07.08.1989

Pakt mit dem Satan gegen den Teufel

Von Meyer, Fritjof

50 Jahre nach Abschluß des Hitler-Stalin-Paktes erklärt Moskau den Vertrag für ungültig, der in den Zweiten Weltkrieg führte. Damals teilten sich beide Diktatoren Osteuropa durch ein Geheimprotokoll, dessen Existenz Moskau seither verleugnete - und die UdSSR behielt ihren Anteil bis heute. Jetzt verlangen die Balten Selbständigkeit.

Sie hatten sich gleichzeitig der beiden größten Völker Europas bemächtigt, mit Lockungen, Betrug und Terror. Der Österreicher verführte die Deutschen mit dem Versprechen eines "nationalen Sozialismus", der Georgier die Russen mit der Schalmei vom "Sozialismus in einem Lande".

Beide stützten sich mit Spitzeln, Killern und bezahlten Anwälten ihrer Verbrechen auf eine kriminelle Organisation, die sie sinnwidrig "Partei" nannten. Gegeneinander verordneten sie ihren Völkern den Haß, der eine empfahl sich mit wildem Antikommunismus, der andere mit entschlossenem Antifaschismus - unvereinbar, so schien es, wie Feuer und Wasser.

Doch die beiden, bar aller Skrupel, von der geistigen Zivilisation Europas unberührt und zu jeder Gemeinheit begabt, ließen sich von ideologischen Vorstellungen gar nicht beengen, sie leitete die Lust an der Macht, die sich mit den Mitteln eines Staates vervielfältigen ließ.

Einer lernte dabei vom anderen. Josef Dschugaschwili aus Gori bei Tiflis, der sich Stalin nannte, hatte schon vorgeführt, wie man ohne weltweiten Aufschrei, ohne Verlust des internationalen Renommees, ja, beinahe unbemerkt, ganze Bevölkerungsschichten ausrottet, schließlich ganze Völkerschaften - was deutsche Philosophen bis dahin nur gedanklich konzipiert hatten (der Begriff einer "konterrevolutionären Nation" aber steht heute wieder im Manifest der Leningrader Stalinistin Nina Andrejewa).

Sein gelehriger Schüler Adolf Hitler aus Braunau am Inn belehrte ihn dafür, wie man Dutzende Dissidenten in der eigenen Partei umlegen läßt und dennoch die Jugend der Welt zu einer Olympiade bei sich versammeln kann.

Unvereinbar? Obwohl Hitler als sein allererstes Amtsverbrechen die deutschen Genossen Stalins hatte verhaften, der andere soeben seine Generalität unter dem Vorwurf der Kollaboration mit dem Deutschen hatte erschießen lassen, befiel Realisten die Furcht, die beiden Paten könnten sich zusammentun, ihre Claims abstecken und die Einführung der Kriminalität in die europäische Politik künftig gemeinsam betreiben.

In Spanien hatten ihre Freiwilligen noch aufeinander geschossen. Die braunen Kolonnen besangen ihre von "Rotfront und Reaktion" getöteten Märtyrer, die Sowjetkinder spielten "Faschisten gegen Kommunisten", und auf den Schießständen der Roten Armee trugen die Zielscheiben ein Hakenkreuz.

Das Unmögliche, das - so der sowjetische Außenpolitiker Walentin Falin - weniger vorstellbar schien als die Richtungsänderung des Golfstroms, begab sich. Die Welt erschrak, sie hat sich von dem Schock bis heute nicht erholt, sie trägt noch immer an den Folgen. Kurz nach Mitternacht des 23. August 1939 erhob Stalin im Kreml sein Glas und brachte vor Hitlers Abgesandten den Toast aus: "Ich weiß, wie sehr das deutsche Volk seinen Führer liebt, ich möchte deshalb auf seine Gesundheit trinken." Um keine Zweifel zu lassen, daß er die vermeintliche deutsche Zuneigung teilte, nannte er Hitler auch noch einen "Molodjez", einen Prachtkerl.

Mit ihm hatte der Generalsekretär der KPdSU soeben jenen Vertrag geschlossen, von dem der österreichische Moskau-Emigrant und Komintern-Funktionär Leopold Grünwald sagte: "Lenin hat solche Geheimverträge ,Vereinbarungen von Räubern hinter dem Rücken der Völker' genannt."

Der Deutsche Karl Mewis, damals im ZK der Exil-KPD in Moskau (und später SED-Politbürokrat), nannte ihn einen "Pakt mit dem Teufel". So notierte es auf der anderen Seite der geschleiften Barrikade auch Hitlers Heeres-Generalstabschef Franz Halder in sein Tagebuch: "Pakt mit Satan, um den Teufel auszutreiben."

Hitler jubelte: "Ich habe die Welt in der Tasche!" Er trommelte mit den Fäusten an die Wand - endlich konnte er seinen Krieg führen. Stalin aber lächelte nur hintergründig. Zusätzlich zu dem Vertrag, der lediglich ein übliches Nichtangriffsversprechen beinhaltete und die Neutralität jedes Partners für den Fall des Angriffs anderer Mächte (daß sie nämlich Polen zu Hilfe kämen) garantierte, hatte er das Protokoll in der Tasche, das ihm einen Zuwachs von zwölf Millionen Untertanen und mehr Landgewinn bescherte, als Hitler an Lebensraum dazugewann.

Die unbewältigte Geschichte erhebt sich zum Richter über die Gegenwart. Denn damals hatte sich Moskau im Ackord mit dem Teufel in eine Weltmachtpolitik hineinziehen lassen, welche die Kräfte ruinös überbeanspruchte. Statt Nachbarn als Verbündete zu gewinnen, holten sich die Russen mit den fremden Nationalitäten weiteres Widerstandspotential ins Reich. Ein halbes Jahrhundert später sind die Proteste kaum mehr zu bändigen.

Oder war die Expansion, so noch immer die bevorzugte Meinung in Moskau, der Preis für Europas Rettung vor seinem Zerstörer Hitler? Die Opfer, die Bürger der drei Ostseestaaten, sehen ihr Schicksal besiegelt in einem Geheimpapier, auf das die Allianz der beiden Diktatoren gründete und dessen Widerruf sie nun verlangen.

