20.02.1989

NSA: Amerikas großes Ohr

Die National Security Agency, der aggressivste US-Nachrichtendienst, hört Freund und Feind ab

Im weltweiten Gewimmel der Funkwellen speichert die US-Regierung alle Signale, Befehle und Gespräche. Die National Security Agency (NSA), der geheimste aller Geheimdienste, lauscht rund um den Erdball und rund um die Uhr - auch in der Bundesrepublik. Letzter spektakulärer Erfolg, der die Beziehungen zwischen Bonn und Washington belastete: die von der NSA abgehörten Gespräche der Chemie-Firma Imhausen mit Libyen.

Im Elm, einem waldreichen Höhenzug südöstlich von Braunschweig, herrscht tiefer Friede. Hier darf die Bundeswehr nicht üben, hier donnern weder "Tornados" noch "Phantoms" über die Wälder - zehn Kilometer weiter beginnt die DDR.

Mitten im Naturschutzgebiet stoppt ein herrisches Schild den braven Wanderer: "Restricted Area Warning", unten drunter auch auf deutsch: "Sperrgebiet Warnung". Unbefugte haben keinen Zutritt, alles ist verboten: das Photographieren, das Anfertigen von schriftlichen Notizen, Zeichnungen, Karten und graphischen Darstellungen. "Jegliches Material dieser Art" unterliegt der Beschlagnahme; wer die Anordnung nicht befolgt, wird "nach den Gesetzen der U.S.A. und/oder der Bundesrepublik Deutschland" bestraft.

Die Drohung hat keine Unterschrift. Sie warnt vor einem Schattenreich, dessen Konturen 2000 Meter weiter am Waldrand sichtbar werden: Antennen und Kuppeln über einem futuristischen Gebäude aus Beton, drohend und kalt. Stacheldraht und Eisenzäune schützen das Haus ohne Namen. Hoch über Schöningen am Elm hat der Große Bruder ein Ohr installiert.

Nicht nur dort. Im oberbayrischen Bad Aibling überragen geriffelte Aluminiumkuppeln wie riesige Golfbälle die Ebene. Im Berliner Grunewald, auf dem 115 Meter hohen Teufelsberg, stehen Stahlgittermasten wie Spargelkraut in der Landschaft. Und in der Lech-Ebene bei Gablingen liegt ein mächtiges, kreisförmiges Antennengitter, etwa 300 Meter im Durchmesser und 100 Meter hoch, wie ein Riesenohr im Gelände.

Daß hinter meterhohen Zäunen streng gehütete Geheimnisse stecken, ist den Anwohnern der Sperrgebiete längst bewußt. Seit Jahrzehnten dürfen sie die "Radarstationen" nur aus der Ferne betrachten.

Die abgeschirmten Anlagen sind Knotenpunkte eines unsichtbaren Netzes, das die Bundesrepublik und den gesamten Erdball umspannt. Amerikas geheimster Geheimdienst, die National Security Agency (NSA), lauscht weltweit und rund um die Uhr, ganz besonders in der Bundesrepublik.

Von alliierten Sonderrechten ermächtigt und durch Gesetze geschützt, von allzeit schußbereiten Sicherheitskräften bewacht, von kamerabestückten Stacheldrahtzäunen und elektronischen Schutzschilden umhüllt, hat sich die NSA zu einer Monsterorganisation entwickelt, die in einem politischen Vakuum weitgehend nach eigenem Gutdünken operiert.

Niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit hat irgendeine Macht der Erde Vergleichbares zustande gebracht - Lauschangriffe rund um die Erde. Was Präsidenten oder Minister in Kabinettssitzungen reden, was in Königshäusern oder auf Vorstandsetagen gesprochen wird, ob Generale saufen oder Botschafter fremdgehen, alles auf Band: Die Vertraulichkeit des Wortes ist aufgehoben, die Privatsphäre verletzt.

Der US-Geheimdienst hört überall und jeden ab, was Gorbatschow im Politbüro zu sagen hat, welche Aktien Schweizer Bankiers in New York verkaufen wollen, wie die Berliner AL über die Berliner SPD denkt und umgekehrt. Die NSA-Lauscher wissen, was die befreundeten und die feindlichen Dienste einander zu sagen haben, welche Serie die "Washington Post" plant, wie oft der Chef mit Mitarbeiterinnen nach Dienstschluß zugange ist.

Wie in der Bundesrepublik, wo die eingeschränkte Souveränität der Deutschen freie Betätigung garantiert, unterliegt das Nachrichtenimperium nirgendwo einer Kontrolle. Pläne und Aktionen bleiben geheim, Namen der Mitarbeiter anonym. Weil das Budget des undurchsichtigen Großunternehmens in verschleierten Etatposten verschiedener US-Ministerien versteckt war, wußten selbst amerikanische Abgeordnete jahrelang nichts von der Bedeutung des Dienstes.

Im Auftrag amerikanischer Generale und Politiker haben Techniker, Elektroniker und Ingenieure auf allen Kontinenten Horchposten stationiert. Die US-Regierung gibt jährlich etliche Milliarden Dollar aus, um im gigantischen Gewimmel der elektromagnetischen Wellen kein Signal, keinen Befehl und kein Gespräch zu verpassen, das auch nur im entferntesten die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten von Amerika berühren könnte.

So perfekt und so umfassend funktioniert Amerikas großes Ohr, daß es längst auch Töne hört, die das legitime US-Sicherheitsbedürfnis übererfüllen. Vom Boden der Bundesrepublik aus belauscht die Besatzungsmacht USA nicht nur Marschbefehle, die östliche Generale ihren Truppen im Manöver erteilen, erfaßt nicht nur die Radarsignale sowjetischer Luftabwehrstellungen in der Ukraine. Die Antennenschüsseln und Empfangsanlagen, ob in Berlin, Braunlage oder in Bad Aibling, lassen sich auch leicht auf Richtfunkfrequenzen trimmen, auf denen die Deutsche Bundespost nahezu jedes dritte Telephongespräch durch die Republik verschickt.

Westdeutsche Geheimdienstler wissen längst, daß das Fernmeldegeheimnis, der gesetzliche Schutz des "nichtöffentlich gesprochenen Worts", nichts gilt. Wer immer zwischen Nordsee und Alpen zum Telephonhörer greift, muß gewärtig sein, daß auch die NSA in der Verbindung ist - Freund hört mit.

