13.03.1989

DIRIGENTENLöwe auf der Gralsburg

Stardirigent und Super-Mimose Carlos Kleiber debütierte in Karajans Berliner Philharmonie - Antrittsbesuch des Thronfolgers?
Klar, der könnte es werden: dieser Elan, diese Eleganz; soviel Präzision, soviel Perfektion; Charme ohne Schmiere, Dramatik ohne Schaumschlag, ein Forte wie aus Granit, die Kantilenen seidenweich, die Farbpalette lupenrein - klar, diesen verdammt begabten Carlos Kleiber, 58, wünscht sich so mancher auf Karajans Thron.
"Was ist der Mann für ein Ereignis!" begeisterte sich die Münchner "Abendzeitung" 1975, und immer noch setzt der genialische Außenseiter mit jedem seiner seltenen Auftritte ein Ausrufezeichen in die monotone Musikszene.
Die paar Minuten einer Ouvertüre, etwa der "Fledermaus", reichen, und selbst abgebrühteste Orchestermusiker rutschen auf die vorderste Stuhlkante. Scheinbar rettungslos ausgelutschte Evergreens des symphonischen Repertoires haben, wenn Kleiber sie abhorcht, auf einmal wieder Saft und Biß. Irgendwo bricht es dann immer auf, das "vulkanische Element, wie es vielleicht seit Gustav Mahler und dem jungen Klemperer nicht mehr da war" ("Süddeutsche Zeitung").
Die philharmonischen Eruptionen gelten weltweit als hörenswert. Als 1986 in Japan acht Kleiber-Konzerte angekündigt wurden, waren die Karten fünf Monate im voraus und innerhalb von zwei Stunden vergriffen.
Als Kleiber beim vergangenen Jahreswechsel in Wien erstmals das TV-"Neujahrskonzert" leitete, beobachtete der Kritiker der örtlichen "Presse" verblüfft einige "Damen, die vor Erregung über die Künste des Dirigenten beinahe aus ihren Logen zu fallen drohten".
Zumindest fiebrig erhöhte Temperatur, deutliches Anzeichen eines kreißenden Großereignisses der Branche, griff Anfang letzter Woche auch in Deutschlands symphonischer Gralsburg um sich: Kleiber war erstmals als Gast in der Berliner Philharmonie angekündigt. Endlich, immerhin 35 Jahre nach seinem Kapellmeister-Debüt im benachbarten Potsdam, sollte der dünnhäutige Exzentriker leibhaftig auf Karajans Hochsitz erscheinen und sich dort auch freimachen vom Schatten des dirigierenden Übervaters Erich Kleiber (1890 bis 1956), der vor allem bis zur Hitler-Herrschaft in Berlin zu den überragenden Musikern gezählt hatte.
Ein Sicherheitsrisiko das Ganze - denn so strahlend das Bild dieses Stars, so auffällig die Turbulenzen in dessen Laufbahn: Kräche, Skandale, eitles Diven-Gehabe. Schließlich hatte Carlos Kleiber seiner Geburtsstadt Berlin schon für Juni 1982 drei Konzerte zugesagt und sich darauf angeblich eineinhalb Jahre lang eingestimmt. Und dann? Absage aus Krankheitsgründen, wie andernorts schon so häufig bei diesem Sensibelchen.
Da hatte der Dirigent mit der Piano-Mimose Arturo Benedetti Michelangeli ein fulminantes Es-Dur-Konzert von Beethoven hingelegt. Doch als das "musikalische Gipfeltreffen" (Kritiker Karl Heinz Ruppel) für die Platte noch mal nachgespielt werden sollte, stieß sich, so die glaubwürdige Überlieferung, Kleiber plötzlich an der "dämlichen Visage" des tatsächlich blasiert dreinblickenden Klaviervirtuosen.
Die Wiener Philharmoniker, die Kleiber seit Jahren aus der Hand fressen, hat er im Dezember 1982 bei einer Probe einfach sitzenlassen. Klopfte ab, legte den Taktstock nieder und ging.
Der Bariton Renato Bruson fühlte sich durch Kleibers laute Beschimpfungen auf der Bühne der Mailänder Scala "beruflich und menschlich beleidigt" und packte seinen Kram. Kleiber seinerseits ließ eine "Boheme"-Produktion der Deutschen Grammophon platzen, weil er nicht auf den verspätet einfliegenden Placido Domingo zu warten gewillt war. Mal Kräutchen Rührmichnichtan, mal Zampano - die Berliner, verständlich, hatten Bammel vor dem Debüt des Unberechenbaren.
Für den jederzeit denkbaren Fall gefährlicher Hochspannungen war allerdings eine Sicherung eingebaut worden: Kleibers Premiere firmierte offiziell als Benefizkonzert für Unicef, und Bundespräsident Richard von Weizsäcker trat als Schirmherr auf. Weizsäcker, behaupten einige, habe das ganze Arrangement überhaupt erst ermöglicht. Caritas und Staatsmann sollten Kleiber jedenfalls an der Ehre packen und vor Unlust oder Überdruß bewahren.
So kam er denn auch wirklich, und wie ein Dschingis-Khan der schönen Künste hat er sich, allen diesbezüglichen Befürchtungen zum Trotz, keinen Augenblick lang aufgeführt. "Ausgesprochen höflich" fanden ihn die Philharmoniker, "geduldig", "hilfsbereit", "manchmal regelrecht charmant". Im Vorruhestandsalter ist Kleiber also offenbar zum feinen Herrn geworden: Don Carlos. Unter den Musikern herrschte Hochstimmung: "Wir klingen wieder wie in Karajans besten Zeiten."
Schon mit dem ersten Crescendo von Webers "Freischütz"-Ouvertüre geriet das Publikum am Donnerstag abend in den schönsten philharmonischen Taumel. Das Presto-Finale in Mozarts "Linzer Symphonie" lief wie an den Schnürchen eines instrumentalen Marionettentheaters. Und aus Brahms' oft beschaulich überdehnter D-Dur-Symphonie wurde ein grandios geschliffener Brocken romantischer Orchestermusik.
Die Musiker im Rausch, die Zuhörer aus dem Häuschen, Kleiber sichtlich beglückt, sein Berlin-Trauma überwunden. Nun, nach diesem fulminanten Debüt, wird das Crescendo der frommen Wünsche so richtig einsetzen: mehr gemeinsame Konzerte, jede Menge gemeinsame Platten, endlich der Ritterschlag - Carlos Kleiber auf Karajans Thron.
Grober Unfug. Was die Erbfolge Karajans angeht, gehört Kleibers Name auf kein Kandidaten-Papier, nicht mal auf eine alternative Liste. Die Berliner Philharmonie ist für diesen Löwen nicht die richtige Höhle. Kleiber braucht weder Gehege noch Amt, sondern freien Auslauf.
Er ist nur da und so lange Ereignis, wie er seine Forderungen (auch gegen sich selbst) durchsetzen kann, auf einer riesigen, privaten Spielwiese und mit der Narrenfreiheit, Verträge zu brechen, Platten nicht zu produzieren, produzierte nicht freizugeben, mit einem lachhaft dürftigen Repertoire rumzureisen, gedruckte Partituren monatelang nach Fehlern abzusuchen.
Am liebsten würde er ohnehin den ganzen Kapellmeister-Kram hinschmeißen und 65 000 Mark Mindest-Abendgage in den Schornstein schreiben. Eine solche Demission ist ihm täglich zuzutrauen. Aber vorher sollte sich der exzentrische Star in Berlin noch zu ein paar neuen Sternstunden herablassen.
Klaus Umbach

DER SPIEGEL 11/1989
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