17.07.1989

NATOSchlacht von gestern

Trotz harter Kritik aus Bonn entwerfen die Nato-Militärs schon wieder Drehbücher für ihr nächstes Atomkriegsspiel „Wintex-Cimex 91“.
Der Kanzler war befremdet, den Außenminister plagten düstere Gedanken.
Das war Ende April. Der SPIEGEL (17 und 18/1989) hatte zum Entsetzen der Militärs enthüllt, daß die Nato bei der Stabsübung "Wintex-Cimex 89" zum erstenmal dem Ersteinsatz (first use) von Atomwaffen gleich einen zweiten Atomschlag (follow on use) folgen ließ und damit alles zerstörte, was eigentlich verteidigt werden soll.
Die im Nato-Drehbuch vorgesehenen 45 atomaren Bomben, Raketensprengköpfe und Artilleriegeschosse hätten im Ernstfall nicht nur, wie wissenschaftliche Berechnungen ergaben, weite Teile der Bundesrepublik und der DDR durch Feuerstürme und radioaktive Niederschläge verwüstet, sondern auch Millionen Menschen getötet. In Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn wären ganze Landstriche für Jahrzehnte unbewohnbar gewesen.
"Das ist ein Szenario, das für uns Deutsche völlig unakzeptabel ist", erregte sich Helmut Kohl vor der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. "Ich habe einen Eid geleistet, Schaden vom deutschen Volk zu wenden", versicherte Hans-Dietrich Genscher. Er mochte auch die Entschuldigung des Verteidigungsministeriums nicht gelten lassen, die Amerikaner hätten nur Militärs und Technokraten entscheiden lassen, denen "die nötige Sensibilität gefehlt" habe.
So ehrlich die Empörung auch gewesen sein mag: Kohl und Genscher hätten wissen können, was die Generale und ihre Stäbe ausgeheckt hatten.
Der Nato-Oberbefehlshaber in Europa, US-General John Galvin, hatte seine Pläne, wie Sitzungsprotokolle ausweisen, in den zwei Jahren vor Beginn der Kriegsspiele neunmal dem Ständigen Nato-Rat und dem Nato-Militärausschuß vorgelegt und sogar mündlich erläutert. Im Nato-Rat in Brüssel sitzt ein Botschafter des Bonner Auswärtigen Amtes, den Vorsitz führt seit 1988 ein Deutscher: Nato-Generalsekretär Manfred Wörner. Im Nato-Militärausschuß in Brüssel sitzt ein Generalleutnant des Bonner Verteidigungsministeriums, auch hier führt den Vorsitz ein Deutscher: General Wolfgang Altenburg.
Weder im Nato-Rat noch im Nato-Militärausschuß wurden die mit den höchsten Geheimstempeln "Nato Cosmic" und "Atomal" versehenen Schreckenspläne des US-Generals beanstandet.
Nachdem auch die Generalstabschefs der Nato-Länder - die Deutschen waren durch ihren Generalinspekteur Dieter Wellershoff vertreten - in einer Sitzung im Dezember vergangenen Jahres ihre Zustimmung gegeben hatten, sandte Galvin, wie die Vorschrift es befiehlt, 45 Tage vor Übungsbeginn seine Drehbücher an die Verbündeten; in Bonn erhielten das Kanzleramt, das Auswärtige Amt, das Verteidigungs- und das Innenministerium je ein Exemplar. Auch von ihnen kamen keine Einwände, das Spiel lief ab. Erst danach gaben sich die Politiker sehr "befremdet" (Innenminister Wolfgang Schäuble), doch die Verärgerung dauerte nicht lange.
Die Militärs arbeiten, unbeeindruckt von den markigen Protesten in Bonn und den erfolgversprechenden Abrüstungsverhandlungen in Wien, schon seit vier Wochen an Plänen für das nächste große Atomkriegsspiel.
Der Führungsstab der Streitkräfte schrieb unter dem Aktenzeichen 34-01-16 Mitte Juni an hohe Offiziere und Beamte im Verteidigungsministerium und in den Nato-Behörden eine "Weisung für die Vorbereitung, Durchführung und Auswertung" von "Wintex-Cimex 91". Das Papier unterscheidet sich kaum von früheren; lediglich das Wort "Kriegsphase" wurde ersetzt. Die Militärs sprechen jetzt von "Verteidigungsphase".
Die neue Übung soll vom 22. Februar bis 7. März 1991 stattfinden. Um die "Funktions- und Handlungsfähigkeit zu erhalten und verbessern", will die Nato laut Weisung
die "gültigen Operationspläne und Verfahren der Streitkräfte zur Vorneverteidigung" und
die "Führungsfähigkeit bei eingeschränkten Fernmeldeverbindungen" überprüfen;
bündnisweit das "Aufrechterhalten der See- und Luftverbindungslinien" sowie
die "nuklearen Konsultationsverfahren" erproben.
Der letzte Punkt macht deutlich, daß für 1991 wie eh und je der Einsatz von Atomwaffen geplant wird. Die 1986 verabschiedeten "Allgemeinen Politischen Richtlinien" für den Einsatz von Atomwaffen schreiben vor, daß der US-Präsident vor Freigabe der ersten Bomben und Sprengköpfe die Verbündeten konsultiert - "wenn Zeit und Umstände" es erlauben.