Das Dokument war "streng geheim". Es bestand aus zwei Blättern mit zusammen nur 32 Schreibmaschinenzeilen, die russische Fassung war noch kürzer. Die Originale in Deutsch und Russisch, je eins für beide Partner, sind verschwunden.

Die Ausfertigungen für die deutsche Seite wurden nicht im Archiv des Auswärtigen Amtes, sondern im persönlichen Büro des Unterzeichners, des Hitler-Außenministers Joachim von Ribbentrop, aufgehoben; bei Kriegsende gab er die Weisung, sie zu verbrennen. Vielleicht gelangten sie dennoch mit anderen evakuierten Materialien ins Riesengebirge, wo sie in russische Hand gefallen sein könnten.

Vorher wurden die Texte photographiert, der Film ist erhalten und befindet sich im Politischen Archiv des AA in Bonn. Die Echtheit ist von verläßlichen Zeugen bestätigt, darunter Molotows Dolmetscher Walentin Bereschkow. Dennoch erklärte die Sowjetregierung sie für eine Fälschung. Eine von Gorbatschow eingesetzte Kommission beschloß jetzt die Veröffentlichung der Texte und räumte die Rechtswidrigkeit ein.

Um angekündigtem Massensturm im Baltikum zum 50. Jahrestag des Pakts zuvorzukommen, hatte der Oberste Sowjet den drei Staaten rasch mehr wirtschaftliche Autonomie versprochen, soll der Pakt mit Wirkung vom 22. Juni 1941 - dem Tag des deutschen Angriffs auf die UdSSR - annulliert, das Geheimprotokoll sogar für ungültig von Anfang an erklärt werden. Der Rechtszustand des Sommers 1939 wäre wiederhergestellt, die Geschichte zurückgedreht wie im Gesellschaftsspiel nach einem schlechten Wurf: an den Ausgangspunkt zurück.

Was die beiden Zerstörer Europas 1939 insgeheim vereinbart hatten - die deutschen Zeugen wurden damals auf Schweigen eingeschworen -, ist freilich so geartet, daß sich begreifen läßt, warum die Exemplare der sowjetischen Seite sich in sowjetischen Archiven nicht finden ließen.

Premier Molotow, der seine Unterschrift auf dem deutschsprachigen Text in lateinischen Buchstaben, auf dem russischen in kyrillischen geleistet hatte, wird die Originale wohl auch in seinem persönlichen Safe aufbewahrt haben. In der Stunde des deutschen Überfalls auf die Sowjet-Union 1941 mag Molotow wie ein betrogener Betrüger das Papier schleunigst vernichtet haben.

Denn auf den Zetteln hatten die Bevollmächtigten des Deutschen Reiches und der UdSSR in alter imperialistischer Manier ihre "Interessensphären" in Osteuropa abgegrenzt. Danach fielen Finnland, Estland, Lettland, später auch Litauen, ferner Bessarabien und vor allem Polen östlich der Flüsse Narew, Weichsel und San unter sowjetische Kompetenz, die Territorien westlich dieser Linie, Warschau inklusive, fielen den Deutschen zu.

Was in dem Text stand, wurde von beiden Seiten brutal ausgeführt. Neun Tage nach dem Vertragsschluß eröffnete Hitler, von der Gefahr eines Krieges mit der UdSSR vorerst befreit, den Zweiten Weltkrieg und holte sich seine Hälfte Polens. Kaum drei Wochen später kassierte die Rote Armee Ostpolen, Monate darauf Bessarabien und die baltischen Staaten.

Stalin, der mit einer Hitler fremden Vorsicht möglichst auf Nummer Sicher ging bei seinen Expansionen, gelang es zunächst einmal, sich aus dem europäischen Krieg herauszuhalten. Diesen Krieg hatte er seit langem als "unvermeidlich" vorausgesehen, sogar gewünscht, und sich dabei eine Schiedsrichterrolle ausgerechnet.

Das war 1925, ein Jahr nach Lenins Tod - Hitler hatte gerade seinen Wahn vom Lebensraum im Osten ("Mein Kampf") niedergeschrieben. Da erläuterte Stalin seinem ZK, warum die Rote Armee aufrüsten müsse (und ausdrücklich, wie Estland und Lettland der UdSSR zufallen könnten):

Unser Banner bleibt nach wie vor das Banner des Friedens. Sollte aber der Krieg beginnen, so werden wir nicht untätig zusehen können - wir werden auftreten müssen, aber wir werden als letzte auftreten. Und wir werden auftreten, um das entscheidende Gewicht in die Waagschale zu werfen, ein Gewicht, das ausschlaggebend sein dürfte.

Er hatte also seine Gründe, warum er Hitler den Krieg mit Polen und mit den Westmächten gestattete. Auch der britische Premier Chamberlain könnte seinerseits erwogen haben, wie sich Deutschland und Rußland in einen Krieg verwickeln ließen, aus dem England herauszuhalten sei. Churchill mag ähnlich gedacht haben, als er dann während des deutsch-sowjetischen Krieges die zweite Front hinauszögerte; Mao Tse-tung - mehr Chinese als Kommunist - nannte diese Taktik das Behaupten einer Bergfestung, während "unten im Tal die Tiger miteinander kämpfen".

Das gehörte zum klassischen Finassieren der Diplomatie aus Staatsräson, wie es Brauch war im Zeitalter nationalstaatlicher Interessenpolitik, die den Krieg als taugliches Mittel einbezog - bei Minimieren des Risikos durch die Wahl des richtigen Verbündeten, unter Vermeiden eines tödlichen Zweifrontenkriegs.

Ehrenwerte westliche Politiker, die der Kontrolle durch ein Parlament ausgesetzt waren, freilich schreckten nach dem furchtbaren Erlebnis des Ersten Weltkriegs in jenem letzten Friedenssommer 1939 vor dem Äußersten noch zurück, sie sorgten sich, anders als die beiden Diktatoren, um den Bestand ihrer Staaten, fürchteten den Krieg, das Ende Europas.

