02.01.1989

„Nackte Gewalt für den Straßenkampf“

Brutale Sportarten aus Fernost wie Kickboxen haben in Deutschland Konjunktur
In Mannheim bebt die Sporthalle am Eisstadion: "Side-kick, wenn er kommt! Vorwärts, dagegenballern!"
Bei jedem Hieb mit den gepolsterten Handschuhen, bei jedem Tritt mit den Fußschützern aus Hartschaumstoff entweicht den Akteuren im Ring ein gepreßtes Stöhnen. Das Publikum, jung und auf Lederkluft eingeschworen, geht in breitem Badisch über die volle Neun-Runden-Distanz mit: "Ferdi, mach ihn fättisch!" und, zur weiteren Ermunterung des Lokalmatadors Ferdinand Mack: "Boxe, boxe, du zuerscht! Führhand raus, kicke!"
Mack, ein ehemaliger Faustkämpfer, will den Titel eines Profi-Europameisters der Kickboxer erringen. Sein britischer Gegner Kash ("The Flash") Gill hat bald rote Striemen an der Nierenpartie von den "Fußfegern" des Deutschen. Der malträtiert ihn zwar überwiegend mit herkömmlichen Geraden und Haken, doch immer wieder streut er ruckartige Fußattacken aus der Drehung ein, häufig zum Kopf Gills.
2000 Fans begeistert Mack mit dieser Brutalo-Show, bei der außer Kopfstößen und Ellenbogenchecks fast alles erlaubt ist. Veranstalter Georg Brückner von der World Allstyle Karate Organisation (Wako) liegt mit der ruppigen Tour im Trend: Kickboxen, sagt er, sei "attraktiver als alles, was man bisher gesehen hat".
Von der Öffentlichkeit kaum beachtet, vom Fernsehen - noch - verschmäht, gedeiht in der Grauzone zwischen Kampfsport und Schlägerei eine Szene, der herkömmliche Disziplinen wie Judo oder Aikido zu betulich sind. Deren Wurftechniken und angedeutete Stöße richten normalerweise wenig Schaden an, Kickboxen hingegen verspricht Blut, Schweiß und zumindest Prügel.
"Da muß man ein ganzer Kerl sein", schwärmt Hasan Ciftca, 17, gebürtig aus dem türkischen Konya. Er ist mit 20 Freunden "nur wegen Ferdinand Mack" aus Ludwigshafen angereist und hat 60 Mark für einen Platz in der ersten Reihe bezahlt. Seit acht Monaten übt der Rohrleger-Azubi Ciftca auch selbst die Vernichtungsstrategien des Kickboxens: "Weil man hier zuschlagen darf, net wie bei den anderen Kampfarten."
Er eifert einer Elite "reifer Könner" (Promoter Brückner) nach, von denen angeblich über 200 die Republik unsicher machen. Sie sind "Vollkontakt"-Kämpfer, die ihre Schläge und Tritte nicht mit gebremster Kraft ausüben ("Leichtkontakt"), geschweige denn nur andeuten ("Nullkontakt"). Kickbox-Sympathisanten stählen sich für Straßenfights und eventuelle Selbstjustiz. Erst jüngst, vor einer Disco, konnte Ciftca "fünf Stück langhaarige", provokant ausländerfeindliche Deutsche in die Flucht schlagen: "Ich raus, getreten, dann sind sie weg."
Die Schar aktiver Kickboxer wird bundesweit auf bis zu 20 000 geschätzt - genau ist nicht einmal Detlef Türnau informiert, ein Sportstudio-Besitzer in Grevenbroich und "Trainer des Jahres", dessen "Deutsche Union der Kickbox-Verbände" die heillos zerstrittenen, ebenfalls in unbekannter Zahl existierenden Einzelverbände einigen will.
Unübersichtlich ist allerdings nicht nur diese obskure Zunft. Insgesamt 350 000 Gläubige umfaßt die Budo-Gemeinde der Nation, wobei Budo ("Weg des Kämpfens") Sammelbegriff aller noch so unterschiedlichen Stilrichtungen ist. Das koreanische Taekwondo, die japanischen K.o.-Künste Ju-Jutsu und Kendo, der philippinische Stockkampf Arnis buhlen gemeinsam mit einem guten Dutzend anderer Spielarten fernöstlicher Schlagfertigkeit um Kundschaft.
Die harmloseste Form, das aus China stammende Tai Chi ("Schattenboxen"), kommt Anhängern der rauhen Gangart vor, "als ob sich ein Mondsüchtiger mit seiner Schwiegermutter streitet". Zeitlupenhafte, auch ohne Partner durchzuführende Übungen namens "Der Kranich kühlt seine Flügel" oder "Die weiße Schlange streckt ihre Zunge heraus" haben eher homöopathischen Charakter und sind im chinesischen Gesundheitssystem verankert.
Wer indessen Wing Tsun betreibt, eines der zahllosen Derivate der ebenfalls aus China importierten, aggressiven Karate-Variante Kung Fu, der soll sich, wie ein Vertreter der "weichen" Linie vorschlägt, "doch gleich 'ne Wumme kaufen, das ist bequemer und sicherer".
