05.06.1989

ARCHITEKTENLanger Abschied

Wie hielt es der deutsche Architekt Ludwig Mies van der Rohe mit den Nazis? Eine US-Kunsthistorikerin hat die Zeit vor seiner Emigration untersucht.
Große Männer sterben zweimal. Ihrem Tod folgt früher oder später ihre Demontage, wenn die Nachwelt sie als Überväter vom Sockel holt.
Der deutsche Architekt Ludwig Mies van der Rohe starb 1969 als amerikanischer Held; gefeiert als "Architekt des Jahrhunderts", der das Bild der Metropolen beeinflußt habe wie kein anderer, als siebenfacher Ehrendoktor, Träger zahlreicher Goldmedaillen und des höchsten Ordens, den die Vereinigten Staaten in Friedenszeiten zu vergeben haben, der "Presidential Medal of Freedom".
Bald danach wurde der Nimbus des Künstlers rabiat geschmälert: "Wie ein Blitzableiter", so schrieb der amerikanische Kunsthistoriker Franz Schulze 1986 über Mies van der Rohe, habe dieser Heros der Moderne die Entladungen des "postmodernen Gewitters" auf sich gezogen - Mies wurde zum Hauptschuldigen an der Diktatur des Rechtecks erklärt*.
Zwei Jahrzehnte nach seinem Tod stirbt Mies van der Rohe jetzt ein drittes Mal. Die New Yorker Kunsthistorikerin Elaine S. Hochman hat die letzten Jahre seiner Berliner Zeit, 1933 bis 1937, penibel ausgeforscht und räumt in einem Buch mit der Legende auf, Mies habe Nazideutschland aus Gewissensgründen verlassen**.
Mies hat lange gezögert und immer wieder versucht, mit dem NS-Regime zurechtzukommen. Mehr als vier Jahre und eine Serie von Demütigungen durch die Nazis brauchte er für die Einsicht, daß er unerwünscht sei. Er ging schließlich, weil ihm nichts anderes übrig blieb.
Mies war bereits eine Größe, als die Nazis an die Macht kamen. 1933 galt er zu Hause und im Ausland als Deutschlands bedeutendster Architekt. Der damals 47jährige Autodidakt leitete das Bauhaus, beherrschte den Werkbund und saß in der Preußischen Akademie der Künste. Er hatte die internationale Weißenhofsiedlung in Stuttgart geplant und mit dem Deutschen Pavillon auf der Weltausstellung in Barcelona, der Millionärsvilla Tugendhat in Brünn und einer Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art internationales Aufsehen erregt.
Mies sah die Welt mit den Augen des Künstlers. Ihn interessierte seine Kunst und sonst nichts. Sein Credo: "Nicht auf das ,Was', sondern einzig und allein auf das ,Wie' kommt es an." Mies wollte bauen, egal für wen - und so baute er für Kommunisten und Kapitalisten und für die Republik, am liebsten für Mäzene, die ihn machen ließen.
War er naiv, ohne Durchblick, oder war er abgebrüht und amoralisch, ein Opportunist wie viele seiner Berufskollegen damals?
Mies war nicht rechts, nicht links, kein Mann der Mitte - das Baugenie war so politisch wie ein Sack Zement. Dennoch (oder gerade deshalb) bekam er Ärger, mit Rechten und mit Linken.
Das Mißverständnis, Mies besitze ein politisches Bewußtsein und lasse sich bei Entscheidungen auch von politischen Motiven leiten, begann mit einem Abendessen im Jahre 1926. Mies speiste bei Eduard Fuchs, dem wohlhabenden Verfasser einer berühmten Sittengeschichte. Fuchs war Jude, Funktionär der KPD und - ebenso wie Albert Einstein, Reichstagspräsident Paul Löbe und Akademiepräsident Max von Schillings - Mitglied der "Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland".
Fuchs zeigte seinem Gast das Modellphoto eines geplanten Denkmals für die kommunistischen Märtyrer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, ein neoklassizistisches Gebilde mit dorischen Säulen und Medaillons. "Ein hübsches Denkmal für einen Bankier", lachte Mies und schlug seinem Gastgeber statt dessen eine schroffe Großskulptur aus vor- und zurückspringenden Backsteinblöcken vor - denn "die meisten dieser Leute" würden ja wohl "vor einer Mauer erschossen".
