DER SPIEGEL



ASBEST

Saugen und verblasen

Der krebserzeugende Asbest, jahrzehntelang als Brandschutz und Dämmstoff sorglos verbaut, muß aufwendig beseitigt werden. Sanierungsfirmen erwarten Aufträge in Milliardenhöhe.

Jahrelang bot die Essener Firma Felix Schuh + Co. GmbH ihren Kunden ein Allzweckmittel an, das nahezu alles versprach: Wärme zu dämmen, Kälte zu isolieren, Schall zu dämpfen und Flammen zu verhindern. Das feuerfeste Zeug läßt weder Wasser noch Säuren durch, gilt als Bollwerk gegen Brände und ist schier unverwüstlich.

Fachfirmen wie Schuh, die dämmen und isolieren, verbauten den Stoff in Hochhäusern und Hallen, in Schwimmbädern und Schulen. Und als vor 15 Jahren in Hamburg die Elbe auf 2653 Meter untertunnelt wurde, kleideten Schuh-Techniker auch noch die Betonröhren damit aus.

Mittlerweile ist das resistente Schutzmittel, das faserige Mineral Asbest, längst als unheimlicher Schadstoff identifiziert. Der jahrzehntelange Einsatz von Asbest, ein Geschäft, mit dem Millionen zu verdienen waren, erweist sich jetzt als kostspieliger Schadensfall.

Denn das vielseitige Material, in ungezählten Wohn- und Kaufhäusern, Werkshallen, Schulen und Behördenräumen, aber auch an Gebäudeaußenwänden montiert, muß nun aufwendig beseitigt werden - gelegentlich, wie im Fall Schuh, von jenen Firmen, die den Asbest einst selber eingebaut haben.

Die Kosten der Sanierungsaktion zum Schutz der menschlichen Gesundheit schätzen Experten auf "zig Milliarden Mark"; die Demontage wird Fachfirmen, wie Norbert Termer, ein Prokurist des Münchner Spezialunternehmens Blau-Weiß Bautenschutz GmbH, glaubt, "noch für mindestens 30 Jahre Arbeit" geben.

Schon schießen, so der Leiter eines Asbestsanierungsbetriebes, "neue Firmen wie Pilze aus dem Boden". Zugleich wird Asbest - Skandal im Skandal - weiter geschürft, in Produkte gemischt, in den Handel gebracht und oftmals arglos entsorgt.

Rund vier Millionen Tonnen des Naturstoffs werden weltweit pro Jahr gefördert, vor allem in Kanada und Südafrika, der Sowjet-Union und China. Zwar hat die westdeutsche Industrie, auf öffentlichen Druck und nachdem die lebensbedrohlichen Gefahren nicht mehr bestritten werden konnten, den Asbestverbrauch von 157 000 Tonnen (1980) auf 57 000 Tonnen (1987) gedrosselt.

Doch noch immer wird Asbest verwendet - etwa für Brems- und Kupplungsbeläge, bei der Herstellung von Frisch- und Abwasserrohren sowie bei der Produktion großflächiger Zementplatten. Kommunen, Firmen und private Hausbesitzer wissen gar nicht, wo das Teufelszeug überall steckt und wie sie es wieder loswerden sollen.

Täglich werden Amtsstuben und Klassenräume, Bürotrakte und Theater geschlossen, weil die Gesundheitsgefahren durch erhebliche Asbestfaserkonzentrationen unzumutbar hoch erscheinen. "Die Öffentlichkeit", weiß auch Bundesumweltminister Klaus Töpfer, "ist in allen Asbest betreffenden Fragen höchst sensibilisiert."

Die Asbestangst ist begründet. Das Bundesgesundheitsamt (BGA) gab vor Jahren schon für eine gerade noch akzeptable Luftverpestung mit Asbest einen "Richtwert" von "deutlich unterhalb 1000 Fasern pro Kubikmeter" an. Mehr als 1000 Fasern, sagt Hamburgs Umweltstaatsrat Fritz Vahrenholt, "sind nicht mehr hinnehmbar".

Die Länderarbeitsgruppe "Krebsrisiko durch Luftverunreinigungen" fordert eine Höchstkonzentration von nur 400 Fasern pro Kubikmeter Luft, die Weltgesundheitsorganisation dringt auf maximal 200 Fasern. Doch rechtlich verbindlich ist bislang keiner dieser Grenzwerte.

Der Stoff, den schon die alten Griechen kannten, der vor allem in den sechziger und siebziger Jahren massenhaft verarbeitet wurde, ist für Menschen hochgefährlich. Kleinste Fasern, mit der Luft eingeatmet, können die unheilbare Lungenkrankheit Asbestose und verschiedene Arten von Krebs auslösen. In Tierversuchen wurde nachgewiesen, daß schon eine einzige Faser zur Tumorbildung führen kann.

