07.08.1989

FUSSBALLAlles Spekulanten

An der Basis rumort es: Die bundesdeutschen Amateurvereine, denen Profiklubs ihre Jungtalente wegkaufen, wollen sich nicht mehr mit Kleingeld abspeisen lassen.
Es geschah bei einem Meisterschaftsmatch der Bayernliga. Die Schußkraft, der schnelle Antritt und die Kopfballstärke des 20jährigen schwarzhaarigen Mannes aus dem Allgäu gefielen den Talentspähern am Spielfeldrand. Der Torjäger des Amateur-Oberligisten FC Augsburg, ein Nobody namens Karlheinz Riedle, wurde kurzerhand abgeworben. 33 000 Mark investierte der Bundesligaklub Blau-Weiß 90 Berlin in das vielversprechende Talent.
Auch in der höchsten Spielklasse traf der quirlige Bayer häufiger als seine Mannschaftskollegen ins Tor. Zwar konnte er den Abstieg seines neuen Arbeitgebers nicht verhindern, doch Werder Bremen verpflichtete den Stürmer und zahlte dafür 1,6 Millionen Mark. Der marode Halbstadt-Verein machte so mit Riedle das beste Geschäft seiner fast 100jährigen Geschichte - Rendite: nahezu 5000 Prozent.
Ein Vorgang - datierend vom Sommer 1987 -, der den Präsidenten des FC Augsburg, Gerhard Kranzfelder, noch heute empört. Finster nennt er den Fall Riedle "eine Ohrfeige für jeden engagierten Amateurverein" und spricht damit aus, was die meisten Vorstände von unterklassigen Klubs beklagen. Schluß müsse nun endlich sein mit solcher "Geschäftemacherei". Wo immer der bezahlte Fußball über Transferentschädigungen den großen Reibach mache, seien die Amateure angemessen zu beteiligen.
Überschlägig 50 Millionen Mark, soviel wie noch nie, brachten die 18 Bundesligavereine vor dem Saisonstart 1988/89 für neue Akteure auf - in der Mehrzahl für Spieler, die das Kicken einst in kleineren Provinzvereinen erlernten.
So verkaufte der 1. FC Kaiserslautern für zwei Millionen Mark seinen Abwehrhünen Michael Schulz an den deutschen Pokalsieger Borussia Dortmund. Zwei Jahre zuvor hatten die Pfälzer für Schulz nur 50 000 Mark an den VfB Oldenburg überwiesen.
Im Vergleich zu den horrenden Ablösesummen, die selbst für durchschnittliche Berufsfußballer entrichtet werden, nehmen sich die "Erstehungskosten" für Amateurspieler wie Kleingeld aus: Der Hamburger SV zahlte 1986 schlappe 33 000 Mark, um den Fürther Manfred Kastl an die Waterkant zu locken. Zwei Jahre später veräußerten die Hanseaten den Stürmer, der inzwischen in Stuttgart gelandet ist, für 2,2 Millionen an Bayer Leverkusen.
Während sich im Profibetrieb die Transfersummen marktwirtschaftlich nach Angebot und Nachfrage richten, sind die Regularien beim Eintritt eines Amateurspielers in das Lizenzlager vorgeschrieben: 28 000 Mark, so die Richtlinien des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), hat ein Zweitligist für den Aufkauf zu berappen, 40 000 Mark der Interessent beim Transfer in die Bundesliga.
Eine Vereinbarung, die der Augsburger Amateurfunktionär Kranzfelder schlicht für "sittenwidrig" hält: Mit derlei "Almosen" wolle sich die Basis in Zukunft nicht mehr abspeisen lassen.
Zuweilen wird das Mißverhältnis zwischen den DFB-Festpreisen und dem realen Marktwert eines neuen Mitarbeiters offenkundig - etwa wenn es der Amateurspieler mit seiner Vertragstreue nicht so genau nimmt. Als Beispiel dafür steht der Stürmer Klaus-Dieter Wollitz von der Spielvereinigung Brakel, der nahezu zeitgleich zwei Kontrakte unterzeichnete: beim 1. FC Köln und bei Schalke 04.
Weil aber der Traditionsklub aus Gelsenkirchen auf die Dienste des jungen Hoffnungsträgers nicht verzichten wollte, zahlte er den Fixbetrag an Brakel und überwies darüber hinaus der Kölner Konkurrenz eine Entschädigung für deren Vertragsrücktritt. So kam es, daß Wollitz zwar nie einen Ball für den 1. FC Köln angetippt hat, den Rheinländern indes einen Gewinn von 160 000 Mark bescherte.
