10.04.1989

Der Terror als Staatsdoktrin

Von Augstein, Rudolf

Rudolf Augstein über 100 Jahre Hitler (I)

Am 2. Januar 1939 rief das US-Nachrichtenmagazin "Time" Adolf Hitler zum "Mann des Jahres 1938" aus; vor ihm war diese Ehre Persönlichkeiten wie Charles Lindbergh, Mahatma Gandhi und Franklin D. Roosevelt zuteil geworden. Diesmal aber schien die Redaktion dem Objekt ihrer Wahl nicht freundlich gesonnen zu sein. Winzig klein war Hitler mit Hakenkreuz und Schulterriemen vor einer Orgel auf dem Titelbild zu sehen, die der Zeichner Rudolph Charles von Ripper als ein Riesenrad der Hinrichtung gestaltet hatte. Seit seiner Gründung ihm Jahre 1923 hat "Time" keinen so negativen "Mann des Jahres"-Titel erscheinen lassen. Die Unterzeile lautete: "Vom gottlosen Organisten eine Hymne des Hasses".

Klarsichtig schloß die Titelgeschichte:

Die dynamischen Kräfte diktatorischer Herrschaft sind so, daß nur wenige, die sich mit dem Faschismus und seinen Führern beschäftigt haben, sich den geschlechtslosen, rastlosen, instinktiv handelnden Adolf Hitler ausmalen können, wie er in seinen mittleren Jahren friedlich in seinem Gebirgsschloß in Berchtesgaden sitzt, während ein zufriedenes deutsches Volk Bier trinkt und Volkslieder singt.

Es gibt keine Garantie dafür, daß die Habenichtse ("have-not nations") sich schlafen legen, nachdem sie sich von den Habenden genommen haben, was sie jetzt begehren. Wer zum Jahresende die Ereignisse beobachtet hat, hielt es für mehr als wahrscheinlich, daß der "Mann des Jahres 1938" 1939 zu einem Jahr machen wird, an das man sich wohl noch lange erinnert.

Erinnern wir uns. Am 20. April 1889, vor 100 Jahren, wurde Adolf Hitler geboren, jener Mensch, der die zivilisierte Welt geschädigt hat wie kein anderer vor und, bislang, nach ihm. Noch im vergangenen Jahr mußte der nominell zweite Mann des Staates Bundesrepublik Deutschland, der Bundestagspräsident Philipp Jenninger, binnen 24 Stunden zurücktreten, weil er in einer Gedenkrede den Versuch unternommen hatte, den Zeitgenossen und den Nachgeborenen das Phänomen Hitler zu erklären.

Es war ein Versuch am tauglichen Objekt, nur war Jenninger der untaugliche Mann. 1976 hatte er noch am Sturm auf die Graphiken des der CDU/CSU nicht wohlgesonnenen Klaus Staeck teilgenommen. Verbrannt, so viel sei konzediert, hat er die Plakate nicht.

Aber der Versuch, Hitler und auch das, was wir mit ihm zu tun haben, zu erklären, war und ist tauglich. Wir, die Toten, wir, die Lebenden, wir, die nach uns kommen.

Am 1. Januar 1933 gab es im Deutschen Reich, das 66 Millionen Einwohner zählte, 5,8 Millionen Arbeitslose, 242 000 Mann des freiwilligen Arbeitsdienstes nicht gerechnet. Das soziale Netz von heute ist mit dem von damals nicht zu vergleichen. Ein Arbeitsloser erhielt zwischen 10 und 60 Reichsmark monatlich, nach heutiger Kaufkraft etwa 50 bis 300 Mark.

Am 4. Januar 1933 beantragt die Reichsregierung, der kein Nationalsozialist angehört, in Washington Aufschub der am 31. März fälligen Rate für Kriegsschäden und Besatzungskosten. Der Krieg ist seit 1918 zu Ende, aber das Reich muß pro forma noch immer zahlen.

Die "Kriegsschuldlüge" des Versailler Vertrages von 1919 war es, die bürgerliche Repräsentanten wie den damals 32jährigen Nobelpreisträger Werner Heisenberg an die Seite der Nazis trieb. Es ist heute kein Zweifel mehr, daß Wilhelms Reich mehr zum Kriegsausbruch 1914 beigetragen hat als irgendeine andere Macht. Aber war das ein Grund, der Republik die Unterschrift abzupressen, das Kaiserreich allein trage die Schuld am Krieg, und ihr eine Milliarden-Wiedergutmachung über 40 Jahre aufzuerlegen?

Im Reichstag sitzen seit den Wahlen vom 6. November 1932 die Nationalsozialisten mit 33,1 Prozent, die moskauhörigen Kommunisten mit 16,9 Prozent. Es haben mithin die erklärten Feinde der Republik, die unerklärten nicht gerechnet, 50 Prozent der Stimmen. Die NSDAP stellt die stärkste Fraktion im Reichstag.

General Kurt von Schleicher ist vom Reichspräsidenten Paul von Hindenburg am 3. Dezember 1932 zum Reichskanzler ernannt worden. Er hat keinerlei parlamentarischen Rückhalt.

Er versucht, durch Verhandlung mit den Gewerkschaften und durch Spaltung der NSDAP ein breiteres Kreuz zu kriegen. Beides mißlingt. Was bleibt?

Der Staatsstreich mit Hilfe des 84jährigen Reichspräsidenten gegen alle politischen Parteien. Es gibt genug Staatsstreicher. Oder aber man muß den Versuch machen, Hitler zu übertölpeln.

Hier liegt schon die entscheidende Fehlrechnung. Dieser zwischen 1925 und 1932 Staatenlose ist ein eminent politischer Kopf, ein in seinem Lager unangefochtener Chef. Er hat längst begriffen, daß er nicht Vizekanzler werden darf, wie einige Parteifreunde ihm anraten. Er spielt alles oder nichts, va banque, aut Caesar aut nihil.