Das war schon so, bevor Computer die Nachrichtentechnik veränderten. Hermann Höcherl (CSU), Innenminister im letzten Kabinett Adenauer, wußte um die Praktiken der Amerikaner. Abhören? Wir, die Deutschen? "Das hatten wir gar nicht nötig", so Höcherl heute, "wenn wir was wissen wollten, haben wir's den Amerikanern gesagt."

Auch heute noch profitieren Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt von den großen Lauschern der Siegermacht, die, einem riesigen Staubsauger gleich, alle nur denkbaren Informationen aus den Richtfunkstrecken der Bundespost herausfiltern.

In unregelmäßigen Abständen, berichtet ein hoher westdeutscher Geheimdienstler, gehen in Köln und Wiesbaden schriftliche Informationen über terroristische Verabredungen oder extremistische Bestrebungen ein. Die Skripte stammen von der NSA, enthalten aber nie Wortprotokolle, sondern nur Aussagen in indirekter Rede. Allein Eingeweihte wissen, daß die Begleitformulierung "absolut zuverlässige Quelle" ausschließlich für mitgehörte Telephongespräche steht.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz gibt die Informationen, mit Dringlichkeitsvermerk der Stufen A bis D markiert, an die Landesämter weiter. Berichte amerikanischer Geheimdienste, die lediglich den Zusatz "zuverlässige Quelle" enthalten, werden automatisch in die Stufe B oder noch niedriger eingeordnet. Das Kürzel B steht für "menschliche Quellen", die den Diensten weniger wert sind als abgehörte Telephonate.

Nur selten sind Mitschnitte von verfänglichen Nachrichten im Wortlaut veröffentlicht worden. So beim Abschuß des südkoreanischen Jumbos durch einen sowjetischen Militärjet nahe der fernöstlichen Halbinsel Sachalin am 1. September 1983, bei dem 269 Menschen in den Tod stürzten. NSA-Lauscher hatten den Funkverkehr des Militärpiloten, der die koreanische Zivilmaschine für ein Spionageflugzeug gehalten hatte, mit dessen Bodenstation mitgeschnitten.

Eine weitere Text-Veröffentlichung erfolgte nach dem Anschlag auf die West-Berliner Diskothek "La Belle", bei dem im April 1986 zwei US-Soldaten und eine Zivilistin ums Leben kamen.

Die Regierung in Washington, die schon kurz nach dem Bombenattentat den libyschen Staatschef Muammar el-Gaddafi als Auftraggeber beschuldigt hatte und dann einen Raketenangriff auf dessen Hauptquartier in Tripolis fliegen ließ, war damals in Beweisnot geraten. So veröffentlichte sie dechiffrierte Nachrichten, die angeblich zwischen Tripolis und dem libyschen Volksbüro in Ost-Berlin ausgetauscht und von einem US-Horchposten "im Herzen der Bundesrepublik" aufgezeichnet worden waren.

Gaddafis Mitwisserschaft war damit zwar nicht bewiesen, aber der Vergeltungsschlag aus Sicht der Amerikaner hinreichend erklärt.

Auch die Gewißheit der Amerikaner, daß deutsche Firmen am Bau einer Giftgasfabrik in Libyen beteiligt sind, geht auf Erkenntnisse der NSA zurück. Ein Aufklärungsschiff, im Mittelmeer stationiert, hat Telephongespräche zwischen Rabita und der Firma Imhausen in Lahr abgehört und ausgewertet.

Schon Anfang Januar hatte Hans-Georg Wieck, der Präsident des Bundesnachrichtendienstes, den Bonner Geheimdienst-Staatssekretär Waldemar Schreckenberger über die Abhöraktivitäten der Amerikaner unterrichtet. Das Wieck-Papier, in der höchsten Geheimhaltungsstufe - streng geheim, mit Codewort - abgefaßt, nennt zwar die NSA nicht namentlich, sondern nur "die Amerikaner". Das Telephongespräch sei offenkundig via Satellit geführt und "vor Sizilien" vom US-Geheimdienst aufgefangen worden. "Daß es die NSA war, die das gemacht hat", so ein BND-Mitarbeiter, "davon kann man ausgehen."

Da die Amerikaner einen erklecklichen Teil ihrer Geheimdienst-Milliarden für Lauschoperationen in der Bundesrepublik investieren, fällt für die deutschen Dienste immer etwas ab. Selbst innenpolitische Interna sind dem Bündnispartner jenseits des Atlantiks willkommen.

Ein hoher deutscher Nachrichtendienstler kann sich beispielsweise "gut vorstellen", daß die NSA abhört, was der Hamburger Senat mit dem bayrischen Innenministerium zu besprechen hat. Der Beamte weiß genau, wie US-Techniker das machen: Die Sammelnummern beider Behörden werden in den Lauschcomputer eingegeben, der wiederum tastet über zahlreiche Parabolantennen die Richtfunkstrecken der Bundespost ab.

Weil jedem Richtfunkgespräch der Post, quasi als Huckepacksignal, auch die Nummern der Teilnehmer beigegeben sind, fischt der Computer aus Zehntausenden von Kanälen die gewünschten Verbindungen heraus. Die Elektronik, zuvor auf Begriffe wie "Wackersdorf" oder "Ministerpräsident" programmiert, sortiert dann aus, was nicht zum Thema gehört, schneidet nur das Gewünschte mit.

Besonders gern, berichten Verfassungsschützer, sammeln US-Dienste "Zahlen und Daten aus der Wirtschaft". Mitunter verblüffen amerikanische Kollegen, zu denen sie engen Kontakt halten, sogar mit "hübschen Details aus dem Privatleben" deutscher Prominenter: "Die heben alles auf, was sie hören."

So kann sich der amerikanische Funkelektronikexperte David Watters durchaus vorstellen, daß "es bei uns Leute gibt, die sich dafür interessieren, was bei euch die Petra Kelly dem Gert Bastian mitzuteilen hatte". Ob es Leute gebe, die mitgehört haben? "You bet" - darauf kannst du Gift nehmen.

Und nicht nur darauf.

Kein Land der westlichen Welt ist für das Aushorchen des östlichen Gegners so gut geeignet wie die Bundesrepublik. Und nirgendwo sonst ist das amerikanische Spionagenetz so eng geknüpft wie in Westdeutschland und in West-Berlin. "Über 350 geheimdienstliche Zentren, Stäbe und Kommandos der USA" hat das Kölner Fachblatt "Geheim" auf bundesdeutschem Boden gezählt.