Mies baute das wuchtige Denkmal - unbestritten das eindrucksvollste seiner Zeit - und setzte ihm noch einen gewaltigen stählernen Stern mit Hammer und Sichel vor; außerdem trat er der "Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland" bei (eine Leichtfertigkeit, die ihn noch anfangs der fünfziger Jahre in den USA, während der hysterischen Verfolgungswelle der McCarthy-Ära, in ernste Schwierigkeiten bringen sollte).
Sieben Jahre später - während die Nazis das Denkmal abtrugen - beteiligte Mies sich an einem Bauwettbewerb für die Reichsbank und wurde Mitglied der Reichskulturkammer. Ein weiteres Jahr danach unterzeichnete er ein Treuebekenntnis zum Führer und suchte um Mitgliedschaft in der NS-Volkswohlfahrt nach.
Zwischendurch, von 1930 bis 1933, verwaltete er den Untergang einer ruhmreichen Einrichtung: Mies ruinierte und liquidierte, freilich unter dem Druck der Nazis, das Bauhaus.
Als Mies mit dem Bauhaus das politischste Symbol der Moderne übernahm, war er für Deutschlands Rechte schon ein ausgemachter "Kulturbolschewist": Die Weißenhofsiedlung war als "Araberdorf" und "Vorstadt Jerusalems", ihr Planer als "zweirassiger Ausländer" beschimpft worden. Er paßte also zu dieser "undeutschen, verjudeten, bolschewistischen Keimzelle", die das Bauhaus für die Nazis darstellte. Es half Mies nichts, daß er das Bauhaus entpolitisieren, daß er sich, wie Elaine Hochman meint, "nach vornehmer Tradition deutscher Intellektueller aus den Niederungen der Politik heraushalten" wollte.
Autoritär setzte er seinen Anspruch durch, "in Ruhe zu arbeiten". Aufsässige kommunistische Studenten wurden ebenso entfernt wie später eine heimlich gehißte Hakenkreuzfahne - getreu seiner Losung: "Mich interessiert nicht, ob der Mann, der den Zement mischt, Nazi oder Kommunist ist. Mich interessiert lediglich, ob er guten Zement macht."
Doch die Ruhe war dahin. Die "Weltbühne" sah Mies als einen Steigbügelhalter des Faschismus, sah ihn "vor spießbürgerlichen Elementen scharwenzeln"; die Nazis erblickten im Bauhaus weiterhin ein Virus, von dem es Deutschland zu befreien galt, und in seinem Direktor "einen Herrn Mies van der Rohe, der sich nicht genug tun konnte im Modernsein und die tollsten, sinnlosesten Pläne entwarf" ("Völkischer Beobachter").
Am 11. April 1933 besetzten Schutzpolizei und SA das Bauhaus. Mies - der um seinen Entwurf für den Reichsbank-Wettbewerb bangte - antichambrierte beim NS-Kulturkämpfer Alfred Rosenberg und drei Monate lang bei der Gestapo. Vergebens. Die Gestapo erteilte ihm dermaßen unverschämte Auflagen, daß er sich am 20. Juli entschloß, das Bauhaus "in Anbetracht der durch die Stillegung eingetretenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten" aufzulösen.
Mies schlug sich mit den Tantiemen für seine Möbelentwürfe durch und setzte - nachdem Hitler alle Wettbewerbsbeiträge für den Reichsbank-Bau verworfen hatte - seine Hoffnungen auf einen von Goebbels ausgelobten Wettbewerb für einen Deutschen Pavillon auf der Weltausstellung 1935 in Brüssel.
Der Ausschreibungstext ließ keinen Zweifel an dem erwarteten Charakter des Bauwerks. Die "kämpferische Kraft" und den "heroischen Willen des Nationalsozialismus" sollte es "in repräsentativer Form" zum Ausdruck bringen - und tatsächlich trieb Mies, der noch der Republik bei seinem Bau für Barcelona jedes Zugeständnis entschieden verweigert hatte, nun seine Kompromißbereitschaft bis zum Verrat seiner Prinzipien: Er garnierte seinen Kubus mit einem Reichsadlerchen und strichelte an die Marmorwand einer "Ehrenhalle" ein abstrahiertes Hakenkreuz.
Mies wollte den Auftrag offenbar um nahezu jeden Preis, denn nun folgte er sogar einer Aufforderung der Reichsschrifttumskammer, mit dem "Aufruf der Kulturschaffenden" ein Treuebekenntnis zu Adolf Hitler zu unterzeichnen.
