10.04.1989

„Es wird kein Halleluja ausbrechen“

SPIEGEL-Reporter Peter Schille über Namibia am Beginn seiner Unabhängigkeit (II)
Noch herrscht die Swapo nicht in Windhuk, dem Zentrum des neuen Staates Namibia. Es herrschen die Uno-Truppen mit ihren blauen Mützen und die Internationale der Neugier. Diplomatische Vorposten lernen in Hotelzimmern und engen Pensionen afrikanische Namen auswendig.
Windhuk hat bald 200 000 Einwohner, zwei Drittel von ihnen sind schwarz und hausen in der Township Katutura am östlichen Stadtrand. Katutura heißt "Dort, wo wir nicht wohnen wollen".
Windhuk stellt nun die Hauptstadt dar. Aus kolonialem Dämmer erwacht, staunt sie verschlafen ins 20. Jahrhundert, wo hinter den Pfefferkuchen-Häuschen der Kaiserstraße Wolkenkratzer in den Himmel wachsen. Für seine Zukunft stattet sich Windhuk mit Fußgängerzonen und Tiefgaragen aus, mit Glasfassaden und Bürotürmen. Komfort ist knapp, alle Unterkünfte sind vermietet: Am 1. April erhöhten Hotels und Restaurants ihre Preise um 30 Prozent, die Freiheit wird teuer.
In Windhuk und Katutura treffen sie sich wieder: die vor dem Krieg geflohenen Ovambos. Alle Bauernfamilien stützen sich auf sie, die Kräftigsten der Sippe, die in Windhuk oder im Atlantikhafen Walfischbucht arbeiten: Wanderarbeiter.
Nachts kriechen sie unter eine frei gewordene Decke in einem Single quarter, einer Einraumwohnung für 20 Mann. Bezahlt wird der Schlaf stundenweise. Keiner verdient genug, um sich ein Haus zu leisten, ihre Familien sehen sie einmal im Jahr, im Frühling, wenn gepflügt wird im Ovamboland. Die Arbeitslosigkeit ist groß, 45 Prozent, sie hungern sich von einem Tag zum anderen.
Die Herren von Windhuk sind die weißen Herren des Landes. Wer schwarz ist und dennoch wohlhabend, gar Millionär wie der BMW-Händler Franz Indongo aus Oshakati, wird, Triumph der Dressur, als erfolgreicher Absolvent weißer Erziehung begönnert; selbst wenn er, neuerdings, der Swapo ergeben ist.
Wer reich ist, hat weiß zu sein: Karl Werner List beispielsweise, einer der 25 000 Südwest-Deutschen, sein Vater gründete 1914 die Südwest-Brauerei. List Sohn braut in seinem Geiste weiter: Windhuk Lager und Export. Obwohl kein Swapo-Freund, legt List gerade 70 Millionen Rand in Namibia an. In der von wilden Tieren und Touristen bevölkerten Etoscha-Pfanne baut er dem Fremdenverkehr ein Hotel.
"Wenn die Swapo gewinnt, werde ich, Karl Werner List, ihrem Chef Sam Nujoma klarmachen, daß seine Wirtschaftstheorien und sein Sozialismus falsch sind. Sam, werde ich sagen, sei bloß nett zu Südafrika, wir sind total abhängig von den Buren!"
List, 68, bleibt also im Land und lehrt die Schwarzen sein Denken. "Weshalb sollte ich fliehen? Keiner flieht! Weil keiner mit Rachsucht oder Blutbädern rechnet. Wer bis heute geblieben ist, bleibt auch in Zukunft."
List, der sich rühmt, vom Morgengrauen bis in die Dämmerung zu arbeiten, so hart, daß er seinen Reichtum gar nicht genießen kann, List sieht sich ob dieser wie seine Nationalflagge zur Schau getragenen Tüchtigkeit dennoch ein wenig gefährdet: "Den Leuten, die jetzt kommen, gehen alle Fähigkeiten und Eigenschaften ab, ein Land demokratisch zu regieren. Die haben nur eins im Kopf - uns Weiße zu beherrschen."
