870 Mark läßt er unberührt. Alles hat ihm gesagt, daß die "einem Pommesbuden-Besitzer" gehören. Und mit Geld von "diesem armen Schwein", mit dem er sich identifizieren kann, will Rösner sich nicht bereichern.
Gegen 19.10 Uhr, gut elf Stunden nach Beginn der Geiselnahme, wirkt Rösner das erste Mal gelöster. "Ja, so was freut man sich drüber", gesteht er Doerks, noch bevor er das Geld in seiner Sporttasche verstaut hat. "Aber die große Freude kommt erst, wenn wir das Auto haben und weg sind."
Was Rösner und Degowski nicht wissen können: Nach Rücksprache mit allen Spezialisten hat Einsatzleiter Meise am Nachmittag bereits eine der umstrittensten Entscheidungen des ganzen Geiseldramas getroffen: die Täter mit Opfer und Geld fahren zu lassen.
Der Entschluß, der zum Startschuß für die blutige Irrfahrt wird, ist die polizeitaktische Konsequenz aus der politischen Vorgabe. Denn zu den Grundsätzen Schnoorscher Sicherheitspolitik gehört, daß Staatsräson nicht um jeden Preis durchgesetzt werden muß. Und erst recht nicht, wenn ein Sturmangriff, wie der Sonderkommando-Führer Hermey prophezeit, "zu etwa 90 Prozent zum Tod der Geiseln und auch einiger Eingriffskräfte geführt hätte".
Der Rückendeckung ihres obersten Dienstherrn glauben sich die Beamten sicher zu sein. Seit den Morgenstunden haben sie nahezu stündlich ausführliche Lageberichte an die "Nachrichten- und Führungszentrale" des Innenministeriums geschickt. Jeden einzelnen Schritt haben sie vorgetragen und erläutert. Und kein einziges Mal hat es Widerspruch aus Düsseldorf gegeben.
Offiziell beteuert Einsatzleiter Meise zwar, daß er "durch niemanden beeinflußt worden" sei. Aber ob nicht doch, zumindest indirekt, der Ablauf der Ereignisse von Schnoor und seinem Stab mitbestimmt wurde, beschäftigt noch Wochen später die Abgeordneten im Untersuchungsausschuß.
Schnoors Rolle ist unter den Parlamentariern bis heute umstritten. Der Ausschußvorsitzende Heinz Lanfermann (FDP) kommt in seinem 68 Seiten umfassenden Zwischenbericht zu dem Urteil, daß Schnoor "zumindest mittelbar persönlich" sowie durch seinen Mitarbeiterstab "an dem Ablauf des Einsatzes verantwortlich mitgewirkt hat".
In seinen Vernehmungen hat sich Schnoor um die Frage seiner tatsächlichen Einflußnahme mit einem rhetorischen Drahtseilakt herumbalanciert. Einerseits will er keine Anordnungen getroffen haben: "Mir ist nie eine Frage so gestellt worden, daß darauf eine Entscheidung von mir zu treffen war." Doch andererseits gab es eine Ausnahme, die er auch zugibt. Er entschied, das Angebot des Grenzschutzkommandos West anzunehmen, die Spezialtruppe GSG 9 hinzuzuziehen. Schnoor: "Ich hatte auch das Gefühl, dies entsprach der Auffassung des Inspekteurs." Der Minister räumt außerdem ein, einzelne Polizeimaßnahmen kommentiert zu haben: "Ich habe natürlich auch meine Meinung gesagt."
Welches Gewicht das Wort des Chefs, selbst wenn es nur beiläufig geäußert wird, in der Hierarchie einer Behörde erwecken kann, wird aus einer Stellungnahme des Regierungspräsidenten in Münster deutlich. Die Behörde dient als Verbindungsstelle zwischen Polizei und Innenministerium.
Aufgrund des "intensiven Informations- und Meinungsaustausches", berichtet das Regierungspräsidium, sei "der Eindruck entstanden, der Innenminister trage - möglicherweise sogar höchstpersönlich - die Entscheidungen mit oder habe sogar unmittelbar Weisungen gegeben".
Auch das Direktorium der Deutschen Bank geht davon aus, daß Minister Schnoor den Einsatz dirigiert. Das Institut, sorgsam auf seinen guten Ruf bedacht, möchte die leidige Angelegenheit schnell, human und geräuschlos erledigt wissen.
Im Frankfurter Glaspalast, wo im 30. bis 32. Stock der Vorstand des mächtigsten deutschen Konzerns residiert, haben die Meldungen aus Gladbeck Hektik ausgelöst. Bankchef Alfred Herrhausen wird im Urlaub aufgestöbert, sein Vorstandskollege Michael Endres nimmt sich der Sache persönlich an. "In all meinen 26 Jahren bei der Deutschen Bank", erinnert sich der Gladbecker Bankdirektor Schöning, "habe ich nicht so oft mit dem Vorstand gesprochen wie in diesen Stunden."
