16.01.1989

Giftgasfabrik: Die Beweise liegen vor

Das Versteckspielen ist beendet, Dokumente belegen: Deutsche Unternehmen bauten an der Fabrikanlage im libyschen Rabita mit. Die Verwicklung der Deutschen in den Giftgasskandal bringt die Bonner Regierung in eine peinliche Lage. Trotz frühzeitiger Geheimdiensthinweise war die Beteiligung bis zuletzt bestritten worden.
Die Prüfer der Oberfinanzdirektion Freiburg waren zufrieden: Die Herren der Imhausen-Chemie in Lahr zeigten sich überaus kooperativ. Sie legten bergeweise Material vor, das die Frage klären sollte, ob Imhausen eine gefährliche Chemiefabrik an Libyen geliefert hat.
Die Beamten sahen Photos vom Bau einer Fabrik. Sofort fielen ihnen die bewaldeten Berge und die grünen Wiesen in der Umgebung auf. Chinesische Arbeiter waren auf der Baustelle zu sehen, chinesische Schriftzeichen auszumachen. Ein Videofilm zeigte einen Fluß an der Grundstücksgrenze. Wie Wüste sah das alles nicht aus.
Die Gutachter taten sich auch in der Buchhaltung der Imhausen-Chemie um. Sie fanden Abrechnungen über Flüge nach Hongkong, Rechnungen des Regent Hotel, Bewirtungsbelege des Carst Ocean Seafood Restaurant, Taxiquittungen - alles Hongkong. Hinweise auf Reisen nach Libyen wurden nicht gefunden.
Der Fall war klar: Die Firma Imhausen-Chemie habe, so stellt die Betriebsprüfungsstelle Zoll für den Oberfinanzbezirk Freiburg in ihrem Bericht fest, Know-how für eine pharmazeutische Fabrik nach Hongkong geliefert: "Die Fabrik ist in Hongkong errichtet worden." Nichts würde die Annahme rechtfertigen, daß Imhausen Libyen beliefert habe.
Regierungsdirektor Willi Vögele gab am 5. Januar das klare Ergebnis mit fester Stimme bekannt. Neben ihm saß der Mann mit dem auffälligen Vatermörder-Kragen, Jürgen Hippenstiel-Imhausen. Der Geschäftsführer der ins Zwielicht geratenen Chemiefirma war nach Vögeles Erklärung ganz entrüsteter Ehrenmann. Er sprach von "unseriösen, haltlosen Verdächtigungen" - Schadenersatz behalte er sich vor.
Der dreiste Auftritt hat nichts gebracht. Inzwischen ist klar, daß die Prüfer in Freiburg ihren Auftrag allzu eng gesehen haben: Hippenstiel hat sie und die Öffentlichkeit genarrt.
In der Tat hat die Imhausen-Chemie in Hongkong eine Pharmafabrik gebaut. Doch sie dient offensichtlich auch der Tarnung anderer Geschäfte. Detaillierte Berichte aus verschiedenen Quellen lassen inzwischen nur einen Schluß zu: Die Chemiefirma aus Lahr hat Gaddafi auf Schleichwegen eine Anlage geliefert, die mit hoher Wahrscheinlichkeit der Produktion chemischer Kampfstoffe dienen soll.
Die bundesdeutschen Nachrichtendienste verfügen nach Berichten aus Bonn "zweifelsfrei" über Hinweise, daß die Libyer in der Chemiefabrik bei Rabita chemische Kampfstoffe herstellen wollen. Wegen Verstößen gegen das Außenwirtschaftsgesetz eröffnete die Staatsanwaltschaft Offenburg vergangene Woche ein Ermittlungsverfahren gegen den Rabita-Lieferanten Imhausen.
Gibt es also doch das "Auschwitz im Sand", von dem der amerikanische Kolumnist William Safire seit Anfang Januar spricht? Der libysche Diktator Gaddafi, Freund vieler Terroristen und Feind Israels, hat offensichtlich auch in der Bundesrepublik Helfer für seine Wahnsinnsideen gefunden. Der häßliche Deutsche ist mit einem Mal wieder da: als "Giftgasschieber" in Gestalt des ehrbaren Kaufmanns, der was auch immer wohin auch immer exportiert.
Aus einer Affäre, die zunächst nur nach Meinungsverschiedenheiten über Geheimdienstberichte aussah, ist ein handfester Skandal geworden, bei dem es nicht nur um schmutzige Geschäfte ohne Moral geht. Der Giftgasskandal hat eine politische Dimension: Die Bundesregierung hat sich blamiert und dem Staate Schaden zugefügt.
Helmut Kohl und seine Minister stehen wie ertappte Biedermänner da. Voller Entrüstung hatte sich der Kanzler über den Verdacht der Amerikaner empört, deutsche Firmen könnten Gaddafi beim Aufbau einer Giftgasfabrik zur Hand gegangen sein. "Überhaupt nicht denkbar" war für Kohl, "daß sich einzelne innerhalb der Bundesrepublik aus Gewinnsucht an Vorhaben beteiligen, die zumindest in Teilen der Welt friedensgefährdend sind".
Und der Kanzler tat noch eins drauf: "Unerträglich" fand er es, wenn man die Deutschen jetzt auf die Anklagebank setzt, "ohne daß wir die Möglichkeit haben, die Beweismittel einzusehen".
CDU/CSU-Fraktionsvize Volker Rühe ging die Amerikaner noch massiver an: Die "schrillen Töne" aus Washington würden nicht ohne Auswirkungen auf die deutsch-amerikanischen Beziehungen bleiben.
Aus ihrem Schmollwinkel blafften die beleidigten Bonner nicht nur ihre Hauptverbündeten an. Sie setzten auch ihre außenpolitische Glaubwürdigkeit aufs Spiel.