Es waren nicht polnische Intransigenz, russische Friedensliebe, deutsche Blindheit, britisches Appeasement, die Europa in die Katastrophe führten, es war die Brutalität der beiden verbündeten Völkermörder, die sich zusammengekoppelt hatten.

Hitler wollte den Krieg, der ihm mit dem Nachgeben des Westens auf der Münchner Konferenz entgangen war. Selbst wenn er seine vorindustrielle Obsession vom Lebensraum für ein "übervölkertes" Deutschland verdrängt haben sollte, mußte er seine Waffen einsetzen, solange sie noch allen anderen Staaten Europas überlegen schienen: Die extreme Aufrüstung unter Ausnutzen aller Kräfte, inflationär finanziert, hatte Deutschland in eine Wirtschaftskrise gestürzt, deren Offenbarwerden die Nazis womöglich erledigt hätte (viele Historiker unterschätzen sie bis heute).

Nur ein schneller Raubkrieg konnte den Militär-Investitionen noch eine Rendite bringen und dem Reich das verschaffen, woran es ihm mangelte: Rohstoffe, Lebensmittel, Arbeitskräfte. Und Ruhm, die Rechtfertigung des Belagerungszustandes, mit dem er jede Opposition niederhielt.

Das war die einzige Chance für Hitler, den Spieler. Außenpolitisch war er isoliert, er verfügte über keine Verbündeten von Gewicht, selbst eine Koalition aller seiner Gegner hätte ihn, der sich nach Tyrannen-Art überschätzte, kaum stoppen können.

Nach München begnügte er sich nicht mehr mit einer von den anderen Staaten eben noch hingenommenen Vereinigung von Deutschen, er gemeindete die Tschechen ein - das Maß war voll, der Konservative Chamberlain (mit dem pazifistischen Frankreich im Schlepptau) führte die Wehrpflicht ein und bot Polen eine Beistandsgarantie, wenn es das nächste Opfer werden sollte.

Denn damit hatte Hitler endgültig sein Lebensziel offenbart, gestützt auf die Ressourcen Rußlands die USA in die Schranken zu fordern und sich zum Herrn der Erde aufzuschwingen.

Sommer 1939: Eine Bestie, vom staunenden Publikum gestreichelt und gefüttert, will aus dem Käfig ausbrechen, um alle anderen zu fressen. Wie das Verhängnis noch aufhalten?

Der Demokrat Chamberlain, den Verlust seines niedergehenden Weltreichs im Blick, hätte sich Hitler als Bollwerk gegen Sowjetrußland erhalten mögen, wenn der seinem imperialen Drang entsagt hätte; England war Hitlers Traumverbündeter. Der Friedensfreund im Cut bot Hitler schon eine Führungsrolle auf dem Kontinent an, Kolonien in Afrika, eine Milliarde Pfund als Kredit - wenn er nur von Polen lasse.

Zugleich nahm Chamberlain Koalitionsverhandlungen mit Stalin auf, anfangs kaum ehrlich gemeint, aber in der Hoffnung auf Zeitgewinn, bis das Jahr für einen Feldzug Hitlers gegen Polen zu weit fortgeschritten sein würde. Doch Stalin verlangte ein "Durchmarschrecht" durch Polen und Rumänien. Die Betroffenen wußten, was das bedeutete: Wo die Rote Armee durchmarschiert, dort bleibt sie.

Der Außenminister des autoritär regierten Polen, Oberst Jozef Beck, stand vor einer Alternative, die keine war: Mit Hitler gegen Stalin - die Ukraine als Beute hatte ihm der Braunauer um die Jahreswende 1938/39 ernstlich offeriert - oder mit Stalin gegen Hitler, in beiden Fällen konnte am Ende nur Polens Untergang stehen.

Den Polen blieb nur, auf den Blankoscheck Englands und Frankreichs zu setzen, die ihnen nicht helfen konnten, und sich zur Beruhigung die Droge von einem "Marsch auf Berlin" zu verordnen. Auch der polnische Tranquilizer gegen eine furchtbare Realität heißt Selbstbetrug, und deshalb zeigte sich Warschau so unzugänglich, wie Hitler es sich wünschte für seine Scheinverhandlungen um Danzig und eine Autobahn durch Polens schmalen "Korridor" zum Meer.

Die entscheidende Wende brachte Stalin in das Vorkriegsspiel der Mächte. Er war außenpolitisch isoliert wie Hitler, gescheitert mit dem Versuch seines Außenministers Litwinow, eine Front aller gegen Hitler zustande zu bringen, die Rußland endlich wieder ermächtigt hätte, über die europäischen Angelegenheiten mitzubestimmen. Obwohl mit der Tschechoslowakei verbündet, war es ihm nicht einmal gelungen, in München mit am Verhandlungstisch zu sitzen.

Nun stand Stalin vor der Alternative, trotz alledem Litwinows Annäherung an den schwachen Westen fortzusetzen oder mit Hitler zu kontrahieren - jeder Ideologie zuwider und trotz der sichtbaren Gefahren für ihn selbst, wenn er das Raubtier mästete.

Hitler aber ignorierte Englands Polen-Garantie; die Sorge um das Risiko eines Kriegseintritts Chamberlains konnte er seinen Militärs ausreden durch seinen Geniestreich: Er verband sich mit Rußland, dessen Vernichtung er stets begehrt hatte. Der Faschist öffnete dem Kommunisten die Tür nach Europa, am Ende bis in die Mitte Deutschlands. Der Bolschewik aber hatte dem Raubtier den Käfig geöffnet.

Stalin rechtfertigte sich mit der Atempause, die er zur Aufrüstung seiner geköpften Armee brauchte, tatsächlich konnte er sich fast zwei Jahre aus dem Krieg heraushalten.

Wie Hitler sah er sich der Gefahr eines Zweifrontenkrieges ausgesetzt - in der Mongolei siegte sein General Schukow über die Japaner in der ersten Panzerschlacht der Geschichte; der unerklärte Krieg im fernen Osten der UdSSR konnte sich ausweiten. Wie Hitler erweckte Stalin den Eindruck, es gehe ihm nur darum, die Grenzen seines Staates von 1914 wieder zu erreichen, die Schande des verlorenen Ersten Weltkriegs wettzumachen.

