05.06.1989

TIERFUTTERChance vertan

Ein Umweltmagazin legte sich mit einem mächtigen Hersteller von Tierfutter an - und zog den kürzeren.
Kater Sorbas ist krank, seine Nieren sind kaputt. Solche Fälle, weiß sein Tierarzt Peter Knell, treten seit einiger Zeit immer häufiger auf. Schon möglich, meint er, daß daran Schadstoffe im Tierfutter schuld seien.
Sorbas' Krankengeschichte rührte die Zuschauer des Regionalprogramms "Hessenschau" am Montag vergangener Woche. Der Beitrag beruhte auf einem Bericht des Umweltmagazins "Chancen". Das Blatt hatte für seine Juni-Ausgabe Hunde- und Katzenfutter testen lassen und dabei Umweltgifte und Zusatzstoffe in erheblichen Mengen entdeckt.
Doch als die besorgten Hunde- und Katzenliebhaber am Kiosk nach dem "Chancen"-Heft fragten, war nichts zu machen. Der Heinrich Bauer Spezialzeitschriften Verlag hatte die Juni-Ausgabe zurückziehen lassen. Nun wird die Auflage (rund 50 000) eingestampft.
Vorausgegangen waren intensive Gespräche zwischen dem Verlag und der Firma Effem. Das Unternehmen, eine Tochter des US-Konzerns Mars, setzt mit Hunde- und Katzenfutter (Chappi, Whiskas, Kittekat) rund 1,5 Milliarden Mark um, sein Marktanteil in der Bundesrepublik liegt bei erdrückenden 75 Prozent.
Wenn "Chancen" bei seinen Behauptungen bleibe, machte die öffentlichkeitsscheue Firma aus der niedersächsischen Provinz klar, müsse Effem alle Produkte aus den Regalen des Handels zurückziehen. Wert: 360 Millionen Mark. Wer diesen Schaden zu tragen habe, hätten die Gerichte zu klären.
Einen Schadenersatz in dreistelliger Millionenhöhe hat es in der Bundesrepublik noch nicht gegeben. Der Bauer Verlag knickte ein und widerrief den "Chancen"-Bericht.
So berichten zumindest Bauer-Mitarbeiter. Die offizielle Version sieht anders aus: Er habe "Chancen" zurückgezogen, weil die Daten des Testberichts falsch seien, sagt Günter Wiechmann, Leiter des Bauer Spezialzeitschriften Verlags. Eine Drohung gegenüber Bauer habe es nie gegeben.
Merkwürdig immerhin, wie schnell den Verlag die Zweifel an der eigenen Geschichte überfielen. Redaktion und Verlag waren sich vorher der Brisanz des Themas voll bewußt: Es wurde durchaus einkalkuliert, daß der gesamte Bauer Verlag mit seinen publikumsstarken Titeln wie "Quick" und "Neue Revue" die Effem-Anzeigen im Wert von acht Millionen Mark pro Jahr verlieren könnte.
Dennoch blieb offenbar keine Wahl: Die Redaktion hatte sich in dem brisanten Beitrag handwerkliche Fehler geleistet, eine juristische Auseinandersetzung hätte das Magazin deshalb kaum überstanden.
Das von "Chancen" beauftragte Umweltanalytik-Institut Ökolimna hatte in allen der 24 untersuchten Hunde- und Katzenfutter gefährliche Substanzen gefunden. Ob Blei oder Quecksilber, DDT oder PCB, Cadmium oder Lindan - die Untersuchung wies fast alle gängigen Umweltgifte nach, zum Teil in stattlichen Mengen. Viele dieser Substanzen gelten als krebserzeugend. Für die meisten gibt es jedoch keine vorgeschriebenen Höchstgrenzen. Die Futtermittelverordnung geht mit den Herstellern von Tiernahrung behutsam um.
Wie behutsam, das merkten die "Chancen"-Macher erst, als es zu spät war. "13 von 24 Proben dürften nicht im Regal stehen", behaupteten sie. Diese Proben enthielten unerlaubt hohe Werte von alpha- und beta-HCH (Hexachlorcyclohexan). Die "Chancen"-Tester übersahen, daß die Futtermittelverordnung eine Übergangsregelung bereithält. Danach dürfen Heimtiernahrungsprodukte, die mehr dieser Giftstoffe beinhalten, noch bis zum 30. Juni in den Handel gebracht werden.
Formaljuristisch war die "Chancen"-Aussage deshalb nicht korrekt, der Verlag mußte kuschen. Zudem legte Effem die eidesstattliche Versicherung eines Lebensmittelchemikers vor. Nach dessen Untersuchungen wurden die gesetzlich zulässigen Schadstoffgrenzen bei keinem Effem-Produkt überschritten. Dem Ökolimna-Institut wirft Effem-Geschäftsführer Heino Fismer "schwerwiegende methodische Fehler" vor.
Die Analyse-Methode sei amtlich zugelassen, behauptet dagegen der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer. Er hat, als freier Berater der Redaktion, die Ökolimna-Befunde ausgewertet. "Es bleibt dabei", sagt Pollmer, "die Rechnung stimmt."
Die "Chancen"-Macher haben jedenfalls eine Chance vertan: eindeutig nachzuweisen, was in den Dosen für Hund und Katze wirklich ist. Experten wissen schon lange, daß Tierfutter längst nicht nur aus hochwertigen Stoffen besteht.
Wie sehr die Branche ihren Erfindungsreichtum benützt, um Abfälle in edle Produkte zu verwandeln, zeigt eine Patentschrift der britischen Mars-Gesellschaft. Sie "betrifft ein Verfahren zur Herstellung eines Nahrungsmittels, das ein faseriges oder gestreiftes Aussehen besitzt und beispielsweise faserförmigem Fleisch ähnelt".
Woraus dieses fleischähnliche Produkt hergestellt ist, wird in der Patentschrift ausführlich dargestellt. Kleiner Auszug: Fleischabfälle, Fleischnebenprodukte, Gluten, entfettete Sojamehle, Sojakonzentrate, getrocknetes Blut, Grieben, Fischmehl und einiges mehr.

DER SPIEGEL 23/1989
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