Von Schnoor erwarten die Bankiers, daß er, der Not gehorchend, mit einem rechtsstaat lichen Prinzip bricht: Wenn Rösner und Degowski die Geiseln freilassen, sollen sie mit der Beute - Geld spielt keine Rolle - unbehelligt davonfahren dürfen. Und Schnoor persönlich soll ihnen im Rundfunk garantieren, daß sie 24 Stunden nicht verfolgt werden.
Der Minister lehnt das Ansinnen der Bank ab. Die Einsatzleitung hatte ihm signalisiert, daß die Geiselnehmer wohl in keinem Fall ohne die Geiseln abziehen würden. Allerdings sind die Fahnder zuversichtlich, daß Rösner und Degowski - wenn man sie denn gehen läßt - sich mit Blecker und Alles nicht allzu lange belasten werden. Bei früheren Geiselnahmen wurden die Opfer zumeist nach drei, vier Stunden wieder freigelassen.
Deshalb bereitet die Einsatzleitung einen "scheinbar verfolgungsfreien Abzug" vor. Bei dieser überaus komplizierten Fahndungsmethode sollen die Täter einerseits das sichere Gefühl haben, nicht verfolgt zu werden, andererseits muß die Polizei, gut getarnt, jedoch stets so nahe dran bleiben, daß sie bei einer günstigen Gelegenheit jederzeit zugreifen kann.
Die Bedingungen werden inzwischen als günstig eingeschätzt: Wortführer Rösner ist identifiziert, von seinem Komplicen wird vermutet, daß es sich um Degowski handelt. In den Nachbarstädten stehen Sondereinsatzkommandos bereit, selbst in den Niederlanden und in Belgien sind Polizeieinheiten in Alarmbereitschaft; an Tankstellen und vor dem Haus der Eltern Rösners lauern Polizeibeamte in Zivil.
Zudem ist es der Polizei bei den Verhandlungen über den Fluchtwagen das erste Mal gelungen, die Geiselnehmer auszutricksen. Mit der simplen Ausrede, bei Mietwagenfirmen sei der gewünschte schnelle BMW 735i nicht aufzutreiben ("Du vergißt die Urlaubszeit, Mensch"), gelingt es Kommissar Doerks von der Verhandlungsgruppe, Rösner einen weitaus langsameren Audi 100 aufzuschwatzen: "Das ist doch ein Schlitten, Junge, den können wir von interRent kriegen." Rösner: "Ja, ist gut, nehmen wir den."
In Wahrheit ist das Fahrzeug vom Mobilen Einsatzkommando Essen technisch aufgerüstet worden: Mit versteckten Mikrophonen können die Gespräche im Wageninnern abgehört werden, über einen eingebauten Sender können die Verfolger vom Hubschrauber und vom Auto aus den Wagen anpeilen; mittels einer Fernsteuerung kann die Motorzündung ausgeschaltet, das Fahrzeug gestoppt werden.
Rösner ist von Anfang an klar, daß ihm kein normales Auto überlassen wird. "Im Knast hatte ich vorher schon mal gehört, daß in solchen Autos Mikrophone, Wanzen und Peilanlagen eingebaut sind." Deshalb ist er entschlossen, das Auto nach der Abfahrt so schnell wie möglich auszutauschen.
Zunächst geht's den Geiselnehmern jedoch darum, heil aus der Bank herauszukommen. Zwar hat Doerks ihnen immer wieder versichert, daß die Polizei nicht eingreifen wird: "Wir sind nicht bekloppt, wir fangen nicht an zu ballern. Vorrangig wollen wir kein Blutvergießen." Rösner bleibt mißtrauisch: "Wenn von eurer Seite was kommt, dann knallt das sofort."
Beide Täter glauben, daß der Wechsel in den Fluchtwagen für sie ein hohes Risiko birgt. Sie argwöhnen, daß Scharfschützen beim Verlassen der Bank gezielte Schüsse abgeben. "Ich kenn die Tricks", prophezeit Rösner seinem Gesprächspartner, "da sagen die, da haben wir 'ne Chance, da schießen wir in die Zwiebel rein."
Auch der Gladbecker Bankdirektor Schöning befürchtet einen Überraschungsangriff, hat Angst, "daß es zu einem zweiten München kommt".
In der bayrischen Landeshauptstadt hatte die Polizei 1971 versucht, den Bankräuber Hans Georg Rammelmayr, 31, beim Verlassen der Deutsche-Bank-Filiale in der Prinzregentenstraße niederzustrecken. Doch weil Scharfschützen nicht präzise trafen, hatte der Geiselnehmer, der kurz darauf verblutete, noch genügend Zeit, die Bankangestellte Ingrid Reppel, 19, zu töten. Das Fiasko von München gilt seither als abschreckendes Beispiel für Härte um jeden Preis.
