10.07.1989

„Hören Sie, was machen Sie für 'n Mist?“

Was bei der Gladbecker Geiselaffäre alles schieflief (III): Die pannenreiche Verfolgung
Nicole, 13, kommt gegen Mittag ganz aufgeregt aus der Schule. Überall sei Polizei, berichtet das Mädchen seiner Mutter, halb Gladbeck sei abgesperrt.
Neugierig schaltet Marion Löblich, 35, das Radio ein, hört im Westdeutschen Rundfunk die Nachricht von einem Bankraub in Rentfort-Nord. Zwei unbekannte Männer haben am Morgen, kurz vor acht, die Filiale der Deutschen Bank im nahe gelegenen Einkaufszentrum überfallen und zwei Geiseln in ihre Gewalt gebracht.
Marion Löblich, die halbtags im Altenzentrum der Arbeiterwohlfahrt arbeitet, hat ein "ungutes Gefühl". Sie weiß, daß ihr Freund Hans-Jürgen Rösner, 32, die gemeinsame Haushaltskasse mit Einbrüchen und Überfällen aufbessert. Längst fragt sie nicht mehr nach der Herkunft, wenn Rösner mal wieder unverhofft bündelweise Hundertmarkscheine auf den Küchentisch packt. Sie weiß auch, daß Rösner mit Haftbefehl gesucht wird. Mit ihrem Einverständnis hat er sich im Kinderzimmer einen Verschlag gezimmert, hinter dem er sich selbst, Einbruchswerkzeug und Diebesbeute verstecken kann.
In böser Vorahnung nimmt Marion Löblich ihre Tochter Nicole und flüchtet zu Rösners Schwester Renate. "Die Bank, die Bank, ich glaub', der Hanusch ist da drin", stammelt sie weinend. Von einem Verwandten erfährt sie telephonisch, daß die Polizei ihre Wohnung durchsucht. Nun ist sie ganz sicher, daß Rösner sein Versprechen, irgendwann "einen großen Coup" zu landen, wahr gemacht hat. Fortan hat sie nur noch eine fixe Idee: "Ich muß zum Hanusch."
Millionen Fernsehzuschauer erleben Marion Löblich Stunden später als schwerbewaffnete Gangsterbraut, die Fluchtwagen an Polizeisperren vorbeikutschiert, Geiseln in Schach hält und einen Linienbus kapern hilft. Und ihr plötzliches Verschwinden, nach dilettantisch durchgeführter Festnahme, treibt Dieter Degowski, 33, im Bus an der Raststätte Grundbergsee bei Bremen dazu, spätabends am 17. August 1988 den Schüler Emanuele de Giorgi zu erschießen.
Daß sich diese schüchterne, unsicher wirkende Frau auf ein derart kriminelles Abenteuer einläßt, erklärt sich nur aus der ganz besonderen Beziehung zu ihrem Geliebten. Auf ihrer lebenslangen Suche nach einem festen Halt glaubt sie in Rösner endlich jenen "harten Kerl" gefunden zu haben, auf den man sich verlassen kann.
Animiert durch Rösner, berauscht sie sich wie er mit Bier und Vesparax-Tabletten, läßt sich, um Rösner "einen Gefallen zu tun", nach einem Gelage zum Sex mit Degowski überreden. "Sie tat alles, was ich ihr sagte", beschreibt Rösner das Verhältnis, "sie war mir hörig."
Das psychiatrische Gutachten, das dem Essener Landgericht zum bevorstehenden Prozeß vorliegt, scheint Rösners Einschätzung zu bestätigen. Die Gerichtsmediziner bescheinigen Marion Löblich "eine labile und unberechenbare Persönlichkeit" mit "Neigung zur Abhängigkeitshaltung".
Nur ihr fast unterwürfiges Verhältnis zu Rösner macht begreiflich, warum sich Marion Löblich auch nach der Geiselnahme für ihn bereithält. Da sie bei Rösners Schwester Renate, die mit der ganzen Sache nichts zu tun haben will, nicht bleiben kann, sucht sie am Nachmittag bei Rösners Schwester Monika und deren Ehemann Zuflucht. Aufgeregt verfolgt sie die Rundfunkberichte über den Bankraub, hofft, daß sich Hanusch nach der Flucht bei seiner Schwester melden wird.
Um ihre Aufregung zu dämpfen, schluckt Marion Löblich abends Vesparax-Beruhigungstabletten, ausnahmsweise mal ohne Bier, legt sich ins Bett und wartet auf ihren Freund Hanusch. Der aber hat ganz andere Pläne, verblüfft Polizei und Freunde.
Kaum rollen die Geiselnehmer um 21.47 Uhr mit ihren Opfern im Fluchtwagen aus der Passage vor der Deutschen Bank, irritieren sie die Fahnder durch "völlig atypisches Verhalten" (Polizeibericht). Anstatt möglichst unauffällig in der Dunkelheit unterzutauchen, bleiben sie in Gladbeck, zeigen sich ganz offen.
Weil Rösner und Degowski dringend Bier und Vesparax-Tabletten brauchen, um sich weiter aufzuputschen, und die Geiseln Andrea Blecker und Reinhold Alles, die den Tag über kaum etwas gegessen haben, hungrig sind, starten sie mit dem von der Polizei bereitgestellten weißen Audi zu einer irrwitzigen Einkaufsfahrt.
An einer Esso-Tankstelle muß ein zufällig vorbeikommender Bekannter Rösners ("Kalle, komm mal her") drei Stangen Zigaretten holen. Vor einem Kiosk winken die Täter einen Jungen heran, der Bier und Süßigkeiten einkauft und auf sein Trinkgeld verzichtet: "Ich weiß, wer ihr seid."
In die Imbißstube "Mostar" geht Rösner persönlich rein: "Hier ist der Bankräuber aus Gladbeck, macht keinen Scheiß, wir wollen nur was zu essen." Mit vorgehaltener Waffe ordert er zehn Frikadellen, ein Hähnchen und ein Kotelett. Die Rechnung begleicht er mit einem Hundertmarkschein aus der Beute.
An der nächsten Station, der Barbara-Apotheke in der Innenstadt, werden die Bankräuber schon erwartet. Durch das im Wagen versteckte Mikrophon wissen die Polizeibeamten, daß die Täter Tabletten kaufen wollen. Die Polizei informiert vorsorglich den Apotheker, der die von Rösner geforderte rezeptpflichtige Vesparax-Packung anstandslos herausrückt. Für den Bankangestellten Alles, dem die Aufregung auf den Magen geschlagen ist, steckt der Bankräuber noch ein Mittel gegen Übelkeit und Erbrechen ein.
