10.07.1989

FERNSEHENPerle des Privaten

Der ehemalige Heinemann-Sprecher Geert Müller-Gerbes trifft mit seiner Talkshow beim Privatsender RTL plus den Geschmack des Publikums.
Der Mann sagt nicht einfach "Guten Abend", das wäre ihm zu schlicht. Seine Gäste in der RTL-Talkshow begrüßt Moderator Geert Müller-Gerbes, 51, stets "auf das herzlichste, liebenswürdigste und freundlichste".
Was immer ein Teilnehmer seiner Rederunden sagen "möchte, könnte, müßte oder wollte", soll er dürfen; kein Thema ist ihm zu schade, um nicht darüber plauschen "zu wollen, zu sollen und zu müssen".
Worthaufen sind Müller-Gerbes' Markenzeichen. Beinahe zwanghaft fallen dem Fernsehgastgeber Verbketten aus dem Mund, wie zum Beweis seiner Sprechpotenz. Obendrein hat er zwei Gags einstudiert: "Ich rolle das R bei Müller-Gerrrbes", und zum Abschied wünscht der Meister seinen Fernsehgästen regelmäßig "alles Liebe, alles Gute, alles Schöne", und zwar, falls er das mit charmantem Lächeln hinzufügen darf, "ob im Liegen, ob im Sitzen, ob im Stehen".
Mancher, glaubt Müller-Gerbes zu wissen, finde "das albern", aber, fügt er bestimmt hinzu, "ich nicht". Wer sich dem Publikum einprägen wolle, müsse eben "ein paar unverwechselbare Eigenheiten" wie diese vorweisen.
Eingeprägt hat er sich. Erst 17 Monate tritt der Bonner Chefkorrespondent von Radio Luxemburg mit der Talkshow "Die Woche - Menschen im Gespräch" im Nachtprogramm von RTL plus zum Wettstreit um die Einschaltquoten an. Doch schon hat sich der Neue im Quasselquiz der derzeit 20 westdeutschen TV-Runden einen Stammplatz in der Zuschauerneigung erplaudert.
700 000 bis 1,1 Millionen Fernseher werden mittwochs gegen 22.30 Uhr auf den Privatkanal umgeschaltet, wenn, wie Müller-Gerbes scherzt, "nicht der Friedrichs, sondern Frau Christiansen die ,Tagesthemen' moderiert". Auch die etablierte ZDF-Talkshow "live" bringt im Verhältnis nicht mehr Leute vors Gerät, gemessen daran, daß die Luxemburger nur die Hälfte aller TV-Haushalte erreichen.
Wird ansonsten am Genre Talkshow von der professionellen Kritik kaum ein gutes Haar gelassen, regnen auf den Silberkopf "GMG" (Sender-Kürzel) wahre Hymnen herab. Zu einer "Perle des Privaten" ("Gong") habe sich "Die Woche" gemausert. Die "routiniert geleitete Runde", befand der "Kölner Stadtanzeiger", gehöre "zu den wenigen ,Plus'-Punkten im RTL-Programm", dem Vorsprecher gebühre "der Kritiker-Lorbeer des derzeit besten Moderators".
Balsam auf seine Wunden. Müller-Gerbes' Karrierehoch liegt 15 Jahre zurück. Damals war er Sprecher des Bundespräsidenten Gustav Heinemann, doch nach dessen Ausscheiden stürzte der Blitzaufsteiger "in ein tiefes Tal". Ein Gastspiel für die damalige Gesundheitsministerin Katharina Focke (SPD) endete nach einem halben Jahr. Müller-Gerbes: "Die Chemie stimmte absolut nicht." Er jobbte für Nixdorf und eine Schallplattenfirma, organisierte die "Aktion vorbildliche Verkehrsfamilie". 1976 holte Frank Elstner den Klinkenputzer in den Journalismus zurück - als Statthalter von RTL in Bonn.
Da die Tätigkeit für den "Omo-Sender" (öffentlich-rechtlicher Kollegenspott) ihm in Bonn nur begrenzte Anerkennung verschaffte, suchte Müller-Gerbes anderweitig nach Bestätigung. Er wurde Vorsitzender des Bonner Presseballs, Mitglied beim Gesangverein und pflegte sein Aquarium.
Um so mehr genießt es Müller-Gerbes, daß er endlich wieder wer ist. Die Zeitschrift "Hörzu" hat ihm für "Die Woche" eine Goldene Kamera verliehen, der Bundespräsident hat ihm das Bundesverdienstkreuz angeheftet, und sogar Müller-Gerbes' Frau, eine taffe Bonner Patentanwältin, sieht sich seit neuestem manchmal die Talkshow an.
Konzeptionell hat die RTL-Schau, bei aller grundsätzlichen Ähnlichkeit mit der Konkurrenz, aus deren Fehlern gelernt. Anstatt sechs, acht oder, wie zuweilen bei der NDR-Talkshow, gar zehn Teilnehmer in ein Gespräch zu zwängen, stellt RTL-Redakteurin Claudia Tebel, 32, für Müller-Gerbes vier Leute zusammen. Im Mittelpunkt soll dabei nicht die Selbstdarstellung stehen - das Programm kommt ohne Filmausschnitte und Musikeinlagen der Geladenen aus -, sondern das gemeinsam herbeigeredete Gesamtkunstwerk.