US-Geheimdienstler sitzen hierzulande in Botschaften und Konsulaten, in Waffendepots und Kasernen. Sie halten sich verborgen im gut acht Quadratkilometer großen Antennenareal vor dem Heimatsberg bei Bad Aibling ebenso wie im stillen Wald des Elm.

Die Zentrale der Superbehörde, angesiedelt knapp 30 Kilometer nordöstlich von Washington in den Hügeln Marylands, birgt einen gigantischen Geheimdienstapparat. "Die Vereinigten Staaten", beschrieb der ehemalige Verteidigungsminister Harold Brown die Ausmaße des Apparats, "geben jedes Jahr Milliarden von Dollar aus, um das am besten ausgeklügelte und fähigste Spionagesystem aufrechtzuerhalten, das die Welt jemals gesehen hat."

Was die Geheimdienste FBI (zuständig für die Inlandsaufklärung) und CIA (Auslandsspionage) alles trieben, war in den USA weithin bekannt und akzeptiert. Aber erst der NSA-Direktor Generalleutnant Lew Allen enthüllte im Oktober 1975 vor einem Kongreßausschuß, daß ohne Mithilfe der NSA praktisch gar nichts lief. Nach Vietnam-Krieg und Watergate-Skandal deckte der US-Kongreß die Rolle der Geheimdienste auf.

Von Allen erfuhren die Amerikaner, wie mit Billigung von Justiz- und Verteidigungsministern und im Auftrage von FBI und CIA jahrzehntelang verbrieftes Recht amerikanischer Bürger mißachtet worden war. Weder Minister noch Beamte, stellte später eine Untersuchungskommission fest, hätten "jemals die Frage der Legalität" aufgeworfen, als NSA-Agenten wie selbstverständlich Telephongespräche abhörten, Telegramme und Fernschreiben kopierten, Briefe abfingen, öffneten, lasen und Reisepläne von US-Staatsbürgern ausforschten. Die Namen der Zielpersonen hatte die NSA auf Beobachtungslisten ("Watch lists") notiert. Sie waren dem Dienst von FBI und Secret Service, von der CIA und vom Verteidigungsministerium benannt worden.

Unter den rund 1650 belauschten und beschatteten Amerikanern waren Bürgerrechtler, Journalisten, Kongreßabgeordnete und Linke, die sich im selbsterklärten Musterland der Meinungsfreiheit erlaubten, gegenüber Castros Kuba eine andere Meinung als die der jeweiligen Regierung zu verfechten. Von ihnen legte die NSA, wie Allen zugab, insgesamt knapp 4000 Einzeldossiers an.

Weit umfangreicher waren die Watch lists mit Namen von US-Bürgern, die verdächtigt wurden, die "nationale Sicherheit zu gefährden", weil sie Amerikas Krieg in Vietnam verurteilten. Ins NSA-Visier gerieten Zehntausende von Amerikanern, deren persönliche Daten, markante Verhaltensweisen, politische Freunde oder Kontakte die NSA-Dienstler in 75 000 Aktenstücken festhielten. Freizügig gewährte die NSA befreundeten Kollegen Zugriff auf die Dateien. Die CIA etwa nutzte die illegal beschafften Unterlagen für ihre "Operation Chaos", bei der sie 300 000 Vietnam-Kriegsgegner observieren ließ.

Die überraschenden Aussagen des NSA-Chefs erwiesen sich als innenpolitisches Meisterstück. Wohl sorgte sich der Ausschußvorsitzende Senator Frank Church, daß die NSA-Technologie derart gegen US-Bürger eingesetzt werden könne, daß "keinem Amerikaner mehr eine Privatsphäre bleibt und kein Ort, an dem er sich verstecken kann". Doch Allens Zusicherung, seine Behörde habe die Lauschangriffe eingestellt und werde künftig darauf verzichten, besänftigte die Kritiker. Die NSA rückte wieder aus dem Fadenkreuz aufmerksamer Kongreßabgeordneter und Bürger.

Zwar strengten einige Abhöropfer - darunter auch in der Bundesrepublik stationierte Amerikaner - Prozesse an. Doch die versandeten oft durch geschickte NSA-Verzögerungstaktik oder verschwanden im bürokratischen Dickicht wie jene Forderung des Church-Komitees, die NSA schärferer Kontrolle durch den Kongreß zu unterstellen.

Völlig unbeanstandet und folgenlos blieb, daß auch Tausende von Nichtamerikanern auf den Watch lists des Supergeheimdienstes standen. Nachträglich wurde der NSA zugebilligt, daß sie deren Telephongespräche abhören und den Brief- und Telexverkehr mitlesen durfte. Beschwerden verwarf ein Berufungsgericht. Das Abhören von Telekommunikation mit Partnern im Ausland sowie die Weiterleitung der jeweiligen Gesprächsinhalte an andere US-Behörden, so die Entscheidung, sei "keine Angelegenheit amerikanischer Gerichte", sondern falle in den "Verantwortungsbereich der Regierung".

Einen solchen Freibrief für die NSA hatte der damalige US-Präsident Harry S. Truman wohl im Sinn, als er am 24. Oktober 1952 seine Unterschrift unter ein siebenseitiges Schriftstück setzte, dessen Wortlaut bis heute geheim ist. Das Memorandum des Präsidenten bedurfte nach amerikanischem Recht keiner Zustimmung des Kongresses. Mit der Geheimorder wurde die NSA gegründet.

Die Truman-Administration gliederte die neue Behörde aus dem bis dahin militärischen Bereich aus und erweiterte das Spektrum der Kommunikationsspionage (englisches Kürzel "Comint" für "communications intelligence"). Der Auftrag an die NSA lautete verkürzt: Spionage zugunsten der USA in allen Fällen von nationalem Interesse - politisch, militärisch und wirtschaftlich.

Vier Jahre nachdem der englische Schriftsteller Eric Arthur Blair alias George Orwell seine Vision "1984" niedergeschrieben hatte, war in Amerika eine geheime Organisation von Orwellschem Format entstanden. Heute, 36 Jahre nach ihrer Gründung, hat die NSA die Fähigkeiten von Orwells Großem Bruder teils erreicht, teils erheblich übertrumpft.