Außenminister Hans-Dietrich Genscher rief in Paris, auf der internationalen Chemiewaffen-Konferenz, zur Ächtung dieser "Menschenvernichtungsmittel" (Genscher) auf. Gleichzeitig wurde immer wahrscheinlicher, daß ausgerechnet die Deutschen dem exzentrischen libyschen Diktator Muammar el-Gaddafi zur Produktion von Nervengas verholfen haben.
Um das "verfluchte zionistische Gebilde" (Gaddafi über Israel) mit seinen chemischen Waffen attackieren zu können, will der Libyer auch seine Luftwaffe aufrüsten. Da die Reichweite seiner Mirage-F-1-Jagdbomber nicht ausreicht, von Libyen nach Israel und zurück zu fliegen, sollen die Jets in der Luft aufgetankt werden. Deutsche Spezialisten - unter anderem ehemalige Dornier-Techniker - helfen Gaddafi, "Hercules"-Transporter für diesen Zweck umzurüsten (siehe Kasten Seite 67).
Als Kanzleramtschef Wolfgang Schäuble letzten Dienstag von "Erkenntnissen" aus den "allerletzten Tagen" sprach, die eine "andere Entwicklung" möglich erscheinen ließen, stieß er im Kabinett auf betroffenes Schweigen. Niemand wollte wahrhaben, daß die Regierung, deren Kanzler sich so weit vorgewagt hatte, nun zurück müsse.
Noch tags darauf brüstete sich Kohl vor Journalisten: "Ich habe angeordnet, daß allen Spuren ohne Ansehen von Personen oder Firmen nachgegangen wird, und zwar mit äußerster Beschleunigung." Der hektische Aktionismus kam reichlich spät.
Ende vergangener Woche wurde offenbar, daß die christliberale Regierung und ihr Kanzler seit langem mehr über die Verstrickung deutscher Firmen in die Libyen-Affäre wissen, als sie öffentlich zugeben mochten. Seit Oktober, räumte Regierungssprecher Friedhelm Ost am Freitag endlich ein, hätten die bundesdeutschen Nachrichtendienste "ernst zu nehmende Informationen" über das Projekt in Rabita vorgelegt.
Nicht nur die Amerikaner, auch der Bundesnachrichtendienst (BND) in Pullach lieferte dem Kanzleramt seit Monaten eigene Erkenntnisse über den Bau der Chemiewaffen-Fabrik in Libyen. Kohl wurde darüber informiert, noch ehe er am 12. November vergangenen Jahres in die USA reiste und "auf das höchste alarmiert" (Regierungssprecher Ost) zurückkehrte.
Was war los in Bonn, warum tappte das gesamte Kabinett so blindlings in eine der schlimmsten Blamagen der Amtszeit Kohl? Warum riskierten die Bonner Streit mit den Verbündeten, obwohl sie wissen mußten, daß die Amerikaner mit ihren Vorwürfen so unrecht nicht hatten?
Das mag zum einen mit der Scheu aller Bundesregierungen zu tun haben, Exporte zu gefährden, die Wachstum und Wohlstand garantieren. Zum anderen aber gibt es eine ganz schlichte Erklärung: Die Bonner haben den Fall nicht ernst genommen, weil sie auch die Geheimdienste - wohl oft zu Recht - nicht ernst nehmen.
Die Erkenntnisse des BND wurden im Kanzleramt als "vage" eingestuft. Vor allem aber, so rechtfertigen sich Kohl-Mitarbeiter immer wieder, hätten die Berichte "keine amtlich verwertbaren Beweise" (Ost) enthalten.
Was die Bonner jedoch aus Pullach geliefert bekamen, so stellt sich jetzt heraus, war sehr viel konkreter, als die Kohl-Truppe anfangs glauben machen wollte. Aber die strenggeheimen Ausforschungen des BND-Präsidenten Hans-Georg Wieck und seiner Behörde wurden im Kanzleramt und auch im Auswärtigen Amt zu den Akten gelegt.
Im sogenannten Bermuda-Dreieck des Koordinators für die Nachrichtendienste, des früheren Kanzleramtschefs Waldemar Schreckenberger, ging diesmal wohl nichts verloren. Offenbar, so Schreckenberger, gebe es zwischen dem BND und den zuständigen Behörden eine "Überzeugungs-Diskrepanz" - eine unterschiedliche Wertung über den Nutzen der Geheimdienstberichte.
Die ersten Hinweise auf eine Verwicklung deutscher Firmen im Chemiewaffen-Geschäft mit Libyen wollen die Pullacher schon 1986 nach Bonn geliefert haben. Mitte 1987 legte der BND abermals ein Dossier vor. Es stützte sich auf amerikanische Photoauswertungen, nach denen die Chemiefabrik in der Wüste eindeutig als Produktionsstätte für Nervengas ausgewiesen wurde.
"Sehr konkret", so behaupten die Pullacher Späher, seien die Erkenntnisse seit September vergangenen Jahres gewesen. Da habe es nämlich, von US-Geheimdiensten entdeckt, einen Unfall in Rabita gegeben: Bei einem Testlauf seien giftige Gase ausgeströmt.
In Telephon-Mitschnitten hielten die US-Geheimdienstler fest, wie die verzweifelten libyschen Betreiber um Hilfe nachsuchten, die Mord-Anlage unter Kontrolle zu bringen - auch bei der Firma Imhausen. Kohls Schreckenberger will von diesen Telephon-Mitschnitten nichts gehört haben. Wohl aber lieferte Agentenchef Wieck am 30. September vergangenen Jahres ein Papier im Kanzleramt ab: Die Firma Imhausen sei in Rabita mit von der Partie.
