09.01.1989

BÜCHER

Unbeständig Glück

Ein neuer Roman über den zweilichtigen Arzt und Frauenhelden Struensee ist über weite Strecken wörtlich abgeschrieben

Alexander U. Martens, Literaturredakteur beim ZDF-Kulturmagazin "Aspekte", ist Frust gewöhnt. Diese Berge von Büchern! Zu Hunderten flattern sie gratis ins Haus, und der arme Martens muß sie alle lesen. Denn nur so läßt sich des Mainzers Hobby, das "Aufspüren literarischer Talente" und die daraus resultierende alljährliche Verleihung des "Aspekte"-Literaturpreises, fernsehgerecht in Szene setzen.

Der Preis ist mit 15 000 Mark dotiert, und er geht an Debütanten, an "begabte literarische Anfänger". Bloß woher nehmen? In den letzten Wochen jedes Jahres werden dem geneigten Publikum neue Talente präsentiert, meist Eintagsfliegen. Doch im November letzten Jahres lachte Martens wieder mal das Glück: Er las "Styrr", den Erstling des Nachwuchsromanciers Peter Haff, 50, erschienen im angesehenen Benziger-Verlag in Zürich, versehen mit dem vieldeutigen Untertitel: "Die ungenaue Lage des Paradieses"**.

Das war - endlich - eine "genußvolle Lektüre", ein "poetischer Roman". Vor 1,86 Millionen Zuschauern geriet der Telemann ins Schwärmen, sprach von diesem "ganz und gar ungewöhnlichen, ich würde fast sagen: meisterlichen Roman", einem der "bemerkenswertesten Bücher nicht nur dieses Jahres, sondern der letzten Jahre überhaupt". Zum Beweis brachte Enthusiast Martens seinen Zuhörern eine Textprobe zu Gehör: "Friedrich Styrr, fuhr sie dann lesend und staubwischend fort, eine Legende aus Luft. Hast Du das geschrieben? Ich versuchte zu nicken . . ." Wie das Fernsehen so spielt, kam aufs Stichwort der Autor Peter Haff ins Bild, nickend: "Ja, danke schön, Herr Martens!" Dann erläuterte der Debütant, daß ihm ein Friedrich Struensee, Mann der Aufklärung und des 18. Jahrhunderts, zur "Kunstfigur Styrr" geraten sei. Das hätte er nicht sagen sollen.

Denn im fernen Hamburg machte das Stichwort "Struensee" zu später Stunde den alten Herrn Professor Stefan Winkle, 77, putzmunter. Der Gelehrte, jahrzehntelang Direktor der Medizinaluntersuchungsanstalt der Hansestadt, ist der Struensee-Kenner schlechthin.

Seit 1940 hat der Hygieniker und Mikrobiologe Winkle dem Dr. med. Johann Friedrich Struensee in Archiven und Bibliotheken hinterhergestöbert. Kein leichtes Unterfangen, denn Leben und Werk des Arztes Struensee (1737 bis 1772) sind durch rund 600 literarische Bearbeitungen, die dem Aufklärer seit seiner Hinrichtung widerfahren sind, bis zur völligen Unkenntlichkeit entstellt.

Meist kommt der deutschbürtige Doktor als Sittenstrolch daher. Er schlüpft zur 19jährigen dänischen Königin Caroline ins Bett, statt sich um seinen Patienten, ihren schizophrenen Ehemann König Christian VII., zu kümmern. Im Film reitet Struensee durch Nacht und Wind, säuft und frißt, was das Zeug hält, neuerdings prügelt er sich sogar schon im Comic. Zum bösen Ende wird der "Herrscher ohne Krone" (Bavaria-Film 1957) gefaßt, gefoltert, mit drei Beilhieben enthauptet und post mortem auch noch ausgeweidet - allemal Stoff für Debütanten und literarische Profis.

Als Hygieniker Winkle Anfang 1940 in der Bibliothek des Berliner Robert-Koch-Institutes ein Bündel vergilbter Schriften über Tierseuchen entdeckte, fand er darunter eine völlig vergessene "epidemiologisch bahnbrechende" Abhandlung des Altonaer Amtsarztes ("Physikus") Struensee. Von dem wußte Winkle damals nur, daß er ein "Abenteurer gewesen" sei, den man "wegen eines Verhältnisses mit der dänischen Königin hingerichtet" habe.