Zur Flucht ins Ausland fehlt nach Ansicht Rösners jetzt, wo die Marschverpflegung komplett ist, nur noch ein Wagen ohne Polizeiwanzen. Den will er sich vor einer Kneipe "wegfiedeln", die dafür bekannt ist, daß ihre Gäste "immer dicke Autos" fahren.
Mit gezückter Pistole stürmt der bärtige Rösner an die Theke der Raststätte "Berg" am Gladbecker Stadtrand: "Der Nikolaus ist da! Wem gehört der 635er vor der Tür?" Da er keine Antwort bekommt, haut Rösner mit der Waffe in der Hand auf den Tresen, ballert los.
Die Kugel zischt nur wenige Zentimeter über den Kopf eines Gastes hinweg, der Rösner, ohne es zu wissen, überhaupt erst das Rüstzeug für die Geiselnahme geliefert hat: Gerd Meyers, 35.
Der gelernte Schweißer, der "Waffen faszinierend" findet, hatte an einen Mittelsmann zwei schwere Waffen verkauft: eine Selbstladepistole Modell "Colt Government" (Kaliber 9 Millimeter Luger) und einen Trommelrevolver Typ "Highway Patrolman", Kaliber .357 Magnum.
Daß die Waffen ausgerechnet an den in der Gladbecker Szene berüchtigten Rösner weiter verhökert wurden, will Meyers nicht gewußt haben. Ausdrücklich sei der Vermittler vergattert worden, die Waffe nur an "eine vernünftige und seriöse Person" weiterzugeben, "die nicht gleich an der nächsten Ecke jemanden erschießt".
Erst 20 Stunden nach dem Schuß in der Gaststätte, der ihn so knapp verfehlte, dämmert Meyers, in wessen Besitz die Waffen tatsächlich gelangt sind. In einem Fernsehbericht über die Buskaperung in Bremen erkennt er in Rösners Hand seinen eigenen Colt, kann es kaum fassen: "Das wär' ja ein starkes Stück, wenn ich mit meiner eigenen Waffe erschossen worden wäre."
Den geforderten Fluchtwagen bekommt Rösner bei seinem Pistolero-Auftritt allerdings nicht. Selbst nachdem Degowski von außen ungeduldig durch die Scheibe geschossen hat, gibt sich keiner der Gäste als Besitzer des BMW zu erkennen. Wütend zieht Rösner ab.
Eine Viertelstunde später hält Rösner schon dem nächsten die Pistole unter die Nase. Vor einer Spielhalle zwingt er einen verdutzten Autobesitzer zum Aussteigen, übernimmt den Wagen als neues Fluchtfahrzeug. Der schwarze BMW (amtliches Kennzeichen: E - MW 263) erweist sich jedoch als Flop: Der Wagen ist über 200 000 Kilometer gefahren, der Motor zieht nicht, die Karosserie klappert. Vor allem aber stört die Täter, daß im BMW ein Radio fehlt, mit dem sie die neuesten Rundfunkmeldungen verfolgen können.
Um das schadhafte Fahrzeug einzutauschen, steuert Rösner, zum zweiten Mal, die Esso-Station an der Horster Straße an. Diese Tankstelle soll in der nächsten halben Stunde für die Polizei zum Schauplatz eines gelungenen Coups als auch einer unsäglichen Panne werden.
Weil die Beamten in der Funkzentrale über den Fluchtverlauf nicht auf dem laufenden sind, den falschen Kanal eingeschaltet haben, liefern sie einen ahnungslosen Kripomann dem Geiselgangster Rösner aus. Der ortsfremde Beamte, der sich auf dem Rückweg vom Bankeinsatz bei seinen Kollegen in der Zentrale nach der günstigsten Tankmöglichkeit erkundigt, wird ausgerechnet zu jener Esso-Station beordert, an der Rösner schon Autofahrer bedroht.
Mit den Worten "Leg ab, ich hab' einen Ballermann" zwingt Rösner den Polizisten, seine Dienstwaffe "P 6" mit zwei Fingern aus dem Halfter zu ziehen und ihm, samt Reservemagazin, auszuhändigen. Und obgleich der Beamte im Auto noch einen Diensthund mitführt, greift sich Rösner auch noch das Handfunkgerät vom Beifahrersitz. Rösner: "Der Hund bellte fürchterlich, befand sich aber hinter einem Gitter."
In einer vertraulichen Fehleranalyse des Düsseldorfer Innenministeriums ("Einsatznachbereitung Gladbeck") wird der "Koordinationsfehler" als besonders gravierend herausgestellt: "Hierdurch wurde die gesamte weitere Fahndung beeinträchtigt."
Denn der Funkverkehr auf dem Zwei-Meter-Band, über das bisher die Verfolgung gesteuert wird, muß auf einen anderen Kanal umgestellt werden, was weit über Gladbeck hinaus zu einem Chaos bei der Nachrichtenübermittlung führt. Zudem besitzen die Täter nunmehr eine dritte Waffe, mit der Rösners Freundin Marion Löblich tags darauf im gekaperten Bremer Bus Fahrgäste bedrohen wird.
Und Rösner gelingt, scheinbar, gleich noch ein Husarenstück. Er sieht einen hellblauen Mercedes 230 E an die Zapfsäule rollen, "der richtige weitere Fluchtwagen".
Obwohl der Wagenbesitzer vom Kassenhäuschen aus protestiert, erklärt Rösner den Wagen für beschlagnahmt. Zusammen mit Degowski und den Geiseln packt er Beute und Vorräte aus dem alten BMW in den neuen Mercedes um, Kassierer Alles muß volltanken.
In der Einsatzleitung, wo Kriminaldirektor Friedhelm Meise die Nachtschicht-Führung an seinen Kollegen Lutz Resch übergeben hat, sind die Beamten über diese Wagen-Kaperung erleichtert. Weil sie damit gerechnet hatten, daß die Täter so bald wie möglich ihren Fluchtwagen wechseln wollen, führten sie im Verfolgertroß zwei präparierte Fahrzeuge, einen BMW und einen Mercedes, mit. Die postierten sie entlang der möglichen Fluchtroute als Köder. An der Tankstelle, wo der Mercedes placiert wird, beißt Rösner endlich an.
Zwar ist Rösner zunächst mißtrauisch. Da er in den Fächern und Ablagen des Mercedes keinerlei persönliche Gegenstände findet, wie sie normalerweise in Autos verstreut sind, kommt ihm "sofort der Verdacht, daß das auch ein Polizeiwagen" ist. Obwohl die Geisel Alles ihn in seinem Unbehagen auch noch bestärkt ("Da stimmt doch was nicht!"), legt sich die Skepsis vorübergehend.