Am 18. Oktober, das räumt auch Schreckenberger ein, habe der Dienst aus Pullach "konkretere Hinweise" auf eine Beteiligung deutscher Firmen vorgelegt. Doch das Material sei "nicht hinreichend" gewesen.
Klar aber ist: Kanzler Kohl, "über Details nicht informiert" (Schreckenberger), wußte schon vor seiner USA-Reise im November, daß deutsche Chemielieferanten in Libyen tätig waren - der Name Imhausen war gefallen.
Klar ist auch: Kohls Vize und Reisebegleiter Genscher bekam in einem internen Vermerk vom 11. November von seinen Beamten die Vorwarnung, daß die Gastgeber in Washington ihn und den Kanzler womöglich auf die Chemiefabrik in Libyen ansprechen würden.
Und fest steht, jedenfalls aus der Sicht des BND und seiner Zuträger aus befreundeten Spionagediensten: "Bei Gaddafi wird auf der Basis von Pflanzenschutzmitteln Nervengas produziert."
Daß die Fabrik auf der Baustelle in Rabita die Kampfgifte Soman und Sarin produzieren kann, sei den Bonnern nicht verborgen worden. Im Gegenteil: BND-Chef Wieck wies das Kanzleramt mehrfach "dringlich" darauf hin, die Regierung müsse sich der Sache annehmen. "Wir sind nicht der Staatsanwalt", hielt der umtriebige Geheimdienstmann beamteten Bedenkenträgern entgegen, die in den Dossiers aus Pullach und Washington nichts Gerichtsfestes entdecken konnten.
Auch die ersten Meldungen der vergangene Woche eigens ins CIA-Hauptquartier entsandten Expertengruppe, die Freitag nachmittag im Kanzleramt eintrafen, besagten einmal mehr: "In der Tendenz kein gerichtsverwertbares Material."
Doch selbst den Kanzler hat endlich ein "ungutes Gefühl" (Ost) beschlichen. Verdeckte Zollfahndungen und überraschende Betriebsprüfungen bei verdächtigen Firmen, dämmerte nun auch Kohl, seien deshalb wohl unzureichend. Er setzte erst mal die Idee in die Welt, das Bundeskriminalamt in künftigen Fällen zu Recherchen zu ermächtigen.
Solche Vorstellungen wirken ebenso hilflos wie die eilfertig von den Bonnern angekündigte Verschärfung ihrer Exportkontrollen. Ein strengeres Außenwirtschaftsgesetz im nationalen Alleingang nützt nichts, wenn die EG von 1992 an nur noch gemeinsame Außengrenzen kennt. Schlupflöcher für illegale Transporte bieten sich dann allemal.
Zunächst aber müssen die Bonner den außenpolitischen Schaden einigermaßen reparieren. Mit dieser Aufgabe sah sich, weil zufällig in Washington, vorige Woche Finanzminister Gerhard Stoltenberg konfrontiert.
Wo immer Stoltenberg in Washington vorsprach, nutzte er die Gelegenheit, die Aufregung seiner amerikanischen Gastgeber über das Engagement deutscher Firmen in Libyen zu dämpfen. Jedem seiner amerikanischen Gesprächspartner wollte der Finanzminister, auch ungefragt, klarmachen, "that we strongly oppose any exports, which would help to build chemical weapons" - "daß wir entschieden gegen alle Exporte sind, die helfen, chemische Waffen herzustellen".
Doch alle Beteuerungen und Beschwichtigungen können die ärgerlichen Fakten nicht mehr verniedlichen: Deutsche Firmen haben geholfen, im libyschen Rabita, 60 Kilometer südlich von Tripolis, eine Fabrik einzurichten, die sich sehr schnell als eine Giftküche herausstellen kann. Der Name Imhausen, der breiten Öffentlichkeit bislang kaum bekannt, hat die Bonner Kulisse ins Wanken gebracht.
Imhausen-Chef Hippenstiel (Spitzname: Hippie) war sich offenbar von Anfang an bewußt, daß seine Geschäfte mit dem Wüsten-Revoluzzer Kritik und Protest provozieren würden. Er hat viel Energie darauf verwendet, die Spuren seiner zweifelhaften Aktivitäten zu verwischen.
Die offizielle Fährte führt nach Hongkong. Dort baut eine Pen-Tsao-Materia-Medica-Center Ltd. unter der Projektbezeichnung "Pharma 150" im Yeun Long Industrial Estate, nahe der Grenze zu China, eine Chemiefabrik. Know-how und Konstruktion liefert, für angeblich 32 Millionen Mark, Imhausen aus Lahr.
Die Farbphotos mit grünen Bergen und Wiesen neben der Baustelle, die sich die Freiburger Prüfer so interessiert angesehen hatten, waren wohl aus Hongkong. Die Firma Pen-Tsao in Hongkong gibt es tatsächlich, ebenso eine Baustelle mit einem leeren Gebäude in Yeun Long. Doch beide sind kaum mehr als die raffinierte Kulisse für ein weit einträglicheres Geschäft - den Bau der Chemiefabrik in Libyen.
Das Büro der Firma Pen-Tsao, tief in der China-Town von Mongkok im Stadtteil Kowloon, ist klein und bescheiden. Und doch muß das Unternehmen sich die Räumlichkeiten mit einem weiteren Mieter teilen, der Dee Trading Co. Ltd.
Dee ist gleichzeitig, mit rund 23 Prozent, der größte Gesellschafter der Imhausen-Chemie in Lahr. Daniel Cheng, Eigentümer der Firmen Dee und Pen-Tsao, bezeichnet sich als alten Freund der Chemie-Familie Imhausen.