Innerhalb weniger Jahre entstand auf dem Gelände der Armee-Basis Fort Meade, Maryland, ein von drei Meter hohen Stahlgitter-, Stacheldraht- und Elektrozäunen gesichertes Hauptquartier - die "größte alleinstehende Spionagefabrik der freien Welt", wie der amerikanische Jurist, Autor und Ex-Geheimdienstler James Bamford in seinem Buch "The Puzzle Palace" die NSA-Zentrale nannte.

Bamford, 42, war der bisher einzige Zivilist, der offenbar mit Duldung der NSA-Spitze in Fort Meade recherchieren durfte. Die Befehlszentrale residiert in der "Black City" von Fort Meade, einer kleinen, abgekapselten Stadt, in der die NSA-Beschäftigten alles finden, was sie zum Leben brauchen - ein Einkaufszentrum mit Friseursalon, Bibliothek und Reisebüro, ein eigenes Wasser- und Stromwerk, eine stadteigene TV-Station, eine Oberschule und einen Golfplatz. Die NSA-eigene Polizei fährt lachsfarbene Streifenwagen.

In der Regierungszeit Ronald Reagans wurde die schwarze Stadt, mit inzwischen 35 000 Bewohnern auf 1600 Hektar Fläche, noch erheblich ausgebaut. Alles, so der NSA-Experte Bamford, sei "noch größer, noch einflußreicher, noch mächtiger geworden".

Im neuen "System-Entwicklungszentrum" werden supermoderne elektronische Apparate - Kameras, Sensoren, Verstärker und Mikrophone - getestet und verbessert, ehe sie zum Einsatz kommen. Und im "Support Activities Building No. 3" (SAB 3) werden Tonbänder mit erlauschten Telephongesprächen und aufgefangenen Computerdaten analysiert sowie Filme von Spionagekameras an Bord von Flugzeugen und Satelliten entwickelt.

Genutzt wird SAB 3 zudem von der Post- und Kurierabteilung der NSA. Deren Mitarbeiter nehmen sich im Zeitalter des blitzschnellen Datentransfers anachronistisch aus. Sie pendeln als Boten ständig zwischen Fort Meade und den Kunden und Auftraggebern der NSA, die in den Ministerien zu Washington sitzen. Die NSA-Kuriere sind gut ausgelastet. Sie transportieren jährlich 30 000 Tonnen geheime Akten; 80 Prozent der per Hand ausgelieferten Sendungen tragen den Absender NSA.

Ähnlich umfangreich und schwergewichtig sind die "Geheim"-gestempelten Papierberge, die in die NSA-Archive, NSA-Lagerräume und Reißwölfe wandern. Allein am Internationalen Flughafen Baltimore-Washington unterhält die NSA ein zweistöckiges und zwei siebenstöckige Gebäude. In dieser "Lepra-Kolonie" (NSA-Jargon) werden Magnet- und Tonbänder, Photos und Dokumente eingelagert; jährliche Gesamtmenge an streng geheimem Archivmaterial: 24 000 Tonnen.

Schwieriger als die Lagerhaltung erweist sich das Problem, geheimes Material wieder loszuwerden. Knapp 40 Tonnen Papier werden täglich im Reißwolf zerschnippelt. Anfang der siebziger Jahre wurde in Fort Meade eine Verbrennungsanlage gebaut. Der "geheime Müllofen" war zwar technisch auf dem neuesten Stand, doch er funktionierte in 17 Monaten nur an 51 Tagen. Regelmäßig rückten Kolonnen mit Preßlufthämmern an, um felsbrockenharte Aschereste aufzubrechen und wegzukarren.

Bald wurde der Verbrennungsofen (veranschlagte Leistung: sechs Tonnen Papierschnitzel pro Stunde) stillgelegt und, so ein NSA-Mann, nach geeigneten Müllverwertungstechniken "weiter geforscht"; das Ergebnis der Suche ist, wie anders, geheim.

Mit besonderer Sorgfalt versuchte die NSA in den vergangenen Jahren das Kernstück des Fort-Meade-Komplexes abzuschirmen. Das "Operations Building 1" (OB 1) wurde mit einem Kostenaufwand von knapp 13 Millionen Dollar in einen "elektromagnetischen Umschlag" ("The Washington Post") gehüllt. Ein Geflecht aus Schirmen und Schilden soll verhindern, daß aus dem dreistöckigen OB 1 elektromagnetische Wellen, wie sie beispielsweise Computer, Codeknackgeräte, Telephone oder elektrische Schreibmaschinen abstrahlen, nach außen entweichen und dort, etwa von Spionen mit geeigneten Empfängern, aufgezeichnet werden.

Das "Tadsch Mahal des Abhörens" (Bamford), das mit 186 000 Quadratmetern Bürofläche so groß ist wie das CIA-Hauptquartier in Langley (Virginia) und das Capitol in Washington zusammengenommen, verfügt über die größten und modernsten Computer der westlichen Welt.

"Ich hatte zweieinviertel Hektar Computer", rühmte sich schon Ende der sechziger Jahre der damalige NSA-Direktor Generalleutnant Marshall Carter. Zehn Jahre später war im OB 1 bereits die doppelte Fläche mit Rechnereinheiten belegt.

Der geheime Gigant beschäftigt Hundertschaften der besten Mathematiker, Ingenieure und Programmierer Amerikas. An der Universität von Princeton (New Jersey) hält sich die US-Lauschzentrale eine eigene Computerdenkfabrik. Die NSA, berichten Informatiker, sei dem neuesten Stand der Computertechnik jeweils um fünf Jahre voraus.

Jahr um Jahr vergibt der "Puzzle Palace" an Industrie und Universitäten neue Computeraufträge in Höhe mehrerer Millionen Dollar. Bald sollen Sprachroboter, die abgehörte Gespräche auch übersetzen und ausdrucken können, die Suchautomaten ersetzen. Argwöhnisch wacht der Supergeheimdienst darüber, jedes neue Superhirn und jede neue Anwendungstechnik als erster nutzen zu können.

Erst Jahre später, und dann auch nur mit Zustimmung der NSA, werden die neuen Maschinen in der allgemeinen Forschung, etwa in der Plasmaphysik oder der Wetterkunde, eingesetzt.

Ohne leistungsfähige Supercomputer, begründet die NSA die Millioneninvestitionen in die Computertechnologie, könne sie ihren wichtigsten Auftrag nicht erfüllen - das Brechen der geheimen Codes, mit denen Feind und Freund ihre Nachrichten verschlüsseln.