"Der Generalsekretär der Nato", heißt es im Schreiben des Führungsstabes, "wird wiederum die Schirmherrschaft (,Sponsorship') für diese Übung" übernehmen, der Nato-Oberbefehlshaber Europa die "Vorbereitung und Durchführung" koordinieren; in Bonn sei das Verteidigungsministerium "federführend".
US-General John Galvin und sein Stab, die schon "Wintex 89" zu verantworten hatten, haben inzwischen die ersten Entwürfe für das neue Kriegsspiel fertiggestellt. "Wintex-Cimex 91" soll nach dem 1969 eingeführten Schema ablaufen.
Krise irgendwo in der Welt, Mobilmachung im Osten, Mobilmachung im Westen. Die Sowjet-Union verlegt Verbände an die Westgrenze der DDR und der CSSR, die USA fliegen Soldaten nach Europa und verschiffen Waffen und schweres Gerät. Die Sowjets greifen mit konventionellen Waffen an, die Nato muß - wider alle militärische Logik - schon nach wenigen Tagen Atomwaffen einsetzen, weil der Angriff aus dem Osten anders nicht zu stoppen ist. Versuche, die brenzlige Lage zu entspannen, werden nicht gemacht.
Schon Kohl-Vorgänger Helmut Schmidt hatte kritisiert, daß die Nato-Drehbücher "keine wirkliche Flexibilität" böten und von einer viel zu schnellen Eskalation in den Atomkrieg ausgingen. Schmidt: "Als ich 1969 Verteidigungsminister wurde, war mit klar, daß diese Strategie innerhalb weniger Tage zu millionenfacher Vernichtung menschlichen Lebens in beiden Teilen Deutschlands führen könnte."
Schmidt versuchte die Nato-Militärs zu realistischen Planspielen zu überreden, ohne Erfolg. Als Bundeskanzler immer wieder mit den Nato-Manövern konfrontiert, nahm er Ende der siebziger Jahre seinen Generalinspekteur Jürgen Brandt beiseite und erklärte kategorisch: "Ich denke, wir sind uns einig: Nach der ersten Atomexplosion in Deutschland befehle ich die Einstellung der Kampfhandlungen."
Dennoch konnten die Nato-Militärs bisher nicht dazu gebracht werden, ihre Kriegsszenarien zu ändern. Für sie ist und bleibt Europa der Kriegsschauplatz, auf dem sie die Schlachten von gestern mit den Waffen von heute schlagen.
Die Amerikaner wollen, wenn es denn zu einem Ost-West-Konflikt kommen sollte, nicht sofort den großen Atomschlag gegen die Sowjet-Union und damit ihre eigene Existenz riskieren. Sie proben den auf Europa begrenzten Krieg.
Mit der Starrheit alter Esel lassen der Nato-Oberbefehlshaber Europa und sein Stabschef, beide stets Amerikaner, alle zwei Jahre von ihren Obristen die alten Drehbücher neu auflegen. In Ereignis-Listen und Alarmkalendern wird minutiös festgehalten, was wann zu geschehen hat - von der Mobilmachung über die Ausgabe von Lebensmittelkarten, die Beschlagnahme von Kraftfahrzeugen und die Evakuierung der Bevölkerung bis hin zum Ausrücken der Truppen und dem Einsatz von Atomwaffen. Die Politiker hoffen, daß die Öffentlichkeit nicht erfährt, was da gedacht, geprobt und für den Ernstfall vorbereitet wird.
Im Regierungsbunker an der Ahr lassen sich der Kanzler, Minister und Abgeordnete durch Beamte vertreten, denen wichtige Informationen vorenthalten werden und die daher kaum Entscheidungsmöglichkeiten haben - zivile Statisten auf einer militärischen Bühne, die von Generalen und Obristen beherrscht wird.
Die deutschen Interessen bei der Vorbereitung von "Wintex-Cimex 91" soll jetzt ein Oberst vertreten. Er hat, wie unter Punkt 5.1 der Bonner Weisung zu lesen, "bei Ausgestaltung der Szenarien die nationalen Standpunkte gegenüber Nato-Dienststellen" vorzutragen.
Der brave Oberst wird, wie die Erfahrungen im Nato-Hauptquartier in Mons/Belgien zeigen, nicht einmal bis zum Stabschef des amerikanischen Oberbefehlshabers vordringen.
Als US-General Galvin am 12. Juni kurz vor der Ankunft Michail Gorbatschows in Bonn eine Nato-Alarmübung befahl, wagten auch die ranghöchsten deutschen Gehilfen in Mons keinen Widerspruch: General Eberhard Eimler ist stellvertretender Oberbefehlshaber, Generalleutnant Wolfgang Malecha stellvertretender Chef des Stabes. Kurz vor dem Ausrücken der Truppe intervenierte Dieter Wellershoff, der Generalinspekteur der Bundeswehr, der sich gerade für den Empfang des sowjetischen Staatschefs feinmachte.