"Für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung" - diese Klausel im Geheimprotokoll mußte nicht einmal Krieg bedeuten, das konnte auch eine neue Münchner Konferenz sein - für diesen Fall trachtete Stalin nach Wiedervereinigung mit den alten Territorien Rußlands unter dem letzten Zaren: Baltikum, Ostpolen, Bessarabien, Finnland.

Also verhandelte er mit London wie mit Berlin und holte Offerten ein. Er nannte seinen Preis, der gegenüber den Engländern "Durchmarschrecht" hieß und bei Hitler die "Linie Narew-Weichsel-San".

England und Frankreich lehnten ab und erklärten Hitler tapfer den Krieg. Hitler folgte dem sowjetischen Verlangen per Zusatzprotokoll, Stalin kassierte. Doch nun saß der Sowjetführer mit dem Räudigen in einem Boot, fast hätten England und Frankreich ihm selbstmörderisch auch noch den Krieg erklärt; sie planten schon Bombenangriffe auf die Öltürme im Kaukasus.

Die Gewaltherrscher, die jedermann der Feindseligkeit verdächtigten, schenkten im Augenblick des großen Deals einander offenbar Vertrauen, oder sie taten so. Wie in einem Mafia-Krimi gab Stalin nach dem Paktabschluß sein Ehrenwort, daß die Sowjet-Union ihren Partner "nicht betrügen" werde. Hitler war ohnehin der Meinung, Außenpolitik sei ein "Mittel zum Zweck", ein Vertrag nur so lange zu halten, wie er nützt.

Der Pfeifenraucher in der khakifarbenen Uniformjacke verließ sich darauf, daß es den Vegetarier im Braunhemd nicht noch nach Polens anderer Hälfte und nach der Ukraine gelüstete, daß ihn auch die mit Verve anlaufende Rüstung der UdSSR nicht herausfordern konnte.

Der Nazi wiederum war sich ganz sicher, daß der Bolschewik das völlige Entblößen der deutschen Ostgrenze von Wehrmachttruppen während des Westfeldzugs nicht zu einem Stoß in den Rücken nutzen würde. Stalin lieferte Hitler statt dessen die kriegsnotwendigen Rohstoffe und lebensnotwendiges Getreide, er bezog dafür aus Deutschland Waffen, Flugzeuge, drei Kreuzer und rare Maschinen zur Munitionsherstellung: Das Pack vertrug sich.

Sie rechneten gewiß mit der eigenen Neigung wie der des anderen zum jederzeitigen Verrat, sie belauerten sich gegenseitig und begaben sich in Abhängigkeit voneinander.

Was sie zusammentrieb, war eben mehr als nur die unerhörte Chance einer Interessen-Identität im gefährlichsten Moment, der Woche vor dem Weltkrieg II, mehr auch als ein für beide scheinbar einträgliches Geschäft.

Da war auch der Mythos von einem gedeihlichen Zusammengehen der Deutschen mit den Russen, das sich in der Geschichte bewährt, freilich auch den Westen immer wieder bestürzt hatte. Die Plötzlichkeit der Umarmungen dramatisierte allemal noch die Wiederannäherung - zum Ende des Siebenjährigen Kriegs 1762, in Tauroggen 1812, in Rapallo 1922. Ein halber Tag und eine halbe Nacht genügten für die Absprachen im Kreml 1939.

Und da war eben auch die Verwandtschaft der Systeme, auffällig im Erscheinungsbild der Parteiparaden, Pläne, Produktionsschlachten, der Militarisierung und Gleichschaltung der Gesellschaft, der Menschenverachtung.

Die Deutschen hatten mit Marx und Ludendorff den Bolschewiki die Ideologie gefertigt, den Exekutor Lenin finanziert und per Eisenbahn zugeliefert. Insgeheim - Carl von Ossietzky deckte es in seiner "Weltbühne" auf - kooperierten Reichswehr und Rote Armee während der Weimarer Republik. In der UdSSR wurden Hunderte deutscher Kader in Techniken ausgebildet, die der Versailler Vertrag verboten hatte: Luftkampf, Panzereinsatz, Giftgas.

Objektiv trug Stalin zu Hitlers Aufstieg bei, mit einer innenpolitischen Version seiner Tigerkampf-Methode. Er befahl der KPD die Strategie, die Rechtsradikalen zu stärken, um die Demokraten zu schwächen: Als Hauptfeind war die Sozialdemokratie zu bekämpfen ("Sozialfaschisten", "Zwillingsbrüder" der Nazis).

Und zusammen mit den NS-Betriebszellen organisierten die Kommunisten Anfang November1932 den großen Verkehrsstreik in Berlin. Die SA wiederum gab die Parole aus: "Unsere Fahne ist rot, der Feind steht rechts." Resultat: Bei den letzten freien Wahlen am 6. November 1932 bekam die SPD in Berlin nur noch knapp 24 Prozent der Stimmen, kaum mehr als die Nazis. KPD: 37,7 Prozent. Der Machtübernahme Hitlers setzte dann die KPD nichts entgegen.

Stalin nannte - gegenüber dem deutschen Kommunisten Heinz Neumann - Hitler schon Anfang der dreißiger Jahre einen "Molodjez", einen Prachtkerl eben. Dem nach Paris emigrierten Bert Brecht berichtete der Schriftsteller Martin Andersen Nexö nach einer Reise durch Deutschland und die Sowjet-Union, was er von Sowjetgenossen gehört hatte: "Wenn die Deutschen einen nationalen Sozialismus machen, wird er so aussehen, wie sie ihn jetzt haben."

Ribbentrop fühlte sich denn auch im Kreis der Kreml-Funktionäre "mehr oder weniger wie unter alten Parteigenossen", und Hitler meinte eine Änderung im Wesen Stalins zu beobachten: Er sah einen Staatsmann, der das russische Reichsinteresse vertrat.

Noch am Ende seines Lebens bemerkte er: "Ich bildete mir ein, 15 Jahre der Macht und Verantwortung müßten einen Realisten - und Stalin ist zweifellos ein Realist - von den Eierschalen der nebulösen marxistischen Ideologie befreien." Selbst der biologischen Ideologie verhaftet, bewunderte er "die Brutalität, mit welcher die jüdische Intelligenz liquidiert wurde", damit sie "nicht auch das ihm vorschwebende großrussische Reich ansteckt".

