12.06.1989

VEREINEEin Stück Heimat

Entwicklungshilfe vom Bosporus: Der betuchte Sportverein Galatasaray Istanbul will den maroden Kölner Basketballklub BSC Saturn sponsern.
Die Vorstandsherren fanden Gefallen an ihrem Gesprächspartner. Mit Charme und Witz und in einem Deutsch, in dem er nahezu perfekt auch die schwierigsten Details bewältigte, hatte der türkische Industrielle Faruk Süren die prekäre Lage ihres Vereins analysiert. Kernaussage: "Keine Probleme" - mit seiner Hilfe werde die Krise überwunden werden.
Der weltgewandte Retter aus dem Morgenland, Vizepräsident des Istanbuler Sportklubs Galatasaray, verhandelte mit den Verantwortlichen des viermaligen deutschen Basketballmeisters BSC Saturn Köln und lockte mit einer bislang einmaligen Offerte: Erklären sich die Rheinländer bereit, ihren Vereinsnamen zu ändern und ihm, Faruk Süren, einen Vorstandssitz zu sichern, will der Unternehmer das finanzielle Überleben garantieren.
Für die Bundesrepublik ein Novum: Folgt die "außerordentliche Mitgliederversammlung" am Donnerstag dieser Woche dem Willen der Vorständler und verabschiedet den Deal, wird damit ein türkischer Klub erstmals einen deutschen Sportverein sponsern und für 1,2 Millionen Mark praktisch die Macht übernehmen.
BSC Saturn passe - Galatasaray Köln hieße die Spitzenmannschaft alsdann und trüge auch die Farben (Rot-Gelb) ihres neuen Förderers. Was immer da noch an rheinischem Herzblut vergossen werden mag, ein Rückzug ist schwerlich denkbar. Schlagen die Kölner das Angebot aus, wäre eine Auflösung ihres Bundesligateams die zwangsläufige Folge.
Für den 45jährigen Süren, der am Chiemsee sein Abitur machte und in Göttingen studierte, ehe er daheim zu Reichtum und Ansehen gelangte, rechnet sich der spektakuläre Kontrakt offenbar einfach. Keine Schwierigkeiten bereite es, so der Unternehmer, türkische Gewerbetreibende für einen Sponsorenpool zu gewinnen. Immerhin setzten seine Landsleute in der Bundesrepublik 1988 23 Milliarden Mark um.
In den deutschen Großstädten sind die 1,4 Millionen Türken umworbene Kunden ihrer eigenen Landsleute. Folglich reicht die Palette der möglichen Unterstützer vom Wurstfabrikanten bis zur Charterfluggesellschaft. Allein eine türkische Bank mit deutscher Filiale, behauptet Süren, habe 800 000 Mark für die Trikotwerbung geboten. Im Basketball eine ungewöhnlich hohe Summe, doch wenn es um Galatasaray geht, scheint die bloße Rendite hintanzustehen.
"Denn Galatasaray", sagt Süren, "ist ja mehr als nur ein Sportverein." Der Klub, der auf einer vor 175 Jahren gegründeten Schule für Staatsdiener fußt, wird in Istanbul fast als Kulturinstitut angesehen. Im Gegensatz zu den vergleichsweise proletarischen Stadtteilvereinen Fenerbahce und Besiktas wirkt in ihm ein nobler Männerzirkel mit intellektuellem Touch und wertvollen Ländereien. Wer sich der 45 000 Mitglieder starken "Bewegung" anschließen will, deren Blick gen Westen gerichtet war, landet zunächst für fünf Jahre auf einer Warteliste.
Hauptmotiv des Engagements am Rhein ist die Stärkung der Basketballer in Istanbul. Die Kooperation sieht gemeinsame Trainingslager vor; darüber hinaus soll der amerikanische Starcoach Tony di Leo, seit drei Jahren bei Saturn, am Bosporus Lehrgänge halten und in Köln türkische Nachwuchsspieler fortbilden. Auch als "Botschafter unserer Ideen", so stellt es sich Süren vor, werde das Profiteam Punkte sammeln: "Sie werden Galatasaray zu einem europäischen Begriff machen."
Die Politik ist im Konzept des smarten Weltbürgers ein willkommener Nebeneffekt. Galatasaray gebe, sagt Süren feierlich, den 70 000 in Köln lebenden Landsleuten die Gelegenheit, "aus dem scheuen Abseits" zu treten, biete ihnen eine Identifikationsmöglichkeit, "ein Stück Heimat".
Daß das auf zunächst drei Jahre befristete Joint-venture das Klima im Lande verbessern kann, hofft auch BSC-Nationalspieler Stephan Baeck: "Nach dem Erfolg der Republikaner in Berlin freue ich mich über diese Art der Völkerverständigung." Desgleichen hat der Deutsche Basketball Bund "keine Vorbehalte" gegenüber dem neuen Beistandspakt.
Mögliche Ressentiments in der deutschen Fan-Gemeinde fürchten die Vereinsvertreter kaum. Zumindest reden sie darüber nicht. Die Finanzlage gebietet das: Über Jahre hatte sich der Basketballklub allein auf das Mäzenatentum des Kölner Kaufmanns Fritz Waffenschmidt verlassen, der aus seinen Einkünften mit Schallplatten und Hi-Fi-Geräten jährlich eine Million Mark abzweigte. Als der Unternehmer 1984 seine Firma Saturn/Hansa Foto an den Kaufhof veräußerte, übernahmen die Warenhaus-Manager zugleich die Verpflichtung, diesen Betrag bis 1989 fortzuzahlen.
Das ist vorbei, und eine vom BSC Saturn beauftragte Marketing-Agentur stieß bei ihrer Suche nach einem neuen Sponsor rundum auf Desinteresse. Kölner Traditionsunternehmen wie Ford oder 4711 investieren lieber in weltbekannte Tennisstars als in Randsportarten wie Basketball.
Im Zuge der deutsch-türkischen Brüderschaft setzt man nun freilich auf Boom. Zum Saisonauftakt soll ein Freundschaftsspiel von Galatasaray Istanbul beim rheinischen Ableger den Appetit anregen. In Amerika sichtet Trainer di Leo demnächst einen türkischen College-Spieler aus Chicago zwecks Neuverpflichtung.
Indes weiß auch Faruk Süren, daß das Team um die Deutsche Meisterschaft spielen muß - "eine Flaschenmannschaft können wir uns nicht leisten". Dem Namen Galatasaray lasse er "keine Schande widerfahren". #

DER SPIEGEL 24/1989
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