Womit die Polizei aber überhaupt nicht rechnet: Rösner will nicht ohne seine Freundin Marion Löblich in das vermeintlich neue Leben starten. Die Fahnder bekommen nicht mit, daß sich seine Freundin bei Rösners Schwester Monika versteckt hat. Deshalb bleibt ihnen auch verborgen, daß sich Rösner um 0.54 Uhr dort mit ihr trifft.
Und wie immer fügt sich Marion Löblich auch diesmal den Anordnungen ihres Freundes Hanusch. Obwohl sie die Dimension des Verbrechens aus dem Fernsehen kennt, setzt sie sich auf Rösners Drängen ("Komm mit, ich mach' das schon") über eigene Skrupel hinweg. Mit Rösners Kapuze maskiert, steigt sie zu Tätern und Geiseln ins Fluchtauto - ein Schritt, der für Marion Löblich mit einer Anklage wegen gemeinschaftlichen Mordes enden wird.
Jetzt, da die Flucht über die Grenzen von Gladbeck hinausgehen soll und alles entspannter laufen könnte, befällt die Täter eine unerwartete Ratlosigkeit. Bislang hatte es gereicht, kurzentschlossen zu agieren, etwa bei der Entscheidung zur Geiselnahme. Oder clever auf Polizeitricks zu reagieren, wie bei der Geldübergabe.
Um sich erfolgreich abzusetzen, bedarf es jedoch einer langfristigen Strategie - und überhaupt eines Ziels. Aber an beidem fehlt es. Rösner und Degowski schwebt zwar vage vor, ins Ausland zu fliehen. Doch sie haben keinerlei Fremdsprachenkenntnisse, können nicht einmal richtig Deutsch. Beide sind so gut wie nie aus Gladbeck rausgekommen, finden sich selbst auf den Autobahnen im Ruhrgebiet nicht zurecht.
Doch auch unter besseren Voraussetzungen hätten sie keine Chance: Ihre Namen sind der Polizei bekannt, Rösners Gesicht haben inzwischen Millionen Fernsehzuschauer gesehen. Durch seine grellen Tätowierungen ist er lebenslang gebrandmarkt, jederzeit zu identifizieren.
Dennoch traut sich die Einsatzleitung nicht, die Verfolgung wenigstens für ein paar Stunden einzustellen. Dabei hatten die Täter schon in der Bank am Telephon klargestellt, daß sie ihre Geiseln erst dann freilassen würden, wenn sie sicher sind, daß die Polizei nicht mehr hinter ihnen her ist. Auch Polizeioberrat Horst Tiemann, der zu den psychologisch geschulten Kriminalisten gehört, geht davon aus, "daß die Täter mit einem hohen Maß an Wahrscheinlichkeit die Geiseln freilassen, wenn sie sich unbeobachtet fühlen".
Doch die Fahnder können sich nicht dazu durchringen, die Verfolgung vorübergehend einzustellen. Zumal sie wissen, daß ihr oberster Dienstvorgesetzter, Innenminister Herbert Schnoor, am frühen Abend die Bitte der Deutschen Bank nach einem völlig verfolgungsfreien Abzug abgelehnt hat.
"In diesem Fall ging es", moniert im nachhinein Manfred Such von der Arbeitsgemeinschaft kritischer Polizisten, nur "um läppische 400 000 Mark." Dieses "geifernde Wachen über den Geldsack", kommentiert die alternative "Tageszeitung", habe "drei Menschen das Leben gekostet".
Vergebens hatte die Geisel Blecker schon über Bank-Telephon an die Polizei appelliert, nicht wegen des Geldes "zwei Menschenleben oder auch vier Menschen aufs Spiel zu setzen". Statt Tote zu riskieren, solle die Polizei lieber sagen: "Kommt Jungs, nehmt das Geld, verschwindet und fertig."
Doch die Beamten, auf höhere Weisung nur den staatlichen Verfolgungsauftrag im Sinn, lassen die Täter nicht aus den Augen. Um 1.20 Uhr, das Fluchtfahrzeug hat Gladbeck endgültig verlassen, ergeht an das Mobile Einsatzkommando der Befehl, Rösner und Degowski "abgesetzt zu folgen". Ein Angriff soll nur gestartet werden, wenn eine Gefahr für Geiseln und Unbeteiligte völlig ausgeschlossen werden kann.
In jeder Phase, ob auf der Autobahn oder später im Stadtgebiet von Münster, bleiben die Fahnder an den Geiselnehmern dicht dran. Ob die Polizei den sogenannten scheinbar verfolgungsfreien Abzug in jenen Stunden so perfekt praktiziert, daß die Täter wirklich nichts merken können, ist bis heute umstritten. Das Düsseldorfer Innenministerium beteuert hinterher in einem offiziellen Bericht, es habe "keinen Sichtkontakt" gegeben, der Standort des Fluchtfahrzeugs sei allein "durch Peilung bzw. Innenraumsprachübertragung" festgestellt worden.
Und zunächst scheinen die Täter auch nichts zu merken. Triumphierend ruft Degowski, der bislang immer nur Rösner agieren ließ, von Osnabrück aus seinen Bruder an: "Alter, wie findste das, was wir machen? Ist doch gut, oder?" Und als sei er mit einer Millionen-Beute in Sicherheit, trumpft er auf: "Das ist ein Riesending, wir sind reiche Leute."
Obwohl in den Rundfunknachrichten auf Drängen der Einsatzleitung ständig berichtet wird, die Polizei habe "seit Stunden keinen Kontakt mehr" zu den Tätern, werden die Geiselnehmer plötzlich mißtrauisch. Als etwa bei einem Halt an einer Tankstelle in Münster ein weiterer Personenwagen vorfährt, schöpft Rösner Verdacht: "Mein siebter Sinn sagte mir, daß es ein Polizeifahrzeug sein könnte" - er täuscht sich, er verdächtigt einen Unbeteiligten.
Die Stimmung im Wagen wird immer gereizter. Die Hoffnung der Geiseln Blecker und Alles auf baldige Freilassung wird durch die Verfolgungsangst der Täter mehr und mehr zerstört. Rösner und Degowski, zermürbt durch Schlafmangel und Streß, reagieren zunehmend aggressiver.
Weil sich die Täter ständig bedroht fühlen, muß Kassierer Alles seine schwangere Frau per Telephon alarmieren. Sie soll bei der Polizei mit Nachdruck fordern, daß "endlich die Verfolgung abgebrochen wird". Auch Bankdirektor Schöning, der die Nacht über in seinem Büro in der Deutschen Bank Gladbeck ausharrt, wird von seiner Angestellten Blecker telephonisch beschworen, die Polizei von einer weiteren Observation abzuhalten.