Nur: Diese Mission kann die NSA nicht erfüllen. "Die Verschlüsseler", weiß Ex-Geheimdienstler Watters, "haben nämlich den Wettlauf gegen die Entschlüsseler schon vor Jahren gewonnen."

Die Zahlenkombinationen, die von Computern nach dem Zufallsprinzip zusammengestellt und häufig nur zum einmaligen Verschlüsseln geheimer Nachrichten verwendet werden, "sind praktisch unknackbar", sagt der amerikanische Mathematiker Leonard Adleman von der University of Southern California. Und der englische Spionageexperte Phillip Knightley nennt es "eine Tatsache", daß weder amerikanische noch britische Geheimdienste "seit Ende der vierziger Jahre einen wichtigen sowjetischen Code entschlüsselt" hätten.

So ist unbestritten, daß die Kryptologen, wie der einschlägig erfahrene US-Experte David Kahn schreibt, "Jahrhunderte benötigen würden, um von Computern erstellte Verschlüsselungssysteme zu rekonstruieren, um mit deren Hilfe künftige Codebotschaften zu entschlüsseln".

Die Coups, die sich die NSA rühmend zuschreibt, hatten denn auch nur wenig mit der gewaltigen Computerkapazität in Fort Meade zu tun. Im Auftrag der NSA drangen beispielsweise FBI-Agenten in die französische Botschaft in Washington ein, entwendeten das Magnetband mit den französischen Codeschlüsseln, kopierten es und legten es anschließend wieder an seinen Platz. Im Codierungsraum einer ägyptischen Botschaft plazierten US-Geheimdienstler NSA-Wanzen. Die Sensoren nahmen die Vibrationen des Verschlüsselungsgerätes auf; die Amerikaner erfuhren von syrischen und ägyptischen Kriegsplänen.

Als spektakulärster Erfolg gilt ein CIA/NSA-Gemeinschaftsprojekt aus dem Jahre 1974. Unter dem Codenamen "Jennifer" gelang es, mit dem eigens gebauten Spezialschiff "Glomar Explorer" ein gesunkenes sowjetisches Atom-U-Boot der "Golf II"-Klasse vom pazifischen Meeresboden zu heben. Den US-Geheimdiensten fielen seinerzeit nicht nur die Lenkcomputer der sowjetischen U-Boot-Raketen zu, sondern auch die komplette Verschlüsselungsanlage zur Übermittlung aller Nachrichten und Daten.

In anderen Fällen profitierte die NSA von unfreiwilliger Hilfe der Gegenseite. Im Falkland-Krieg etwa wähnte sich die argentinische General-Junta so abhörsicher, daß sie ihren diplomatischen und militärischen Funkverkehr unzureichend verschlüsselte. Und während der entscheidenden Salt-1-Verhandlungen in Moskau erlauschten NSA-Leute im Klartext ein Telephongespräch der sowjetischen Führungsspitze und erfuhren so von einer "Hauptrakete", die bis dahin in den Gesprächen nicht erwähnt worden war. Ursache der Erkenntnis: Die Verschlüsselungseinrichtung in Breschnews Autotelephon war defekt.

Mühelos und erfolgreich können die NSA-Entschlüsseler nur noch in die vergleichsweise schlichten Codierungssysteme technologischer Entwicklungsländer eindringen. Da aber die Anzahl der veralteten Anlagen nach Ansicht des Kryptologen Kahn "stetig abnimmt", muß sich die NSA vielfach damit begnügen, nicht entschlüsselbare Nachrichten ins Archiv zu nehmen. "Sie hoffen", sagt der amerikanische Spionageexperte Jeffrey Richelson, "daß ihnen eines fernen Tages ein Überläufer einen wichtigen Code frei Haus liefert."

Gleichwohl stehen die Computerbatterien weder in Fort Meade noch in Tausenden von Nebenstellen ungenutzt herum. Denn Amerikas geheimster Nachrichtendienst hat es verstanden, sich praktisch unentbehrlich zu machen: Statt fremde Codes zu knacken, erzeugen die NSA-Computer täglich wechselnde Codes, mit denen die amerikanische Regierungsbürokratie ihre Nachrichten verschlüsselt.

Dazu gehören auch jene Codewörter und Zahlenkolonnen, die in dem unscheinbaren Aktenkoffer deponiert sind, den ein ebenso unscheinbarer ständiger Begleiter des US-Präsidenten trägt. Wenn die westliche Supermacht den Einsatz von Atombombern und Interkontinentalraketen für unausweichlich hält, wird der Koffer geöffnet, damit der Chef des Weißen Hauses den Startmannschaften das geheime Stichwort zum atomaren Schlagabtausch nennen kann.

Die NSA-Computerexperten entwickeln sichere Netzwerke, über die weltweit Tausende von Computern beispielsweise in Forschungsinstituten, in Krankenhäusern oder Banken, aber auch in militärischen Leitstellen miteinander kommunizieren.

Die Schlüsselrolle der NSA in der Computersicherheit wurde im Herbst letzten Jahres offenkundig, als der Informatikstudent Robert Morris, dessen Vater in der NSA-Abteilung für Computersicherheit einen Top-Rang hält, ein Computervirus in ein Datennetz schickte und damit 6000 Systeme vorübergehend lahmlegte (SPIEGEL 47/1988). Zur Schadensbegrenzung und Manöverkritik befahl die NSA die führenden US-Computersicherheitsexperten aus Forschung, Militär und Geheimdiensten zu einer Krisensitzung nach Fort Meade.

Auf weltweit 100 000 schätzen Insider die Zahl der NSA-Mitarbeiter. Wie viele es genau sind? "Kein Kommentar." Ob die Behörde in der Bundesrepublik tätig ist? "Kein Kommentar." Die Dame, die so monoton Auskunft gibt, heißt Cynthia Bek, arbeitet im Public Information Office der NSA und sieht es "als ihre Aufgabe an, sämtliche Anfragen der Medien zu beantworten". Der dazu erforderliche Wortschatz ist nicht sonderlich umfangreich. Außer dem lapidaren "Kein Kommentar" ist die NSA-Mitarbeiterin allenfalls bereit, Angaben über "unsere Mission" zu machen, die "aus drei Teilen" bestehe:

"Erstens Kommunikationssicherheit, zweitens Computersicherheit und" - zögernd - "drittens Auslandsaufklärung." Was denn unter Teil drei der Mission zu verstehen sei? "Kein Kommentar."