Der Pakt war denn auch nur für die Weltöffentlichkeit eine Überraschung - die Partner aber hatten ihn von langer Hand vorbereitet. Drei Monate schon nach Hitlers Machtübernahme empfing Verteidigungsminister Woroschilow in Moskau eine Reichswehr-Delegation unter einem General und äußerte den Wunsch, die guten Beziehungen fortzusetzen (die Stalin jedoch abbrach, als er Vizekanzler Papen verdächtigte, die Details dem französischen Botschafter in Rom verraten zu haben).

Im August 1933 fand Awel Jenukidse, Sekretär des Zentral-Exekutivkomitees, ideologische Berührungspunkte und meinte gegenüber dem deutschen Botschafter von Dirksen: "Eine nationalsozialistische Umgestaltung kann positive Auswirkungen auf das deutsch-sowjetische Verhältnis haben."

Ende 1934, nachdem Hitler seine SA-Führung und Stalin seinen Gegenspieler Kirow hatte erschießen lassen, bilanzierte der Kremlherr vor dem Politbüro, das Nazisystem sei nicht zusammengebrochen, sondern konsolidiert. Das Politbüro beschloß darauf, "Hitler um jeden Preis zu einem Übereinkommen mit der Sowjet-Union zu bringen". Der Propagandist Karl Radek, noch in Ehren, war überzeugt: "Niemand kann uns das geben, was uns Deutschland gibt."

1935 führte der sowjetische Handelsfunktionär Kandelaki in Berlin Wirtschaftsgespräche mit dem Reichswirtschaftsminister Schacht. Bei dieser Gelegenheit plädierte der sowjetische Botschafts-Konsultant Bessonow im Auswärtigen Amt erstmals für einen "gegenseitigen Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und Sowjetrußland".

Im Mai 1936 verhandelte Kandelaki mit Göring, Bessonow hörte darauf im AA von Konsul Andor Hencke - der dann 1939 beim Abschluß im Kreml dabei war -, nach Auffassung der deutschen Regierung hätten Nichtangriffspakte einen Sinn nur zwischen Staaten mit gemeinsamer Grenze. Die Idee, Polen zu beseitigen, war geboren.

1937 übermittelte Kandelaki Schacht die Meinung Stalins, politische Verhandlungen seien fällig. Nach Verlängerung eines Devisenabkommens sagte Stalin zu seinem Geheimpolizeichef Jeschow, der schon jede Spionagetätigkeit in Deutschland hatte einstellen müssen: "Sehr bald werden wir ein exzellentes Übereinkommen mit Deutschland erzielen."

Gleich nach der Münchner Konferenz 1938, als im Westen Hitler schon als Speerspitze gegen den Sowjetkommunismus gehandelt wurde, verabredeten Hitlers Moskau-Botschafter Friedrich Werner Graf von der Schulenburg und Außenminister Litwinow, fortan die jeweiligen Staatsoberhäupter in der jeweiligen Propaganda zu schonen. Moskau erklärte sich zu neuen Wirtschaftsverhandlungen bereit, die Außenhandelsminister Mikojan führen sollte; es ging um einen Warenkredit von 200 Millionen Mark.

Nun wurde Hitler aktiv. Auf dem Neujahrsempfang am 12. Januar 1939 führte er mit dem bis dahin ignorierten Sowjetbotschafter Alexej Merekalow ein langes Gespräch, das die NS-Presse als "herzlich" bezeichnete.

Stalin antwortete. Unmittelbar vor Hitlers Schlag gegen die Tschechoslowakei, auf dem KPdSU-Parteitag im März, näherte er sich seiner Strategie von 1925: Er dementierte Gerüchte über deutsche Absichten, die Ukraine zu annektieren, die UdSSR müsse "Vorsicht wahren und unser Land nicht in Konflikte durch Kriegsprovokateure hineinziehen lassen, die gewohnt sind, sich von anderen die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen" - womit er eine Formulierung aus "Mein Kampf" aufnahm.

Kaum drei Wochen nach Chamberlains Polen-Garantie erschien Botschafter Merekalow im Außenministerium in der Wilhelmstraße und erklärte, aus normalen könnten auch bessere Beziehungen werden, die Ideologie spiele keine Rolle. Gut zwei Wochen später wurde Litwinow, der Jude und Anhänger der West-Option, ausgetauscht gegen den blutigen Stalinisten Molotow.

Auf Hitler wirkte dieser Wechsel, wie er seinen Generalen sagte, "wie ein Kanonenschuß". Von nun an redeten der Merekalow-Vertreter Georgij Astachow und der Legationsrat Karl Schnurre im Berliner AA über die Annäherung, und Schulenburg mit Molotow, Botschaftsrat Hilger mit Mikojan in Moskau - wo auch der britische Bevollmächtigte William Strang schon über ein Zusammengehen verhandelte.

Am 27. Juli meldete er der Sowjetregierung die Entsendung alliierter Militärmissionen nach Moskau. An diesem Tag lud Schnurre die Sowjetdiplomaten Astachow und Babarin, der zu den Wirtschaftsverhandlungen gekommen war, ins Restaurant Ewest ein, das Stammlokal der Canaris-Abwehr.

Der Deutsche sprach zum erstenmal von "beiderseitigen lebenswichtigen politischen Interessen" und meinte, es gebe keine außenpolitischen Gegensätze "auf der ganzen Linie von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer und dem Fernen Osten". Und bei den weltanschaulichen Gegensätzen sei man sich doch einig in der "Gegnerstellung gegen die kapitalistischen Demokratien".

Astachow bekundete sofort das sowjetische Interesse an den baltischen Staaten, Finnland und Rumänien. Schnurre bot der UdSSR Neutralität in einem Krieg, während England doch nur Teilnahme an einem solchen Konflikt anzubieten habe. Astachow fragte nach den früheren österreichischen Gebieten, Galizien und Westukraine. Kein Problem, befand Schnurre.