Weil die Täter nicht wissen, wohin sie fahren sollen, irren sie, wie Rösner in seiner Vernehmung berichtet, "kreuz und quer über Autobahnen und Straßen". Am Steuer sitzt meist Marion Löblich, die auch keine Vorstellung hat, wo es langgehen soll: "Wir fuhren planlos in der Gegend rum."
Über die Irrfahrt der Geiselgangster werden mehrfach in dieser Nacht Polizeibehörden im In- und Ausland informiert: Mit Fernschreiben Nummer 310 etwa unterrichtet die Gladbecker Einsatzleitung um 2.38 Uhr das Düsseldorfer Innenministerium, das Landeskriminalamt, alle großen Polizeistellen und sämtliche Sonderkommandos. Auch Interpol, das Bundeskriminalamt und alle Landeskriminalämter werden rund um die Uhr über den Verlauf des Verbrechens benachrichtigt.
Mit ihrer Odyssee lösen Rösner und Degowski bundesweit Alarm aus. Für das Mobile Einsatzkommando Düsseldorf springt das MEK Osnabrück ein; eine niedersächsische Einsatzhundertschaft löst nordrhein-westfälische Kollegen ab; in Rheinland-Pfalz bereiten sich Sonderkommandos auf einen Einsatz vor, in Bielefeld werden noch nachts SEK-Spezialisten in Marsch gesetzt.
Nordrhein-Westfalens oberster Polizeiführer, Innenminister Schnoor, wird jedoch in dieser Nacht nicht im Schlaf gestört. Die Beamten in der Nachrichtenzentrale des Ministeriums sehen keinen Anlaß, den Chef aufzuwecken.
Wie schon manches Mal im Verlauf dieses Gewaltverbrechens bringen Rösner und Degowski mit ihrer undurchdachten Flucht die Experten aus dem Konzept. Wo immer Sonderkommandos in Erwartung des Fluchtwagens hinbeordert werden, kreuzen Rösner und Degowski gerade nicht auf.
So ergeht etwa der Auftrag, die Tankstellen rund um Bielefeld und in der Umgebung von Hannover mit getarnten Nahkämpfern zu besetzen und beim Eintreffen der Geiselnehmer womöglich zuzuschlagen. Doch Rösner und Degowski machen, als würden sie die Falle erahnen, um die Stationen einen Bogen. Auch die Autobahnraststätte Garbsen, die von einem Sondereinsatzkommando umstellt ist, fahren sie nicht an, legen statt dessen 90 Kilometer davor, auf der unbewachten Raststätte Grönegau, eine ausgedehnte Pause ein.
Der Gastraum ist in dieser Nacht, gegen 3.30 Uhr, fast menschenleer. Trotz der Anspannung brennen die Täter darauf, sich selbst in den Schlagzeilen zu sehen. Bei Kaffee und Brötchen lesen sie die gerade angelieferten ersten Exemplare der "Bild"-Zeitung, in der Berichte über ihr Verbrechen stehen - Schlagzeilen wie "Geisel-Gangster auf der Flucht" und "Die Geisel-Bank".
In ihrer ständigen Angst, verfolgt zu werden, haben Rösner und Degowski einen Tisch gewählt, von dem sie sowohl den Eingang als auch ihren Fluchtwagen beobachten können. Rösner, argwöhnisch wie immer, ist schon wieder etwas Verdächtiges aufgefallen. Bei einem Mann, der an einem Münzautomaten spielt, vermutet er, "daß es sich um einen Kriminalbeamten handelt". Beide Täter halten ihre versteckten Waffen schußbereit.
Doch Rösners Argwohn gilt einem unbeteiligten Fernfahrer. Völlig unbeachtet läßt er dagegen ein Pärchen, das Minuten später die Raststätte betritt - die wirklichen Polizeispitzel, die zum Ausspähen eingeschleust worden sind.
Von ihrem Tisch aus beobachten die Kundschafter aus dem Verfolgertroß, wie sich um 4.01 Uhr eine selten günstige Gelegenheit zum Zugriff anbahnt. Gemeinsam verlassen Rösner und Marion Löblich ihre Plätze, um die Toiletten aufzusuchen. Fünf Minuten lang bleibt Degowski mit Blecker und Alles allein am Tisch zurück - Zeit genug, überraschend zuzugreifen und die Geiseln zu befreien.
Die über Funk verständigten Kollegen können die Chance jedoch nicht nutzen. Als die Meldung vom Klo-Gang kommt, stehen die 50 Spezialisten für Beobachtung und Überrumpelung, die den Tätern seit dem Start in Gladbeck hinterherfahren, rund zwei Kilometer entfernt auf dem Standstreifen der Autobahn. Und noch bevor eine Entscheidung über einen schnellen Zugriff gefällt wird, sind Rösner und Löblich vom WC zurück.
Daß die Verfolger "sehr, sehr weit" von den Geiselnehmern entfernt waren, entschuldigt der Düsseldorfer Kriminaloberrat Dieter Höhbusch Wochen später vor dem Untersuchungsausschuß mit den Nachteilen des scheinbar verfolgungsfreien Abzugs: Um die Täter in Sicherheit zu wiegen, hätten die Kommandos auf Distanz gehalten werden müssen.
Aber selbst wenn die Einsatzkräfte dichter aufgerückt wären, hätten sie nicht spontan handeln können. Denn anders als in "Tatort"-Krimis, wo Kommissar Schimanski im Alleingang Täter zur Strecke bringt, dürfen die Sonderkommandos nur auf Befehl handeln. Und die Entscheidung über einen Zugriff trifft zu diesem Zeitpunkt noch immer einzig und allein die Einsatzleitung im 145 Kilometer entfernten Gladbeck, die sich erst über zeitraubende Lagemeldungen und Rückfragen per Funk ein Bild von der Situation vor Ort verschaffen muß.
Aufgrund der umständlichen hierarchischen Struktur, heißt es in einem Polizeibericht, sei es nicht möglich gewesen, Rösner und Degowski bei günstigen Gelegenheiten wie etwa dem Toilettenbesuch zu überwältigen. Weil der Leiter des Verfolgerkommandos nicht selbst entscheiden könne, wann und wo zugeschlagen werden solle, sei "ein Ausnutzen sich schnell und plötzlich bietender Zugriffssituationen fast vollständig von vornherein ausgeschlossen".