Wie eng die Beziehungen waren, zeigte sich, als Pen-Tsao bei der Swiss Bank in Hongkong ein Geschäftskonto eröffnete. Den Antrag unterschrieb Jürgen Hippenstiel. Als Geschäftszweck wurde, in ungewohnter Offenheit, der "Handel mit Chemikalien und Chemie-Anlagen" angegeben.
Der alte Freund Cheng war einverstanden, daß Hippenstiel-Imhausen in Hamburg eine Tochtergesellschaft der Pen-Tsao gründete. Damit verfügte Imhausen über ein Netz internationaler Firmen, das die Lahrer Firma gut zu nutzen wußte: zur Tarnung ihrer Libyen-Connection.
Die Tarnung reichte gerade noch, um Regierungsdirektor Vögele zu düpieren. Doch Hippenstiel war bereits aufgeflogen, als er noch selbstsicher vor den Fernsehkameras saß.
Inzwischen war nämlich das Kölner Zollkriminalinstitut (ZKI) fündig geworden. Die Fahnder waren nicht der falschen Fährte nach Hongkong, sondern der richtigen Spur gefolgt. Und die führte nach Frankfurt.
Am Morgen des 4. Januar, Vögeles Werk war noch nicht vollendet, klingelten drei Beamte des ZKI beim Frankfurter Steuerberater Harry P. Meyer. Der hatte dem irakischen Geschäftsmann Ishan Barbouti in den vergangenen Jahren steuerberatend zur Seite gestanden. In seinem Keller lagerten zwölf Kisten mit Akten jener inzwischen liquidierten Barbouti-Firma, der Ishan Barbouti International (IBI). Die Beamten nahmen das Material mit. Der Tip kam vom BND.
Was sich den Ermittlern seither enthüllt, Tag für Tag ein Stückchen mehr, belegt eindeutig, daß von Frankfurt aus der Bau von Gaddafis Wüsten-Fabrik gemanagt wurde. Hier wurden die Lieferanten aufgetrieben, von hier aus die Aufträge vergeben.
Barbouti war die zentrale Figur im Geschäft mit den Libyern. Er war Generalunternehmer für das Werk in Rabita. Seine Frankfurter Niederlassung IBI Engineering GmbH verteilte die Aufträge.
Vor allem aber beweisen die beschlagnahmten Akten eindeutig, wie tief Imhausen in das Geschäft mit Gaddafi verstrickt ist. Führende Imhausen-Mitarbeiter lieferten die Pläne für die angebliche Pharmafabrik, andere überwachten vor Ort den Bau der Anlage.
Im Frühjahr 1984 tauchte Ishan Barbouti, 64, in Frankfurt auf, wie immer lediglich mit einer Plastiktüte in der Hand. Auf seinen weltweiten Reisen zwischen Frankfurt, London, Riad, Zürich, Tokio und Tripolis kleidete sich der bärtige Professor der Architektur jeweils vor Ort neu ein.
Das wichtigste Gepäck trug er meistens in ausgebeulten Taschen mit sich: Cash. Große Summen Bargeld stopfte Barbouti bevorzugt in seine Hosentaschen. Von seinen Kunden nach Zahlungsfähigkeit und Kreditabsicherungen befragt, packte er ein Bündel D-Mark oder Dollar auf den Tisch. "Hermes brauchen wir nicht", tönte er, "wenn es losgeht, komme ich mit noch mehr vorbei."
Der 1,82 Meter große Iraker war früher einer der bekanntesten Architekten Bagdads. Als Regimegegner will er 1978 vor einem Killerkommando nach London geflüchtet sein. Im noblen Stadtteil Chelsea bezog er eine gut gesicherte Wohnung.
In Deutschland knüpfte der perfekt Englisch und passabel Deutsch sprechende Araber über einen deutschen Ingenieur Kontakte zu mehreren mittelständischen Unternehmen. So ließ er auch bei der Stahlbau-Hammer GmbH in Mainz anfragen, ob Interesse "an einem großen Geschäft" bestehe.
Das bestand. Wenig später traf Barbouti mit seiner Plastiktüte ein. Er offerierte den Auftrag zum Bau eines "riesigen Komplexes". Darin sollten angeblich eine Gießerei, Maschinenhallen, ein Kraftwerk und Werkstätten gebaut werden. Die Stahlkonstruktion sollte mit hochwertigen Profilblechen verkleidet werden. Eigenhändig skizzierte Barbouti den Gebäudekomplex.
Über das Empfängerland ("Das braucht Sie nicht zu interessieren") hüllte sich der Araber gegenüber seinen deutschen Verhandlungspartnern in Schweigen. Nachts sei die Gegend kalt und tagsüber heiß, und viel Staub gebe es dort. Für sein Wüsten-Projekt ließ sich Barbouti noch bei verschiedenen deutschen Firmen aufwendige Bauzeichnungen anfertigen. Ein paar tausend Mark Extrageld schob er einem deutschen Architekten zu. Damit hoffte er den Zuschlag seiner geheimnisvollen Auftraggeber zu bekommen.
Im Juli 1984 verhandelte Barbouti zuletzt mit Stahlbau-Hammer. Jetzt ging es konkret um den Aufbau eines Technologieparks bei Tripolis mit einem Ausbildungszentrum für libysche Techniker. Waffen würden dort nicht gebaut. Als "guter Freund von Gaddafi", rühmte sich Barbouti, "brauche ich kein Geld, wenn ich zu dem fliege".
Deutsche Banken hatten Gaddafi-Freund Barbouti inzwischen hervorragend beurteilt: schnelle Millionenumsätze. Doch der Iraker nahm lediglich die fertiggestellten Pläne und verschwand nach London. Nachgeschickte Rechnungen wurden nie bezahlt.
