13.02.1989

Gepflegtes Feindbild

Selten stand die Bundesliga schlechter da. Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß macht für die Krise die Führungsschwäche in den Klubs verantwortlich.
Von seiner Branche hält Uli Hoeneß nicht viel. "Die Leidenschaft" vermißt er; es werde halt nicht "brutal hart gearbeitet", schon gar nicht mit der nötigen "Akribie".
Statt dessen hat der Manager des FC Bayern München in den Führungsetagen der Fußball-Bundesliga "Profilneurotiker" ausgemacht - Funktionäre, "die an ihrem Klub doch nur Geld verdienen wollen". Besonders fuchsen ihn "jene, die glauben, alles zu wissen". Die, so Hoeneß, "sind die Schlimmsten".
Recht hat er. Mißmanagement stürzte die höchste deutsche Spielklasse in eine Krise existenzbedrohenden Ausmaßes. Nur einmal, unmittelbar nach dem Bestechungsskandal 1972, kamen weniger Zuschauer als in der laufenden Saison, die am kommenden Samstag wiederaufgenommen wird. Die Abkehr ist Ausdruck zunehmender Ratlosigkeit der Fans, die "ehrliche Arbeit" vermissen.
Millionendeals und Finanzkräche beschworen eine umfassende Identitätskrise herauf: Spieler, die zu Höchstpreisen gehandelt werden, finden oft keine Bindung zu den Klubs. Das müde Gekicke verstärkt die Entfremdung zwischen Profis und Publikum.
Doch Gedanken um die Zukunft macht sich kaum jemand. Vorgebliche Patentrezepte mag der Bundesliga-Überflieger Hoeneß auch schon gar nicht mehr hören - ständig, weiß der Münchner, werde die alte Platte aufgelegt: Statt daß in Not geratene Vereine ihre Lage selbst verbesserten, unternähmen die immer wieder den Versuch, die von allen Seiten angeschossenen Bayern "auf ein niedrigeres Niveau herunterzuholen".
Tatsächlich geistert seit langem die Vorstellung vom "übermächtigen Monster" aus München durch alle Debatten. Ob in Nürnberg, Köln oder Gladbach die Stars weglaufen oder sich in Hamburg die Zuschauer verweigern - verantwortlich ist stets der "Blutsauger" ("Express") und "Scheckhefttäter" ("Hamburger Morgenpost") Uli Hoeneß.
Das über Jahre hinweg penibel gepflegte Feindbild verdeckt, wie sehr sich die ganze Liga selbst ins Abseits dirigiert. Während in Spanien, Holland, Frankreich und England mehr Zuschauer als im Vorjahr in die Stadien strömten, verzeichnete die Bundesliga mit einem Minus von einer halben Million das größte Defizit in Europa. Mit knapp über 18 000 Besuchern im Schnitt rangiert sie nur noch auf Rang fünf; die Italiener als Erste bringen es immerhin auf über 30 000 Fans pro Match.
Längst geht es der einstmals stärksten Liga der Welt an die Substanz. Für die Saison 1988/89 kalkulieren die Schatzmeister nur noch mit 84 Millionen Mark Umsatz (Vorjahr: 90 Millionen). Viele Klubs sind schon jetzt nicht mehr in der Lage, ihre teuren Kicker zu bezahlen. So will etwa der 1. FC Köln nach Vorstopper Jürgen Kohler auch noch Torjäger Thomas Allofs loswerden.
Und als Eintracht Frankfurt Interesse am Hamburger Thomas von Heesen bekundete, flog HSV-Sportchef Erich Ribbeck sofort aus dem Trainingslager in Costa Rica nach Deutschland zurück, um raschen Reibach zu machen. Der Grund: Den HSV drücken 13 Millionen Mark Verbindlichkeiten, obwohl er seit 1986 für über neun Millionen Mark Spieler verkauft hat.
Die Transferposse um von Heesen, der letztlich doch nicht wechselte, geriet zum Lehrstück für jenen angewandten Dilettantismus, der weit verbreitet ist. Als sich die Herren nach wirren Telephonaten nicht zu einigen vermochten, ob ihnen der Mittelfeldregisseur nun drei oder vier Millionen Mark wert sei, ließ der HSV den Deal platzen. Kleinlaut kehrte von Heesen, den die Frankfurter bereits aus Mittelamerika an den Main gelockt hatten, in die eigenen Reihen zurück. Und der Spielerberater Holger Klemme, der der Eintracht zuvor schon den Stürmer Dieter Eckstein, ehemals Nürnberg, für vier Millionen Mark angedreht hatte, ging diesmal leer aus.
Wie Klemmes Klientel die Klubs schröpft, bewies der Fall Thomas Allofs, dessen Vertrag in Köln publik wurde. 120 000 Mark Grundgehalt, 210 000 Mark garantierte Jahresleistungsprämie, 100 000 Mark vom Klubausstatter Puma, für die der Verein einsteht, und bis zu 100 000 Mark Prämien berechnet der Stürmer an Barbezügen. Hinzu kommen noch Wohnung, Auto und Telephon.