So läßt er sich gern "einmauern", wenn er nur Reichskanzler wird. Die stärkste Partei hat er hinter sich. Er toleriert einen deutschnational eingestellten Reichswehrminister, Generalleutnant Werner von Blomberg, der de facto dem senilen und durch Geld korrumpierten Hindenburg untersteht. Er begnügt sich damit, das Innenministerium des Landes Preußen dem macht- und geldgierigen Hermann Göring zu unterstellen. Preußen ist ein Staat im Staate, die preußische Polizei untersteht dem Innenminister.

Hitler hatte in seiner Organisationsarbeit seit 1921 Enormes geleistet. Aber seine größte Denkleistung ist doch die Erkenntnis: Er muß legal zur Macht kommen. Denn wie sah die Gegenrechnung seiner Kontrahenten aus?

Wir zerschmettern ihn mit Hilfe der Reichswehr. Wäre das gelungen? Man muß daran zweifeln. Schleicher war ein Intrigant, kein Chef. Hindenburg war zu alt, die Reichswehr von Nationalsozialisten durchsetzt.

Es war ja schon einmal die Rede von einem Staatsstreich gewesen, zwei Monate zuvor, als Franz von Papen noch Reichskanzler und Schleicher Reichswehrminister war. Damals hatte Schleicher dargetan, daß ein Staatsstreich zu riskant wäre.

Und jetzt sollte er gelingen, nur weil Schleicher nicht mehr Reichswehrminister, sondern Reichskanzler war? Das konnte Hindenburgs altes Hirn nicht begreifen. Zwar hatte Erich Ludendorff, Hitlers Staatsstreich-Kumpan von 1923 in München und Hindenburgs eigentlicher Kriegsherr zwischen 1914 und 1918, ihm klarzumachen versucht, Hitler wäre das entsetzlichste Unglück. Aber was sollte er glauben, wem sollte er glauben? Seinem Sohn Oskar vielleicht? Auch der eine Enttäuschung, na ja.

Am besten also, man nahm Hitler in die Mitte und machte ihn zum Reichskanzler. Der Staatsstreich hätte einen anderen Hindenburg und einen anderen Schleicher gebraucht, einen anderen Krieg, eine andere Niederlage, eine andere Welt. Der eingemauerte Hitler, mit einem imposanten Paladin Göring und einem ergebenen Propagandisten Goebbels zur Seite, war am Ziel.

Zwei von den dreien wußten, daß man sie nur noch tot aus der Reichskanzlei heraustragen würde, Hitler und Goebbels, der Instinktmensch und der Intellektuelle. Göring würde bei seiner Verhaftung 1945 "wenigstens zwölf Jahre anständig gelebt" murmeln, sich aber im Gefängnis der Alliierten durch Gift der Hinrichtung entziehen.

Am 30. Januar 1933 gab es bereits über sechs Millionen Arbeitslose, dazu 275 000 sonstwie Dienstwillige. Hitler verkündet einen umfassenden Angriff gegen die Arbeitslosigkeit.

Am 27. Februar zündet der holländische Anarcho-Kommunist Marinus van der Lubbe den Reichstag an, man muß fürchten, als ein idealistischer Herostrat. Das erhoffte Signal war da.

Göring wird von Hitler die vollziehende Gewalt in Preußen übertragen. Wenige Monate wird es dauern, und im ganzen Reich gibt es keine Parteien und keine Gewerkschaften mehr, keine selbständigen Länder, als eigenständige Gruppierungen nur noch die Kirchen.

Vier Machtfaktoren sind auszumachen: Hitler selbst, SA-Chef Ernst Röhm, die Reichswehr und der zu alte Hindenburg.

Aber selbst unter halb unblutigem, halb blutigem Terror im Gefolge des Reichstagsbrandes wird Hitler bei den Reichstagswahlen vom 5. März 1933 nur 43,9 Prozent für seine in Wahrheit schon Ein-Mann-Gruppierung erreichen. Gemessen an den 37,4 Prozent ohne Terror im Juli 1932 kein strahlendes Ergebnis. Er entmachtet den Reichstag mit Hilfe der katholischen Zentrumspartei durch ein staatsstreichähnliches "Ermächtigungsgesetz". Der Reichstag dient fortan nur noch als Geräuschkulisse.

Wieder zeigt sich die enorme taktische Intelligenz Hitlers. Er spürt, daß die "revolutionäre Bewegung" in Gestalt seiner SA mit dieser "ersten Revolution" nicht zufrieden ist, sie möchte eine zweite. Er weiß, daß die Reichswehr, und Hindenburg lebt ja noch, auf Kollisionskurs gegen die SA geht. Er sieht seine beiden Hauptziele gefährdet, den Eroberungskrieg gegen Rußland und die Vernichtung der Juden.

Den Krieg kann er nicht mit der SA führen, er ist ein erfahrener Frontkämpfer. Also muß er seinen Duzfreund Ernst Röhm opfern. Gleichzeitig kann er zeigen, wer der einzige Herr im Reich ist. Die SA wird als Machtfaktor verschwinden, die Reichswehr ihm ergeben sein.

Bei der Niederschlagung des sogenannten Röhmputsches Ende Juni 1934 werden in der "Nacht der langen Messer" 83 Menschen ermordet, alte Kämpfer, alte Bundesgenossen, unbequeme Gegner; alte Rechnungen werden beglichen.

Es stirbt der Reichskanzler a. D. Kurt von Schleicher. Es stirbt sein engster Mitarbeiter im Reichswehrministerium, General von Bredow. Es stirbt Gregor Straßer, ehemaliger Reichsorganisationsleiter und zweiter Mann der NSDAP. Es stirbt Gustav von Kahr, mit dem Hitler 1923 in München hatte putschen wollen. Es sterben die engsten Mitarbeiter des Vizekanzlers Franz von Papen, Erich Klausener, Edgar Jung und Herbert von Bose.

