02.01.1989

DESIGNVerspiegelte Höhle

New Yorks eigenwilligstes Hotel ist das „Royalton“, ausgestattet von dem französischen Exzentriker Philippe Starck.
Im ersten Hotel, das er einrichtete, logierten niemals zahlende Gäste: "Am Eröffnungstag", erinnert sich der französische Designer Philippe Starck, 39, "besetzte es die syrische Armee, am nächsten Morgen war es ausgebombt, doch es war das schönste Hotel im Libanon."
Mehr als ein Jahrzehnt nach dem Desaster von Beirut hat der inzwischen mit Preisen und Auszeichnungen überhäufte Franzose sein zweites Hotel ausgestattet, dieses Mal an weniger umkämpftem Ort. An Manhattans 44. Straße, einen Steinwurf vom Times Square entfernt, hat der "Rockstar des modernen Designs", wie das Stadtmagazin "New York" schrieb, dem 91 Jahre alten Hotel Royalton "seine Seele eingehaucht".
Nach neuen Makkaroniformen, extravaganten Kommoden und Kloschüsseln, nach Cafe- und Büro-Interieurs, die der arbeitswütige Starck in den vergangenen Jahren für seine Klientel in aller Welt nonstop entwarf, ist ihm "für uns sein Meisterstück gelungen", sagen die Royalton-Hoteliers Steve Rubell und Ian Schrager.
Die beiden ehemaligen "Studio 54"-Betreiber und verurteilten Steuerhinterzieher hatten Starck den Auftrag erteilt, das Hotel - zuvor eine Billigunterkunft für spesenknappe Drittwelt-Vertreter und klamme Broadway-Chargen - komplett zu renovieren. Gedacht war an eine heimelige Herberge für die zahlungskräftige "Power-Klasse der neunziger Jahre" (Rubell), für die Meute aus der Kommunikationsbranche. Auftragsgerecht entstand, mit einem Kostenaufwand von zehn Millionen Dollar, das eigenwilligste, am wenigsten langweilige Hotel New Yorks.
Attraktives Herzstück ist die Lobby, deren Ausgestaltung an einen gestrandeten Ozeandampfer der dreißiger Jahre erinnert: Auf einer Art Laufbrücke, belegt mit einem tiefseeblauen Teppich, den eine helle Bordüre aus phantasievollen Geisterfiguren (Entwurf: Starck-Ehefrau Brigitte Laurent) ziert, schreitet der Royalton-Gast zu Empfangsloge und Fahrstuhlstation. Loge und Lift sind in einer konvexen Wand aus tiefrotbraunem Mahagoni eingelassen, aus der büffelhornartige Lampen herausragen.
Beidseits des Stegs befindet sich, um vier Treppenstufen abgesenkt und effektvoll beleuchtet, eine Aufenthaltszone, deren Nutzung den Hotelgast von dem Zwang befreien soll, das Royalton überhaupt noch zu verlassen. Ohrensessel und Schachspieltische, Eßplätze, Aquarienkugeln (mit siamesischen Zierkampffischen) und Wandvasen - alles "Bestandteile einer imaginären Welt", in der, so Starck, "ein verrückter Professor an einem hölzernen Himmelsschiff für die Reise durch Zeit und Raum tüftelt". Entstanden sind etwa Stuhllehnen, Türgriffe und Geländer, die oft an Formen aus dem Tierreich erinnern - Schlangenköpfe, Haiflossen und Geweihe.
Als "geheimen Raum des Allkreuzers" und "Zentrum der Verschwörung" bezeichnet Starck die mit blauen Samtpolstern ausgeschlagene Rund-Bar in der Royalton-Lobby. Sie liegt so versteckt, daß dort "die nächste Revolution geplant werden kann" (Starck) und "niemand hineingehört, der nicht weiß, wo sie ist" (Rubell).
Ähnlich kraß, wie sich die Royalton-Lobby von den phantasielosen Kunstmarmor-Empfangsgalerien anderer New Yorker Hotelneubauten abhebt, unterscheiden sich die Zimmer des Royalton von herkömmlich kargem Einheitsinterieur. "Wer nach New York reist", glaubt Starck, "ist allein, braucht ein Obdach, ein Heim." 205 davon bietet das Royalton, zu Preisen zwischen 140 Dollar (Einzelzimmer am Wochenende) und 1200 Dollar (Penthouse). Für das anheimelnde Ambiente sollen vor allem das Bett und - in höheren Preisklassen - der Kamin sorgen.
Das Kopfende des niedrig-breiten Bettes ist zwischen Mauervorsprüngen eingelassen. Reichlich mit Mahagoni ausgeschlagen, bilden diese die Wandung eines "großen luxuriösen Eies" (Starck) und zugleich die Nachttische. Deren Ablageflächen, etwa fürs Telephon, sind vom Bett aus durch bullaugengroße Öffnungen zu erreichen.
Den Gegenpol zum Bett soll auf der "zentralen Achse des Zimmers" der Kamin bilden, weil, so Starck, "ein Haus ohne Feuer leblos ist". Und wenn das, zumal in den unteren Preisklassen, nicht flackert, so brennt zumindest eine Kerze in jedem Raum. Das Wachslicht auf einem flossenförmigen Halter beleuchtet eine Kunstpostkarte. Der einzige, eigens für das Royalton gemalte Schmuck an den Zimmerwänden wird dreimal täglich gewechselt, Mitnehmen erlaubt.
Glanzstück der mit Stereo- und TV-Turm (einschließlich Video- und Kassettenrecorder) ausgestatteten Royalton-Zimmer sind die Bäder. Den Ort fürs Zähneputzen, Schminken, Duschen und Rasieren hat Starck mit runden Badewannen und Waschbecken, mit gläsernen Tischen und stählernen Armaturen bestückt.
"Als betrete man eine Höhle", beschreibt der Designer diesen Teil seines Werks. Der in grünem Schiefer ausgelegten Badehöhle - und seinem Konterfei - kann der Besucher nur schwer entfliehen: Die Wände der Badezimmer sind rundum verspiegelt.

DER SPIEGEL 1/1989
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