Den Zuschlag für Gaddafis Technologiezentrum bekam der Iraker tatsächlich. Er habe dabei, brüstet er sich, die Japaner ausgestochen. Die seien den Libyern zu teuer gewesen. Nur mit der Chemiefabrik will Barbouti nichts zu tun gehabt haben.
Unklar ist, welche der zahlreichen Barbouti-Firmen den Vertrag abschloß. Klar aber ist, daß bei der Abwicklung des Geschäftes seine Firmen in der Schweiz und in Frankfurt eine zentrale Rolle spielten. Die Frankfurter Niederlassung gründete "Dr. B.", so nennen ihn seine Mitarbeiter, im Jahre 1985. Auf Empfehlung seines Steuerberaters Meyer stellte er Horst Körbler als Geschäftsführer ein.
Körbler entfaltete schnell eine rege Tätigkeit: Er suchte in der deutschen Industrie nach geeigneten Zulieferern für den Wüsten-Komplex. Die fanden sich reichlich. Über 30 Namen enthält die Lieferliste der Spedition Rhenus. Die Raab Karcher GmbH lieferte Baumaterial für 600 000 Mark, später noch einmal für 2,2 Millionen. Sartorius Metallbau war mit Fenstern und Türen, Wert rund eine Million Mark, behilflich; Becker & Co. installierte, für 1,25 Millionen Mark, Telex-, Telephon- und Videoanlagen.
Die Schlüsselrolle aber hatte die IBI der Imhausen-Chemie zugedacht: Sie sollte den wichtigsten Teil des Technologiezentrums, die angebliche Pharmafabrik, bauen. Und die Firma aus dem Schwarzwald wußte, anders als die vielen Zulieferer, genau, was sie tat.
Denn Imhausen ist keine kleine Klitsche aus der Provinz. Das Unternehmen hat einen klangvollen Namen - und eine Menge Erfahrung im Umgang mit gefährlichen Stoffen.
Der Chemiker Karl-Heinz Imhausen, der 1983 starb, betrieb nach dem Krieg zunächst eine kleine Chemiefabrik in Witten, dann machte er vor allem Consulting-Geschäfte. Für die Bundesregierung verfertigte er eine Studie über die Gewinnung von Öl aus Kohle.
Seine Erfindungen, vor allem auf den Gebieten der Hochdruck-Polyethylen-Technik, machten ihn bei Anlagenbauern wie Lurgi und Salzgitter und bei ausländischen Auftraggebern zu einem gefragten Partner für Firmen. In Pakistan errichtete das Unternehmen eine Kunstdüngerfabrik. Imhausen genoß auch in der Sowjet-Union einen guten Ruf. Der geschäftstüchtige Chemiker entwarf für die Sowjets Großanlagen zur Polyethylen-Produktion.
Der Imhausen-Betrieb an der Raiffeisenstraße im Lahrer Industriegebiet wird in der Bevölkerung der kleinen Stadt (34 500 Einwohner) gern "Giftküche" genannt. Doch niemand weiß, sagt Ulrich Högel, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer in Freiburg, "welche Suppen dort gekocht werden".
Fachleute wissen mehr. Beim Deutschen Patentamt in München meldete die Schwarzwälder Firma seit 1977 insgesamt drei Eigenentwicklungen an. In der "Offenlegungsschrift" Nummer 27 31 962 wurde damals ein neues Verfahren zur Herstellung von Carbonsäureethylester angemeldet. Der Stoff ist ein vielseitiges Ausgangsprodukt der chemischen Industrie.
Ein Jahr später folgte ein weiteres Imhausen-Patent, das ein Verfahren zur Herstellung von Carbonsäurealkylestern beschrieb. Für beide Stoffe wurde, ungewöhnlich genug, die "Nichtnennung des Erfinders" beantragt. Im November 1985 schließlich folgte ein Patent zum Entfernen von Schwefelwasserstoff aus Abgasen, wie sie beispielsweise bei der Energieerzeugung anfallen (Patentschrift DE 35 42 345 A1).
Die Imhausen-Patente sind für Fachleute überraschend. Zwar besteht kein direkt erkennbarer Zusammenhang zur Herstellung von chemischen Waffen. "Aber eine so aufwendige Forschung", urteilt der Berliner Physiologe und C-Waffen-Experte Adolf-Henning Frucht, "betreibt in der Bundesrepublik eigentlich nur die Großindustrie." Und ein Münchner Patentexperte ("Die Kollegen verstehen ihr Handwerk") kommt zu dem Schluß: "Es erhärtet sich der Verdacht, daß die Firma im Bereich der Kampfstoffe aktiv ist."
Das Unternehmen ist auch dem Verband der Chemischen Industrie (VCI) schon negativ aufgefallen. Denn Imhausen nimmt es offensichtlich mit gefährlichen Stoffen nicht so genau.
Im Jahr 1985 übermittelte die Bundesregierung dem VCI eine Liste mit Chemikalien. Der Verband sollte feststellen, welche der auf der Liste enthaltenen Stoffe in deutschen Fabriken hergestellt würden.
Auf der Liste befand sich auch die Chemikalie Pinakolyl Alkohol. Der Stoff hat in der Industrie kaum Bedeutung, weil sich aus ihm keine wichtigen Produkte fertigen lassen. Pinakolyl Alkohol ist eine Chemikalie, die es dennoch in sich hat. Aus ihr läßt sich der gefährliche Kampfstoff Soman herstellen, dessen Produktion hierzulande verboten ist.
Experten gaben dem Verband den Hinweis, bei Imhausen nachzufragen, ob der Stoff dort produziert werde. Auf seine Anfrage bekam der Verband jedoch keine Antwort.