Die Swapo als Herr? Kann einer dem Teufel dienen und trotzdem fromm bleiben? Der Anwalt und Notar Andreas Vaatz rechnet mit schweren Zeiten: "Der Schwarze wird gefördert auf Kosten des Weißen. Weiße Verwaltungsbeamte werden von Schwarzen vertrieben, die Schwarzen werden Fehler machen. Es wird drunter und drüber gehen. Keine Kohle, kein Wasser mehr. Stromausfälle heute, verschlampte Rechnungen morgen, kein böser Wille - Unfähigkeit." Nichts werde mehr klappen - Folge der Afrikanisierung von Südwest.
Vor 100 Jahren, sinnt Vaatz, 48, weideten in Windhuk noch Elefanten, und demnächst regiert hier Sam Nujoma: "Ideologie, Armut und Unwissenheit werden einwandern. Die Swapo-Soldaten werden Posten fordern, Kriminalität und Arbeitslosigkeit steigen." Vaatz, seine Kanzlei liegt an der Bismarckstraße, ein Drittel seiner Klienten ist schwarz, weckt seine weißen Nachbarn auf: "Die Zeit der weichen Federbetten ist vorbei!"
Weder Drunterunddrüber noch Chaos befürchtet der jüdische Pelzhändler Kurt Stern, 75. "Eine starke Swapo soll mir recht sein." Sie ist ihm "immer noch lieber als wiedererweckte Nazis. Wir sind lange genug auf dem Buckel der Schwarzen geritten".
Und auch die Nazis fürchtet Stern nicht, obwohl sie seine Enkelin neulich an die Gaskammer erinnerten. "In dem Augenblick, da Swapo gewinnt, werden die lautesten Schreier unter den Südwest-Nazis still die Wende vollziehen. Wie in Deutschland nach dem Krieg wird es keine Nazis mehr geben."
Was Stern bekümmert, ist die Armut der Schwarzen, die er nicht lindern kann, das biblische Elend der Bettler. Wenn er ihnen kein Almosen gibt, drohen sie ihm: Warte nur, bis wir an der Macht sind. Er nimmt das nicht ernst, es offenbart nur ihre Ohnmacht, die neuen Verhältnisse zu begreifen.
Aber die Unordnung der Zukunft? Der Industrielle J. Albi Brückner, ein berlinernder Namibier, sieht der Freiheit "gelassen ins Auge. Swapo gewinnt, und wenn schon! Mir schneidet keiner den Hals ab. Wieso mir, würd' ich sie fragen! Geht doch nach Südafrika!"
"Unser Land ist eines der reichsten auf Erden", ruft Brückner: wenig Einwohner, beste Infrastruktur, unermeßliche Bodenschätze - Diamanten, Uran und noch mal Uran, Zink, Vanadium. Und dann der Fisch: "Ein unabhängiges Namibia wird eine 200-Meilen-Zone vor seiner Küste einrichten, für jeden Fisch verlangen wir dann Tantiemen. All diesen Besitz werden wir brüderlich teilen", sagt Brückner, feierlich berlinernd, "wir sind doch inzwischen solidarisch, Schwarze und Weiße."
Bürger Brückner, 58, wird zum Klassenkämpfer: "Die revolutionären Kräfte, die bald frei werden, müssen in die wirtschaftliche Entwicklung eingegliedert werden. Die Landwirtschaft, wo 70 Prozent der Menschen arbeiten, muß gefördert werden. Die Rückständigen wollen doch auch essen."
Da sitzt er, trinkt gemütlich Kaffee und streitet mit Südafrika: "Je weiter wir nach links rücken, desto heftiger wird Pretoria uns destabilisieren. Die Fünfte Kolonne steht schon bereit. Fortsetzung des Terrors im Norden. Entfesselung von Banden wie in Mosambik."
Und doch ist er zuversichtlich und hofft, daß Namibias schöne neue Welt auch Südafrika beeindruckt: "Wenn es bei uns klappt, erhalten die Reformer da unten doch Auftrieb!"