Der tödliche Zusammenhang zwischen Asbest und Siechtum wurde schon um die Jahrhundertwende entdeckt. Seit 1936 wird Asbestose, seit 1943 auch Krebs durch Asbest als Berufskrankheit anerkannt. Doch die mit bloßem Auge unsichtbaren Fasern finden sich längst nicht nur am Arbeitsplatz. Millionen von Bundesbürgern, Kinder wie Greise, leben, meist ahnungslos, mit dem Asbestrisiko.

"Asbestfasern, die schwer sedimentieren und daher vom Wind weit transportiert werden können", so die Asbestexperten Wolfgang Lohrer und Hedi Schreiber vom Umweltbundesamt, "sind in Industrieländern aufgrund zahlreicher Asbestemissionsquellen aus Produkten, Industrie und Gewerbe in der Atmosphäre allgegenwärtig." Diese Allgegenwart und die oft hohen Faserkonzentrationen veranlassen Fachmann Reinhold Konstanty, Leiter der Abteilung für Arbeitsschutz und Umweltmedizin beim Deutschen Gewerkschaftsbund, zu der "vorsichtigen und zurückhaltenden Schätzung", es gebe allein in der Bundesrepublik "10 000 Asbesttote jährlich", Tendenz steigend.

In den USA, wo Asbestsanierungsfirmen 1988 mehr als 2,7 Milliarden Dollar Umsatz machten, wird Asbest längst zu den zehn gefährlichsten Industriestoffen gezählt. Schweden und Dänemark haben die Verwendung des Materials bereits vor Jahren weitgehend verboten, die Internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen verlangt den totalen Verzicht auf Asbest. In Westdeutschland ist seit 1979 aber lediglich der Einsatz von Spritzasbest (mindestens 50 Prozent Asbest im Zement) untersagt; Zement mit zehn Prozent Asbestanteil darf weiter verbaut werden.

Die Umweltminister der Bundesländer wollen Asbest noch in diesem Sommer in die höchste Stufe ("sehr stark gefährdende krebserzeugende Stoffe") der sogenannten Gefahrstoffverordnung einordnen. Erst danach können Behörden ein Verwendungsverbot auch ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Folgen verhängen, sofern es Ersatzstoffe gibt - die überall auf dem Markt zu haben sind. Ein generelles Herstellungs- und Anwendungsverbot für den Killerstoff, wie es SPD und Grüne im Februar wieder im Bundestag gefordert haben, lehnt die Bonner Regierung ab.

Das Aus für Asbest verhindert haben neben der Bundesregierung die Industrie, die Asbestförderländer (in West wie Ost) und mit ihnen internationale Gewerkschaftsverbände. Mit beispiellosen Werbekampagnen und Verharmlosungen spielten Faserlobby, Politiker und Betriebsräte die Asbestgefahr herunter, warnten, wie stets bei Umweltproblemen, vor dem Verlust Zehntausender von Arbeitsplätzen. "Einem sozialistisch-kapitalistischen Komplott ist es gelungen", grollt Gewerkschaftler Konstanty, "Verbote zu verhindern."

Erst 1982 versprach die deutsche Asbestzementindustrie, im Hochbau auf das praktische Produkt stufenweise zu verzichten; 1984 verpflichtete sie sich, von 1991 an in allen Hochbauprojekten keinen Asbest mehr einzusetzen. Bis dahin aber wird der gefährliche Sanierungsschrott von morgen weiter verbaut. Im Tiefbau, etwa für Trinkwasserrohre, aus denen die feinen Fasern ausgewaschen werden können (SPIEGEL 9/1989), soll Asbest sogar noch weitere Jahre verwandt werden.

Unterdessen geht die Suche nach Asbestaltlasten in Gebäuden überall weiter. Und wo gesucht wird, finden sich oft auch Belastungen, die den BGA-Richtwert häufig um ein Vielfaches überschreiten. Denn der Stoff steckt in Wänden und Decken, in Fußböden und zahlreichen älteren Haushaltsgeräten wie Haartrocknern, Blumenkästen und Nachtspeicherheizungen.

So wurden im Münchner Residenztheater "erschreckend hohe Werte an Asbestfasern" (Staatsschauspielintendant Günther Beelitz) gemessen; in zwei Kostümlagern fanden sich 26 000 Fasern pro Kubikmeter Luft. Unter den Theaterleuten brach, so der Schauspieler und Personalrat Hans Stetter, "panikartige Stimmung" aus: "Wer weiß, wie meine Lunge aussieht."