Die Firma mit dem promovierten Volkswirt Hippenstiel-Imhausen, 48, an der Spitze war deshalb eine gute Adresse für den Gaddafi-Partner Barbouti. Zusammen fädelten sie das Geschäft ein, dessen Details jetzt bekannt werden.
Das Projekt lief unter dem Namen "Pharma 150". Es kann kaum Zufall sein, daß auch die Baustelle in Hongkong unter dieser Bezeichnung geführt wird. Für Pharma 150 stand Barbouti ein Budget von 93 Millionen Dollar zur Verfügung.
Den Kontakt zu Hippenstiel-Imhausen knüpfte "Dr. B." persönlich. Er gibt zu, den Unternehmer aus dem Schwarzwald zu kennen - allerdings "rein gesellschaftlich". Geschäfte habe er mit ihm nie gemacht.
Die besorgten, auf Imhausens Seite, die Prokuristen. Bei IBI war Körbler zuständig. Den Namen des Lahrer Unternehmens habe er zum erstenmal Ende 1987 gehört, beteuert Körbler. Mit Libyen habe er nur einmal, 1980, Geschäfte gemacht, erklärt Hippenstiel. Kontakte zu IBI bestünden nicht.
Sie lügen alle. Die gegenseitigen Beziehungen waren eng. Spätestens seit 1986 bestand, das belegen verschiedene Dokumente eindeutig, eine rege Korrespondenz zwischen der Frankfurter IBI und der Firma Imhausen - und mit Mitarbeitern Imhausens, vor Ort, in Tripolis.
Mit Schreiben vom 11. Dezember 1986 werden die Herren Rüdiger Berndt, Eugen Lang und Fritz Schöffel von Körbler sogar autorisiert, als Consultants für IBI Engineering zu zeichnen und zu sprechen. Alle drei waren zum damaligen Zeitpunkt Prokuristen in Lahr, zwei sind es heute noch.
Einmal schickte Prokurist Berndt, am 30. Juli 1987, Maschinenbaudokumentationen für Pharma 150 an Körbler, ein anderes Mal bat er ihn, im September 1987, Betriebsmittel zu bestellen. Auch Schöffel schrieb Briefe nach Frankfurt. Er kündigte Körbler, am 24. November 1986, eine Lieferung von Elektroden an. Am 17. September 1987 orderte er per Telefax "Ersatzteile für Baustellenbeleuchtung und Werkzeuge".
Die Tätigkeit der beiden Imhausen-Prokuristen für Gaddafis Pharma 150 erschöpfte sich nicht im Briefeschreiben. Berndt soll die Anlage geplant haben, Schöffel, auch als "Dr. Karl" bekannt, hat zeitweise die Errichtung der Anlage in Rabita überwacht.
Friedrich Schöffel, 66, lebt, seit einem Jahr pensioniert, in Lahr. In Libyen, beteuert er, sei er nie gewesen. Mit Telex vom 8. Januar 1987 gibt Körbler einem Mr. Murad vom Technical Center in Libyen die Daten von F. Schöffel, wohnhaft in Lahr, durch; am 30. Januar bat er einen Mr. Medah, das Visum vorzubereiten. Schöffels Ankunft wurde für Freitag, den 6. Februar 1987 angekündigt. Noch im Sommer vergangenen Jahres, er mußte wohl die Rente auffrischen, läßt sich seine Spur nach Rabita verfolgen. Dort sollte ihm ein Dr. Sadiq, für IBI auf der Baustelle tätig, einen Brief von Körbler aushändigen.
Der Brief hat es noch in zweiter Hinsicht in sich. Er enthält die Namen und die Personalien der Leute, die von Pen-Tsao in Hongkong für Pharma 150 nach Libyen entsandt wurden - von jener Firma also, die angeblich ein Projekt desselben Namens in Hongkong realisiert.
Die Pen-Tsao spielte in dem ganzen Geschäft eine entscheidende Rolle. Sie bestellte Chemikalien und Anlagen für Pharma 150 - in Hongkong.
Für Pen-Tsao waren auch die Güter bestimmt, die über die Reederei Cross Link in Antwerpen, unter anderem mit dem Frachter "MS Bernhard Schulte", verschifft wurden. Während der Fahrt änderten sich die Dokumente und der Kurs des Frachters. Neuer Empfänger war nun Pharma 150 - Libyen.
Die belgische Polizei nahm Mittwoch der vergangenen Woche auf dem Brüsseler Flughafen den Geschäftsführer der Cross Link, Jozef Gedopt, in Empfang. Gedopt hat inzwischen gestanden, Rechnungen und Transportdokumente verändert zu haben.
Seit sich die Ereignisse überschlagen, ist aus Lahr nichts Erhellendes mehr zu vernehmen. Nur Schöffel, dem ehemaligen Imhausen-Prokuristen, entfährt es im ersten Zorn: Kontakte zu IBI habe es gegeben. "Wir haben sie abgebrochen", sagt er, "als wir merkten, was da lief."
Was wurde abgebrochen, und was lief? Imhausen hat doch angeblich nur eine Pharmafabrik in Hongkong gebaut und mit Libyen nichts zu tun gehabt.
Es habe nie irgendwelche Anzeichen dafür gegeben, daß ein Rüstungskomplex in Rabita gebaut werde, beteuerte Körbler, der am Donnerstag vergangener Woche auch von den Behörden vernommen wurde. Ungewöhnliche Sicherheitsmaßnahmen wollen ihm nie aufgefallen sein.
Es scheint, als beschränke sich Körblers Wahrnehmungsfähigkeit auf seinen Kontostand. Monteure der rund 25 deutschen Firmen, die IBI mit Aufträgen für das angebliche Technologiezentrum bedachte, berichten, wie streng die abseits der anderen Gebäude gelegene Baustelle des Projekts Pharma 150 gesichert war. Unbefugte hatten keinen Zutritt.