"Das sind doch alles Spekulanten", wirft Klaus Baumgart, Zweiter Vorsitzender des VfB Oldenburg, den Bundesligisten vor. In 15 Jahren, mäkelt der Funktionär, der in Norddeutschland als Mitglied des Sängerduos "Klaus und Klaus" einige Berühmtheit erlangte, habe der Amateurverein 29 Aktive an die beiden Profiligen verloren.
Baumgarts Kicker Jürgen Prange folgte so 1987 dem Ruf des VfB Stuttgart. Doch schon nach wenigen Wochen liehen die Württemberger ihre Neuerwerbung zum Zweitligisten SV Meppen aus. Im folgenden Jahr zog es den Oldenburger dann zu Hannover 96 - erst auf Leihbasis, schließlich als Transfer mit Ablöseentgelt. Das Wechselspiel, so rechnet Baumgart erzürnt vor, brachte den cleveren Stuttgartern einen Verdienst von rund 100 000 Mark ein - ohne daß der Durchlaufposten Prange ein einziges Mal für den VfB in der Bundesliga tätig gewesen war.
Einige Underdog-Klubs im Profifußball haben den An- und Verkauf von Akteuren aus dem Amateurlager inzwischen zur regelrechten Geschäftspraxis erhoben. Allen voran gleicht der chronisch finanzschwache VfL Bochum sein Budget seit vielen Jahren durch den schwunghaften Handel mit billig erworbenen Nachwuchskräften aus.
Offizielle Anträge der Amateurvertreter, an den Wertsteigerungen der Jungprofis zu partizipieren, wurden bislang von den DFB-Gremien "kurzerhand abgebügelt" - so Wilhelm Küffner, Geschäftsführer des Bayerischen Fußball-Verbandes.
Zum bevorstehenden DFB-Bundestag hatte Rainer Schils, Rechtsanwalt und Vorsitzender des FC Gütersloh, die Palastrevolution vorbereitet. Neben der Erhöhung der Transferpauschale sah sein Konzept die Beteiligung an den Mehrerlösen der Profivereine vor. Bei einem Weiterverkauf nach einer Saison sollte der Amateurklub 70 Prozent des Überschusses erhalten; nach sechs Jahren immerhin noch zehn Prozent.
Beim westfälischen Verbandstag im Juni votierten fast alle der 260 Abgeordneten für das Papier. Doch auf der nächsthöheren Ebene, dem Konvent des westdeutschen Fußball-Verbandes, der sich am 8. Juli in Duisburg traf, wurde der Reformvorschlag von Abgesandten des DFB auf Eis gelegt. "Präsident Neuberger", tobt der Jurist Schils, "hat seine Funktionärsbande eben im Griff."
Dagegen gleicht das Zugeständnis, zu dem sich Bundesligaklubs und DFB im Frühjahr bequemten, eher einem faulen Beschwichtigungsversuch: Wird ein Spieler innerhalb von zwei Jahren für 300 000 Mark oder mehr weiterveräußert, soll der Stammverein die gleiche Summe noch einmal erhalten, die ihm ursprünglich als Ablöse gezahlt wurde.
Kranzfelder, dessen FC Augsburg in diesem Jahrzehnt neben Nationalspieler Riedle auch hochkarätige Talente wie Roland Grahammer und Raimond Aumann (heute beide Bayern München) oder Christian Hochstätter (Borussia Mönchengladbach) an den Berufsfußball abgeben mußte, empfindet diese Nachbesserung als "reine Kosmetik".
Daß das Aufbegehren der Amateurvertreter in der Frankfurter Zentrale kaum Gehör findet, erklärt Oldenburgs Klaus Baumgart mit der fortschreitenden Überalterung des DFB-Funktionärskaders: "Für diese Herren ist es doch nur wichtig, daß sie noch mit Sepp Herberger an einem Tisch gesessen haben."
So bleiben die Amateurklubs bis auf weiteres wohl auf die generöse Einsicht der Bundesliga-Manager angewiesen. Vor zehn Jahren erbat Borussia Lippstadt von Bayern München einen Nachschlag für Karl-Heinz Rummenigge, dessen Marktpreis an der Isar explosionsartig gestiegen war. Das Stürmertalent, für knapp 20 000 Mark in die bayrische Metropole gewechselt, hatte sich zum Superstar mit Millionenwert fortentwickelt.
Der FC Bayern erklärte sich gnädig zu einem zusätzlichen Freundschaftsspiel bereit - doch selbst aus dieser Geste der Großzügigkeit schlugen die Münchner am Ende noch Profit: Aus den Zuschauereinnahmen - 70 000 Mark -, erinnert sich der Geschäftsführer der Lippstädter, behielten die Gäste den Löwenanteil für sich.

DER SPIEGEL 32/1989
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