40 Jahre später konnte der ausdauernde Rechercheur Winkle das Bild von Struensee gründlich revidieren: Der hatte es in seinem 34jährigen Leben nicht nur zum "allmächtigen dänischen Geheimen Kabinettsminister" gebracht und in diesem Amt auf "unblutige Weise Maßnahmen der Französischen Revolution" vorweggenommen. Er war zugleich ein guter Arzt gewesen, ein erfolgreicher Seuchenbekämpfer, rastloser Aufklärer, Geburtshelfer, Epidemiologe und Musenfreund dazu. 1983 legte Winkle seine Struensee-Biographie vor, eine ebenso spannende wie faktenreiche Darstellung, die erste seit 200 Jahren, die alle Lebensabschnitte des umstrittenen Medikus umfaßte, die wissenschaftlichen Leistungen Struensees ebenso wie das bewegte Leben des Helden vor dem Hintergrund der Kultur-, Medizin- und Seuchengeschichte der Aufklärungszeit*.

Winkles Lebenswerk enthält allein 2178 Anmerkungen. Die medizinhistorische Fachkritik äußerte sich begeistert, ein Bestseller wurde das Opus magnum dennoch nicht. Nur 1000 Exemplare wurden gedruckt und verkauft - eines davon offenbar an den Romancier Peter Haff, der aus München stammt "und heute in der Schweiz und der Toskana" lebt, wie der Benziger-Verlag stolz meldet.

Peter Haff kennt sich aber auch anderswo gut aus:

Vielerorts haben die Räume, in denen die Sektionen durchgeführt werden und die nicht zu Unrecht den Namen "Theatrumanatomicum" tragen, den Charakter eines Gruselkabinetts.

So eine Haffsche Ortsbeschreibung in seinem "Styrr"-Roman über Struensees Studentenzeit.

Bei Winkle, im Original, las sich das so:

Vielerorts trugen die Räume, in denen die anatomischen Sektionen durchgeführt wurden und die nicht zu Unrecht den Namen "Theatrum anatomicum" hatten, den Charakter eines Gruselkabinetts.

Als der fleißige Studiosus Struensee mit 19 Jahren zum Doktor der Medizin promoviert worden war und im Alter von 20 Jahren Physikus in Altona wurde (der damals, 1757, zweitgrößten Stadt im Königreich Dänemark), führte er bald ein offenes Haus. Stefan Winkle schrieb darüber 1983:

Sein Tisch war mittags stets für sechs und abends für vier Personen gedeckt. Diese Gepflogenheit erinnert an Kant, bei dem die täglich geladenen Gäste ebenfalls "weniger als die Zahl der Musen und mehr als die Zahl der Grazien" betrugen . . . Zu Struensees Tafelrunde gehörten Ärzte, Gelehrte, Militärs, Handeltreibende, Künstler und Schauspieler, mit einem Wort Menschen, die mit offenen Augen und Ohren in der Welt herumgekommen waren, fremde Sitten und Ansichten kennengelernt hatten . . .

Debütant Haff fügt diesen Text seinem "Styrr" ein, nicht ohne ihn ein wenig zu glätten:

Er hielt viel auf eine gesellige Runde; sein Tisch war mittags für sechs, abends für vier Gäste gedeckt. Diese Gepflogenheit erinnert an Kant, bei dem die Geladenen "weniger als die Zahl der Musen und mehr als die Zahl der Grazien" betrugen. Zu Friederichs Runde gehörten Gelehrte, Ärzte, Handeltreibende und Militärs, Künstler und Schauspieler, kurz solche, die mit offenen Augen in der Welt herumgekommen waren, fremde Sitten und Ansichten kennengelernt hatten . . .

Professor Winkle hat im Debütantenwerk des Talents Haff mehr als 50 lange Textstellen gefunden, die er einst geschrieben hatte und mit denen sich nun Peter Haff schmückt. Kleine Verbesserungen sind dem Nachdichter dabei durchaus eingefallen. Berichtet etwa Winkle, wie Struensee den "Dramaturgen des neugegründeten Hamburger Nationaltheaters, Lessing" kennenlernt, so fügt sein Adept Haff in die lange Passage schnell noch die Vornamen "Gotthold Ephraim" ein. Auch der Philosoph Leibniz kann sich bei Haff verbessern - er bekommt ein zusätzliches "t" verliehen: "Leibnitz". Wenn Haffs "Styrr" unter Druck gerät, liest sich das so:

Wie ein Simultanschachspieler geht er, von seinem Dämon getrieben, umher, um da einen Zug zu tun und dort, von denen manch einer dem Volk als Offenbarung erscheint, muß die fast gewonnene Partie abbrechen mitten im Spiel, sie stehen lassen im Unvollendeten.

Gutes Bild, großer Atem - nur leider nicht von Haff. Bei Winkle kann man nachlesen, daß der literarische Langfinger diesmal den italienischen Philosophen Benedetto Croce beklaut hat, der 1919 über Leonardo da Vinci schrieb:

Wie ein Simultan-Schachspieler ging er, von innerer Unrast getrieben, umher, um da und dort einen Zug zu machen, von denen so mancher wie eine Offenbarung wirkte, mußte dann aber die fast schon gewonnenen Partien mitten im Spiel abbrechen und stehen lassen.