Es stirbt Pater Bernhard Stempfle, Chefredakteur des "Miesbacher Anzeigers", der Hitler, sei es so oder nicht, bei der Abfassung von "Mein Kampf" geholfen hatte. Es stirbt der Musickritiker der "Münchner Neuesten Nachrichten", Willi Schmied, irrtümlich, man hatte ihn verwechselt. Das alles ficht den Führer nicht an. Wütend ist er, weil man Frau von Schleicher erschossen hat, noch braucht er ja das Ausland. Kaltlächelnd bietet ihm sein oberster Leibwächter Sepp Dietrich seinen Kopf an.

Am 2. Juli 1934 stößt Hitler den toten Röhm aus der SA und der NSDAP; ein Mann namens Heinrich Himmler schiebt sich als Chef der SS in den Vordergrund.

Es gibt nun schon nicht mehr sechs, sondern nur noch 2,5 Millionen Arbeitslose.

Und merkwürdig, das Bürgertum, verroht und verängstigt zugleich, fühlt sich erleichtert. Der brillante Staatsrechtler Carl Schmitt schreibt seinen berühmtesten Aufsatz: "Der Führer schützt das Recht". Der nicht minder brillante Philosoph Martin Heidegger, angeblich der "zweiten Revolution" der SA zugeneigt, hält dem Führer die Treue.

Es war ja vor allem die männerbündisch-schwule Spitze der SA umgebracht worden, die Ernst, Röhrlein, Heines, die als Rowdys galten und auch welche waren. Hatte sich nicht der Reichspräsident geweigert, vor dem "Hinterlader" Röhm, der als Minister ohne Geschäftsbereich vereidigt werden sollte, aufzustehen?

Hitler wußte seit Jahren von der Veranlagung Röhms. Aber jetzt ordnete er eine Schwulenhatz an. Sollte vielleicht doch noch alles in geordnete Bahnen einmünden? War der Boykott jüdischer Geschäfte im ganzen Reichsgebiet Anfang April 1933, waren die Bücherverbrennungen des 10. Mai (Heinrich Mann, Arnold und Stefan Zweig, Erich Maria Remarque, Lion Feuchtwanger, Kurt Tucholsky) auf das Konto der SA zu setzen?

Hitler hatte nur noch eine Hürde auf dem Weg zur absoluten Macht zu nehmen, der Himmel mußte ihm dabei zu Hilfe kommen. Am 2. August 1934 starb Reichspräsident Paul von Hindenburg. Hitler wurde Staatsoberhaupt. Jetzt konnte ihn nur noch eine Krankheit - er glaubte an einen frühen Tod - oder ein einzelgängerischer Attentäter erledigen. Wir wissen von zweien, die es beinahe geschafft hätten.

Was tat das Ausland angesichts der überall bekannten blutigen Untaten in Deutschland? Dies: Am 15. Juli 1933 schlossen England, Frankreich, Deutschland und Italien den Vier-Mächte-Friedenspakt von Rom.

Am 20. Juli wurde ein Reichskonkordat zwischen dem Deutschen Reich und dem Vatikan unterzeichnet, ein Ritterschlag für Hitler. Vermittelt hatten es der Fraktionsvorsitzende der Zentrumspartei im Reichstag, der Prälat Ludwig Kaas. Er blieb gleich in Rom. Weiter der Vizekanzler Franz von Papen, dem die Hitler-Leute ein Jahr später die engsten Mitarbeiter unter dem Herrenreiter-Hintern wegschießen würden. Und nicht zu vergessen der Kardinal-Staatssekretär Eugenio Pacelli, später Papst Pius XII., Hochhuths "Stellvertreter", der für die an Leib und Leben gefährdeten Juden nicht so viel tun würde wie für flüchtige Nazis.

Vom 31. August bis zum 3. September 1933 bestaunen auf dem "Reichsparteitag des Sieges" in Nürnberg rund 30 ausländische Gesandte und Geschäftsträger die NS-Bewegung. Röhm steht noch neben dem Führer in der Mitte.

Am 26. Januar 1934 wird ein Nichtangriffs- und Freundschaftspakt zwischen Deutschland und Polen geschlossen, die erste in einer Reihe erstaunlicher Überraschungen:

16. Februar 1934: Neues Stillhalte-Abkommen zwischen Deutschland und seinen Gläubigern.

Mitte Mai: Besuch Görings in Belgrad, in Athen, in Budapest.

13. Juni: Goebbels in Warschau.

10. Juli: Die Botschafter der Signatar-Mächte des Memel-Statuts fordern Maßnahmen gegen litauische Willkürakte im Memel-Gebiet.

4. Dezember: Abkommen zwischen Frankreich und Deutschland über den Rückkauf der Saargruben, Kaufpreis 150 Millionen Reichsmark.

13. Januar 1935: Abstimmungssieg im Saarland. 90,8 Prozent für das Reich.

27. bis 30. Januar: Göring besucht Marschall Pilsudski in Polen (der 1933 einen Präventivkrieg gegen Deutschland hatte führen wollen, damals aber an Frankreich gescheitert war). Schlittenfahrten mit Staatspräsident Moscicki.

9. April: Deutsch-sowjetisches Wirtschaftsabkommen, die Sowjet-Union erhält 200 Millionen Reichsmark Kredit.

18. Mai: Göring in Krakau bei der Beisetzung Marschall Pilsudskis.

19. Mai: Die Sudetendeutschen erringen bei Parlamentswahlen in der CSR 1,2 Millionen Stimmen, mehr als die stärkste tschechische Partei.