Das technische Zentrum, das sich Gaddafi in den Wüstensand setzen ließ, sieht keinesfalls wie eine Stätte der Wissenschaft aus, in der ein paar Forscher mit Reagenzgläsern hantieren. Da geht es um schwere Kaliber.
Welcher Forschung soll etwa das Gebäude 2 dienen, ausgestattet mit einer Tür, die 24 mal 6 Meter mißt? Der Boden ist aus zwei Zentimeter dicken Stahlplatten gefertigt, ein Laufkran ist für 500 Tonnen Last vorgesehen.
Warum wohl sollte eine friedliche Pharmafabrik, allein konzipiert für medizinische Präparate, von einem Erdwall umgeben sein und von Videokameras überwacht werden? Warum sollten rund 200 Container mit Chemikalien, die in Europa beschafft wurden, mit Tarnnetzen abgedeckt sein? Auch die Radaranlage und die Luftabwehrraketen nehmen sich nicht sehr friedlich aus.
Der Schluß des US-Geheimdienstes CIA, hier entstünde die größte Fabrik für chemische Waffen, die jemals entdeckt worden sei, ist jedenfalls nicht so abwegig, wie Libyens Gaddafi glauben machen will. Der Staatschef hat an dem Projekt offensichtlich ein starkes Interesse, im September 1988 besuchte er die Anlage persönlich.
Der gesamte Komplex, er besteht unter anderem aus einer metallverarbeitenden Anlage, einer Gießerei, einem Schmiedewerk und einer Kunststoff-Form-Fabrik, liegt an der Straße von Tripolis nach Gharjan, etwa 60 Kilometer südlich der Hauptstadt. Gelegentlich wird die Straße abgeriegelt und jede Person durchsucht. Sicherheitskräfte der libyschen Armee sichern das Technologiezentrum. Zusätzliche Wachen gibt es im Innern der Pharmafabrik.
Die mögliche Giftgasküche liegt etwas abseits des gesamten Komplexes. Unter- und oberirdische Tanks sind reichlich vorhanden. Im eigentlichen Produktionsbereich stehen vier wassergekühlte Reaktorkessel von drei Metern Höhe, Durchmesser etwa drei Meter, sowie zwei weitere, jeweils zwei Meter hoch.
Harmlose Stoffe, so viel ist sicher, werden in diesen Kesseln nicht gebraut. Das Produktionsgebäude ist mit säurebeständigen Kacheln ausgestattet. Es gibt Alarmanlagen für austretendes Gas und Sensoren an jeder Rohrverbindung, die Lecks melden sollen. Die Alarmanlagen und die Sensoren, eine deutsche Entwicklung, sind mit einer Schaltzentrale verbunden.
Der erste Stock kann bis zu 30 Zentimeter unter Wasser gesetzt werden. Das Wasser ist in Tanks auf einer höheren Ebene vorhanden. Das Erdgeschoß ist mit einem kompletten Pumpenraum ausgestattet. Neben dem Produktionsgebäude steht eine Abfüllanlage, die von den Technikern "The Brewery" (Die Brauerei) genannt wird. Die Wände sind besonders massiv: außen Ziegelsteine, dann 30 Zentimeter Stahlbeton, eine Luftschicht sowie noch eine zehn Zentimeter starke innere Wand.
Die Produktion, von was auch immer, soll im Laufe dieses Jahres beginnen. Probeläufe haben nach Geheimdienst-Berichten bereits stattgefunden. Doch seit die Geheimdienste Gaddafis Pläne publik machten, stockt die Lieferung des noch benötigten Materials. Das ausländische Personal soll inzwischen abgezogen worden sein.
Der Projektmanager Barbouti hat sich bereits im April vergangenen Jahres abgesetzt. Die Frankfurter Firma übertrug er seinem Mitarbeiter Hussein Mussa, wohnhaft Tripolis.
Geschäftsführer Horst Körbler wurde, mit Wirkung zum 26. Juni vergangenen Jahres, gefeuert. Er hatte angeblich auf eigene Rechnung Geschäfte gemacht. An Ahmed Hasnawi, den libyschen Leiter des Pharmaprojekts, lieferte Körbler drei Kisten nicht identifizierbaren Inhalts, Gesamtgewicht 350 Kilogramm. Sollte Körbler jemals aufdecken, was er geliefert habe, drohte Hasnawi, würde er getötet.
Körbler führt inzwischen die Libyen-Geschäfte seines früheren Chefs in eigener Regie weiter. Seine Firma Körbler Engineering Consult, versichert der Chef und einzige Mitarbeiter des Unternehmens, arbeite ausschließlich an zivilen Einrichtungen.
Gaddafi indes, daran ist kein Zweifel, hat an zivilen Produktionen weniger Interesse. Bereits seit Anfang der achtziger Jahre bereitet sich Libyen auf einen Giftgaskrieg vor, mit allen Einzelheiten.
Das Land wird überdies für den Fall gewappnet, daß die Libyer selbst Opfer eines Giftgasangriffs werden. So schickte damals die Firma Odenwald-Werke im badischen Mosbach, ein führender Hersteller von Entseuchungsmaterialien für die Bundeswehr und den Zivilschutz, schon vor einigen Jahren einen Mitarbeiter nach Libyen.
Bei mehreren Besuchen in dem nordafrikanischen Land verhandelte Odenwald-Chemiker Klaus Hoffmann (Titel der Doktorarbeit: "Nachweis von chemischen Kampfstoffen in Trinkwasser") mit libyschen Offizieren.
Die Araber zeigten sich vor allem an Entseuchungsanlagen und Gegenmitteln für C-Waffen interessiert. Zur Ausrüstung gehören Duschzelte und fahrbare chemische Labors. Im harten Preispoker vergaben die Libyer schließlich den Millionenauftrag an den italienischen Rüstungslieferanten Cristanini in Verona.