In einer kritischen Rückschau auf die Grönegau-Panne ("VS-Vertraulich, amtlich geheimgehalten") kommen die beteiligten Sonderkommandoführer zu dem Schluß, daß "Beurteilung der Lage, Übermittlung von Aufklärungsergebnissen und Entschlußfassung insgesamt zu lange" gedauert hätten.
Aus der verpaßten Chance an der Autobahn zieht die Einsatzleitung Konsequenzen. Als die Täter nach einer gut vierstündigen Fahrt quer durch Westfalen die nächste Rast einlegen, geht die Vollmacht, bei passender Gelegenheit schnell zuzupacken, auf den Führer der Verfolgergruppe über.
Um 8.23 Uhr parkt Rösner den Fluchtwagen vor dem "Cafe Dickhut" in der Hagener Innenstadt. Dem Konditormeister Werner Dickhut kommt die Gruppe gleich seltsam vor. Ihm fällt auf, daß drei Personen "irgendwie schlampiger" aussehen, wie "kaputte Typen" wirken, während die beiden anderen sorgfältig gekleidet sind. Vor allem beim Anblick der gepflegt wirkenden jungen Frau fragt sich der Cafebesitzer, "warum dieses nette Mädchen sich mit solchen komischen Typen abgibt".
Auch wundert sich Dickhut über den Umgangston seiner frühen Gäste. Barsch bestellt der "bis an die Fingerspitzen tätowierte Mann" bei Dickhut Frühstück "für alle". Den Einwand des gut angezogenen Begleiters, daß er keinen Appetit habe, läßt der Tätowierte nicht gelten: "Sie essen auch was."
Obgleich Dickhut vom Bankraub in Gladbeck gehört hat, kommt er nicht auf die Idee, daß es sich bei der Frühstücksrunde um die Gangster und ihre Geiseln handelt, hinter denen die Polizei seit mehr als 24 Stunden her ist. Dickhut: "So wie die sich hier im Lokal verhalten haben, fühlten sie sich absolut sicher."
Der Eindruck täuscht. Beide Täter halten ihre Waffen parat, sind ständig auf der Hut. Und als sich ein älterer Mann an einen Nachbartisch setzt, wittern sie, wieder einmal, eine Falle. Rösner will ihm sogleich "die Waffe unter die Nase halten und fragen, warum er so doof gucke". Doch statt dessen verlassen sie hastig das Lokal.
Tatsächlich werden Rösner und Degowski im Cafe nicht beschattet. Zwar stehen drei Dutzend Nahkampf-Experten unweit des Lokals. Auch wäre es nicht schwer, durch einen Hintereingang in die Küche und von dort aus in den Gastraum zu gelangen. Dem Einsatzführer, der in Hagen erstmals allein über einen Zugriff entscheiden kann, ist allerdings das Risiko für das Leben der Geiseln zu hoch. Außerdem hofft die Polizei noch immer, daß die Täter ihre Opfer bald freilassen.
Was die Fahnder über die versteckten Mikrophone im Fluchtfahrzeug mithören, nährt diese Hoffnung jedoch nicht. Nach wie vor sind Rösner und Degowski überzeugt, daß die Polizei sie nicht aus den Augen läßt: "Sie sind uns auf den Fersen."
Immerhin erfahren die Lauscher in der Einsatzzentrale, daß die Geiselnehmer, erstmals seit ihrer Abfahrt von der Bank, genau wissen, wohin sie fahren wollen. Im Fluchtauto ergeht die Losung: "Nichts wie ab in Richtung Bremen."
Die Kursvorgabe erscheint den Fahndern plausibel. Wenige Minuten zuvor, um 11.05 Uhr, haben sie, wie das Einsatzprotokoll vermerkt, herausgefunden, daß es sich bei der zehn Stunden zuvor "in Gladbeck zugestiegenen Person vermutlich um die Freundin des Rösner, Marion Löblich, handelt". Deren Eltern wohnen, wie kurzfristig ermittelt wird, in Bremen.
Weil die Einsatzleitung in Gladbeck vermutet, daß die Täter an der Weser länger Station machen wollen, wird gegen elf Uhr ein ständiger telephonischer Kontakt mit der Bremer Polizei vereinbart.
Auf einen Einsatz sind die Bremer Beamten schlecht vorbereitet: Die Fernschreiben, die in der Nacht mehrfach eingegangen sind und über den Verlauf der Geiselnahme informiert haben, wurden stundenlang nicht beachtet - symptomatisch für das beispiellose Chaos bei der Bremer Polizei, das in den nächsten Stunden noch so fatale Folgen haben sollte.
Hastig bilden die Bremer eine Führungsgruppe und richten eine Befehlsstelle in Bremen-Nord ein. Sonderkommandos umstellen zwei Autobahn-Tankstellen und die Wohnung von Marion Löblichs Eltern im Stadtteil Blumenthal.
Die Befehlsgewalt bleibt jedoch auch dann noch in Gladbeck, als das Fluchtfahrzeug gegen 13 Uhr die Hansestadt erreicht. Der Bremer Kripochef Peter Möller hat mit Einsatzleiter Friedhelm Meise vereinbart, daß vorerst weiter "unter der Regie Gladbecks gearbeitet" werden soll.
Möller stimmt damit einer Regelung zu, auf die sich die Gladbecker Einsatzleitung auch schon mit der Polizeiführung in Hannover verständigt hatte, als die Täter durch Niedersachsen fuhren. Nach einem Abkommen der Bundesländer untereinander ist die Polizei "berechtigt", eine einmal begonnene Verfolgung von Schwerverbrechern vom ersten Tatort an auch über die Landesgrenzen hinaus fortzusetzen - möglichst "im Benehmen" mit den eigentlich zuständigen Polizeidienststellen.
Obwohl die nordrhein-westfälischen Fahnder nach wie vor hinter ihnen her sind, fühlen sich Rösner und Degowski in Bremen erstmals nicht mehr beobachtet. Mittlerweile glauben die Täter den Rundfunkmeldungen, wonach die Polizei ihre Spur verloren habe. Damit scheint, endlich, das Polizeikonzept der zurückhaltenden Verfolgung aufzugehen.
Marion Löblich, die sich in der Hansestadt auskennt, hat wieder das Steuer übernommen, fährt Richtung Bremen-Nord. Rösner und Degowski lachen über den Namen eines Stadtteils, in dem sie Station machen: Vegesack.
In der Zuversicht, daß Rösner und Degowski jetzt endlich ihre Geiseln laufenlassen, läßt die nordrhein-westfälische Polizei dort die wohl günstigste Gelegenheit zu einer überraschenden Überwältigung ungenutzt verstreichen. Eine solche Chance wie jetzt, 30 Stunden nach Beginn der Geiselnahme, sollte sich nicht wieder bieten.
