01.05.1989

„Wo du hinkommst, wird besser gekocht“

Im SPIEGEL Nr. 16 berichtete SPIEGEL-Redakteur Klaus Umbach über den Dirigenten Sergiu Celibidache, der nach dem Zweiten Weltkrieg, während der unterbrochenen Amtszeit von Wilhelm Furtwängler, ein paar Jahre das Berliner Philharmonische Orchester in dessen Stellvertretung leitete und sich seit längerem als Anhänger des Zen-Buddhismus ausgibt. Dabei wurde auch eine Auswahl der berüchtigten Ausfälle gegen tote und lebende Kollegen zitiert: „Karajan?, Schrecklich. Entweder ist er ein guter Geschäftsmann, oder er kann nicht hören.' Hans Knappertsbusch - ,ein Skandal', ,Unmusik bis dorthinaus'. Arturo Toscanini - ,eine reine Notenfabrik'. Karl Böhm - ein ,Kartoffelsack', dirigierte ,noch keinen einzigen Takt Musik in seinem Leben'.“ Dazu erreichte uns aus dem Himmel ein Telex in (himmlisch angemessener) englischer Sprache von Arturo Toscanini. „Vermittelt“ hat es der sonst extrem publizitätsscheue Dirigent Carlos Kleiber.
Telex von Toscanini (Himmel) an Celibidache (München)
Lieber Sergiu!
Wir haben im SPIEGEL von Dir gelesen. Du nervst, aber wir vergeben Dir. Es bleibt uns nichts anderes übrig: Vergeben gehört hier zum guten Ton. Kartoffelsack-Karli* erhob einige Einwände, aber als Kna und ich ihm gut zugeredet und ihm versichert haben, daß er musikalisch sei, hörte er auf zu lamentieren.
Wilhelm behauptet jetzt plötzlich steif und fest, daß er Deinen Namen noch nie gehört hat. Papa Joseph, Wolfgang Amadeus, Ludwig, Johannes und Anton sagen, daß ihnen die zweiten Violinen auf der rechten Seite lieber und daß Deine Tempi alle falsch sind. Aber eigentlich kümmern sie sich einen Dreck drum. Hier oben darf man sich sowieso nicht um Dreck kümmern. Der Boss will es nicht.
Ein alter Meister des Zen, der gleich nebenan wohnt, sagt, daß Du den Zen-Buddhismus total falsch verstanden hast. Bruno hat sich über Deine Bemerkungen halb krankgelacht. Ich habe den Verdacht, daß er Dein Urteil über mich und Karli insgeheim teilt. Vielleicht könntest Du zur Abwechslung mal auch was Gemeines über ihn sagen, er fühlt sich sonst so ausgeschlossen.
Es tut mir leid, Dir das sagen zu müssen, aber hier oben sind alle ganz verrückt nach Herbert, ja die Dirigenten sind sogar ein klein bißchen eifersüchtig auf ihn. Wir können es kaum erwarten, ihn in etwa fünfzehn bis zwanzig Jahren hier herzlich willkommen zu heißen. Schade, daß Du dann nicht dabeisein kannst. Aber man sagt, daß dort, wo Du hinkommst, viel besser gekocht wird und daß die Orchester dort unten endlos proben. Sie machen sogar absichtlich kleine Fehler, damit Du sie bis in alle Ewigkeit korrigieren kannst.
Ich bin sicher, daß Dir das gefallen wird, Sergiu. Hier oben lesen die Engel alles direkt von den Augen der Komponisten ab, wir Dirigenten brauchen nur zuzuhören. Nur Gott weiß, wie ich hierher gekommen bin.
Viel Spaß wünscht Dir in aller Liebe Arturo.

DER SPIEGEL 18/1989
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