Einen Großteil der 15 Milliarden Dollar, über die nach Schätzung amerikanischer Geheimdienstexperten die NSA pro Jahr verfügen kann, verschlingt die Mission in fremden Ländern. Davon bezahlt werden auch die im NSA-Auftrag tätigen US-Geheimdienste und die Angehörigen in der Air Force, Army und Navy, die in zeitweise bis zu 4000 NSA-Nebenstellen eingesetzt sind.

Die Soldaten sind handverlesen, werden nach vielen psychologischen und physischen Tests, auch mit Hilfe des Lügendetektors, für geeignet befunden, mit den bestgehüteten Geheimnissen der Nation umzugehen.

Bevorzugt eingesetzt werden patriotisch gesinnte Amerikaner aus Familien, die seit Generationen dort leben, die den US-Kontinent für Gottes eigenes Land und jedweden anderen für verdächtig halten, mit dem Bösen im Bunde zu sein. Sie lernen fremde Sprachen erst außerhalb ihrer Familien, sind häufig missionierende Mormonen, achten auf Distanz zur belauschten einheimischen Bevölkerung, leben abgeschirmt wie im Getto - bei eigener Infrastruktur vom PX-Laden über das Kino bis zum Gotteshaus.

Nur noch fünf Prozent aller Geheimdiensterkenntnisse, schätzen westdeutsche Nachrichtenexperten, liefert die CIA, 95 Prozent kommen von der NSA. In West-Berlin beispielsweise arbeiten nur noch rund 60 Amerikaner bei der CIA, die NSA beschäftigt über 600.

Army-Männer und -Frauen des Intelligence and Security Command (Inscom) hocken an den Tonband- und Radiogeräten auf dem Teufelsberg in Berlin und in der Augsburger Sheridan-Kaserne. Soldaten der Air-Force-Staffel 7406, stationiert auf Rhein-Main-Air-Base in Frankfurt, sitzen an Bord der mit Lauschgeräten beladenen "Hercules"-Maschinen, die regelmäßig durch die Luftkorridore von und nach Berlin fliegen.

Mehrheitlich mit NSA-Leuten besetzt sind hingegen die Lauschstationen von Bad Aibling, Menwith Hill im englischen Harrogate, Edzell in Schottland und Pine Gap in der zentralaustralischen Wüste bei Alice Springs. Sie stehen inmitten wuchtiger Antennenanlagen, liegen an Knotenpunkten des Fernmeldeverkehrs und fallen zumeist dadurch auf, daß sie über gepanzerte, armdicke Kabelstränge direkt in die nationalen Telephonnetze eingeklinkt sind.

Die Stationen sollen möglichst alle Informationen einfangen, die als elektromagnetische Wellen per Satellit und Richtfunk, durch Kupfer- oder Glasfaserkabel über, auf oder unter der Erde verschickt werden. Nur dann können sie - mit amtlicher Duldung - leisten, was ihnen das Church-Komitee gegenüber Nicht-Amerikanern zugestanden hat: die Überwachung "von Mitgliedern radikaler politischer Gruppen, von Prominenten bis hin zu einfachen Bürgern, die in Proteste gegen ihre Regierung verwickelt sind".

Eine NSA-Lauschstation in der Bundesrepublik residiert in Frankfurt, am Fernsprech-Knotenpunkt der Bundesrepublik. In der City, zwischen Zeil und Großer Eschenheimer Straße, treffen die meisten Richtfunk- und Leitungsnetze der Post zusammen, die - wie eine liegende Acht - die Republik umspannen. Bis Ende der sechziger Jahre saßen die amerikanischen Abhörer in der obersten Etage des Postscheckamtes. Ein deutscher Postingenieur, ausnahmsweise einmal zu Reparaturarbeiten gerufen ("Das waren mindestens tausend Doppeladern"), erhaschte einen Blick auf "Hunderte von Tonbandgeräten".

Nach Verabschiedung der Notstandsgesetze im Juni 1968, als die alliierten Sonderrechte im Fernmeldewesen erloschen, verlor sich vorübergehend die Spur der Lauscher. Von 1976 an waren sie wieder zu orten - erneut in unmittelbarer Nachbarschaft der Postzentrale.

Sicherheitsüberprüfte Postler mußten damals massenweise Telephonleitungen, gesondert gesichert, in die Einkaufsstraße Zeil verlegen - die meisten davon endeten in der obersten Etage des Woolworth-Hauses, lediglich 25 Leitungen im Geschäftshaus gegenüber, in den Räumen oberhalb des "California Jeans Shop".

Der Sinn der geheimen Doppelaktion wurde erst später klar: Über dem Jeansladen entstand seinerzeit, wie Staatsschützer mittlerweile bestätigen, die Abhörzentrale des Hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz; die ungleich größere Einrichtung im Woolworth-Haus firmierte unverfänglich als "Außenstelle der Staatskasse".

Kein Hausbewohner hat die Dienststelle je von innen gesehen. Aber vom merkwürdigen Treiben deutscher und amerikanischer Besucher berichten kompetente Zeugen - Staatsanwälte des Wirtschaftsdezernats, deren Büros unterhalb der "Staatskasse" liegen.

Das Gebäude, beobachtete ein Ankläger, wurde "fast rund um die Uhr bewacht", von "unauffälligen Fahrzeugen aus", die in der Nebenstraße postiert waren. Besucher der ominösen Dienststelle, erfuhr der frühere Hausmeister einmal zufällig, wurden über ein eigenes Funksystem angekündigt. Ein Rechtspfleger der Staatsanwaltschaft mied den Hintereingang des Hauses, nachdem er dort von unauffällig postierten Beobachtern einmal rüde um seine Personalien angegangen worden war.

Weil das alte Woolworth-Haus abgerissen werden sollte, zogen die geheimnisvollen Mieter vergangenen Herbst um. Sie blieben in der Innenstadt, operieren jetzt provisorisch Am Hauptbahnhof 6 in der fünften Etage, wollen aber nach Fertigs tellung des Woolworth-Neubaus zurück in die Nachbarschaft der Postzentrale.

