10.04.1989

RADRENNENGefährliches Pflaster

Angespornt durch die Erfolge von Rolf Gölz und Andreas Kappes, hat sich nach sieben Jahren wieder ein deutscher Profi-Rennstall etabliert.
Bernd Gröne, 26, kämpft verbissen gegen das Wetter an. Sein Trikot ist durch ständigen Nieselregen längst klamm geworden. Der Radfahrer streift die orangefarbene Regenjacke über - aber der Wind bläht den Nylonschutz zu einem Ballon auf. Die Hände am Lenker sind krebsrot.
Von hinten rauscht sanft ein Daimler-Benz an; die elektrischen Fensterheber surren, und aus dem Wagen ruft ein Begleiter: "Tut mir leid, ich kann auch nichts dafür." Der Silbermedaillengewinner von Seoul hört die sinnlose Entschuldigung scheinbar gar nicht - wie ein Roboter tritt er sein Fahrrad voran.
Gröne ist einer von mehreren bundesdeutschen Profis, die in diesen Tagen quer durch Flandern täglich eine Trainingsstrecke von mindestens 50 Kilometern absolvieren.
Ihr Ziel ist dabei ebenso trostlos wie die Arbeit auf der Straße: Das "PB-Motel" in Lokeren, wo das "Team Stuttgart" zum 14tägigen Trainingslager gastiert, ist eingekeilt zwischen einem Lkw-Parkplatz, einer Tankstelle und einer Autobahn.
Wenn sich die Truppe abends zur obligatorischen Spaghetti-Schüssel zusammensetzt, hocken die Profis am Tisch wie auf dem Fahrrad - mit gewölbtem Rücken und nach vorne gezogenen Schultern. Um zehn ist Bettruhe, für jedwedes Amüsement gibt weder der Körper noch Lokeren etwas her.
Die Kargheit ist Programm. Nach Jahren der Dürre bei den deutschen Radrennfahrern signalisierte der Erfolg von Seoul - neben Gröne gewannen Christian Henn und Robert Lechner jeweils eine Bronze-Medaille - neuen Schwung.
Nach den Spielen wechselten gleich 16 Amateure zu den Profis. Der nationale Verband registriert mittlerweile 37 Berufsfahrer, so viele wie noch nie. Die Branche verfolgt die Entwicklung mit Respekt. Einige deutsche Radfahrer, urteilte jüngst die französische Fachzeitschrift "L'Equipe", zeigten schon jetzt "mehr Charakter als Thurau". Es gebe "Kämpfertypen", die "willig" seien und "widerstandsfähig". Der Schweizer Experte Paul Köchli redet gar schon vom "Aufstieg der Radsportprovinz zum anerkannten Radsportland".
Beflügelt von den Erfolgen bereits etablierter Kollegen wie Rolf Gölz oder Andreas Kappes, die in ausländischen Teams unter Vertrag stehen, haben sich neun deutsche Ex-Amateure, zwei Holländer und ein Australier, zum "Team Stuttgart" formiert, dem ersten deutschen Radrennstall seit sieben Jahren.
In der Vergangenheit waren derlei Versuche zweimal gescheitert. 1976 gab der westfälische Möbelfabrikant Robert Kahl seinen "rokado"-Rennstall auf, nachdem er sich für fünf Millionen Mark reichlich wenig Ruhm eingehandelt hatte. Der zweite Anlauf, den der frühere Opernsänger und Gastronom Konrad Kotter startete, war schon nach zwei Jahren am Ende: 1982 sprangen ihm die Geldgeber ab, und als die Stuttgarter Oberfinanzdirektion 400 000 Mark Lohnsteuernachzahlung forderte, machte das "Kotter Racing Team" dicht.
Für den dritten Versuch zeichnet nun Winfried Holtmann, 47, verantwortlich. Der Chefredakteur der "Sindelfinger Zeitung", gleichzeitig PR-Manager sowie Veranstalter der Sechstagerennen in Münster und Stuttgart, hatte erkannt, "daß man das professioneller anpacken muß", und deshalb in der Vergangenheit gleich mit mehreren Sponsoren verhandelt. Von der Gunst "eines einzigen Geldgebers", so Holtmann, wolle er "nicht abhängig sein".