Denn in der Vegesacker Fußgängerzone verzichten die Täter auf alle bisher getroffenen Vorsichtsmaßnahmen. Als seien sie Stadtbummler und nicht die meistgesuchten Verbrecher Westdeutschlands, brechen Rösner und seine Freundin Marion Löblich seelenruhig zu einem Rundgang auf. Die beiden Geiseln werden nur noch von dem total übermüdeten Degowski bewacht.
Unter den Augen der Polizei mischt sich das Pärchen unter die Einkaufspassanten. Zunächst sehen sie sich in der Boutique "Brigitte Moden" nach Blusen und Röcken für Marion Löblich um. Über eine Stunde lang schlendern sie durch drei weitere Bekleidungsgeschäfte und einen Schuhladen. Marion Löblich nimmt sich sogar die Zeit, in einer Umkleidekabine Hosen anzuprobieren. Eine neue Jeans behält sie gleich an.
Mit dem Geld aus der Bank in Gladbeck kaufen Rösner und Löblich außerdem T-Shirts, Turnschuhe und eine blaue Windjoppe. Auch an Degowski denken sie, suchen ihm eine schwarze Lederjacke aus. Und Rösner, wie immer auf Sauberkeit bedacht, legt sich für die nächsten Tage sechs Paar neue Socken und sechs frische Unterhosen zu. Außerdem kauft sich Rösner ein T-Shirt, dessen Aufdruck ihm besonders imponiert: "Commander".
Obwohl Rösner und seine Komplizin erkennbar ohne Argwohn sind und keinerlei Vorsichtsmaßnahmen treffen, greift die Polizei nicht zu. Unterstützung durch die Bremer Kollegen lehnt die Gladbecker Einsatzleitung ab. Unter Hinweis auf die beginnende "heiße Phase", erinnert sich der Bremer Kripochef Möller, sei aus Gladbeck die Order gekommen: "Alle Bremer Kräfte zurückziehen, weg damit, von der Straße, will keinen sehen. Wir machen das jetzt."
Aber trotz der großen Töne passiert überhaupt nichts. Zwar liegt nur 250 Meter vom Fluchtwagen entfernt ein schwerbewaffnetes Sonderkommando auf der Lauer. Und zur Aufklärung stehen außerdem 26 Spezialisten des Mobilen Einsatzkommandos mit 19 Autos und drei Hubschraubern parat.
Doch zur Beobachtung der Täter wird nur ein einziger Beamter vorgeschickt. Aus Angst, daß die Täter mißtrauisch werden und ihre Freilassungsvorbereitungen dann abbrechen könnten, traut sich die Polizei nicht, mehr Beamte aus der Deckung herauskommen zu lassen.
Der einsame Mann ist mit seiner Aufgabe völlig überfordert, kriegt viel zu wenig mit. Rösner und Löblich sieht er zwar noch im Modeladen verschwinden, verliert sie dann aber aus den Augen. Und auf das Fluchtfahrzeug, das an der Straße Vegesacker Rampe geparkt ist, hat er, weil er immer wieder Deckung suchen muß, nur "sporadisch Sicht" (Polizeiprotokoll).
Aus drei verschiedenen Positionen versucht der Beobachter herauszufinden, was im Wagen vorgeht. Über einen Hinterhof schleicht er sich in die Nähe des Fluchtfahrzeugs, doch ein Gebüsch verwehrt ihm den Einblick. Durch einen Hintereingang steigt er, zweiter Versuch, in den ersten Stock eines angrenzenden Hauses, kann durch ein Kippfenster aber die Personen im Wageninneren nur schemenhaft erkennen.
Schließlich findet der Vorposten in einem Rohbau auf der anderen Straßenseite einen Fensterplatz mit Aussicht auf das Täterauto. Durch seinen ständigen Standortwechsel hat er aber das Wichtigste nicht mitbekommen: Weil Degowski nach reichlich Biergenuß dringend pinkeln muß, läßt er die Geiseln minutenlang im Fluchtfahrzeug allein.
Was der Späher verpaßt, wird von der Gladbecker Einsatzleitung später zu vertuschen und herunterzuspielen versucht. Innenminister Schnoor bekennt sich zwar zu seiner politischen Verantwortung, verzichtet aber trotz eingestandener Pannen auf persönliche Konsequenzen.
Noch ehe die Versäumnisse von Vegesack untersucht sind, stellt sich Schnoor "guten Gewissens vor die Polizei".
Degowski "begab sich hinter den Pkw", schildert die Geisel Blecker den unglaublichen Vorfall, "seine Pistole nahm er mit". Ihr Kollege Alles will die Situation nutzen, seine Geiselnahme auf eigene Faust beenden. Er denkt an Flucht, scheut aber letztlich das Risiko.
Als Aufpasser versagt Degowski noch ein zweites Mal. Kassierer Alles behauptet später in seiner Vernehmung, daß der übernächtigte und alkoholisierte Degowski im Auto einen Blackout hatte: "Er schlief auf jeden Fall später tief ein." Seine Waffe soll Degowski dabei der Bequemlichkeit halber auf der Mittelkonsole abgelegt haben.
Über die Abhöranlage im Fluchtauto bekommt die Polizei aber nur mit, wie sich Täter und Opfer vertrauensvoll duzen. Degowski macht den beiden, die sich wieder gefaßt haben, sogar Mut: "Euch Geiseln tun wir eh nichts an." Auch sei die Freilassung, verspricht der Geiselnehmer, bald fällig.
Daß die Verfolger weder die Pinkelpause noch das Nickerchen mitbekommen haben, wird von der NRW-Polizei monatelang geheimgehalten. Der CDU-Opposition im nordrhein-westfälischen Landtag sind die eklatanten Versäumnisse laut "Frankfurter Allgemeine" ein Indiz dafür, "daß die Polizeileitung und ihr Innenminister jede zuverlässige Information über das Geschehen verloren hatten und deshalb gar nicht mehr fähig waren, richtige Einsatzentscheidungen zu treffen".
Als die CDU letzten November dem Innenminister die entlarvenden Aussagen der Geiseln vorhielt, erklärte der Sozialdemokrat, davon nichts gewußt zu haben. Er sei von seinen Polizeiführern nicht informiert worden.
Dann spielt Schnoor die Bedeutung des Vegesack-Vorfalls herunter. Seinen Polizei-Inspekteur Heinz Stork läßt Schnoor verkünden, die Sache sei überhaupt "nicht brisant". Selbst daß Degowski die Geiseln unbewacht gelassen habe, so Stork, hätte "einen polizeilichen Zugriff nicht gerechtfertigt". Der Minister selber verblüfft mit der Feststellung, der Vorgang sei aus polizeitaktischer Sicht "ohne Bedeutung".