Mit dem Umzug haben die Mieter auch den Namen geändert. Jetzt firmieren sie als "Nebenstelle Frankfurt" der "Hauptstelle für spezielle Datenverarbeitung". Das Bundesvermögensamt, zuständig auch für die Beschaffung von Immobilien für Nato-Dienststellen und offiziell Mieter der Räume, macht die Verwirrung komplett: Es handele sich nach seinem Wissen, so der Frankfurter Finanzpräsident Karl Ludwig Kresse, um "eine Art Erfassungsstelle für Grunddaten", und Auftraggeber sei "letztlich das Bundeskanzleramt".

Doch im vertraulichen Geschäftsverteilungsplan des Bonner Kanzleramts, nicht einmal im streng geheimen Teil für die "Abteilung 6" (Bundesnachrichtendienst), findet sich keiner der Titel, den die Frankfurter Mieter nach außen hin führen.

So spricht vieles für eine Dependance der NSA. Eine simple Datenverarbeitung, bei der nach Beobachtungen anderer Mieter nicht einmal zwei Dutzend Mitarbeiter beschäftigt sind, benötigt nicht Hunderte von Telephonleitungen, die Posthandwerker unter strengen Sicherheitsvorkehrungen und in einem eigens gefertigten Stahl-Panzerrohr (Kosten: 11 800 Mark) ins neue Domizil verlegen müssen. Auffällig auch, daß relativ viele Amerikanisch sprechende Besucher mit dem Aufzug in die fünfte Etage am Hauptbahnhof fahren.

Eine Verladeaktion, an einem Herbstsonntag letzten Jahres, verriet das übermäßig große amerikanische Sicherheitsbedürfnis. Da wurde, weitgehend unbemerkt, die benachbarte Münchener Straße für Stunden gesperrt, damit ein Autokran eine tonnenschwere Panzertür in den fünften Stock hieven konnte. Sie verschließt jetzt, wie Postler berichten, einen riesigen Computerraum, in den auch die Telephonleitungen geführt werden mußten.

Geld spielt keine Rolle, wenn es gilt, im westlichen Sicherheitsinteresse jedes Telephonat und Äthersignal zu erfassen. So haben die Amerikaner ihren Lauschposten in Gablingen nördlich von Augsburg in den vergangenen Jahren aufwendig ausgebaut. Die geschätzten Kosten liegen bei einer Milliarde Mark. Das Riesenohr dient ausschließlich militärischer Spionage.

Von außen wirkt das mächtige kreisrunde Antennengitter wie ein neuzeitliches Stonehenge. Doch unter der "Field Station" haben amerikanische Firmen - mit eigens eingeflogenen Bauarbeitern aus den USA - streng geheim und tief gegraben.

Gastwirte im benachbarten Gersthofen wissen einiges über die Arbeiten zu berichten. An ihren Theken lösen sich schon mal, nach diversen Bieren, die Zungen gelangweilter US-Maurer. "Mein letzter Wissensstand", so ein örtlicher Hotelier, "sind zwölf Stockwerke unter der Erde, alles atombombensicher."

Auch in der bayrischen "Bad Aibling Station", für Army-interne Satellitenverbindungen ebenso wie für das Abhören deutscher Kommunikation bestimmt, wurde jetzt ein Ausbauprogramm abgeschlossen: Riesige Betonklötze und neue Computerhallen sind entstanden, überwiegend von deutschen Firmen errichtet.

Doch die Arbeiten wurden auf so viele Unternehmen verteilt, daß kein einziger Auftragnehmer das Projekt überblicken konnte. Die Gesamtrechnung muß indessen astronomisch hoch sein. Allein eine kleine Baufirma aus dem Kurbad, eine von rund zwei Dutzend beteiligten Firmen, schrieb Rechnungen über 20 Millionen Mark.

Das Geheimnis des Berliner Teufelsberges wurde nur durch Zufall ein wenig gelüftet: Am 5. September 1986 zerbarst mit lautem Knall eine Dokumenten-Vernichtungsanlage der "Electronic Security Group 6912", Splitter flogen bis zu 300 Meter weit. Berliner Polizei und Feuerwehr rasten mit Blaulicht in das geheime Areal, bargen 34 Verletzte und transportierten sie in städtische Krankenhäuser.

Anders als in Berlin, wo allseits bekannt ist, daß US-Dienste jedes Telephongespräch vom Teufelsberg aus belauschen können, herrscht in Bad Aibling bislang kein Argwohn gegenüber den Amerikanern. "Die Kaserne", sagt ein Lokaljournalist, gelte in der Stadt einfach als "weißer Fleck".

In den Vereinigten Staaten hat es die NSA schwerer, ihre Lauschaktivitäten zu verbergen. "Der Trick liegt darin", verriet James Warren, Chef der Comsat-Satellitenempfangsstation von Etam (West Virginia), "die für das Mikrowellen-Anzapfen benötigten Großantennen zu verstecken."

Ebendies ist der NSA gelungen. Ihre Antennenareale liegen - ähnlich wie im Tann des Elm - sichtgeschützt im tiefen Wald von West Virginia, verborgen zwischen Hügelketten, auf schwer zugänglichem, daher leicht kontrollierbarem Staatsland wie im Acadia Nationalpark (Maine) oder auf dem 105 000 Hektar großen Armee-Schießplatz Yakima Firing Center im Bundesstaat Washington.

Eine kaum vorstellbar große Menge abhörbarer Nachrichten gehen pro Jahr über die Unterseekabel und Fernmeldesatelliten, die Amerika mit dem Rest der Welt verbinden. Die amerikanischen Spionage-Ingenieure entwickelten Programme für die NSA-Computer, die alle abgehörten Nachrichten automatisch ordnen und überwachen.

Telephonnummern von mutmaßlichen Terroristen oder Rauschgifthändlern, aber auch von Botschaftern und Industriellen können in die Computer eingegeben und - mit Hilfe einer Art elektronischer Rasterfahndung - ausgesondert werden. Andere Computer hören die über diese Anschlüsse geführten Telephonate nach zuvor bestimmten Schlüsselworten ab.

"Fallen beispielsweise innerhalb einer gewissen Abfolge und Zeit die Worte ,Bombe', ,Weißes Haus' und ,übermorgen'", erklärt Ex-Geheimdienstler Watters die Arbeitsweise, "gehen in Fort Meade die Alarmlichter an." Der zuständige Horcher setzt den Kopfhörer auf, hört selbst das Gespräch ab und klärt die Lage.