"Team Stuttgart" verfügt jetzt gleich über einen ganzen Pool von Sponsoren. Die Stadt selbst unterstützt die Radfahrer mit öffentlichen Geldern bei Reisen, Daimler-Benz stellt vier Mannschaftsfahrzeuge und einen Lkw, Eddy Merckx liefert seine Fahrradrahmen aus Belgien, das Frankfurter Versandhaus Brügelmann "zahlt einfach nur" (Holtmann) und hofft auf werbewirksame Erfolge.
Nach Schätzungen von Insidern verfügt der Rad-Promoter über einen Etat von zwei Millionen Mark, verglichen etwa mit den fünf Millionen des Spitzen-Stalles PDM eine bescheidene Summe.
Neben den im Profigeschäft durchweg unerfahrenen Hauptakteuren verpflichtete Holtmann den früheren Profi-Weltmeister Hennie Kuiper, 40, als sportlichen Leiter seines Teams. Wenn er mit den Kräften einmal am Ende sei, meint Bernd Gröne, "dann muß ich nur Hennie sehen, und schon geht es wieder".
Gemessen an internationalen Stars wie Pedro Delgado oder Stephen Roche aus Irland, die beide auf ein Gehalt von jeweils über einer Million Mark im Jahr geschätzt werden, sind die Einkünfte der Neulinge mit angeblich höchstens 50 000 Mark spärlich. Dieselbe Summe, so der frühere Querfeldein-Weltmeister Klaus-Peter Thaler, hätten "Spitzenamateure" dank Sporthilfe, Vereins- und Auftrittsgeldern "sogar netto".
Die Sehnsüchte der Jungprofis verdeutlicht in einem Hinterzimmer des "PB-Motels" ein Mechaniker. Er klebt D-Mark-Scheine und Franc zwischen die Speichen eines Rades, um es dann für die Kamera eines Fernsehteams hoffnungsvoll zu drehen.
Auf dem Weg zur Spitze orientieren sich Kuipers Schützlinge an strebsamen und schon prominenten Kollegen wie Rolf Gölz, 26, der sich mit einem Trainingspensum von sieben Stunden täglich mittlerweile zum Star der holländischen Mannschaft "Superconfex" hochgearbeitet hat. Im Gegensatz zu Leichtfuß Dietrich Thurau, sagt Rolf Gölz, habe er "nie zuerst aufs Geld" gesehen.
Aus ähnlich edlen Motiven meidet Andreas Kappes, 23, zunehmend die lukrativen Sechstagerennen. "Nach der dritten Nacht", so Kappes, "habe ich keine Lust mehr." Der Bremer, im französischen Team "Toshiba Look" unter Vertrag, bleibt lieber in einem Hotel im Schwarzwalddorf Kirchzarten. Hierhin hat er seinen ständigen Wohnsitz verlegt, "um in Ruhe arbeiten zu können".
Derlei tugendhaftes Profitum, "unbedingten Willen" und "knallharte Leistung", hat Hennie Kuiper nach drei Monaten angeblich auch bei seiner Truppe festgestellt. Seine Fahrer, sagt Kuiper mit dem offenkundig unvermeidlichen Seitenhieb auf Thurau, hätten begriffen, daß "Showmänner" im Radsport "nichts zu suchen" hätten.
Statt dessen wirken die Nachwuchskräfte, unter Kuipers Regie, zuweilen reichlich brav. Erst nachdem ihm der Holländer überaus gut zugeredet hatte, wagte sich zum Beispiel Sepp Holzmann, 24, bayrischer Bergmeister und mithin ein Spezialist für Steigungen, auf das gefährliche flämische Kopfsteinpflaster. Der Sprung ins Flachland, behauptet Kuiper, habe die Psyche gefestigt: Holzmann "bewundert sich jeden Tag selbst, weil er das schafft".
Die klassische Radler-Formation - einer vorn und alle dahinter - scheint zu tieferen Prägungen geführt zu haben. Der Holzmann-Kollege Werner Wüller, 27, holt sich in Belgien ehrfurchtsvoll von seinem Chef die Erlaubnis, als er, statt zur Massagebank, noch mal "eben ins Radgeschäft" gehen will. Sie könnten sich eben "Hierarchien unterordnen", sagt Bernd Gröne.
Den gelernten Installateur stören lediglich die gesellschaftlichen Folgen seines Olympia-Erfolges: "Irgendwelche Politiker" hätten plötzlich gemeint, für ihn "einen Empfang geben zu müssen", aber darauf habe er "keinen Bock, ehrlich nicht". Womöglich werde er sonst noch wie Steffi Graf, die er in Seoul kennengelernt hat: "Aalglatt". #

DER SPIEGEL 15/1989
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