17.04.1989

DENKMÄLERNa so was

In Sandstein gemeißelt, reitet immer noch Adolf Hitler auf einem Denkmal in Landstuhl in der Pfalz.
Am Weihetag riefen die Konfessionen zum Feldgottesdienst. Aus allen Orten der Pfalz und des Saargebiets rückten die Krieger- und Militärvereine mit ihren Fahnen an, darunter der Kavallerie-Verein Pirmasens und die Kriegskameradschaft "Sickingen".
Die Straße war auch frei den braunen Bataillonen. SA marschierte mit ruhigfestem Schritt, Hitlerjugend, Bund Deutscher Mädel und Jungvolk standen Spalier, aus einem Motorflugzeug fiel ein Bukett der Fliegerortsgruppe hernieder. Auf der Tribüne gruppierte sich der Gesangverein zum Lied vom guten Kameraden.
Es war Sonntag, der 12. August 1934, zu Landstuhl in der Pfalz, der Westmark des Reiches, wie es seinerzeit hieß. "Auf jedem Gesicht" sah das Lokalblatt den "gleichen feierlichen Ernst, in jedem Herz das gleiche heilige Gefühl, in jedem Blick ein stolzes Leuchten". Das alles machte "der Glaube an den Führer".
Den sollte die feierliche Menge gleich zu sehen bekommen, wenn auch nur als "feinsinnig gestaltetes Ehrenmal" und "aus heimischem Sandstein". Als zum Präsentiermarsch die Hülle fiel, blickte plötzlich kein anderer als Adolf Hitler aus sechs Meter Höhe über den nach ihm benannten Platz.
Es war Hitler, wie ihn keiner kennt: zu Pferd, den Stahlhelm am Sattel, die Hände fromm unter dem Kinn zusammengelegt, die Lider andächtig gesenkt, das Haar aber gehörig rechts gescheitelt - "im Gebet vor der Schlacht", so der Titel des Denkmals mit den Namen von 121 Landstuhler Gefallenen des Ersten Weltkriegs.
Schon sechs Jahre zuvor, im Juli 1928, hatte eine "Arbeitsgemeinschaft zur Errichtung eines Kriegerdenkmales" an die "Ehrenpflicht eines jeden" appelliert, "an diesem Werk mitzuhelfen, sei auch die Gabe noch so klein", zur Erinnerung an Deutschlands "Heldenkampf gegen eine Welt von Feinden". Gelte es doch, "Großes" zu tun, nämlich die "Ehrung der Toten", die "das jung-frische Leben hingaben", "Dankbarkeit der Lebenden" und einen "Mahnruf an die Kommenden" in Stein zu hauen.
Unter den Lebenden, die den Aufruf unterschrieben, befand sich damals noch "Reinheimer Isaak, Vertreter der israelitischen Kultusgemeinde". Dankbarkeit hat ihm das nicht eingebracht, sein Name wurde bald getilgt. Auch der Mahnruf an die Kommenden ging ins Leere, bis heute: Hitler sitzt in Landstuhl noch immer auf dem hohen Roß.
Der Platz heißt jetzt Postplatz, ein Kran hat das Standbild, weil es dem Verkehr im Weg stand, um sieben Meter rückwärts versetzt. Der stilisierte Führer jedoch blieb unangetastet - für amerikanische Soldaten, die von Ramstein oder Kaiserslautern herüber nach Landstuhl mit seinen 8000 Einwohnern kommen, nichts als "a German horseman".
Aber eben kein beliebiger, sondern einer, der gleich bei der Einweihung "dem Volksganzen verständlich" war, so eine zeitgenössische Laudatio auf das Werk des akademischen Bildhauers Adolf Bernd, der aus einer Dreiergruppe von Künstlern ausgewählt wurde, die allesamt "im Sinne der Volksgemeinschaft tätig" waren, wie die NS-Gauleitung befand. Sein Honorar: 10 000 Reichsmark.
Der Sohn des Meisters, Werner Bernd, der 1934 gerade begonnen hatte, "in die Fußstapfen des Vaters zu treten", nun ein Atelier in Kaiserslautern betreibt und bei der Modellierung des Landstuhler Reiters geholfen hat, bestreitet freilich, daß Hitler das Vorbild war oder sein sollte: "Ein solches Profil haben doch viele."
Nun, also: Goebbels nicht, Göring nicht, auch Himmler, Heß und Horst Wessel haben anders ausgesehen. Und das wissen die meisten Leute in Landstuhl auch, wenn sie gebeten werden, sich das Kuriosum endlich genau anzusehen: "Tatsächlich", staunt dann die Verkäuferin im Photogeschäft, "der sieht ja aus wie Adolf Hitler, na so was."
Passanten aus nah und fern fühlen sich spontan "an den Hitler" erinnert, die Pächterin des Kiosks gegenüber vom Denkmal weiß es genau: "Klar, das ist Adolf." Keinen Zweifel hegen auch die Männer, die da auf ein Bier vorbeikommen: "Das kann nur der Hitler sein", aber echt.
Lediglich die Politiker sind an dem Erbstück bislang offenbar achtlos vorübergegangen. Im Kommunalparlament, wo eine Freie Wählergemeinschaft zusammen mit der SPD gegen die CDU regiert, hat das Thema noch auf keiner Tagesordnung gestanden.
Bürgermeister Ludwig Faulhaber von der Wählergemeinschaft will sich "ohne Anlaß" auch "nicht damit beschäftigen". Er lebt zwar schon seit 25 Jahren im Städtchen, hat aber "noch nie weiter auf das Denkmal geachtet" und erinnert sich so gerade, "daß da ein Reiter auf einem Pferd sitzt". Daran habe "noch kein Mensch Anstoß genommen".
Erst "wenn es jemanden stören würde", will Faulhaber sich "vielleicht Gedanken machen", aber: "Was soll man an dem Denkmal ändern? Die Haartracht vielleicht?"
Vielleicht mehr. In Braunau am Inn, wo Hitler herstammt, haben die Österreicher jetzt einen Granitblock aus dem Steinbruch des Konzentrationslagers Mauthausen vor das Geburtshaus des Führers gesetzt.
In Landstuhl hält sich die Bewältigung der Vergangenheit in engeren Grenzen. Vor wenigen Wochen, nach 65 Jahren, wurde die Liste der Gefallenen am Sockel des Denkmals um den Namen des gefallenen Feldwebels Karl Reinheimer erweitert. Reinheimer war Jude. #

DER SPIEGEL 16/1989
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