Der Deutsche Judo-Bund (DJB) hat etwa 180 000 Mitglieder, rund 65 000 Bürger betreiben Karate, aber diese Zahlen stagnieren längst. Dafür registriert Refit Kamberovic, Geschäftsführer des Deutschen Sportstudio Verbandes, "eine gewaltige Nachfrage" für das in den USA synthetisierte Kickboxen, das eine verschärfte Form des Handkanten-Sports Karate darstellt. Mittlerweile führt jedes zehnte der fast 4000 bundesdeutschen Fitnesszentren gewaltschwangere Kampfarten im Angebot.
Während das Kickboxen als gewinnträchtiges Unterhaltungsspektakel auftritt, pochen alle anderen Methoden der Körperverletzung auf martialische, möglichst auch religiöse Traditionen.
Die japanischen Samurai, zunächst Diener des Adels und später eine selbständige Kriegerkaste, verdingten sich in Friedenszeiten als Ausbilder in Selbstverteidigung. In China schulten Mönche den Körper als Waffe.
Diese historischen Umstände nähren seither den Verdacht, Schlägereien auf asiatisch hätten etwas mit Philosophie zu tun. Horst Tiwald, Geisteswissenschaftler und Leiter der Budo-Sektion am Fachbereich Sport der Universität Hamburg: "Der Aberglaube, daß man weise wird, wenn man fernöstlichen Kampfsport betreibt, stimmt nicht."
Kaum ein Fan der "harten" Kampfsportarten sucht in seiner Disziplin nach buddhistischen Spurenelementen. Zwar werden immer wieder Steine und Dachziegel mit dem Ziel zertrümmert, das "Satori", die Zen-Erleuchtung, zu erlangen, mehr als ein "penetrantes Schwadronieren im Metaphysischen", wie der Kritiker Colin G. Goldner schreibt, war allerdings selten das Resultat*. Goldner, der die einzige deutsche Feldstudie im Karate-Milieu durchführte, weiß, wovon er spricht: Einst war der Psychoanalytiker selbst Mitglied der bayrischen Karate-Sippe.
Filme a la "Bloodsport", ein Videothekenrenner, der als "härtester Kampfsportfilm aller Zeiten" firmiert, heizen das Geschäft an. Tumbe Muskelmänner bevölkern das rassistische Opus: Dunkelhäutige Kickboxer hampeln wie Affen auf einem "geheimen Vollkontakt-Wettbewerb in Hongkong", der gelbe Mann ist, logisch, von undurchsichtiger und knochenbrecherischer Hinterhältigkeit. So bleibt der Gesamtsieg dem guten Weißen Frank Dux vorbehalten - "eine wahre Geschichte", wie der Verleih Cannon Films versichert.
Auch betagtere Eastern, vorzugsweise mit dem kultisch verehrten Kino-Schläger Bruce Lee, verkaufen sich immer noch ordentlich. Lee verkörperte, wie der hagere US-Mime David Carradine in der Fernsehserie "Kung Fu", den scheinbar schwachbrüstigen Biedermann, der nur dann zur unschlagbaren Kampfmaschine mutiert, wenn sein Geduldsfaden reißt.
Die schlichte Weltsicht solcher Filme, daß jeder Konflikt mit Faust und Fuß lösbar sei, gefällt besonders jugendlichen Kickbox-Fans, die, so Claus Beissner vom DJB, "soziologisch unterstes Milieu" repräsentieren.
85 Prozent der Karate-Schüler stammen aus Arbeiterfamilien, jeder vierte gibt an, von Film und Video zu seinem Sport inspiriert worden zu sein, jeder dritte hat keine abgeschlossene Schulbildung. Der Ausländeranteil liegt mit 20 Prozent überdurchschnittlich hoch, 90 Prozent der von Goldner Befragten träumen von einem Einsatz in der Spezialeinheit GSG 9. Für das Kickboxen fehlt eine entsprechende Untersuchung, Kenner schätzen die Zahlen eher noch höher ein.
Eine komplette Kickbox-Ausrüstung, bestehend aus Kopf-, Schienbein-, Fußschutz sowie Boxhandschuhen kostet etwa 260 Mark. Der Klubbeitrag, zum Beispiel im Kieler Sportstudio Henkel, beträgt für Erwachsene 55 Mark monatlich, Jugendliche zahlen immerhin 40 Mark.
Dafür wird ein schnell erlernbares Programm geboten, ohne das zum Teil geduldzehrende Konzentrations- und Fitnessbeiwerk der "weichen" Budo-Arten und ohne Koketterie mit religiösem Überbau. Es gehe einzig, so Buchautor Goldner, um "nackte Gewalt, die beste Umsetzbarkeit im Straßenkampf verspricht". Der US-Kickbox-Profi Howard Jackson bestätigt, die Aktionen seien "recht brutal, aber nicht schwierig".
Die Hoffnung, sich mit Kickboxen oder ähnlichen Methoden in finsteren Vierteln entscheidend verteidigen zu können, ist indessen vage. Der frühere Sportschulen-Besitzer Thomas Born meint gar, wer "Frauen zur Selbstverteidigung anregt", sei "fast ein Verbrecher". Mangelnde Körperkraft lasse sich nicht mit Schlägen oder Tritten kompensieren.
"Wenn man für die alltägliche Selbstverteidigung etwas tun will", rät auch Budo-Kenner Tiwald, "ist es das beste, Leichtathletik zu trainieren. Um möglichst schnell weglaufen zu können."

DER SPIEGEL 1/1989
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