Ben Ulenga, 36, Generalsekretär der Bergarbeiter-Gewerkschaft, der größten Gewerkschaft in Namibia mit 12 000 Mitgliedern, möchte auch an die Zukunft glauben, doch die Gegenwart läßt ihn nicht los. "Es gibt Kumpel", sagt er, "die arbeiten heute noch für 35 Cents Stundenlohn, zehneinhalb Stunden jeden Tag. Sie verdienen 140 Rand im Monat", etwas mehr als 100 Mark.
140 Rand - und gerade hat ein südafrikanisches Universitätsinstitut errechnet, daß eine schwarze fünfköpfige namibische Familie mit weniger als 430 Rand monatlich verhungert. Die Armen von Katutura, wo auch Ulenga wohnt, träumen von 1000 Rand Existenzminimum. Nicht einer von ihnen verdient soviel.
Arbeiter in Namibia sind rechtlose Wesen, und die Gewerkschaften sind vogelfrei: "Wir wissen nichts, niemand hat uns jemals Demokratie gelehrt. Die Arbeiter waren ratlos, als sie ihre Führer wählen sollten. Wie geht das denn? Wählen und abwählen - wie macht man's? Südafrika hat demokratische Umgangsformen unter Schwarzen nie zugelassen."
Ulenga war 23, als er, frisch ausgebildeter Swapo-Guerrillero, bei Tsumeb gefangengenommen wurde. Urteil: 15 Jahre auf Robben Island, der Gefängnisinsel nördlich von Kapstadt. Er blieb achteinhalb Jahre und wurde einer aus dem Clan Nelson Mandelas, des südafrikanischen ANC-Heros. "Mandelas Erfahrungen sind jetzt auch meine Erfahrungen." 1986, ein halbes Jahr nach seiner Entlassung, rief er in Katutura das erste Arbeiterkomitee ins Leben.
Um die Sozialismus-Frage machen die Gedanken der Swapo-Funktionäre einen weiten Bogen. Diskussionen über den Swapo-Sozialismus verderben die Wahlchancen. Doch Ulenga drückt sich nicht vor einem Glaubensbekenntnis: "Erst wenn wir unsere Ressourcen und unsere Produktion selbst kontrollieren, sind wir wirklich frei. Wenn wir unsere eigene Nahrung anbauen können. Unsere Kinder frei erziehen dürfen. Wenn das Sozialismus ist, dann bin ich Sozialist."
Und wenn die Swapo regiert? "Dann wird kein Halleluja ausbrechen", sagt Ulenga, "aber wenigstens werden sie unsere Sorgen begreifen."
Der Swapo im Lande Namibia widerfährt in diesen Tagen eine neue Wirklichkeit: Der Widerstand gegen Südafrika wurde in Angola organisiert. Der Krieg fand in Angola statt. Südwestafrika dämmerte einer Revolution entgegen, die jenseits seiner Grenze ausgebrochen war - im Namen Namibias. Der Aufruhr im Innern nahm Befehle aus Luanda entgegen, wo Sam Nujoma die Parolen verkündete. Seine Worte waren Gesetz, er war Gott, der Herr. Einwände, gar Kritik galten als Feindseligkeiten. Jedes Widerwort brachte die fragile Identität ins Wanken. Zweifel gefährdete die Hoffnung auf Veränderung.
Ein schwarzes namibisches Bewußtsein konnte, von diesem autoritären Über-Ich behindert, niemals entstehen. Das Land war zu sehr fragmentiert, zersplittert in Völker und Sprachen mit Bruchwirtschaften und Splitterkulturen - eine Frucht des kolonialen Erbes und der südafrikanischen Losung: Teile und herrsche. Jedes Volk verteidigte sein Herrschaftsgebiet gegen seinen schwarzen Nachbarn: Herero gegen Buschmänner, Nama gegen Damara. Da der Kolonialherr ihr Lebensrecht gewaltsam in Frage stellte, mußten sie erst einmal Herero, Nama oder Buschmänner sein, ehe sie Namibier werden konnten. Ein nationaler Glauben an sich selbst konnte niemals entstehen.