Eine Woche nach diesem Mahl, zu dem ganz Osteuropa serviert worden war, fing Ribbentrop selbst Astachow im Flur des Auswärtigen Amtes ab und brachte ihm bei, die Bedingung für ein Arrangement sei, daß sich Moskau nicht in die "inneren Dinge" Deutschlands einmische. Kein Problem, sagte Astachow.

Darauf Ribbentrop: Man müsse sich über Polen verständigen, man werde die sowjetischen Ostseepositionen stärken. Am 11. August rechtfertigte sich Hitler dann vor dem Völkerbundkommissar Carl Burckhardt:

Alles was ich unternehme, ist gegen Rußland gerichtet; wenn der Westen zu dumm und zu blind ist, um dies zu begreifen, werde ich gezwungen sein, mich mit den Russen zu verständigen, den Westen zu schlagen und dann nach seiner Niederlage mich mit meinen versammelten Kräften gegen die Sowjet-Union zu wenden. Ich brauche die Ukraine, damit man uns nicht wieder wie im letzten Krieg aushungern kann.

Am nächsten Tag - die alliierten Verhandler waren in Moskau eingetroffen - nannte Astachow dem AA-Beamten Schnurre den Verhandlungsort auch für die deutschen Avancen: Moskau. Ribbentrop beauftragte Schulenburg, Molotow weitere Argumente für ein Bündnis vorzutragen, so die beliebte Konstante deutsch-russischer Dialoge, die schon Astachow ins Feld geführt hatte: "Beiden Ländern ist es früher immer gutgegangen, wenn sie Freunde waren, und schlecht, wenn sie Feinde waren."

Und: "Die natürliche Sympathie der Deutschen für das Russische ist nie verschwunden." Er selbst wolle nach Moskau fliegen.

Molotow sagte dem deutschen Botschafter, er glaube nunmehr an die deutsche "Aufrichtigkeit", und erwog, "die Baltenstaaten gemeinsam zu garantieren". Ribbentrop stimmte zu, schon am nächsten Tag, dem 17. August, schlug Molotow einen Nichtangriffspakt vor, "bei gleichzeitiger Vereinbarung eines besonderen Protokolls, das die Interessen der vertragschließenden Teile an diesen oder jenen Fragen der Außenpolitik regelt". Das war ihm das Wichtigste.

Hitler drängte, man dürfe sich "nicht vom Ausbruch eines deutsch-polnischen Konflikts überraschen lassen" - er enthüllte damit seinen Kriegswillen, er vertraute Stalin, daß der diese Nachricht nicht den Engländern weitergab.

Auch Stalin griff nun ein; Polen hatte den sowjetischen Durchmarsch abgelehnt. Am 19. August übergab Molotow Schulenburg den Entwurf eines Nichtangriffspakts, nur gültig im Zusammenhang mit dem speziellen Protokoll. Hitler schickte ein persönliches Telegramm an "Herrn J. W. Stalin, Moskau", in dem er bat, Ribbentrop zu empfangen.

Er war in der Hand Stalins, der zur Eile keinen Grund hatte. Hitler wartete, schon äußerte er, einen "blöden Fehler" gemacht zu haben. Eine halbe Stunde später kam Stalins Ja, Hitlers Triumph.

Auf roten Fahnen zu Ribbentrops Empfang in Moskau war das Hakenkreuz verkehrt herum aufgenäht. Parteichef Stalin, der die anderen Politbüro-Mitglieder in Urlaub geschickt hatte, führte erstmals selbst die Verhandlungen mit einem ausländischen Regierungsvertreter. Er wollte in den Vertrag den Bezug zum geheimen Zusatzprotokoll aufnehmen, die Deutschen - darunter Schulenburg, Hilger, Hencke, Justitiar Gaus - redeten es ihm mit Rücksicht auf den ungünstigen Eindruck wieder aus.

Stalin verlangte dringend die lettischen Häfen Libau und Windau, was bedeutete, daß die baltischen Staaten im übrigen, wenn sie laut Zusatzprotokoll in die Sowjetsphäre fielen, nicht automatisch annektiert werden sollten. Per Telegramm antwortete Hitler: "Ja, einverstanden."

Er wollte den Pakt (in dessen Zusatzprotokoll die beiden Häfen dann doch nicht erwähnt sind) um jeden Preis, war sogar bereit, die Dardanellen anzubieten - man konnte Stalin ja später alles wieder abjagen. Stalin, an Intellekt überlegen, hätte gewarnt sein müssen.

Stalin selbst und der AA-Jurist Gaus formulierten (mit orthographischen Fehlern und in schlechter russischer Übersetzung) den Text des Geheimprotokolls. Darin wurde noch ausdrücklich offengelassen, ob die "Erhaltung eines unabhängigen polnischen Staates erwünscht" sei. Und Deutschland erklärte sein "völliges politisches Desinteressement" am Balkan. Ebendort, auf dem Terrain k. u. k.österreichischer Ambitionen, kollidierten später die imperialistischen Interessen - wie vor dem Ersten Weltkrieg.

Zunächst ging alles gut, Hitler stand im Krieg mit dem Westen, Polen hatte man sich aufgeteilt, und die neue Freundschaft war laut Stalin "mit Blut besiegelt". Molotow verkündete vor dem Obersten Sowjet:

Die herrschenden Kreise Englands und Frankreichs versuchen, sich als Kämpfer für die demokratischen Rechte der Völker und gegen den Hitlerismus hinzustellen . . . Jedermann ist jedoch klar, daß man eine Ideologie nicht mit Gewalt vernichten kann . . . Deshalb ist es nicht nur sinnlos, sondern geradezu verbrecherisch, einen Krieg wie den zur "Vernichtung des Hitlerismus" unter dem Aushängeschild des Kampfes für "Demokratie" zu führen.

Ribbentrop war wieder nach Moskau gereist, zu einer kleinen Korrektur des Protokolls: Stalin wollte auch Litauen haben und trat dafür seinen Anteil an den polnischen Kernlanden bis zum Bug an Hitler ab, er begnügte sich mit den vornehmlich ukrainisch und belorussisch besiedelten Gebieten Ostpolens. So erreichte er ziemlich genau die ethnisch annähernd korrekte Curzon-Linie, die ihm seine späteren Verbündeten Roosevelt und Churchill leichthin bestätigten (die Annexion des Baltikums haben die USA bis heute nicht anerkannt).