Geld, das so verpulvert wird, muß mit anderen Tricks wieder eingespart werden - und das stürzt die vermeintlichen Schlaumeier gleich in die nächste Krise. "Das frühzeitige Verlängern von Verträgen" - laut Kölns Geschäftsführer Wolfgang Schänzler auch probate Abwehr "Münchner Verlockungen" - wird nicht selten dazu benutzt, unbedarfte Newcomer über den Tisch zu ziehen.
So erhöhte der Verein vor einem Jahr scheinbar großzügig das Gehalt von Thomas Häßler, dem größten Talent des deutschen Fußballs, auf 220 000 Mark pro Jahr. Als dessen Freundin Angela von der Allofs-Gage erfuhr, verlangte sie wütend Nachbesserung. Da Häßler inzwischen zum Publikumsliebling avanciert ist, läßt sich die Kölner Führungscrew nun von einer jungen Kosmetikerin die Preise diktieren.
In Nürnberg jammert Präsident Gerd Schmelzer täglich, Hoeneß wolle den Club "zerstören", weil er Stefan Reuter und Roland Grahammer nach München gelockt habe. So muß er nicht darüber reden, warum sein Verein in den letzten beiden Jahren zwölf Millionen Mark aus Spielerverkäufen erlöste - aber schon wieder kein Geld in der Kasse hat.
Waldhof Mannheim verkaufte für sieben Millionen Mark drei Stars und erwarb statt dessen zehn neue Akteure. Jetzt steht der Verein vor dem Ruin. Auch Borussia Mönchengladbach ist nicht mehr, was es zu Günter Netzers Zeiten war. Manager Helmut Grashoff verscherbelte seine Besten nach Belieben und kassierte 22 Millionen.
Inzwischen hat den dienstältesten Geschäftsführer der Bundesliga jeglicher Instinkt verlassen. Vor zwei Jahren bot ihm der PSV Eindhoven zehn Millionen für seinen letzten Topspieler, Uwe Rahn; vor einem Jahr offerierten die Bayern noch vier Millionen. Grashoff lehnte jedesmal ab. Jetzt wechselte Rahn zum 1. FC Köln - für zwei Millionen.
Der Bundesliga-Fußball 1989 - ein Dilemma, das vor allem vom Führungspersonal der Vereine verursacht wird. Selbst Regierungssprecher Friedhelm Ost konnte so nicht mehr umhin, seine Erfahrungen aus der Politik auf den Rasen zu übertragen. "Der Fisch", erklärte des Kanzlers Sprachrohr im Fachblatt "Kicker", "stinkt vom Kopf."
Von Ratlosigkeit sind alle Bemühungen gezeichnet, der Krise Herr zu werden. Die Ufa, die für die Fernsehrechte 135 Millionen Mark in drei Jahren zahlt, sähe gerne "begleitende PR-Maßnahmen". Bislang reicht es allenfalls zu Gesundbetereien durch Teamchef Franz Beckenbauer ("Die Qualität ist nicht schlechter") oder Beschwichtigungen von Verbandspräsident Hermann Neuberger: "Ich sehe nicht so schwarz."
Für Uli Hoeneß steht indes fest: Nur am Münchner Wesen könnte die Liga genesen. "Die sollen mal arbeiten wie wir." In Stuttgart und Bremen werde ähnlich professionell Management betrieben wie an der Isar - "und es läuft".
Beispiele für den enormen Unterschied zwischen dem deutschen Rekordmeister und dem großen Rest fallen dem Manager mühelos ein. Sein Verein habe so etwa die Notlage verletzter Spieler noch nie bei Vertragsverhandlungen ausgenutzt, mündliche Zusagen seien stets gehalten worden. Was immer an diesem Selbstlob werbewirksam übertrieben sein mag, ins Auge springt, daß bislang kein Münchner Profi der neuerdings florierenden Spielergewerkschaft beigetreten ist.
Seinen Klub sieht der alerte Hoeneß auf Höhen, von denen die Konkurrenz nicht einmal träumen mag. "Wie Daimler-Benz in der Industrie" müsse sich auch der FC Bayern "neue Märkte erschließen, ohne das Stammgeschäft zu vernachlässigen".
Bislang hat sich der Bundesliga-Branchenführer zwar noch nicht an den jüngsten Planspielen europäischer Nobelklubs beteiligt. AC-Mailand-Präsident Silvio Berlusconi und Ramon Medoza von Real Madrid wollen in einer internationalen Super-Klasse den Europameister ausspielen.
Doch wenn die schwerfällige deutsche Vereinsmeierei "nicht endlich ihre Probleme bekämpft", warnt Hoeneß, müsse sein Klub "zusammen mit ein oder zwei anderen" die angestammten Niederungen verlassen und europaweit einsteigen. Und dann, sagt der Manager leichthin, "ist die Liga tot".

DER SPIEGEL 7/1989
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