In Katutura bombardierten die Kinder die Polizei niemals mit Steinen wie im südafrikanischen Soweto. Kein einziger Verräter wurde jemals in Brand gesteckt. Es genügte, die richtigen Worte aus Angola zu wiederholen, und man war ein Held. Die Koevoet-Schinder hatten leichtes Spiel. Und als der Traum von Namibia sich erfüllte, war die Swapo nicht vorbereitet:
Ohne daß sie es gewahr wurde, betrieben Übergangsregierung und der von Südafrikas Gnaden bestallte General-Administrator die Privatisierung der öffentlichen Dienste: Krankenhäuser, Nah- und Fernverkehr, Wasser- und Stromversorgung, Post, Rundfunk und Fernsehen werden, im Namen der Wirtschaftlichkeit, an Kapitalgesellschaften verschachert. Deren Ziel ist Profit, nicht das Wohlergehen der Namibier. Bis zum 1. November, dem Wahltag, soll die Hinrichtung des Allgemeinwohls vollendet sein. "118 vom Volk durch Steuern finanzierte öffentliche Einrichtungen geraten in den Besitz privater Unternehmer." Jerry Ekandjo, im geschäftsführenden Politbüro der Swapo für Jugend und Öffentlichkeit zuständig, begreift erst ganz allmählich, was seine neue Regierung erwartet: "Eine leere Schale. Wir werden eine Regierung ohne Macht und Mittel stellen."
In Katutura verkaufte die Stadtverwaltung die Wohnungen der Armen an eine private Gesellschaft - die Mieten wurden ohne Zögern erhöht - "so beutet der Staat auch noch die Armut aus". Die Mieten in Katutura sind jetzt höher als im Millionengetto Soweto in Südafrika.
Ekandjo, voller Zorn: "All diese Gesellschaften riskieren ihr Geld. Das muß ein Ende haben, sonst rufen wir den Generalstreik aus. Jede südafrikanische Firma kann nun unsere Post kaufen, unsere Pensionskassen - auf ewig haben sie uns unter dem Daumen."
Ekandjo, 41, auch er ein Überlebender von Robben Island, verteidigt seine wiedergewonnene Freiheit wie ein zweites Leben: "Die Wahl heißt Namibia oder Südafrika. Wir müssen das Gefängnis Namibia aufbrechen, die Weißen und wir hocken doch im selben Loch. Die Abhängigkeit von Südafrika - dagegen führen wir Krieg."
Ekandjo ist müde und heiser von den vielen Beschwörungen. "Nein", sagt er, "aber nein: der Sozialismus findet zunächst nicht statt."
Der natürliche Feind der Swapo tritt in der Gestalt eines Dandys auf: Advokat Louis Pienaar, 62, eine bunte Fliege unterm Kinn, führt von einer Windhuker Villa aus seit dem 1. April die namibischen Geschäfte Südafrikas. Pienaar ist der Vertraute des Staatspräsidenten Pieter Willem Botha. Der finnische Uno-Gesandte Martti Ahtisaari allerdings muß, wie ein siamesischer Zwilling, alle seine Entscheidungen billigen.
Der elegante Pienaar ist arm dran. Südafrika, Namibias Finanzier, trug bisher 36 Prozent des nationalen Budgets, 500 Millionen Rand jährlich. Nun knausert Pretoria. 1989 werden nur noch 80 Millionen überwiesen.
Wie soll Pienaar die Post damit bezahlen? Die Gesundheit seiner Schutzbefohlenen? Er weiß Rat - die Welt soll helfen. Nicht ihm, den sie verachten als Büttel der Buren. Das namibische Volk leidet Not: "Wie wär's", fragt Pienaar leichthin, "wenn die USA das Gesundheitswesen übernähmen? Wenigstens die zwei größten Krankenhäuser, das kostete nur 30 Millionen Rand im Jahr."
"Wir haben soviel für die freie Welt getan", sagt Pienaar mit bebender Fliege, "Südafrika hat an der Bürde Namibia so schwer getragen, bis die Schlacht gewonnen war: Jetzt müssen die Kubaner Angola verlassen, wir haben das Volk vor dem Kommunismus beschützt und Afrika vom Sozialismus befreit!"