An die Gespräche über die Geiselnahme, die Schnoor an diesem zweiten Tag des Dramas morgens mit seinen Beamten führt, kann sich der Minister nach eigenem Bekunden "nicht mehr erinnern". Ein anderes Ereignis hingegen ist Schnoor "in guter Erinnerung".
Während seine Beamten in Bremen-Vegesack die wohl beste Zugriffschance verpassen, ist Schnoor um 14 Uhr in der jüdischen Gemeinde Düsseldorf zu Gast. Nach einem Gespräch über Sicherheitsfragen wird er noch zu einer religiösen Beschneidungszeremonie eingeladen. Was er da erlebt, gesteht er vor dem Düsseldorfer Untersuchungsausschuß, hat ihn an diesem Mittwoch "mehr belastet als alles andere, was mir dienstlich zu Augen und zu Ohren gekommen war".
In Vegesack sind Rösner und seine Freundin beim Kleiderkauf hungrig geworden. Nachdem die vollgepackten Tüten im Kofferraum verstaut sind, lassen die beiden ihren Kumpel Degowski weitere 20 Minuten mit den Geiseln allein. Lässig schlendern sie zu einem nahe gelegenen Imbiß, verzehren Koteletts und Würstchen, trinken Cola und Limonade.
Bei der Rückkehr hat Degowski endlich mal wieder einen Grund, sich maßlos aufzuregen. Diesmal bringt ihn, als gäb's nichts Wichtigeres, "die Olle in der Pommesbude" in Rage. Die hat seinen Komplizen versehentlich zwei rohe Schnitzel eingepackt - sein Mittagessen.
Die Geiseln Blecker und Alles haben sich nichts mitbringen lassen. Sie sind sicher, daß ein Ende ihrer Tortur unmittelbar bevorsteht. Und tatsächlich erläutert Rösner ihnen nun, frisch gestärkt, wie er sich ihre Freilassung vorstellt: Mit verbundenen Augen sollen sie, wie Rösner verspricht, "irgendwo in den Karpaten", auf einer einsamen Landstraße, ausgesetzt werden.
Rösners Ankündigung löst in der Einsatzleitung, die über Wanzen alle Gespräche mithört, Erleichterung aus. Jetzt, gegen 15 Uhr, sind die Beamten nahezu sicher, daß sich ihre Zurückhaltung auszahlt, ein unblutiges Ende nahe ist.
Rösner und Degowski haben sich aus Sicherheitsgründen entschlossen, das Fluchtfahrzeug mal wieder zu wechseln. Den in Gladbeck geraubten Mercedes wollen sie loswerden ("Der Benz kommt ins Wasser"), ganz legal einen BMW anmieten. Doch der Plan scheitert an Formalitäten.
Die interRent-Station in Vegesack, bei der Marion Löblich das neue Fluchtfahrzeug ausleihen soll, akzeptiert kein Bargeld, verlangt Euroschecks und rückt kein Auto heraus. Die Geiselgangster, mit den Regularien einer Autovermietung nicht vertraut, glauben, daß hinter der Weigerung eine Polizeitaktik steckt.
Da auch noch ein Streifenwagen dicht an ihrem Fluchtfahrzeug vorbeifährt und Kassierer Alles in umstehenden Autos Polizisten vermutet ("Wir müssen hier weg, sonst passiert was"), wird im Fluchtfahrzeug wieder die alte Verfolgungsangst akut. Die Phase der Entspannung ist vorbei, von Freilassung keine Rede mehr.
Auch bei einer Autovermietungsfirma in Delmenhorst, wo sie nach einer Weser-Überquerung mit der Fähre vorsprechen, gibt es Probleme. Obgleich Kassierer Alles, um einen seriösen Eindruck zu erwecken, Monika Löblich ins Büro begleitet, scheitert die Anmietung auch diesmal an fehlenden Schecks. In seiner Verzweiflung verrät Alles der Angestellten Christina Niehaus, wen sie da vor sich hat: "Ich bin die Geisel aus dem Bankraub von Gladbeck. Wir brauchen ein Auto."
Unbeeindruckt vom Flehen des Kassierers reagiert die junge Frau wie immer in schwierigen Fällen: Sie ruft ihre Vorgesetzten in Bremen an, bittet um eine Entscheidung. Auch Alles greift nach dem Telephonhörer, bedrängt aufgeregt die Firmenleitung: "Es geht hier um Leben und Tod."
Nach einer Viertelstunde stürmt Rösner ungeduldig das Büro. "Jetzt paß mal auf", ruft er der Angestellten zu, "wir nehmen den BMW da draußen, wir sind nämlich Bankräuber und haben Geiseln mit." Ungestüm reißt Rösner ihr den Hörer aus der Hand, kriegt mit, daß sie gerade mit der Polizei telephoniert. Die hat, nach einem Tip der Bremer Firmenleitung, unvorsichtigerweise in Delmenhorst zurückgerufen.
Den BMW-Fahrzeugschlüssel rückt die zögerliche Angestellte jedoch erst heraus, als Rösner seine Jacke lüftet und ihr seine beiden im Gürtel steckenden Waffen zeigt.
Kaum sind die Täter mit ihrem neuen Fluchtfahrzeug, einem blauen BMW 318i (Kennzeichen: HB-KT 178) losgebraust, wird Kassierer Alles wüst beschimpft. Die Täter werfen ihm vor, daß er durch seinen Auftritt die Polizei wieder auf ihre Spur gebracht habe. "Du hast uns alles versaut, du Drecksack", schreit ihn der jähzornige Degowski an: "Die Freilassung kannze vergessen."
Diesen Stimmungsumschwung kriegt die Einsatzleitung nicht mit. Erstmals seit der Abfahrt aus Gladbeck haben die Täter ein Auto, das nicht präpariert ist. Weil ein Mithören der Gespräche und ein Anpeilen des Fluchtfahrzeugs nicht mehr möglich ist und die Polizei vermutet, daß die Geiselnehmer sich wieder verfolgt fühlen, wird um 17.10 Uhr die Planung für einen möglichen Zugriff geändert.
Während bislang ein Angriff nur erfolgen durfte, wenn "Einwirkungen der Täter auf Geiseln oder Unbeteiligte ausgeschlossen" werden konnten, soll nun ein Zugriff schon dann erlaubt sein, wenn nur "mit hoher Wahrscheinlichkeit" ein Risiko für Dritte vermieden werden kann.