18. Juni: Deutsch-britisches Flottenabkommen. Deutschland werden 35 Prozent der britischen Flottenstärke zugestanden.

Ende Juni: Französische Frontkämpfer zu Besuch in Stuttgart.

30. Juni: 1,9 Millionen Arbeitslose.

11. Juli 1936: Deutsch-österreichischer Freundschaftsvertrag.

22. Juli: Besuch des amerikanischen Ozean-Überfliegers Charles Lindbergh in Berlin.

1. bis 16. August: Olympische Sommerspiele in Berlin. Die französische Delegation zieht mit dem Hitler-Gruß ins Stadion ein. Teilnahme der USA. Der Schwarze Jesse Owens gewinnt vier Goldmedaillen.

26. September: "Deutscher Gruß" für evangelische Geistliche im Ornat.

27. September: An der Strecke Breslau-Kreibau übergibt Hitler den tausendsten Autobahnkilometer dem Verkehr.

1. Oktober: Rückgang der Arbeitslosenzahl auf eine Million.

25. November: Deutsch-japanisches "Anti-Komintern"-Abkommen.

Nun hat es in all diesen Jahren genauso aussagekräftige Nachrichten gegeben, die dem hier aufgezeigten rosigen Bild nicht im mindesten entsprechen. Nur, wie sollten sie der Masse der deutschen Bevölkerung zugänglich werden? Zeitungen und Zeitschriften, Rundfunk und Wochenschau waren gleichgeschaltet. Jeder wußte irgend etwas. Aber es bedurfte schon eigener Initiative, um mehr zu erfahren.

Das Jahr 1936 war wohl das glücklichste im Sinne des deutschen Normalverbrauchers. Hitler hatte die "Volonte generale" des Philosophen Jean-Jacques Rousseau vollstreckt.

So rief das SA-Blatt "Der Angriff" zum heimlichen Weltparteitag auf: "Wir müssen charmanter als die Pariser sein, leichtlebiger als die Wiener, lebhafter als die Römer, kosmopolitischer als die Londoner, praktischer als die New Yorker." Deutschland gewann die meisten Medaillen.

Der Vertrag von Versailles war ein Fetzen Papier, das Deutsche Reich zur Rüstung angetreten. Die Arbeitslosigkeit hatte man wirksamer reduziert, als dies Präsident Roosevelt mit seinem "New Deal" in den USA gelungen war. Daß die Wirtschaft auf Krieg programmiert war, wußten nur wenige, unter ihnen der langjährige Präsident der Reichsbank und zeitweilige Reichswirtschaftsminister Hjalmar Schacht. Schacht stand dem Widerstand nahe und auch wieder nicht. Im Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozeß wurde er freigesprochen.

Nun ja, das Dritte Reich hatte Schönheitsfehler. Juden wurden diskriminiert und gequält. 1935 verfaßte ein unbekannter Ministerialbeamter namens Hans Globke einen Kommentar zu den schandbaren "Nürnberger Gesetzen", die eine bis dahin doch nicht vorstellbare Erniedrigung der Juden einleiteten.

Es gab KZs, Stichwort Dachau, wo geprügelt wurde und Schlimmeres. Aber Regimegegnern, die sich loyal verhielten, wie dem früheren Reichstagsabgeordneten der KPD Ernst Torgler, angeklagt und freigesprochen im Reichstagsbrand-Prozeß, oder dem früheren Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer geschah nichts. So obstinate Gegner wie den früheren Reichstagsabgeordneten Kurt Schumacher und Pastor Martin Niemöller hielt man unter Verschluß.

Was sollte ein normaler Bürger, der kein Anti-Nazi war, über dieses Regime denken? Nicht nur Gutes, aber doch auch Gutes. Kein einziger Deutscher konnte wissen, daß Hitler den Krieg um jeden Preis wollte, auch sein erster Paladin Hermann Göring wußte es nicht. Kein Jude konnte wissen, daß die Ermordung aller Juden beschlossene Sache war, auch Göring, Goebbels und Himmler wußten es nicht.

Erklärte Feinde des Regimes, Leute, die Hitler bedingungslos haßten, machten vielleicht zehn Prozent aus, und erklären konnten sie sich ja nicht. Hitler hätte bei seinen populistischen Wahlgängen auch ohne grobe Fälschungen (die man nur für möglich halten, aber nicht nachweisen kann) eine große Mehrheit für sich gehabt, wie später in Österreich.

Außer den Kirchen, die immer ihre eigenen Interessen verfolgten, gab es nur eine Macht, die sich ihm hätte entgegenstellen können, und das war die Wehrmacht. Gerade sie fühlte sich nicht berufen, den Frieden zu erhalten, sondern einen kommenden Revanche-Krieg, den sie durchaus wollte, auch zu gewinnen. Und war Hitler in den Augen der Wehrmacht nicht immer noch besser als Göring oder Himmler oder der Führer-Stellvertreter Rudolf Heß?

Mit Jenninger kann man weiter argumentieren. Zwar wußte man, das entfesselte Deutschland würde sich ausdehnen, aber man wußte doch nicht, wie weit und mit welchen Mitteln.

In Spanien herrschte Bürgerkrieg, eine schwere Probe für katholische Regimegegner im Reich. Stimmte es denn nicht, daß Nonnen geschändet und Klöster angezündet wurden? Und wenn Deutschland und Italien Franco unterstützten, unterstützte dann Stalin nicht die zwar legale, aber anarchistische rote Regierung? Der US-Kongreß beschloß jedenfalls am 6. Januar 1937, keinerlei Kriegsmaterial an eine der beiden Seiten zu liefern.

Am 7. Januar 1937 heiratete die holländische Thronfolgerin Juliana den ehemaligen Sturmführer der Reiter-SS Bernhard von Lippe-Biesterfeld. Bitburg? Und weiter:

20. Februar 1937: Hitler proklamiert den "Volkswagen".

8. März: Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien überwachen die spanischen Grenzen zwecks "Nicht-Einmischung".