Mehrere Münchner Theater, die sich aus dem Kostümfundus bedienen, unterbrachen im Dezember tagelang den Spielbetrieb. Rund 10 000 Kleidungsstücke werden nun von Spezialfirmen gereinigt.

Das asbestverseuchte Kölner Schauspielhaus bleibt noch für Monate geschlossen. Die erste Premiere dieses Jahres, "Die Troerinnen" von Euripides, wurde in einem Zelt vor dem Theater inszeniert. Unterdessen werden in dem Theater Elektroleitungen erneuert, Lampen herausgerissen, ein Teil der Decke wird abgebrochen - die Sanierung gerät zur Totalrestaurierung.

In Köln müssen überdies das asbestbelastete Hochhaus der Deutschen Welle sowie mehrere Schulen gereinigt werden, die zu Jahresbeginn von Tausenden Schülern teilweise tagelang bestreikt wurden. Zugleich überprüft die Stadt alle 1300 kommunalen Gebäude, eine Aktion, die bis 1990 dauern wird.

Im Bonner Abgeordneten-Hochhaus steckt der Krebsstoff ebenso wie in der Nürnberger Meistersingerhalle. Asbestbelastet sind mehr als 100 Wagen der Bremer Straßenbahn, die West-Berliner Oper und die Orangerie des Charlottenburger Schlosses. Gleich mehrere Schulen sind in Berlin wie in Hamburg geschlossen, Schüler werden mit Bussen in entfernte Gebäude transportiert, lernen in Lehrerzimmern und auf Fluren. Die höchste in Berliner Schulen gemessene Asbestkonzentration: eine Million Fasern pro Kubikmeter Luft. Senatsbehörden schätzen die Sanierungskosten allein an den Berliner Lehranstalten auf "bis zu eine Milliarde Mark".

In Hamburger Schulen, wo in Klassenräumen bis zu 300 000 Asbestfasern pro Kubikmeter Luft gefunden wurden, taugt womöglich jeder zweite Schulbau nur noch bedingt für den Unterricht. Die Beseitigung der bislang bekannten Schulschäden durch Asbest, an der sich auch schon Lehrer und Eltern beteiligten, wird die Steuerzahler der Hansestadt nach vorsichtigen Schätzungen mehr als 100 Millionen Mark kosten. Gegenwärtig läßt die Stadt 5000 öffentliche Gebäude auf Asbest überprüfen.

In Hessen, so das Wiesbadener Sozialministerium, "läuft ständig irgendwo eine Asbestsanierung"; betroffen sind, weil vor allem dort gemessen wird, Kindergärten und Schulen. Während der Putzarbeiten weichen Schüler schon mal in Kirchen, Rathäuser und ins Gewerkschaftsgebäude aus.

Weil nach einer Studie der Münchner Fraunhofer-Gesellschaft durch Verwitterung von Asbest an Hausfassaden und auf Dächern auch die Außenluft tonnenweise mit dem Stoff belastet wird, ist hier gleichfalls Sanierung dringlich: Rund 900 Millionen Quadratmeter Fläche gilt es zu entsorgen.

Das Berliner Abgeordnetenhaus hat auf Antrag der Alternativen Liste im Dezember einstimmig beschlossen, alle Hochbauten binnen zehn Jahren von unbeschichteten Asbestzementplatten zu befreien. Betroffen sind nach Berechnungen der Grünen rund 7,5 Millionen Quadratmeter Hausfläche - ein geschätztes Auftragsvolumen von mindestens drei Milliarden Mark.

Auf diesem bundesweit rasch expandierenden Markt möchten viele Unternehmen mitmischen. In Köln hat sich schon ein Fachverband Asbestsanierung konstituiert, dem zehn Unternehmen angehören. Der Verband will nun, so Geschäftsführer Detlef Kujas, "Qualitätsregeln für eine fachgerechte Sanierung aufstellen" und auch für die "Fortbildung des Fachpersonals" sorgen.

"Jede Menge Aufträge" bekommt die Deutsche Industriewartung GmbH + Co. KG in Stuttgart-Vaihingen, die seit vorletztem Jahr die Asbestsanierung als "eigene wichtige Sparte" in ihr Firmenprogramm aufgenommen hat. "Das lohnt sich sicher", meint der zuständige Abteilungsleiter Werner Bleimhofer, "aber die Voraussetzungen müssen stimmen: erstklassiges Gerät und Fachpersonal." Asbestsanierung, sagt der Reinigungsfachmann, sei fast so gefährlich wie Aufräumarbeit im Atomreaktor.