Weiße denken weiß, und Schwarze denken schwarz. Dirk Mudge, 61, Führer der konservativen Demokratischen Turnhallen-Allianz DTA, verwitterter Ex-Ministerpräsident und Finanzminister der vom Volk mißachteten Übergangsregierung, dieser abtrünnige Verbündete des südafrikanischen Rassismus, erklärt der Swapo den Krieg: "Nachdem Südafrika verjagt ist, bekämpfen wir die Swapo. Die hat noch lange nicht gewonnen: Wo ist ihre Flagge? Ihr Führer? Ohne den Schutz der Uno-Truppen wagen sie sich nicht in ihr Land! Sie waren Terroristen, sie werden von Gewalt auch künftig nicht lassen." Mudges Krieg wird von Südafrika großzügig finanziert.
Wahlkampf in Windhuk: "Die Swapo", ruft Mudge auf seinem weißen Sofa, links von ihm schmoren die "Bildbiographie Franz Josef Strauß" und eine Chronik Bayerns in der Morgensonne, "die Swapo braucht einen Schock durch die Wirklichkeit. Außer ihr gibt es noch andere Parteien." Mudge will gewinnen, er schätzt seinen Stimmenanteil auf "über 50 Prozent".
Da muß Gerhard Tötemeyer aber lachen, und Politologen lachen selten: Der Dekan der Wirtschaftsfakultät an der Universität von Namibia hat den Wahlausgang längst berechnet. Er zweifelt nicht, "Swapo gewinnt die Zwei-Drittel-Mehrheit". Und dann wird die Verfassung der Swapo die Verfassung Namibias sein: Am 1. April 1990 ist die Unabhängigkeit endgültig erreicht.
Ein paar Fragen sind noch offen: Wie alt müssen die Wähler sein, 18 oder 21? Wie viele Abgeordnete werden gewählt - 72 oder 100? Gibt es eine Fünf-Prozent-Hürde? Wie werden die Stimmfinger der analphabetischen Wähler gefärbt - gelb oder rot?
Tötemeyer, 53, als Jüngling einst Anhänger der südafrikanischen Nationalpartei, hat seine ganze Liebe der Swapo geschenkt: "Allein im Ovamboland holt sie 60 Prozent der Stimmen - der Sieg ist unser." Und wenn Sam Nujoma klug mit seinem Sieg umgeht, wird er Dirk Mudge ins Finanzministerium bitten, um die Weißen zu beruhigen.
Der Farmer Ernst Rumpf gehört seit 59 Jahren zur Geschichte Südwestafrikas. Mit seiner Frau Rosemarie bewirtschaftet er 14 000 Hektar Weideland im Osten Namibias, den Hof Combumbi in der Ortschaft Steinhausen. Sein Vater, gebürtiger Hamburger, erwarb die ersten 5500 Hektar 1929 für 550 Pfund Sterling. Rumpf züchtet 1500 Rinder, einschließlich Kälber, ein Tier auf 14 Hektar. Seine Währung sind Ochsen: 1974 kostete ein Kleinlastwagen fünf Ochsen, heute 30. Rumpf ist der Herr von 14 Schwarzen samt deren Familien, insgesamt 40 Menschen. Er zahlt ihnen nur deshalb so niedrige Löhne, weil er Tag und Nacht für sie sorgt. Seine Frömmigkeit ist der radikalen Befreiungstheologie spinnefeind.
Die Rumpfs haben vier Kinder, Hanno, das älteste, ist ihnen davongelaufen - zur Swapo. Weihnachten 1984 erfuhren die Eltern aus der Festtagspost von seiner Desertion.
Mutter Rosemarie "hat erst mal geheult. Ich konnte es nicht fassen. Für uns sind das Terroristen, für ihn Volkshelden. Wie konnte mein Kind bloß glauben, es müsse Terroristen angehören?" Hanno, 30, ist inzwischen Pressesprecher der Swapo in Bonn - "sie ist die einzige reelle politische Kraft in Namibia".
Vater Rumpf dient der konservativen Nationalen Partei, Ministerämter hat er stets abgelehnt. Die Swapo kann seinetwegen den Mond regieren, doch Namibia niemals. Ernst Rumpf hält den "Neger für nicht wettbewerbsfähig in der westlichen Gesellschaft, weder auf wirtschaftlichem noch auf politischem Feld. Er ist nicht dümmer oder minderwertiger als wir, er ist anders".