7. April: Großkundgebung des polnischen Westverbandes in Graudenz: Forderung nach Einverleibung Masurens, des Ermlandes, des Weichsellandes und des Schlottauer Landes in den polnischen Staat; der deutsche Botschafter protestiert.

25. bis 29. September: Mussolini besucht Berlin und München und versichert Hitler seiner unverbrüchlichen Freundschaft.

11. bis 23. Oktober: Besuch des abgedankten englischen Königs, des Herzogs von Windsor, und seiner Frau Wallis bei Hitler auf dem Obersalzberg.

13. Oktober: Deutschland garantiert Belgiens Unabhängigkeit und erklärt sich bereit, dem Land Beistand zu leisten, sollte es angegriffen werden.

5. November: Deutsch-polnisches Minderheiten-Abkommen.

25. November: Leni Riefenstahl erhält zum Ausklang der Pariser Weltausstellung den "Grand Prix" für ihren Reichsparteitagsfilm "Triumph des Willens".

17. Dezember: Zweitausendster Kilometer der Reichsautobahn dem Verkehr übergeben.

Der tüchtige Hitler hatte manchmal auch ohne sein Zutun Glück. Am 24. Januar 1938 trat der Reichskriegsminister Werner von Blomberg im Alter von 59 Jahren zurück, weil er eine einschlägig bekannte Dame geheiratet hatte, Trauzeugen Hitler und Göring; er hat es nie bereut.

Am selben Tag wurde der Generaloberst Werner von Fritsch als Oberbefehlshaber des Heeres beurlaubt. Er war fälschlich der Homosexualität bezichtigt worden. Hitler nutzte die Stunde und machte sich zum Oberbefehlshaber der Wehrmacht.

Wer immer in der Wehrmacht etwas zu sagen hatte, mußte nun angesichts der schandbaren Machenschaften gegen Fritsch aufhorchen. Wohin es mit dieser Armee gekommen war, zeigt die Tatsache, daß Hitlers neuer Oberbefehlshaber des Heeres, Walter von Brauchitsch, sich aus dessen Privatschatulle 80 000 Reichsmark erbat, um sich von seiner Frau scheiden lassen zu können. 14 Generäle wurden zwangspensioniert, 46 versetzt. Joachim von Ribbentrop wird Außenminister.

In der Außenpolitik hatte Hitler bis dahin dasselbe gemacht wie bis 1933 in der Innenpolitik. Er hatte sich verstellt. 1936 hätte Frankreich aller Welt deutlich machen können, daß er mit gezinkten Karten spielte, wenn es die entmilitarisierte Zone des Rheinlands besetzt hätte, die Hitler militarisierte. Aber Frankreich hatte sich im Ersten Weltkrieg ausgeblutet, es war zu nichts mehr fähig.

Daß Österreich Hitlers erstes Ziel sein mußte, verstand sich von selbst. Die Mehrheit seiner Bürger wollte den Anschluß, und sei es aus wirtschaftlichen Gründen. Hitler war bereits stärker als Österreichs "Schutzherr" Mussolini, und der brutale Condottiere Göring besorgte den Rest. Wiens Kardinal Innitzer begrüßte Hitler mit dem "Deutschen Gruß".

Österreich wurde am 13. März 1938 mit dem Deutschen Reich vereinigt ("Großdeutschland"). Die sicher nicht allzu gefälschte Volksabstimmung über den "Anschluß" (99 Prozent) lag in der Logik des Vertrages von Versailles.

Der nächste Zugriff war abzusehen. Die Sudetendeutschen - 3,5 Millionen nicht gleichberechtigte Staatsbürger der 1918 geschaffenen Tschechoslowakei - wollten heim ins Reich.

Auch das lag in der Logik des Versailler Vertrages. Aber Hitler hatte gezeigt, daß er auch "unlogisch" sein konnte. Die 1918 Italien zugeschlagenen 240 000 Südtiroler hatte er, um den Duce nicht gegen sich aufzubringen, abgeschrieben, die Brenner-Grenze war nun "für immer unantastbar".

Im Falle der Sudetendeutschen wollte er logisch sein. Und er wollte, das wußten die Deutschen nur nicht, unverständlicherweise den Krieg. Dem Duce wurde mulmig. Er ließ sich am 16. April 1938 von England die italienische Souveränität über Abessinien (heute Äthiopien) bestätigen, das er 1935 grundlos und mit Giftgas überfallen hatte. Diese äußerste Tat der Unmoral verantwortete noch nicht der Premierminister Neville Chamberlain, sondern sein Vorgänger Stanley Baldwin. Rauhe Sitten herrschten in Europa. Der Genfer "Völkerbund" war ein Stück raschelndes Papier.

Die Tschechoslowakei hatte einen Beistandspakt mit Frankreich, England und Rußland. Wollte man Hitler noch stoppen, so war jetzt die letzte Gelegenheit. Böhmen hatte gute Grenzbefestigungen. Auch die neuen Chefs des Heeres, von Brauchitsch und Halder, rieten Hitler vom Krieg ab. Er wäre ein Risiko für beide Seiten geworden.

Aber Frankreich konnte nicht, und England war noch nicht soweit. Sollte man mit Stalin gegen Hitler ziehen? Das wollte man auch nicht. Und wie viele Divisionen hatte Stalin, der seine fähigsten Militärs, unter ihnen den Marschall Tuchatschewski, eben erst hatte hinrichten lassen?

Die Preisgabe der Tschechoslowakei in München am 29. September 1938 war nicht ruhmvoll, aber ihr lag ein Konzept zugrunde. Noch hatte Hitler ja nicht bewiesen, daß er wahnsinnig war. Für wahnsinnig hielt man eher Stalin.