Allerdings geht diese Entscheidung zur "Absenkung der Eingriffsschwelle" (Polizeiprotokoll) auf dem Weg von der Einsatzleitung zu den Sonderkommandos vor Ort verloren. Im offiziellen Zwischenbericht über den Polizeieinsatz heißt es dazu lapidar: "Die Auftragsänderung ist bei dem Abschnittsleiter Verfolgung nicht angekommen."
Mittlerweile sind auch wieder Reporter auf der Fährte. Schon um 14 Uhr hatte ein Korrespondent der Deutschen Presse-Agentur dem Polizeipräsidium in Bremen gesteckt, daß etliche Journalistenfahrzeuge, "unter anderem auch vier Fahrzeuge des Springer-Verlags mit Autotelephon", dem Fluchtfahrzeug folgen.
Alarmiert durch einen Funkamateur, der den Polizeifunk abgehört hat, fährt auch ein Fernsehteam von Radio Bremen dem Fluchtfahrzeug hinterher. In Vegesack kommen sie nur Minuten zu spät, bei interRent sehen sie gerade noch die Schlußlichter, die Weser-Fähre verpassen sie knapp.
Aber im Bremer Ortsteil Huckelriede, wo das Täterauto um 18.20 Uhr eintrifft, filmen die Kameraleute von Radio Bremen Szenen, die schon wenig später auf allen Fernsehprogrammen ein Millionenpublikum bannen.
Die Umgebung der Bushaltestelle von Huckelriede wird in den nächsten Stunden Schauplatz eines beispiellosen Durcheinanders innerhalb der Polizei: Einsatzkommandos aus drei Bundesländern stehen sich gegenseitig im Wege, wissen nicht, wer das Sagen hat, funken auf verschiedenen Kanälen.
Obwohl die Einsatzleitung immer noch in Gladbeck liegt und Zurückhaltung verordnet, preschen Bremer Überrumpelungsspezialisten, denen das alles zu lange dauert, eigenmächtig vor, fahren mit quietschenden Reifen auf das Täterfahrzeug zu.
Wie wild einzelne Verfolger darauf aus sind, endlich loszuschlagen, und wie wütend die Täter darauf reagieren, belegt der Funkverkehr zwischen Bremer Sondereinheiten:
- kann jetzt mal jemand ein definitives Wort sprechen, ob wir die endlich plattmachen sollen
- wenn die 'ne Waffe in der Hand haben und mit den Geiseln da drinne sitzen, können wir das schlecht
- kommen auf uns zugefahren, paß auf. Mit der Waffe in der Hand, hinten am Kofferraum
- seht mal zu, daß Ihr da langsam wegkommt
- sind wir doch schon
- er fährt jetzt gezielt auf unsere Fahrzeuge zu, jedesmal Waffe raus und kommt aus'm Wagen
- fahrt da doch mal weg
- ja, Sicht müssen wir doch auch behalten, das geht ja nicht, wir können ja nicht einfach ganz abhauen
Rösner fühlt sich durch die ständigen Verfolgungen "in die Enge getrieben", stürmt mit gezückten Pistolen einen türkischen Gemüseladen. Über Notruf 110 soll der Kassierer Alles, den Rösner mitgeschleppt hat, die Polizei zum Rückzug auffordern.
Der herzschwache Alles, dessen Frau im dritten Monat schwanger ist und der sich mittlerweile 34 Stunden in der Gewalt von Rösner und Degowski befindet, steht kurz vor dem Zusammenbruch. Er glaubt, daß er längst frei wäre, wenn nicht die tumbe Polizei den Gangstern wieder in die Quere gekommen wäre.
Und als er jetzt auch noch am anderen Ende der Leitung auf einen völlig überforderten Beamten trifft, dreht er fast durch, schreit den ahnungslosen Polizisten verzweifelt an:
Geisel: Ich bin der Kassierer von der Bank, hören Sie, was machen Sie für 'n Mist?
Polizei: Welcher Kassierer, von welcher Bank?
Geisel: Von der Deutschen Bank, die überfallen wurde.
Polizei: Ja und?
Geisel: Ja, wir werden ständig verfolgt hier. Die wollen uns gleich abknallen. Wir wären schon fast zwei- bis dreimal frei gewesen . . . So kommen wir nie frei, die werden jetzt nämlich wieder nervös.
Hier die Kollegin Blecker, die hat schon 'nen Nervenzusammenbruch, die kann schon nicht mehr richtig atmen, hören Sie mal. Der ihr Mann hat gesagt, daß sich der Innenminister darum kümmern wollte, daß ihr nichts passiert.
Ja, hören Sie mal, die Gangster wissen wirklich selbst nicht mehr, was sie machen sollen . . . Was denken Sie, meine Mutter liegt in der Klinik, und meine Frau ist zu Hause. Die kriegt ein Kind, ei, die ist im dritten Monat. Hinterher hat sie auch noch 'ne Fehlgeburt, und mich knallen sie noch ab.
Polizei: Ja.
Geisel: Ja, ja, was soll ich dazu sagen jetzt, ne? . . . Was machen Sie denn jetzt?
Polizei: Ja, ne, ich bin . . .
Geisel: Wer sind Sie überhaupt?
Polizei: Ich bin Notrufsprecher hier. Ich kann das, was Sie mir jetzt erzählt haben, hm, den entsprechenden Leuten ja sagen.
Rösner schaltet sich ein. "Wenn die Polizei nicht sofort verschwindet", droht er, werde er "mehr Geiseln" nehmen. Als Rösner dennoch "nur Sprüche" zur Auskunft kriegt, fühlt er sich "verarscht": Aus Wut schießt er vor dem Geschäft zweimal in die Luft.
Vor laufenden Fernsehkameras packt Rösner den Kassierer Alles, Degowski schiebt Andrea Blecker vor sich her, hält ihr die Pistole an den Kopf. Im Gänsemarsch gehen die Täter mit ihren Opfern auf die nächste Kreuzung zu; Marion Löblich fährt im BMW hinterher.
An der Ampel will Rösner einen Wagen kapern und "den Fahrer herauszerren und ihn auf der Straße liegend mit der Waffe bedrohen, damit die Polizei abzieht".
Der vollbesetzte Bus der Linie 53, der an der Haltestelle Huckelriede wartet, bringt Rösner jedoch auf eine andere Idee.
Im nächsten Heft Tohuwabohu in der Bremer Einsatzzentrale - Todesschuß nach Polizei-Mißgeschick - Warum die Gangster Silke Bischoff als Geisel nehmen
Von Dieter Bednarz und Bruno Schrep

DER SPIEGEL 28/1989
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