"Wir glauben an diesen Führer", hieß es darin. "Wir setzen unsere Hoffnung auf den Mann" und "gehören zu des Führers Gefolgschaft". Die Unterzeichner bekundeten, "in Vertrauen und Treue zu ihm zu stehen" - neben einschlägigen NS-Künstlern auch Ernst Barlach, Wilhelm Furtwängler, Erich Heckel, Georg Kolbe, Emil Nolde und Richard Strauss.
Der Aufruf galt der Volksabstimmung über das "Gesetz über das Staatsoberhaupt", mit dem, nach Hindenburgs Tod, die Ämter des Reichskanzlers und des Reichspräsidenten vereinigt werden sollten. Das Votum brachte Hitler am 19. August 1934 eine überwältigende Mehrheit: Deutschland hatte seine Führerdiktatur.
Dem anpassungsbereiten Mies brachte die Unterschrift nichts. Der für Brüssel geplante Pavillon wurde nie gebaut. Hingegen begann nun eine Reihe von Demütigungen, die dem weltweit geachteten Architekten schließlich auf brutale Weise beibrachten, was er nicht wahrhaben wollte: Er war ausgestoßen.
Aus dem Katalog einer Ausstellung wurde sein Name gestrichen. Für ein Privathaus wurde die Genehmigung nur unter der Auflage erteilt, daß der Bau durch einen Erdwall gegen jede Einsicht abzuschirmen sei.
Während Deutschland einer großen Baustelle glich und Hitler den Erfüllungsgehilfen Albert Speer zum "Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt" ernannte, wartete Mies vergebens auf den Ruf des Vaterlandes oder auch nur einen bescheidenen Auftrag.
Auf Geheiß Görings mußte er die künstlerische Leitung einer Textilausstellung an den Göring-Günstling Pg. Ernst Sagebiel abgeben, einen Vulgärarchitekten, der schon den Flughafen Tempelhof, das Reichsluftfahrtministerium und das Haus des Fliegers entworfen hatte.
Mies wurde, wie auch Ernst Barlach oder Max Pechstein, aus der Akademie der Künste entfernt (die abgeforderte Austrittserklärung unterzeichnete er brav mit "Heil Hitler!"); zu neuen Mitgliedern wurden Arno Breker, Josef Thorak, Albert Speer und Ernst Sagebiel berufen.
Die Nazis erklärten die Moderne offiziell zur "Entarteten Kunst". Speer baute sein Modell für die Nord-Süd-Achse in Berlin. Und Mies saß arbeitslos am Fenster und starrte lustlos auf die Straße.
Seit Ende 1935 hatten ihn Angebote aus den USA erreicht, in Kalifornien und Chicago, in Cambridge und New York zu lehren oder zu bauen. Doch Mies war unentschlossen und wählerisch, er ließ sich Zeit. Einige Vorhaben zerschlugen sich, andere erschienen ihm nicht angemessen. Mies verlangte Privilegien für sich.
Amerika? Mies war nun 50, er sprach nicht englisch, Deutsch war seine einzige Sprache und Deutschland sein kulturelles Umfeld. Alles Amerikanische erschien Mies, wie die Historikerin Hochman interpretiert, als banausenhafte Mischung aus Cowboys und Al Capone, Hollywood und Benny Goodman - und der "Herr Professor" säße mittendrin als Mr. Nobody.
Mies war für sein Phlegma berühmt und berüchtigt, wortkarg und bewegungsfaul - ein Buddha, ein Mann träger Unschlüssigkeit, der nur schwer (am frühen Nachmittag) in Gang kam und auch dann nur mit Hilfe von Martinis und Zigarren. 30 Jahre lebte er nun in Berlin, 20 in derselben Wohnung.
"Unerschütterlich", so Biograph Schulze, zahlte er den "Preis für seine Eigenbrötlerei", saß bewegungsunfähig in der Nazi-Metropole und betrachtete sich als "Opfer der Umstände". Er nahm einen mühsamen, einen langen Abschied. Vom Sommer 1937 bis zum Sommer 1938 zog sich seine Auswanderung hin.
1965 kehrte Mies, als US-Bürger, nach Berlin zurück - fast 80, durch eine schwere Arthritis an den Rollstuhl gefesselt und nur unter größter Anstrengung fähig, sich an Krücken aufzurichten.
Sichtlich bewegt erlebte er die Grundsteinlegung für seine Neue Nationalgalerie, die ihm eine tiefe Genugtuung verschaffte:
Sein Spätwerk der Moderne steht auf jenem Grund, auf dem Albert Speer für Adolf Hitler einst den Runden Platz der Nord-Süd-Achse angelegt hatte.

DER SPIEGEL 23/1989
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