Also gab Neville Chamberlain nolens volens die klassische britische Balance-Politik auf. Er war bereit, mit Hitler einen Vierer-Block aus Deutschland, England, Frankreich und Italien zu schmieden, um dem "gottlosen Bolschewismus" (Pius XII.) entgegenzutreten. Hitlers Reich würde die führende Kontinentalmacht sein.

Klar war dabei, daß es in absehbarer Zeit noch sein Stück Polen haben wollte und bekommen würde und daß es wirtschaftlich den Balkan beherrscht hätte. Vergebens rieten die Prager Generäle zum Krieg. Die Sache stand 50 zu 50, und Frankreich wollte nur einen gewonnenen Krieg.

So gaben sie alle Hitler, was sie einem "vernünftigen" Deutschen nicht gegeben hätten. Und war der Mann denn nicht einer der Praxis, gelegentlich, siehe Südtirol, zur Vernunft fähig? Auf den Widerstand der Generalität hätte jedenfalls auch Winston Churchill nicht gebaut, der Widerstand wurde in München 1938 auf immer kompromittiert.

Allgemein wurde nicht begriffen, daß Hitler den Krieg wollte und daß ihm dabei eine Siegchance von 50 Prozent ausreichte. Den führenden Generälen hatte er am 10. August auf dem Berghof Defätismus vorgeworfen. Solch ein Spieler muß für eine Weile gewinnen.

Hitler stand vor dem größten diplomatischen Erfolg der Neuzeit. Der 69jährige Neville Chamberlain begab sich auf seine erste Flugreise nach Berchtesgaden. Die Tschechoslowakei wurde von ihren westlichen Verbündeten verraten und zur Selbstaufgabe gezwungen.

Polen, Hitlers nächstes Opfer, beteiligte sich an der Leichenfledderei und riß das Teschener Land samt 200 000 Polen an sich. Der heimgekehrte Chamberlain ("Peace for our time") bekam im Unterhaus ein Vertrauensvotum von 368 zu 144 Stimmen.

Wer nun denken mochte, Hitler hätte sich seines friedlichen und einmaligen Triumphes erfreut, den belehrte er auf einer Volkskundgebung am 9. Oktober 1938 in Saarbrücken eines Schlechteren. Der Kaufmann Friedrich Augstein in Hannover sagte an diesem Abend zu seinem demnächst 15jährigen Sohn Rudolf: "Finis Germaniae".

Schlagartig wurde deutlich, daß Hitler keine diplomatischen Siege, sondern daß er den Krieg wollte. Am 21. Oktober 1938 überschritt er den Rubikon, indem er die geheime "Führeranweisung" zur Zerschlagung der Rest-Tschechei ausfertigte.

Am 18. Oktober bekam der scheidende französische Botschafter Andre Francois-Poncet das Großkreuz des Verdienstordens des Deutschen Adlers, eine höhere Auszeichnung gab es für ausländische Diplomaten nicht. Und da sollten einfache deutsche Menschen gegen Hitler antreten?

Am 24. Oktober wurde der polnische Botschafter Jozef Lipski nach Berchtesgaden bestellt. Und nun werden sich die Bilder gleichen, man muß zurück zu Napoleon. An diesem Tag hat Hitler, der nun nicht mehr bluffte, sich verloren gegeben.

Die alte, so schwer erklärbare Obsession trat ans Licht: Lebensraum in Rußland und gleichzeitige Vernichtung der Juden. Entweder Polen würde mit ihm gegen die Sowjets ziehen, oder er würde es zerschmettern.

Der Abenteurer macht das Abenteuer zu seinem Gewerbe. Auch Napoleon hatte keine Skrupel, die Tochter des Kaisers in Wien zu heiraten und ihn zu zerschmettern, den Zaren gegen England einzuspannen oder ihn zu zerschmettern. So sind sie, die Alleszertrümmerer, die Söhne des Glücks, Glück macht blind. Auf die Dauer hat aber auch der tüchtig Glückliche nur Unglück.

Natürlich schrie Hitler Lipski nicht an, sondern sprach zu ihm so vornehm wie zu Francois-Poncet und zu dessen Nachfolger Robert Coulondre. Er biß ja nicht in Teppiche, er zerschmiß, anders als Napoleon, kein Porzellan und warf auch seine "Briefträgermütze" (Eva Braun) nicht wie Napoleon seinen Zweispitz zu Boden. Es gab Admiräle und Generäle, die ihren Schnupfen kurierten, indem sie zum Führer eilten; doch durften sie freilich an der Eingangstür nicht schniefen, sonst mußten sie draußen bleiben.

Polen, wie gesagt, war seit dem 24. Oktober 1938 dran. Es konnte nicht gegen Rußland, es konnte nicht mit Rußland. Es hatte in Teschen mit sich selbst Spielball gespielt.

Vom 9. bis zum 10. November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen. 30 000 Juden wurden in KZs verschleppt, was den polnischen Außenminister Jozef Beck kaum beschwert haben kann. Sein Regime veranstaltete selbst Pogrome. Das fiel nur in den neutralen USA unangenehm auf, wo die Juden einiges Sagen hatten.

In Europa hieß es: Göring war ja dagegen, Hitler hatte es nicht direkt befohlen, der frühere Reichsbankpräsident Schacht hatte es für einen Fehler gehalten. Größeres stand auf dem Spiel, und tatsächlich, das stimmte. Der Zug rollte ja bereits, der Führer würde den Termin zu liefern wissen, vermutlich nach der Ernte.

Das tat er. Am 5. Januar 1939 ist Oberst Jozef Beck noch einmal bei Hitler in Berchtesgaden. Ribbentrop, der Reichsaußenminister, fährt noch einmal nach Warschau, um die Polen gegen die Russen umzustimmen, vergebens.