Die "Anmaßung der Urheberschaft an einem Geisteswerk", laut "Neuer Juristischer Wochenschrift" "landläufig Plagiat oder geistiger Diebstahl genannt", wird bei der Übernahme entlegener Zitate und der Entlehnung fremder Texte ohne Quellenangabe wahrscheinlich selten entdeckt. Auch Professor Winkle vermutet, daß der Neu-Schweizer Haff "aufgrund meines Geburtsdatums, ich bin Jahrgang 1911, wohl angenommen hat, ich hätte inzwischen die ,ungenaue Lage des Paradieses' schon gefunden".

Als Peter Haff noch Münchner war, in den bewegten sechziger Jahren, war ihm das Glück oft treu. Der Fabrikantensohn lernte 1965 in einer Bar die schöne persische Ex-Kaiserin Soraya kennen und avancierte zu ihrem ständigen Begleiter. 1966 überstand er ohne Blessuren zehn Wochen Knast; 1971 blieben ihm nach einem Offenbarungseid immerhin 20 Anzüge, 40 Hemden und 100 Krawatten. Auch diesmal muß sein Buch - dem der "Aspekte"-Literaturpreis für 1988 dann doch knapp entging - womöglich nicht eingestampft werden.

Professor Winkle ist ein milde gestimmter Gelehrter und überdies Kummer gewohnt: Denn schon 1985 hatte sich ein anderer deutscher Literat, der Sachbuch- und Hörspielautor Paul Barz, ganz dicht an Winkles "Struensee"-Biographie angelehnt. Barz, 45, aus Polen stammend und nun im Nordseebad St. Peter-Ording wohnhaft, hatte damals nach eigenem Zeugnis die "gültige Biographie" des "aufregend kurzen Lebens" des Doktor Struensee vorgelegt*.

Auch dieses Buch bekam von den Kritikern gute Noten. "Packend geschrieben" befand das "Hamburger Abendblatt", ein "lebendiges Bild vom untergehenden Absolutismus in Europa" erkannte das "Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt". Für die "FAZ" war klar, daß es nach Barz' Werk "nicht mehr möglich sein wird, Struensee zu übergehen".

Ganz allgemein hat der Sachbuchautor seinen treuen Lesern bewegt geklagt, wie er sich bei den Recherchen schindet: " . . . endlose Gänge in Bibliotheken, nächtelange Lektüre staubtrockener Dissertationen, Studium von Quellen, die immer dann zu versiegen drohen, wenn man - endlich - einer Antwort auf seine Fragen nahegekommen zu sein scheint." In Wahrheit, so urteilt die "Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte", sei die Barz-Belletristik "in weiten Teilen nicht mehr als eine Zusammenfassung jener Forschungsergebnisse, die Stefan Winkle in mehr als vierzigjährigem Quellenstudium erstellt hat und somit nicht weit von einem Plagiat entfernt".

Bei "flüchtiger Lektüre" fand Winkle sich auf 67 Seiten des Barz-Buches "exzerpiert", "ausgeschlachtet". Netterweise hat Barz das Winklesche Buch in seiner "Literatur"-Liste wenigstens erwähnt, worauf Neo-Romancier Haff gänzlich verzichtet. Denn solche Quellenangaben können ihre Tücken haben. Barz unterlief dabei ein "peinlich-verräterisches Mißgeschick", wie der Hamburger Geschichtsverein urteilt. Barz rühmt sich der Lektüre von sechs seltenen Büchern, die Winkle um 1940 im Altonaer Stadtarchiv ausgegraben hatte. Diese Einzelstücke ("Unikate") sind 1943 nach einem Bombenangriff allesamt verbrannt. Damals war, wie Winkle spottet, "der kleine Paul Barz gerade erst geboren" - aber offenbar schon wissenschaftlich tätig.

Biograph Barz und Romancier Haff hätten sich, statt immer nur Winkle zu lesen, auch mal bei den Bänkelsängern umhören sollen. Die machen sich auf den deutsch-dänischen Helden ihren eigenen Vers. Lehrreich, auch für Plagiatoren, ist die Moral von der Geschicht:

Allhier auf diesem Canapee Liegt Johann Friedrich Struensee. Es zeigen die zerteilten Stücken Die Unbeständigkeit von Glücken.

"Styrr"-Vorbild Struensee, "Styrr"-Autor Haff: "Hast Du das geschrieben?"

Struensee-Geliebte Königin Caroline von Dänemark* Den Leibarzt dem Ehemann vorgezogen

Struensee-Biograph Winkle Zu später Stunde putzmunter

Autor Haff, Ex-Kaiserin Soraya (1966): "Ungenaue Lage des Paradieses"

Struensee-Roman "t" für "Leibnitz"

Struensee-Biographie "Peinliches Mißgeschick"


DER SPIEGEL 2/1989
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