13.02.1989

Niemandsland Psyche

„Die Unzertrennlichen“. Spielfilm von David Cronenberg. Kanada 1988; Farbe; 115 Minuten.
Sie haben so gut wie alles, und sie teilen fast alles: den beruflichen Erfolg, den sie als Gynäkologen mit einer angesehenen Praxis haben; den wissenschaftlichen Ruhm, den sie als medizinische Forscher im Grenzbereich weiblicher Mutationen erringen; die aseptische Eleganz der gemeinsamen Wohnung. Und die gemeinsamen Frauen.
Die beiden Ärzte, Beverly und Elliot Mantle, sind eineiige Zwillinge, und scheinbar profitieren sie hemmungslos von der Tatsache ihrer äußeren und inneren Gleichheit, die sie zum Verwechseln ähnlich macht und ihnen erlaubt, daß der eine sät, wo der andere erntet.
Und dann gibt es noch einen winzigen Unterschied: Elliot ist ein wenig skrupelloser, ein wenig extrovertierter, genießt öffentliche Anerkennung, glanzvolle Auftritte ein wenig mehr; Beverly ist etwas stärker in sich zurückgezogen, etwas gehemmter, so kann er forschen, wo der Bruder Anerkennung einheimst, der wiederum die Damen aufreißt, die er dann seinem Double überläßt.
Das Spiel geht gut, bis die beiden einen Filmstar erobern und teilen. Auf einmal ist Beverly stärker involviert, und da die Frau die Wechselspiele ohnehin, nachdem sie sie durchschaut hat, nicht weiter mitspielen will, versucht er sich von seinem Bruder abzunabeln.
An diesem Punkt wird aus David Cronenbergs Zwillingsporträt der "Unzertrennlichen" ein Cronenberg-Horror-Film. Nur daß sein Horror nicht mit platzenden Hirnen, Strömen von Eiter und Plasma und überlebensgroßem Getier durch die angstvollen Zuschaueraugen in deren psychische Bereitschaft projiziert wird, sondern direkt im Land der Psyche spielt. Beverly erlebt die Trennung von seinem Bruder, die Hinwendung zu einer Frau als Alptraum: Schreiend träumt er, wie die Frau die gemeinsam verbindenden Därme der Zwillinge durchbeißt und sie durch diese blutige Trennung zerstört werden.
Spätestens hier wird deutlich, wie sehr sich der Beruf und das Schicksal der Zwillinge in dem Film ineinander verwachsen hatten. Im Grunde sind die beiden deshalb Frauenärzte geworden, um ihren seltsamen Ursprung zu erforschen. Dabei erfinden sie seltsame Zangen, als wollten sie die Rätsel ihrer Geburt ihren Patientinnen buchstäblich entreißen. Jetzt, da einer von beiden sich trennen will, lösen sich nach und nach die Psychen beider auf gräßliche Weise auf - und das so, als wären sie in Wahrheit siamesische Zwillinge, wo Trennung und Abgrenzung zur Amputation wird.
Cronenbergs Film basiert auf einem Kriminalfall aus den siebziger Jahren. Da wurden in Manhattan zwei Gynäkologen im Zustand der Verwesung in einem Apartment an der East Side gefunden, in einem furchtbar verdreckten Chaos leerer Pillendosen, blutiger Arztbestecke und leerer Flaschen. Man entdeckte sie, weil ein unerträglicher Gestank aus der Wohnung gedrungen war.
Cronenberg hat diese Müllhalde eines Doppeltodes (War es ein Unfall? Ein gemeinsamer Selbstmord?) filmisch Schicht für Schicht abgetragen: Er zeigt, daß das Erschrecken über die zersplitternde, trüb werdende Identität von den Brüdern mit medizinischen "Eingriffen" manipuliert wird. Sie werfen Pillen und Drogen in die Schluchten der Schlaflosigkeit und der aufkeimenden Isolierung und beschleunigen so die Zerstörung, die sie zu besänftigen suchen.
So gesehen ist der Film auch eine Horrorvision über zwei hybride Mediziner, die ihre Psyche mit Muntermachern und Beruhigern fest im Griff zu haben vermeinen, während sie ihnen in Wahrheit in eine Müllhalde aus Unordnung und Destruktion entgleitet.
Auf diese Weise ist der neue, ganz andere Cronenberg vielleicht dann doch wieder der alte, immergleiche: Die spektakulären Horrorfilme, in denen überirdische Kräfte und Energien Menschen zum Platzen brachten, eklige Rieseninsekten sich in Wissenschaftlern einnisteten, waren in Wahrheit Ausdruck des gleichen psychischen Sachverhalts. In Cronenbergs bisherigen Schreckensvisionen zerbarst zu diesem Zweck die Person zu einem blutigen Gekröse. In seinen "Unzertrennlichen" werden zwei elegante, wissenschaftlich hoch gebildete Zeitgenossen in den Zustand seelischer Verwesung überführt: Der Körper, das Gefäß, muß dazu nicht mehr in die Luft geblasen werden.
Daß der Horror des Films auf eine so unheimlich eindringliche Weise und mit so unausweichlicher Konsequenz funktioniert, liegt vor allem an dem englischen Schauspieler Jeremy Irons, der die Brüder so nuanciert voneinander absetzt, sie anfangs mit einer so feingliedrigen Eleganz ausstattet, daß die Stufen der psychischen Verwüstung wie Schocks wirken. Was mit snobistischer Unnahbarkeit beginnt, endet in angstvollstem Selbstverlust.
Grundlage war ein perfektes technisches Verfahren. Cronenberg konnte Irons, wo es nötig war, janusköpfig "doppelt" ins Bild setzen. Er drehte die gleiche Szene zweimal, wobei ihm eine Computersteuerung die minutiös gleiche Kameraführung ermöglichte.
Der Ort des Schreckens ist Toronto, eine Stadt, die der Kanadier Cronenberg wie ein mondänes, kaltfunkelndes Niemandsland gefilmt hat: Hier ist man bestenfalls so zu Hause, wie man in einem Operationssaal zu Hause wäre. Nur daß in diesem OP sezierende Schnitte an der Psyche vorgenommen werden. Ein Film von einer ansteckenden Kälte.
Hellmuth Karasek
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 7/1989
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