Am 30. Januar 1939 glaubt Hitler, dieser "Mann des Jahres 1938", zum Kriege entschlossen, im Reichstag "an einen langen Frieden". Aber er hat kein Spielgeld mehr.

Reichsleiter Alfred Rosenberg, später Hitlers Ostminister, schlägt am 8. Februar ein "Reservat" für Juden in Guayana oder Madagaskar vor.

Erst am 10. März 1939 werden Juden von der Wehrpflicht und vom Arbeitsdienst ausgeschlossen, ein schier unbegreifliches Versäumnis.

Am 15. März tut Hitler, was nur ein Selbstmörder tut. Er marschiert, wieder ohne Gewalt, aber diesmal ohne Blumen, in den Rest der Tschechei, in Prag ein. Seine beiden Sekretärinnen dürfen ihm rechts und links einen Lippenstift-Kuß aufdrücken ("Kinder, jetzt gebt mir mal jede da und da einen Kuß"). Es war für ihn der Todeskuß.

Wieder spielt er nicht dumm. Aber wer kein Spielgeld mehr hat, kann gar nicht spielen.

Von den Polen verlangt er unter dem 21. März:

Rückgabe Danzigs an das Deutsche Reich;

exterritoriale Auto- und Eisenbahn durch den Korridor;

langfristige Garantie der deutschpolnischen Grenze.

Das läßt sich doch hören und sehen! Das ist doch nicht allzu viel! So fand denn auch der Hitler-Biograph und "FAZ"-Kulissenschieber im "Historikerstreit", Joachim Fest, England hätte Polen am 31. März keine britische Garantie-Erklärung, keinen Blanko-Scheck, geben sollen. Fest: "Eine Art Verzweiflungsschritt".

Aber England tat recht daran, diesem bankrotten Spieler in Berlin keinen weiteren Kredit mehr zu geben, keinerlei Spielraum. Als Fest 1973 seine Biographie herausbrachte, hatte er den Hitler und dessen Kriegswütigkeit eben immer noch nicht begriffen.

Krieg würde in jedem Fall sein, und je eher England das anerkannte, desto besser für England. Fest freilich meint, dem Achtung gebietenden Entschluß habe es an Weisheit gefehlt, er sei aus dem Affekt des enttäuschten Chamberlain entstanden.

Mag sein, daß Chamberlain enttäuscht war. Aber wesentlich ist doch, daß England sich entschieden hatte, nicht länger zu lavieren, koste es, was es wolle. Es kostete viel, nur darf man wohl gerade Chamberlain den Vorwurf nicht machen, er habe nicht lange genug laviert. Er mag Hitlers Spiel nicht durchschaut haben, aber auf jeden Fall hatte er im September 1938 noch die schlechteren Karten.

Am 20. April 1939 nahm der Führer zu seinem 50. Geburtstag einen Vorbeimarsch seiner Truppen ab, viereinhalb Stunden ohne Pause. In Wahrheit ist er schon ein verlorener Mann, er weiß es nur noch nicht.

7. Mai 1939: Begrenzung der Fahrgeschwindigkeit auf 60 Stundenkilometer innerhalb geschlossener Ortschaften, auf 100 außerhalb.

9. Juni: Das Internationale Olympische Komitee beschließt, die Olympischen Winterspiele 1940 wiederum in Garmisch-Partenkirchen abzuhalten.

17. Juni: Die Volkszählung einschließlich Böhmen und Mähren ergibt 86,6 Millionen Einwohner.

25. Juli: Eröffnung der Bayreuther Festspiele in Anwesenheit Hitlers.

Jetzt geht alles ganz schnell. Am 19. August wird in Berlin ein deutsch-russisches Handels- und Kreditabkommen unterzeichnet. Radio Moskau bringt in seiner Deutschstunde anstatt der üblichen Hetztiraden Goethes "Faust". Der bekannte Teufelspakt Hitler-Stalin folgt.

24. August: Chamberlain erhält im Unterhaus 457 von 461 Stimmen. England ist nicht zum Krieg gerüstet, aber bereit.

25. August: Um 15.02 Uhr befiehlt Hitler für den nächsten Tag den Angriff auf Polen, widerruft den Befehl kurz nach 18 Uhr, eine Viertelstunde nachdem ihm Mussolini seine Nichtteilnahme mitgeteilt hatte. Später wird er behaupten, darum nur sei England in den Krieg eingetreten.

Am 31. August erscheint Botschafter Lipski ohne die von Hitler verlangten Vollmachten bei Ribbentrop. Um 12.40: Angriffsbefehl für den 1. 9. 1939, 4.45 Uhr.

Die "Schleswig-Holstein", das Schulschiff der deutschen Kriegsmarine, beschießt die den Polen militärisch zugestandene Westerplatte bei Danzig. Hitler ist nun in einem Krieg, wie er ihn nicht gewollt hat, gegen England und Frankreich nämlich. Den Krieg, den er gewollt hat, den gegen die Sowjet-Union, hat er hinausgeschoben.

Es gibt ganz wenige Kriege, für die nur eine Partei oder gar nur ein Mann verantwortlich war. Hier ist das klassische Beispiel. Alles hatte man Hitler angeboten, mehr, als man verantworten konnte. Er aber wollte den Krieg.

Konnte er glauben, durch seinen Neutralitätspakt mit Stalin die Engländer einzuschüchtern? Er hat es nicht wirklich geglaubt, er war nur konsterniert, als die zu erwartende englische Kriegserklärung dann tatsächlich eintraf.

Und Stalin? Er hat rational gehandelt. Was hätten ihm diese Franzosen, diese Engländer bieten können? War er bei Trost, und er war meist bei Trost, so mußte er mit Hitler abschließen und dessen Wut nach Westen umlenken.