Molotow unterzeichnete nicht nur einen "Grenz-", sondern auch einen "Freundschaftsvertrag". Stalins Unterschrift steht nur auf der Landkarte, welche die Interessengrenze markierte, aber gleich doppelt, einmal 58 Zentimeter groß (siehe Titelbild).

Es wurde vereinbart, Hunderttausende Deutsche aus dem sowjetischen Interessengebiet heim ins Reich umzusiedeln. Die blutige Kumpanei kulminierte in einem weiteren Geheimprotokoll:

Beide Teile werden auf ihren Gebieten keine polnische Agitation dulden, die auf die Gebiete des anderen Teils hinüberwirkt. Sie werden alle Ansätze zu einer solchen Agitation auf ihren Gebieten unterbinden und sich gegenseitig über die hierfür zweckmäßigen Maßnahmen unterrichten.

Das bedeutete die Kooperation zwischen Gestapo und NKWD bei der Unterdrückung polnischer Widerstandskräfte. Nebenher überstellte die sowjetische Geheimpolizei rund 800 Emigranten, darunter Heinz Neumanns Ehefrau Margarete Buber - aus dem Gulag ins deutsche KZ.

Bald kamen sowjetische "Polizei-Attaches" ins "Generalgouvernement", wie Deutschlands polnische Kolonie nach russischem Muster bezeichnet wurde. Sie unterrichteten im Polizei-Erholungsheim Zakopane das Fach Bandenbekämpfung.

Die Sowjets deportierten aus Ostpolen 900 000 Menschen und dezimierten die Führungsschicht: Nahe dem NKWD-Erholungsheim Katyn bei Smolensk erschossen sie im April 1940 über 4000 polnische Kriegsgefangene, meist Reserveoffiziere, mit deutscher Munition.

Zwei Wochen später begann die Gestapo in ihrem westpolnischen Machtbereich die Aktion "Außerordentliche Befriedung", während der zum selben Zweck über 4000 Polen erschossen wurden.

Stalin realisierte seine Interessen. Als sich Finnland widersetzte, überzog er es mit Krieg, den er nach kräftigem Landgewinn einstellte, als er ein Eingreifen Englands erwartete. Auch er wollte Krieg, aber nur mit Schwächeren.

Die drei Balten-Staaten holte er sich, als Hitlers Sieg über Frankreich (zu dem er seinem Freund herzlich gratulieren ließ), in Sicht war. Und von Litauen nahm er noch ein Stückchen mehr, das laut Vereinbarung eigentlich Deutschland hatte erben sollen.

Er okkupierte Bessarabien und gleich auch noch, wider die Abrede, den Norden der Bukowina, die nie russisches Territorium gewesen war: Stalin begnügte sich nicht mehr mit den Grenzen der Zarenzeit. Er führte Hitler vor, wer von wem abhängig war: Jetzt bemühte sich der Westen um Stalins Freundschaft.

Er beschleunigte seinen offensiv angelegten Truppenaufmarsch. Die Rotarmisten wurden wieder in Antifaschismus geschult, und die Umsiedler aus Rußland berichteten das in Deutschland.

Stalins Politbüro-Genossen bestärkten den jugoslawischen Gesandten Gavrilovic, Widerstand gegen Deutschlands Ausgreifen auf den Balkan zu leisten. Hitler erfuhr es. Londons Botschafter Cripps lockte Stalin im Sommer 1940 mit der "Führung der Balkanstaaten" - Molotow reichte die Offerte Hitler weiter und wartete auf dessen Angebot: Die Doppelstrategie des Sommers 1939 wiederholte sich. Nun erwog Hitler den Krieg gegen die Sowjet-Union.

Als später die jugoslawische Regierung dem Achsenpakt Berlin-Rom-Tokio beitrat und gestürzt wurde, gaben die Belgrader Kommunisten die Losung "Lieber Krieg als Pakt" aus, und Stalin schloß einen Freundschaftsvertrag mit der Putschregierung. Hitler okkupierte Jugoslawien.

Er hatte den Zenit seiner Macht überschritten; träten die USA in den Krieg ein, würde Rußland ihm die Wirtschaftshilfe abschneiden, gar in Deutschlands Rücken als Festlanddegen des Westens fungieren können.

Kaum ernsthaft, sondern um Stalins Absichten zu testen, unterbreitete Hitler dem nach Berlin gereisten Molotow im November 1940 das Konzept einer euro-asiatischen Kontinental-Koalition: Stalin möge sich an der Konkursmasse des Britischen Empires beteiligen und seine Interessen auf Indien umorientieren, zum Persischen Golf. Hitler hielt dafür schon den Entwurf eines neuen Geheimprotokolls bereit. Er offerierte sogar den Beitritt Moskaus zum Achsenpakt.

Molotow, in der Rolle des Stärkeren, witzelte über die Präsenz der Bomber des Empires, als im Luftschutzkeller weiterverhandelt werden mußte, und verlangte die Dardanellen, Bulgarien, Rumänien, Finnland, Zugang zur Nordsee, meldete sogar Interessen am nördlichen Bezugspunkt des Deutschlandliedes an, dem Belt.

Nach Molotows Abreise gab Hitler den Feldzugsplan "Barbarossa" in Auftrag, den Angriff auf die UdSSR. Die militärischen Führer der Sowjet-Union rieten dem Politbüro im Dezember, den Einfall des Aggressors noch vor der Konzentration seiner Truppen zu unterbinden - durch eine offensive Operation mit starken Luftkräften und mechanisierten Verbänden. Doch Stalin verließ sich immer noch auf Hitlers Zusagen.

Endgültig abgehoben von der Realität der Kräfteverhältnisse, verfiel Hitler wieder seiner Phantasie vom Lebensraum im Osten. Er antwortete nicht mehr auf Stalins Einverständnis, der Achse beizutreten.

Der von Stalin entfesselte Hitler tat, was Stalin nicht hatte wahrhaben wollen, obwohl er von vielen Seiten, in heroischem Hochverrat auch von Botschafter Schulenburg, gewarnt worden war: Hitler marschierte nach Rußland. Molotow zu Schulenburg nach Übergabe der Kriegserklärung: "Das haben wir nicht verdient."