Mit einem "Vierteljahrhundert Erfahrung in den Sparten Gebäude- und Industriereinigung", insbesondere "auf dem Gebiet der Dekontamination", bietet die Hamburger Technische Reinigungsgesellschaft Schmeisser mbH (Tereg) ihren Asbestservice an. Das Unternehmen arbeitet gelegentlich mit speziellen Vakuum-Entsorgungslastern ("Saugen und verblasen"), mit sogenannten Vorabscheidern einschließlich "Absackvorrichtung", wie "sie in der Atomindustrie zur Entnahme kontaminierter Filterelemente verwendet wird". Die Entsorger tragen Schutzanzüge und Atemmasken.

Nachteil dieser Reinigungstechnik: Hohe Asbestkonzentrationen werden in die Umwelt geblasen. Besser sei, wissen die Tereg-Techniker, "den Asbest naß zu machen, unter Unterdruck abzunehmen und gleich mit Beton zu vermischen".

Der "Sanierungsdruck der Behörden" sei groß, berichtet ein Tereg-Geschäftsführer, die Aufträge stapelten sich, doch durch neue Auflagen werde die Entsorgung "immer schwieriger und teurer". Prokurist Termer von der Münchner Firma Blau-Weiß Bautenschutz meldet "einen Boom", weil "immer mehr aufwachen und feststellen: Um Gottes willen, wir haben ja auch das Teufelszeug".

Das Münchner Unternehmen hat drei Millionen Mark investiert, Schutzkleidung, Atemschutzmasken, Container und Absaugvorrichtungen angeschafft. Die Mitarbeiter werden nach verrichteter Arbeit durch drei Sicherungs- und Säuberungszonen geschleust: "Schwarzbereich", "Graubereich" und "Weißbereich" - erst dann gelten sie als sauber.

Während öffentliche Gebäude meist auch unter öffentlicher Kontrolle saniert werden, versuchen Firmen, Hochhaus- und Restaurantbesitzer, wie Reinigungsmanager berichten, den Asbest möglichst unauffällig zu beseitigen. "Die fürchten das Aufsehen", sagt ein Branchenkenner, "die wollen weder ihre Beschäftigten noch Hausbewohner beunruhigen." Viele zögerten auch noch mit der Sanierung, weil es "sehr teuer ist", den Krebsstoff zu entfernen.

Einhellig warnen Fachfirmen vor leichtfertiger und oberflächlicher Asbestsanierung - nicht nur aus Sorge vor Billiganbietern. "Viele versuchen", sagt Verbandsgeschäftsführer Kujas, "auf den fahrenden Zug aufzuspringen." Eine "Menge schwarzer Schafe", weiß ein Reinigungsunternehmer, unterböten "seriöse Offerten, arbeiten unter unzureichenden Schutzvorkehrungen und kippen den Dreck nachher einfach auf eine Hausmülldeponie".

Dazu gehören nach Kenntnis der Branche "Malerbetriebe, die Sicherheit vor Asbest durch Überpinseln von Wänden" versprechen, Baufirmen, die Ritzen und Fugen lediglich mit Kunststoffen abdichten, die dann, wie in Berliner Schulen geschehen, nach kurzer Zeit abplatzen. Gemeint sind auch Abbruchunternehmen, die mit schwerem Gerät Fassadenplatten abschlagen oder Asbestmüll aus großer Höhe in Container werfen, daß es nur so staubt.

Zwar ist der Umgang mit dem gefährlichen Mineral meldepflichtig, detaillierte Vorschriften zur fachgerechten Entsorgung sind erlassen. "Doch oft", klagt eine Sprecherin der Hamburger Sozialbehörde, "wird die Sanierung nicht angezeigt, die Firmen reißen das Zeug raus und öffnen die Fenster. Wir erfahren das dann eine Woche später und können nur noch ein Bußgeld verhängen."

Fachgerecht beseitigt wird von der Hamburger Filiale der Firma Schuh, die sich "dank unserer Erfahrung", so Niederlassungsleiter Werner Bareither, zu den "sachkundigen Unternehmen" zählt. Mehrere frühere Mitarbeiter, die noch mit dem Einbau von Asbest beschäftigt waren, sind inzwischen an Krebs gestorben oder leiden an Asbestose. Doch die Firma blieb im Fach, und das zahlt sich jetzt aus.

Die Schuh-Putzkolonne, rund 40 Mann stark, lobt Bareither, "ist ein eingefahrenes Team, wir arbeiten oft nach eigenen alten Firmenunterlagen". Und aus denen geht exakt hervor, wo der lebensgefährliche Stoff steckt. #


DER SPIEGEL 11/1989
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