Den Wechsel zwischen Einmischung und Zurückhaltung hat Müller-Gerbes sich antrainiert. Niemand kann ihm mehr vorwerfen, was die Münchner TV-Kritikerin Ponkie anfangs störte: Er reiße die Themen an sich, "ganz der lockere Flippi-Flocki-Fips vom fröhlichen Privatfernsehen". Die GMG-Salven sind seltener geworden - eine Leistung, die nur ermessen kann, wer weiß, wie viele Worte dieser Mann machen könnte.
Gern läßt sich der gelernte Zeitungsredakteur "barocke Sprachgewalt" attestieren. Vorzugsweise greift er beim Formulieren auf Metaphorisches zurück. Auf der Spitze jenes Eisbergs, der in fast jeder Sendung einmal hervorblitzen darf, tummeln sich jede Menge mit dem Bade ausgekippte Kinder, die am liebsten offene Türen nach Athen tragen würden.
Aber er kann auch anders. Im Austausch mit gebildeten Ständen gleitet dem juristisch Versierten schon mal das eine oder andere Tacitus-Zitat im Original in die Unterhaltung - Müller-Gerbes liest "seit 30 Jahren jede Woche ein Buch". Das dürfte ihn immerhin von den meisten seiner Kollegen unterscheiden.
Überhaupt profitiert der neue Mann, den die "Oldenburgische Volkszeitung" zum "Talk-As" kürte, vom Vergleich, was vor allem ein Licht auf die Konkurrenz wirft. So wirkt der joviale Müller-Gerbes, der sich selber erkennbar gut leiden kann, unverklemmter als manche Kollegen. Neben Quasselstrippen wie Margarethe Schreinemakers vom NDR schraubt sich der Altmeister lässig auf Studienrat-Niveau.
Politisch übt der RTL-Mann weitgehend Zurückhaltung. Müller-Gerbes' "radikaler Liberalismus" schimmert nur sehr gelegentlich durch. Ob er das Kartellamt nicht abschaffen müsse, falls er der Fusion von Daimler-Benz und MBB zustimme, wollte das ehemalige SPD-Mitglied von Wirtschaftsminister Helmut Haussmann wissen - für GMG-Verhältnisse der Gipfel an Keckheit.
Der "gestenzten Eitelkeit" ("medientelegramm") des Moderators ist es zu danken, daß er seiner Bildschirm-Wirkung zuliebe längere Sprechpausen einlegt. Dadurch gelingt ihm etwas Neues im deutschen Talk-Zirkus: Seine Gäste reden tatsächlich untereinander, der Meister hebt nur mal den Taktstock, wenn ihm das Tempo entgleitet.
Seit Müller-Gerbes durch Zurückhaltung gefällt, verpaßt er nun allerdings ab und zu ganz seinen Einsatz. Da darf der frühere Entwicklungshilfeminister Hans (Johnny) Klein, mit dem GMG seit 30 Jahren befreundet ist, über die umstrittenen Wohltaten der Regierung in der Dritten Welt schwadronieren, ohne vom Bonner RTL-Korrespondenten einmal unterbrochen zu werden.
Um eine harmonische Atmosphäre ist der überzeugte Familienmensch Müller-Gerbes privat und vor der Kamera bemüht. Provokation ist nicht seine Sache. Er hat's gern nett, was den Spannungslevel zuweilen bedenklich drückt. "Man muß auch das Publikum liebhaben", findet der Vater von vier Söhnen. Unberechenbare Gäste sind ihm daher unheimlich.
Die Berliner Filmemacherin und Schriftstellerin Marianne Enzensberger, 42, die mit grellrot gefärbten Haaren und schwarzem Nagellack in der gläsernen Pracht des Talkstudios im Kölner Luxushotel Maritim wie eine Autonome wirkte, würdigte Müller-Gerbes mit keiner Frage. Erst nachdem Willy Millowitsch Histörchen auf Histörchen zusammengekölscht hatte, durfte die unkonventionelle Künstlerin ihren Appell für mehr Verständnis mit den RAF-Häftlingen loslassen - kurz vor dem Abspann.
Den bayrischen Kabarettisten Georg Ringsgwandl, 40, der mit seinem Doppelleben als Arzt und greller Gaukler allzu brave Wohlanständigkeit irritiert, begrüßte der Talkmaster vor der Sendung ebenso erstaunt wie erleichtert: "Sie sehen ja wie ein Mensch aus!"
Damit die Rederunden notfalls trotz des Moderators unterhaltsam verlaufen, wird die Gästeliste sorgfältig ausgeklügelt. Was bei den öffentlich-rechtlichen Talk-Instituten ein Team von Redakteuren alle vier bis sechs Wochen zustande bringt, erledigt Claudia Tebel Woche für Woche. Sie hätte es ganz gern, wenn ihr Chef "weniger harmoniesüchtig" wäre, damit es "öfter mal funkt" in der Runde. Doch Müller-Gerbes ist es vor allem wichtig, "daß sich die Leute bei mir wohl fühlen".
Der Aufsteiger gefällt sich in Siegerpose. Autogramm-Wünschen kommt er mit einem Lächeln nach, das - halb Fuchsberger, halb Lou van Burg - wie in Aspik gegossen scheint. Kokett schwingt er seinen Namen aufs Papier: "Wenn das meine Mutter wüßte."

DER SPIEGEL 28/1989
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