Diese Andersartigkeit verwehrt ihm, sagt Rumpf, "die Inanspruchnahme unserer Rechte: Was hat ein 18jähriger Neger denn geleistet, daß er schon wählen darf? Kann er schreiben und lesen? Kann er wählen? Wählt er Swapo, und das Experiment Swapo geht schief - was dann? Eine zweite Wahl? Wird es unter einer sozialistischen Swapo-Regierung überhaupt eine zweite Wahl geben?"
Rumpf bewohnt den Mythos Südwest, er wird ihn nie verlassen, wohin er auch reist; ein großer Häuptling aus dem Stamm der Weißen. "Ich bin Afrikaner, empfinde als Bure, Eingeborener. Alle sollen gemäß ihrer Volksgruppe wählen. Ich als Weißer einen Weißen, die Buschmänner einen Buschmann, meine Herero einen Herero."
Ihn habe keiner gefragt, was aus Namibia werden soll, schreit Rumpf: "Jetzt müssen wir unabhängig werden, ob wir wollen oder nicht." #
Von Peter Schille

DER SPIEGEL 15/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 15/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Es wird kein Halleluja ausbrechen“

Video 00:00

Peter-Jackson-Film Erster Weltkrieg ganz nah

  • Video "Fall Khashoggi: US-Republikaner widersprechen Trump" Video 01:34
    Fall Khashoggi: US-Republikaner widersprechen Trump
  • Video "Umstrittenes Musikvideo: Melania Trump-Double nackt im Oval Office" Video 01:33
    Umstrittenes Musikvideo: Melania Trump-Double nackt im Oval Office
  • Video "Video aus Texas: Hochwasser zerstört Brücke" Video 00:33
    Video aus Texas: Hochwasser zerstört Brücke
  • Video "Kia Stinger im Test: Koreanisch für Angeber" Video 06:33
    Kia Stinger im Test: Koreanisch für Angeber
  • Video "Rätselhaftes Verhalten: Wal schaufelt sich mit seinen Flossen Wasser ins Maul" Video 01:18
    Rätselhaftes Verhalten: Wal schaufelt sich mit seinen Flossen Wasser ins Maul
  • Video "Brexit-Umfrage: Bitte Europa, denk´ nicht, dass Theresa May ganz England ist" Video 02:24
    Brexit-Umfrage: "Bitte Europa, denk´ nicht, dass Theresa May ganz England ist"
  • Video "Umstrittene Militär-Übung: Flugzeug steuert auf Hochhaus zu" Video 01:19
    Umstrittene Militär-Übung: Flugzeug steuert auf Hochhaus zu
  • Video "Meghan und Harry in Sydney: Koalas und ein Plüsch-Känguru" Video 01:24
    Meghan und Harry in Sydney: Koalas und ein Plüsch-Känguru
  • Video "Saudi-arabische Erklärung zum Fall Khashoggi: Das ist ein Märchen" Video 04:29
    Saudi-arabische Erklärung zum Fall Khashoggi: "Das ist ein Märchen"
  • Video "Erster Bike-Trial-Weltcup in Berlin: Die fliegenden Räder" Video 02:04
    Erster Bike-Trial-Weltcup in Berlin: Die fliegenden Räder
  • Video "Grünes Direktmandat in Würzburg: Wie Patrick Friedl die CSU besiegt hat" Video 04:13
    Grünes Direktmandat in Würzburg: Wie Patrick Friedl die CSU besiegt hat
  • Video "Drohnensteuerung: Körperbewegungen sollen Joystick ersetzen" Video 01:12
    Drohnensteuerung: Körperbewegungen sollen Joystick ersetzen
  • Video "Südfrankreich: Mindestens 10 Tote bei Überschwemmungen" Video 00:49
    Südfrankreich: Mindestens 10 Tote bei Überschwemmungen
  • Video "Humanoid-Roboter: Atlas läuft Parkour" Video 01:22
    Humanoid-Roboter: "Atlas" läuft Parkour
  • Video "Peter-Jackson-Film: Erster Weltkrieg ganz nah" Video 00:00
    Peter-Jackson-Film: Erster Weltkrieg ganz nah