DER SPIEGEL 29/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 29/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

NATO:
Schlacht von gestern

Video 01:28

Erster Weltkrieg Deutsches U-Boot vor Ostende entdeckt

  • Video "Erster Weltkrieg: Deutsches U-Boot vor Ostende entdeckt" Video 01:28
    Erster Weltkrieg: Deutsches U-Boot vor Ostende entdeckt
  • Video "Drohnenvideo aus Australien: Walkuh schiebt Kajak beiseite" Video 00:43
    Drohnenvideo aus Australien: Walkuh schiebt Kajak beiseite
  • Video "Rede vor der Uno: Trump droht Nordkorea mit völliger Zerstörung" Video 01:32
    Rede vor der Uno: Trump droht Nordkorea mit "völliger Zerstörung"
  • Video "Sturm der gefährlichsten Kategorie: Hurrikan Maria bedroht Karibikinseln" Video 00:59
    Sturm der gefährlichsten Kategorie: Hurrikan "Maria" bedroht Karibikinseln
  • Video "#1TagDeutschland: Bundeskanzlerin Weidel oder Wagenknecht, Herr Scheuer?" Video 01:35
    #1TagDeutschland: Bundeskanzlerin Weidel oder Wagenknecht, Herr Scheuer?
  • Video "Überraschung: Ex-Trump-Sprecher Spicer tritt bei Emmy-Verleihung auf" Video 01:24
    Überraschung: Ex-Trump-Sprecher Spicer tritt bei Emmy-Verleihung auf
  • Video "Das Tote Meer Chinas: Salzsee färbt sich grell pink" Video 00:00
    Das "Tote Meer Chinas": Salzsee färbt sich grell pink
  • Video "Militärmanöver Sapad: Das Misstrauen ist sehr groß" Video 02:31
    Militärmanöver "Sapad": "Das Misstrauen ist sehr groß"
  • Video "Dokumentation über Flüchtlingskrise: Unfassbar, was da draußen stattfindet!" Video 02:30
    Dokumentation über Flüchtlingskrise: "Unfassbar, was da draußen stattfindet!"
  • Video "Europäer über die Bundestagswahl: Ich hoffe, Schulz wird Finanzminister" Video 01:38
    Europäer über die Bundestagswahl: "Ich hoffe, Schulz wird Finanzminister"
  • Video "Radikalisierung der AfD: Der Einzug in den Bundestag ist eine Zäsur" Video 05:04
    Radikalisierung der AfD: "Der Einzug in den Bundestag ist eine Zäsur"
  • Video "Webvideos der Woche: Einparken in luftiger Höhe" Video 01:58
    Webvideos der Woche: Einparken in luftiger Höhe
  • Video "Rapper trifft Familienministerin: N Sack Kartoffeln is ´n Sack Kartoffeln" Video 31:45
    Rapper trifft Familienministerin: "N Sack Kartoffeln is ´n Sack Kartoffeln"
  • Video "Blinder Passagier: Koala klammert sich unter fahrendem Auto fest" Video 01:02
    Blinder Passagier: Koala klammert sich unter fahrendem Auto fest
  • Video "Zufallsfund in Norwegen: 1100 Jahre altes Wikingerschwert entdeckt" Video 01:25
    Zufallsfund in Norwegen: 1100 Jahre altes Wikingerschwert entdeckt