Doch genau ein solches Debakel will Einsatzleiter Meise in Gladbeck vermeiden. Ohne weitere Tricks wird der weiße Audi 100 vor den Bankeingang gerollt. Wie besprochen, steht die Kofferraumklappe offen, sind die Türen unverschlossen.
Eine Gefahr sieht die Polizei vor allem in der Belagerung der Bank durch die Presse. Dutzende von Journalistenteams aus der ganzen Bundesrepublik blockieren mit ihren Fahrzeugen die Zufahrtswege, besonders gewiefte Reporter haben sich Logenplätze auf den Balkons der Nachbarhäuser gesichert. Die Einsatzleitung fürchtet, daß unbedachte Zeitungsleute bei der Flucht dazwischenfunken und so Rösner und Degowski zu einer Kurzschlußhandlung verleiten könnten.
Als könnte er hellsehen, die Entwicklung der nächsten Tage voraussagen, warnt Polizeisprecher Doerks: "Die fahren hinterher, du, die riskieren Kopf und Arsch für 'n Bild und für 'n Interview." Und Rösner prophezeit, was beide Geiselnehmer später tatsächlich tun werden: "Dann müssen sie sich nicht wundern, wenn ihnen die Kugeln um die Ohren pfeifen."
Um Spuren zu verwischen, muß die Geisel Blecker noch Gläser und Tassen spülen und das Telephon abwischen. Rösner sammelt Zigarettenkippen ein und wirft sie ins Klo. Zwar hat Rösner inzwischen gegenüber Doerks seine Identität eingeräumt ("Ich habe die Maske schon ab, du weißt ja, wer ich bin"). Daß die Polizei Degowski als Mittäter in Verdacht hat, wissen die beiden jedoch nicht.
So eiskalt wie die Täter die Geldübergabe organisiert haben, so cool verläuft ihr Abzug. Ihren Geiseln haben sie die Hände mit langen Elektrokabeln vor dem Bauch gefesselt, führen sie "wie an der Hundeleine" (Rösner).
Als erste tauchen Rösner und Alles aus der mittlerweile abgedunkelten Bank auf, zwängen sich in den Audi. Degowski will auf dem Weg zum Wagen die Geisel Blecker auf fast pervers anmutende Art bedrohen. Mit einem Spültuch hat er sorgfältig den Lauf seines Trommelrevolvers abgewischt, um ihr das Rohr in den Mund zu stecken. Nur mit dem flehentlichen Hinweis auf ihre "empfindlichen Zähne" erreicht die Bankangestellte, daß Degowski davon abläßt. Statt dessen hält er seinem Opfer die Waffe an den Hals.
Um 21.47 Uhr, nach fast 14 Stunden Nervenkrieg, haben Rösner und Degowski erreicht, was sie wollten: Geld, Auto, freien Abzug.
Unter dem Blitzlichtgewitter von Pressephotographen und vor laufenden Fernsehkameras rollt der Fluchtwagen im Schrittempo vom Gelände des Einkaufszentrums. Rösner sitzt am Steuer, Degowski zwischen den beiden Geiseln auf den Rücksitzen. Die Polizei hat ihnen durch den Pressepulk eine Schneise freigesperrt, eskortiert das Fahrzeug auf den ersten Kilometern durch Gladbeck.
Weil die Täter sicher sind, daß der Wagen verwanzt ist, wird kein Wort gesprochen. Doch die Geiseln sind zuversichtlich, daß die Tortur bald ein Ende haben wird. Degowski verspricht Andrea Blecker kurz vor der Abfahrt die Freilassung: "In ein paar Stunden lassen wir euch raus."
Rösner aber hat zunächst vor allem einen Wunsch: Er will den neu gewonnenen Reichtum mit seiner Freundin Marion Löblich teilen. Nach der aber fahndet die Polizei seit dem Nachmittag.
Vergebens.
Im nächsten Heft Wie ein Polizeibeamter von den Gangstern entwaffnet wird - Die größte Zugriffschance wird verpaßt - Eine Geisel dreht durch
Von Dieter Bednarz und Bruno Schrep

DER SPIEGEL 27/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 27/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Ich bin 'n Verbrecher - du bist 'n Bulle“

  • ISS: "Astro-Alex" übergibt das Kommando
  • Entlaufenes Zirkustier: Zebra streift durch Dresden
  • Verhaltensforschung: Kann ein Quiz die Straße säubern?
  • Gesunkene norwegische Fregatte: Taucher bereiten Bergung vor