C-Waffen-Ausrüstung ist ein lukratives Geschäft. Libyen bezieht seine Schutzausrüstungen überwiegend aus der Sowjet-Union und osteuropäischen Ländern. Das befeindete Nachbarland Ägypten, das über chemische Kampfstoffe verfügt, deckt sich dagegen im Westen ein. Die baden-württembergische Firma Alfred Kärcher, führender Hersteller von Reinigungssystemen, liefert auch Know-how an den Nil. Ein Mitarbeiter: "Man kann nur für eine Seite arbeiten."
Die Stuttgarter Import-Export-Firma Rose GmbH kennt solche Selbstbeschränkungen nicht. Auf der Industriemesse in Riad präsentierte die württembergische Handelsfirma mit der Filiale Decotech S.A. im schweizerischen Fribourg ein C-Warngerät. Für sogenannte sensitive Länder wie Irak oder Libyen sind für solche Exporte in der Bundesrepublik keine Ausfuhrgenehmigungen zu bekommen.
Wie sehr die arabischen Länder an schmutzigen Massenvernichtungswaffen interessiert sind, zeigte sich vergangene Woche auf der Pariser C-Waffen-Konferenz. Unter Beteiligung Ägyptens, das seit dem Friedensschluß mit Israel aus der arabischen Staatengemeinschaft ausgeschlossen ist, sperrten sich die arabischen Nationen unisono gegen die angestrebte Verbannung und Ächtung aller chemischen Waffen.
Es wäre ungerecht, so das arabische Argument, lediglich die chemischen Kampfstoffe abschaffen zu wollen. Auch die Atomwaffen sollten geächtet werden. Die nahöstlichen Regierungen bekräftigten ihr "Recht" auf den Besitz von Giftgas. Sie bräuchten es als Abschreckung gegen das israelische Atomarsenal.
Das Potential an mörderischen C-Waffen ist bereits beträchtlich. Neben dem Irak (siehe Kasten Seite 69) ist vor allem Syrien in der Lage, industriell große Mengen von Giftgas für den Kriegseinsatz zu produzieren.
Schon 1986 hatte die Regierung in Washington, alarmiert von Berichten ihrer Geheimdienste, den totalen Boykott von Rohchemikalien aus den USA nach Syrien verordnet. Laut britischer Geheimdienstquelle habe Israel seit langem fertig ausgearbeitete Einsatzpläne für einen Präventivschlag gegen eine syrische Giftgasfabrik im Nordosten des Nachbarlandes.
Auch Ägypten produziert chemische Kampfstoffe. Schon Mitte der sechziger Jahre ließ Gamal Abd el-Nasser seine Luftwaffe Gaseinsätze gegen jemenitische Royalisten fliegen.
Die arabische Position, nur der Besitz der "Atombombe des kleinen Mannes" schaffe einen Ausgleich gegen die atomare Übermacht Israels, machte sich auf der Pariser Konferenz vor allem der irakische Außenminister Tarik Asis zu eigen. Der Irak verfügt über mehrere Giftgasfabriken, für die auch deutsche Firmen geliefert haben sollen.
Mit ihren tödlichen Gasschwaden stoppten die Iraker im Golfkrieg die iranischen Sturmtrupps und zwangen so dem an Truppenstärke überlegenen Chomeini-Staat einen Waffenstillstand auf. Das zweite Ziel der irakischen Gasangriffe war die eigene Bevölkerung - Zivilisten der kurdischen Minderheit, an denen Saddam Hussein grausame Rache nahm, weil kurdische Freischärler mit dem Iran gegen sein Land kämpften.
Die irakischen Giftgasmassaker, von der Welt beiläufig wahrgenommen und für das Regime folgenlos geblieben, können dem Land schon bald neue Exportmöglichkeiten eröffnen. Seit den Gaseinsätzen, prahlte vergangene Woche ein irakischer Diplomat, könne sich sein Land "kaum mehr von Anfragen aus anderen Dritte-Welt-Ländern retten".
Die verhängnisvolle Entwicklung haben deutsche Manager, naive wie skrupellose, mitzuverantworten. Der Fall Imhausen zeigt, wie gründlich der Anspruch der deutschen Wirtschaft, Weltmeister im Export zu bleiben, bisweilen mißverstanden werden kann.
Das Kabinett Kohl jedenfalls hat alle Mühe, dem irritierten amerikanischen Verbündeten die deutsche Position zu erklären. Zwar sei, so der Kanzlergesandte Stoltenberg nach seinen Gesprächen in Washington, inzwischen "die Luft gereinigt". Aber das Problem ist geblieben.
Auch Stoltenberg weiß, daß es schwer wird, den deutschen Libyen-Partnern einen Gesetzesverstoß nachzuweisen. Nach dem Außenwirtschaftsgesetz wäre das Geschäft mit dem Gaddafi-Regime nur strafbar, wenn der Lieferant wissentlich eine Giftgasfabrik verkauft hat.
Das jedoch wird kaum zu belegen sein. Die Technik für die "verwerfliche Produktion von Chemiewaffen" (Stoltenberg) ist gar nicht so verschieden von dem Verfahren für die Herstellung mancher anderer chemischen Produkte.
Diplomaten des Auswärtigen Amtes ahnen bereits Böses: Es könnte gelingen, deutschen Firmen eine Beteiligung am Bau der Fabrik in Rabita nachzuweisen; aber die Verfahren gegen diese Firmen enden mit einem Freispruch. "Dann", meint einer von Genschers Beamten, "ist in Washington wirklich etwas los." #

DER SPIEGEL 3/1989
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