Das war Leninsche Schule. Daß Hitler ihn a tout prix überfallen würde, lag nicht in Stalins Denken, das konnte er sich nicht vorstellen. Wohl aber hat er sich während des Molotow-Besuchs in Berlin im November 1940 und danach so anspruchsvoll verhalten, daß er mit einem Krieg im Jahre 1942 - nicht schon 1941 - zumindest rechnen mußte. (Die aparte These eines später übergelaufenen Anonymus, Stalin habe im Spätsommer 1941 selber angreifen wollen, müssen wir nicht erörtern.) Hitler hat die Sowjets unterschätzt, Stalin die Franzosen überschätzt, das ist alles.

Es liegt im Wesen des abartigen Eroberers, daß er nicht rechnet. Dem Hitler hat man 1941 vorgerechnet, daß Mann und Material selbst dann nicht ausreichten, wenn man den günstigsten Fall eines Blitz-Feldzugs a la Frankreich zugrunde legte. Das interessierte ihn nicht. Der deutsche Mann, das deutsche Material, der deutsche General, sie würden ideell überlegen sein, das leuchtete auch den Rüstungstechnikern und Logistikern ein.

Hitler als Frontsoldat kannte nur den Grabenkrieg im Westen. 1944 waren seine Truppen denen der westlichen Alliierten, was den Kampfgeist anlangt, auch dann noch überlegen, als deren Materialmenge erdrückend wurde. Im Osten hingegen würden seine Soldaten davonlaufen, um nicht in russische, nicht in kommunistische Gefangenschaft zu geraten. Das hat er wohl nie begriffen.

Mußte er Stalin angreifen? Darüber kann man verschiedener Meinung sein. Ich glaube, nachdem er mit England aufgelaufen war, er mußte. Dünkirchen hielt auch der spätere Attentäter Stauffenberg noch Ende 1942 für einen "Fehler". Der Mann würde lernen.

Rußland, den einzigen England verbliebenen "Festlandsdegen", wollte er rasch ausschalten. Das klappte zu Anfang ja auch vorzüglich, nur erreichte er Moskau nicht. Und Stalin bot ihm ebensowenig Frieden an wie seinerzeit der Zar Napoleon. Kann man sich dann über Jahre hinweg der Realität verschließen und selber täuschen? Man kann.

Der Irrtum war in Hitlers Natur angelegt. Zudem wird man ja auch immer wieder scheinbar vernünftige Leute finden, die den Irrtum bestärken. Daß Hitler im Winter 1941 für beide Seiten und für alle Welt, außer für das verlorene Japan, verhandlungsunfähig geworden war, hat er sich wohl nicht einmal vorstellen können, bis zum Schluß nicht (Goebbels wohl).

Man muß, was man nur ungern tut, die Frage nach seiner geistigen Gesundheit stellen, ungern, weil die Frage sich so schwer beantworten läßt, wenn überhaupt. Es hat ja nie jemand bezweifelt, daß Napoleon geistig gesund war, und dennoch kann man von Anfang an verfolgen, wie er sich so übernommen hat, daß er scheitern mußte. Sprüche wie "Ich bin Karl der Große" sind denn auch irritierend.

Hitler wollte den Ostraum und die Vernichtung der Juden, jedes für sich schon ein bißchen viel. Er war, nicht im medizinisch-pathologischen Sinne, sondern als ein die Realitäten verachtender Politiker verrückt, wie Napoleon eben auch.

Wir kommen nicht umhin, ihn auch als Kind und Heranwachsenden zu begutachten, wie das die Schweizer Psychoanalytikerin Alice Miller unternommen hat. Aber eine schlüssige Auskunft sehen wir nicht. Wir finden einen Vater-Sohn-Konflikt, wie er auf hoher Ebene zwischen Friedrich und seinem Vater Friedrich-Wilhelm bestand. Gewisse Verformungen mögen da entstanden sein. Aber wir haben naturgemäß auch weniger Untersuchungsmaterial.

Wer Hitler für pathologisch verrückt hielt, mußte in der Führungsspitze sitzen, sonst hatte er keine Erkenntnisse.

Hitlers Kriegspolitik seit dem Münchner Abkommen war die eines verrückten Spielers, sie konnte als solche erkannt werden. Sie ist von Göring, dem zweiten Mann im Staat, von Franz Halder, dem Generalstabschef des Heeres, von Ernst von Weizsäcker, dem Staatssekretär des Reichsaußenministers Ribbentrop, durchaus erkannt worden. Aber niemand konnte oder wollte etwas unternehmen.

Halder war "verbrannt", weil er in der von Hitler entfesselten "Sudetenkrise" vor einem Krieg, der dann doch nicht kam, gewarnt hatte. Der Luftwaffenchef Göring konnte nicht gegen seinen obersten Chef Hitler auftreten, Weizsäcker nicht gegen seinen Chef Ribbentrop. Die Flotte, seit 1918 wegen ihrer Revolte gebrandmarkt, würde nie wieder den Gehorsam verweigern. Hitler war es gelungen, die einzige potentielle Gegenmacht für sich und seine Politik einzunehmen, das Landheer.

Im Heer gab es vor Kriegsbeginn 1939 nicht genug Spitzenleute, die Hitler für so verrückt hielten, wie er war. Das Heer in seiner Spitze wie in seinen Gliederungen wollte den schon verlorenen, den verrückten Krieg. Generalstabsarbeit war sowenig gefragt wie 1756, als Friedrich gegen Sachsen und Österreich schlug. Hitler hatte sich ohne Krieg ein Ansehen erworben, das ihm nun auch gestattete, den verrückten, den schon verlorenen Krieg, den zweiten von Deutschland ausgehenden Weltkrieg, zu beginnen.

Im nächsten Heft Ende eines Bankrotteurs


DER SPIEGEL 15/1989
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