Hitlers letzte Reverenz 1945 vor Stalin, in dem er mit wachsender Hochachtung seinen Meister gefunden hatte, laut Mitschrift eines Zuhörers: "dem stärkeren Ostvolk gehöre dann ausschließlich die Zukunft".

Unweit des Tatorts, an dem der Pakt geschlossen war, liegt Stalin heute begraben; die verkohlten Überreste Hitlers modern mutmaßlich in der Nähe, in einer Moskauer Asservatenkammer. Das teuflische Dokument, genauer die Kopie, überlebt seine Autoren, und ihr Werk besteht fort: die damit geschaffenen Machtverhältnisse in Osteuropa. Um sie nicht erneut zur Disposition zu stellen, verschwieg Moskau das geheime Protokoll auch in den folgenden, friedlicheren Jahrzehnten.

Als dessen Formulierer Gaus 1946 vor dem Nürnberger Tribunal aussagte, erklärte der sowjetische Chefankläger die Kopie zur Fälschung. Das wiederholte der Molotow-Schüler Andrej Gromyko kurz vor seinem Tod, als der SPIEGEL ihn damit konfrontierte (SPIEGEL 17/1989).

Aber der erfahrene Dialektiker Gromyko fügte hinzu: "Bereits nach dem Krieg sagte mir Molotow einmal während einer Tagung der Außenminister in Genf, daß keine ,Dokumente' über seine Verhandlungen mit Ribbentrop von 1939 anerkannt werden dürfen außer jenen, die offiziell veröffentlicht sind." Molotow, der Mittäter, hielt sich an die im Protokoll vereinbarte strengste Geheimhaltung, und Gromyko auch.

Doch unter Gorbatschows Glasnost kommt auch noch diese Schande ans Licht. Die Sowjet-Balten, die mit dem Pakt ihre Staatlichkeit und bis zu einem Drittel ihrer Bevölkerung durch Deportation verloren haben, verlangten zunächst schlicht eine Veröffentlichung des Geheimpapiers, anfangs erfolglos. Da suchte der lettische Altkommunist Mavriks Vulfsons, 72, die Versöhnung mit seinem Volk. Er besorgte sich von einem Freund im Westen den Text und trug ihn auf einer Versammlung vor. Die Rigaer Lehrerzeitschrift druckte ihn nach, dann das estnische Parteiorgan "Rahva Hääl".

Bei Vulfsons stapelten sich die Blumensträuße seiner Bewunderer, er verfaßte eine historische Analyse für die "Prawda". Die Mitglieder des Moskauer Politbüros ließen alle erreichbaren Dokumente und Kopien auf ihrem Sitzungstisch ausbreiten und begutachteten sie: keine Beweise, und so wurde auch der "Prawda"-Artikel entsprechend redigiert.

Gorbatschow selbst kalmierte am 14. Juli vorigen Jahres polnische Intellektuelle im Warschauer Königsschloß: "Wenn man von harten Realitäten ausgeht, so war der Nichtangriffspakt unausweichlich." Die Kopien des Geheimprotokolls seien "aus verschiedenen Gründen verdächtig".

Die möglichen politischen Folgen einer anderen Beurteilung hatte er voll im Sinn: "Wenn die sowjetische Führung erklären würde, diese Abschriften entsprächen dem Original, so wäre dies unsererseits eine gewagte Handlung, die außerdem einen gefährlichen Präzedenzfall bedeuten würde."

Gewiß, der böse Paktschluß könnte fortzeugend Konsequenzen nach sich ziehen, die niemand übersehen kann: Würde das Protokoll widerrufen, der Status quo ante wiederhergestellt, gewönne nicht nur das Baltikum seine Freiheit wieder - gegen erste Schritte in dieser Richtung, ein estnisches Wahlgesetz, streikten russische Einwanderer in der vorletzten Woche.

Dann müßten auch die Moldauer in Bessarabien - die schon heftig gegen den Pakt und gegen "russischen Kolonialismus" demonstrieren - an Ceausescus Rumänien angeschlossen werden; mit solchen Forderungen hatte dieser Tyrann 1965 seinen Aufstieg begonnen.

Und schließlich wären die Westgebiete Belorußlands und der Ukraine samt Lemberg (wo dieser Tage gestreikt wurde) wieder Polen zuzuschlagen: Die Grenzen in Osteuropa kämen allerorts ins Rutschen, die ganze unglückselige Geschichte finge von vorne an.

Die gefährliche Wahrheit setzt sich gegenüber dem beruhigenden Irrtum durch. Eine von Gorbatschow eingesetzte Kommission polnischer und sowjetischer Parteihistoriker kam zu dem Ergebnis, mit dem Pakt und seiner Ausführung habe die Sowjetregierung die "Normen des Völkerrechts ernsthaft verletzt", Lenins Prinzipien "mit Füßen getreten" und der internationalen Arbeiterbewegung einen Schlag versetzt. Der Freundschaftsvertrag vom 28. September 1939 war demnach "faktisch eine Reinwaschung des Faschismus".

Die Moskauer "Literaturzeitung" veröffentlichte die Landkarte mit Stalins Unterschrift, Photos der gemeinsamen Parade von Roter Armee und Wehrmacht in Brest-Litowsk 1939 und der NS-Ehrenkompanie für Molotow in Berlin 1940. Zeitgeschichtler Lew Besymenski holte sich aus dem Bonner AA-Archiv einen Satz Kopien und befand das geheime Protokoll für echt.

Die Ansicht vertrat längst der Sowjethistoriker und Volksdeputierte Jurij Afanasjew, der in der Forschungskommission zur Überprüfung des Pakts mit dem Letten Vulfsons am entschiedensten für Annullierung plädierte.

Der entschlossene, womöglich zu optimistische Glasnost-Streiter zu den politischen Folgen: "Man braucht nicht schon bei dem Gedanken in Ohnmacht zu fallen, Estland könne zu einem unabhängigen sozialistischen Land werden, etwa wie Polen." #


DER SPIEGEL 32/1989
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