06.03.1989

Schattenspiele

Patrick Modiano: „Sonntage im August“. Aus dem Französischen von Andrea Spingler. Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 164 Seiten; 28 Mark.
Vielleicht handelt dieser in Nizza spielende und aus dem Blickwinkel eines Photographen erzählte Roman von einem Verbrechen: von einer wie in Polanskis "Frantic" plötzlich spurlos verschwindenden Frau. Vielleicht ist der Amerikaner mit der geliehenen Diplomatenkarosse, in dessen Begleitung sie zuletzt auf ihren Zigaretten kaufenden Geliebten gewartet hat, der Mörder der jungen Französin.
Vielleicht wurde ihr der auf ihrem schwarzen Pullover funkelnde Diamant zum Verhängnis, dessen erste Trägerin 1793 guillotiniert und dessen vorletzter Besitzer 1944 erschossen wurde. Vielleicht aber gehört die verkohlte Leiche, welche die Polizei in einem ausgebrannten deutschen Auto findet, auch zu einer ganz anderen Geschichte und ist das angeblich echte Juwel nur Talmi und sind die angeblich echten Menschen dieses Romans nur Gespenster.
Sieben Jahre nach den sommerlichen Verwirrungen kehrt der Photograph an ihren Schauplatz zurück. Um nach den Gestalten der Vergangenheit zu suchen? Tatsächlich begegnet er dem Ehemann seiner vermißten Geliebten unter den Straßenverkäufern an der nun winterlichen Cote d'Azur, doch als er ihn anderntags am Telephon sprechen will, gibt es ihn nicht mehr. Es ist also alles wie damals, als über Nacht Fremde das Haus der vermeintlichen Freunde bewohnten und sich vor den blätternden Dekors der granatrotverputzten Fassaden Schattenmenschen bewegten.
Vertrauen kann der Erzähler in diesem Universum der Vexierbilder allein seinem inneren Auge, das ihn die alten Zeiten nachempfinden läßt, wie sie vor dem Unglück waren: seine schnelle Flucht mit der Geliebten vor ihrem halbseidenen Ehemann, die wie von Schimmel überzogene angstvolle Einsamkeit zu zweit im Versteck der billigen Pension, aber auch den kurzen Sommer des gemeinsamen Glücks in der blauen Stadt, zwischen staubigen Schaufenstern und erlöschenden Lichtern an einigen "Sonntagen im August".
Patrick Modiano, 43, der mit Louis Malle das Drehbuch zum Okkupations-Drama "Lacombe Lucien" verfaßte und für seinen Roman "Die Gasse der dunklen Läden" 1978 den Prix Goncourt erhielt, ist ein trauriger Existenzialist. Seine Erkennungsmelodie ist eine artistisch eigensinnige, fast privat klingende Prosa, in welcher sich seine Figuren wie in einem schmucklosen Salon bewegen: auf der Suche nach einem imaginären, verlorenen Leben. Dem Photographen in Nizza ähnlich: "Um mich herum tranken Frauen und Männer Tee, steif wie Mumien, schweigend, den Blick auf die Promenade geheftet. Auch sie spähten vielleicht in der vorbeiziehenden Menge nach Gestalten der Vergangenheit aus."

DER SPIEGEL 10/1989
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