"Die meisten Geheimdienste", so der ehemalige Chef des Pentagon-Geheimdienstes, Generalleutnant Daniel Graham, "melden uns die Vergangenheit", die NSA hingegen informiere "mit Hilfe ihrer elektronischen Schnüffeltechniken über die Gegenwart".

So etwa im April 1980, als der damalige NSA-Direktor Bobby Inman bei Justizminister Benjamin Civiletti vorsprach und ihm zwei Blatt Papier mit Gesprächsprotokollen übergab: Billy Carter, Bruder des Präsidenten Jimmy Carter, so die Botschaft, erwarte in den nächsten Tagen einen Scheck, der von Gaddafis Regierung ausgestellt sei. Das zweite Papier gab Auskunft über Billy Carters Gespräche mit einer US-Ölfirma, der er seine Vermittlungsdienste zum Import libyschen Öls anbot.

Die Begegnung zwischen Justizminister und NSA-Chef dauerte nur vier Minuten. Billy Carters Telephon wurde weiterhin überwacht. Der Verdacht, Libyen versuche auf den US-Präsidenten über dessen Bruder Einfluß zu nehmen, hatte sich verdichtet.

Die Affäre wurde publik. Die stimmgewaltige proisraelische Lobby in den USA attackierte den demokratischen Präsidenten. Carter war bereits neun Monate zuvor in Bedrängnis geraten, weil sein persönlicher Freund, UN-Botschafter Andrew Young, ohne Auftrag und Wissen des US-Präsidenten mit dem PLO-Vertreter Zehdi Terzi verhandelt hatte.

Carter zitierte Young nach Washington. Doch was der Botschafter dem Präsidenten erzählte, war, wie sich später herausstellte, nicht die volle Wahrheit. Die stand im Bericht der NSA, die Youngs Gespräch mit Terzi in der Residenz des kuweitischen UN-Botschafters in New York abgehört hatte.

Es gebe "keine stichhaltigen Anhaltspunkte", sagt der Geheimdienstexperte und ehemalige "New York Times"-Redakteur David Burnham, "daß die NSA absichtlich die politische Stärke Präsident Carters unterhöhlen wollte". Doch sicher ist, daß die beiden NSA-Enthüllungen damals dem Carter-Konkurrenten Ronald Reagan glänzend ins Wahlkampfkonzept paßten.

Wie eine Belohnung für geleistete Hilfsdienste nimmt sich aus, was Reagan nach seinem Amtsantritt in die Geheimdienste investierte. Er paukte im Eiltempo Rekordetats durch den Kongreß, erließ "Executive Orders", in denen die Befugnisse der einzelnen Dienste neu definiert - sprich: erweitert - wurden, und bewilligte eine Vielzahl "verdeckter Operationen", an denen neben der CIA besonders die NSA beteiligt war.

Amerikas Spionagesatelliten, mit leistungsstarken Kameras, Mikrophonen, Radaraugen und Sensoren bestückt, liefern neben militärischen auch zivile Daten. Admiral Stansfield Turner, CIA-Chef unter Reagan-Vorgänger Carter, hielt für denkbar, daß "wirtschaftliche und andere nichtmilitärische Informationen" als Entscheidungshilfe für den Präsidenten "womöglich wichtiger sind als taktisch-militärische Erkenntnisse".

Der australische Strategie- und Sicherheitsexperte Desmond Ball erfuhr von einem ehemaligen NSA-Bediensteten, daß die Satellitenhorchstation Pine Gap "in viele Geschäftsgespräche reingehört und Transaktionen mitbekommen" hat. Der Mithörer: "Wir hätten Millionen machen, gewaltige Reichtümer anhäufen können."

Gleiches gilt für die NSA-Horcher in Europa, für die es, so ein ehemals im schottischen Kirknewton tätiger Lauscher, Routine sei, mal "den gesamten diplomatischen Verkehr von Botschaften in Europa aufzuzeichnen, mal nur den Telephonverkehr zwischen Berlin und London oder Rom und Belgrad". In anderen Wochen habe seine "Watch list Dutzende von Namen großer Industriefirmen" enthalten.

Die neuesten US-Satelliten sind mit Sendeanlagen ausgerüstet, die Nachrichten computergesteuert - meist über Relais-Satelliten vom Typ TDRS - an die NSA-Empfangszentralen geben. Das Netz wurde in den letzten Jahren ausgeweitet, bestehende Basen wurden ausgebaut. Die bundesdeutsche NSA-Zweigstelle Bad Aibling ist mittlerweile antennen- und computertechnisch empfangsbereit für Satellitensendungen. Dort können zudem über Spezialantennen die Signale von zwei unbemannten Horchposten, mutmaßlich auf Zypern und im Scheichtum Oman, empfangen werden.

Daß in Bad Aibling, ähnlich wie in anderen NSA-Stationen auf deutschem Boden, offenbar mit Wissen und Billigung der Bundesregierung jeder Piepser abgehört wird, gilt zumindest unter amerikanischen Geheimdienstexperten als sicher. "Warum auch nicht, ihr hört uns doch auch ab", sagt Autor Richelson. Er erklärt die US-Lauschaktivitäten in der Bundesrepublik auch mit dem Mißtrauen amerikanischer Geheimdienstler gegenüber ihren deutschen Kollegen. Laut Richelson gehen Amerikas Geheimdienstler davon aus, daß "die deutschen Dienste mit Ostspionen durchsetzt" sind.

So setzt der große Verbündete doch lieber auf eigene Leute. Daß die erfolgreich sind, besonders auf deutschem Territorium, wurde beispielsweise 1985 bestätigt. Damals erhielt das Army-Team vom Berliner Teufelsberg die nach dem ehemaligen britischen Geheimdienstchef Sir Edward Travis benannte "Travis Trophy". Die zweihenklige Schüssel wird als "NSA-Oscar" (Bamford) alljährlich an die Lauscheinheit verliehen, die besonders erfolgreich zugehört hat. #

Details aus dem Privatleben deutscher Prominenter

"Das am besten ausgeklügelte und fähigste Spionagesystem"

Jährlich 24 000 Tonnen streng geheimes Material

Codes aus dem Computer im Koffer des Präsidenten

Die Lauscher leben abgeschirmt wie im Getto

Was treibt das Kanzleramt am Frankfurter Hauptbahnhof?


DER SPIEGEL 8/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 8/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

NSA: Amerikas großes Ohr