17.04.1989

BURGENWild entschlossen

Wo Deutschland am deutschesten ist, gleich neben der Loreley, will ein reicher Japaner eine Burg zum Luxushotel umbauen.
Die blonde Dame am Rhein hat den Mann aus Japan seit jeher fasziniert. Als Schüler hat Satoshi Kosugi Heinrich Heines Gedicht von der Loreley gelernt - jener Maid, die dem Mythos zufolge auf dem gleichnamigen Felsen bei Sankt Goarshausen mit ihrem Gesang die Rheinschiffer ins Verderben riß.
Die Schulstunde hat Folgen für Sankt Goarshausen. Kosugi, heute 52 und millionenschwerer Unternehmensberater aus der Touristikbranche, will sich nun seinen Traum erfüllen und möchte Burgherr werden in Sichtweite der Loreley. Voraussichtlich noch in diesem Monat wird ein deutsches Kulturgut aus dem Besitz der Bundesrepublik in seine Hand übergehen: die Sankt Goarshausener Burg Katz.
Für das denkmalgeschützte Gemäuer, ein Schmuckstück aus jener Gegend, wo Deutschland am deutschesten ist, will der Mann aus Japan 4,3 Millionen Mark bezahlen. Weitere sechs Millionen möchte Kosugi, der sich als Musenfreund gibt ("Erst kommt die Kunst, dann das Geschäft"), in den Umbau der Burg investieren, um sie als Hotel speziell für japanische Kunden herzurichten, "denn die wohnen ja so gerne auf einer Burg".
Geplant ist ein hochherrschaftliches Ambiente: Für 50 Gäste sollen Luxus-Suiten "im Burgenstil" entstehen, dazu zwei Spitzenrestaurants - eines mit französischer, eines mit vertraut japanischer Küche. Als Dreingabe gibt es Kultur: Fünf bis sechs Nachwuchskünstler aus Kosugis Heimat sollen auf Burg Katz bei deutschen Lehrern klassische Musik studieren und, wenn sie es gelernt haben, den Hotelgast mit wohlklingendem Spiel erfreuen.
Für das Volk drunten aus der Stadt und die touristische Laufkundschaft ist eine Cafeterrasse vorgesehen, immerhin mit Blick auf den Rhein. Doch das Übel des Undanks ist auch neben der Loreley gegenwärtig. Die Begeisterung der Einheimischen über den neuen Burgherrn ist geteilt: Nationalstolz kämpft gegen Wirtschaftsinteressen, Deutschtum gegen den Drang nach dem schnellen Geld - ein Zwiespalt, der derzeit die Debatten an Sankt Goarshausener Stammtischen prägt.
Von "Überfremdung" ist etwa bei den Schoppen-Trinkern im "Rheinischen Hof" die Rede. Angst wird geschürt, "daß wir Deutsche da oben auf der Burg bald nichts mehr verloren haben". Ein Handwerksmeister, 57 Jahre und heftig erregt, sieht gar Anschläge auf höchstes Kulturgut voraus: "Wartet ab, der baut da oben noch Pagoden hin."
"Ziemlich verärgert" ist auch Bürgermeister Rolf Daum, CDU, über den Burgverkauf: Vom Koblenzer Bundesvermögensamt, das die Transaktion über die Bühne bringt, fühlt er sich "schlicht überfahren" - obwohl die Zukunft der Burg doch für die Stadt von "allerhöchstem Interesse" sei.
Die Geschichte der Burg, bis sie jetzt an den Krösus aus dem Fernen Osten geht, ist ein sehr modernes Märchen: Sie handelt vom armen Staat und von reichen Menschen.
Bis Ende 1987 hatte das Gebäude den Geschäftsleuten der Stadt noch Einkünfte beschert: Es diente dem Sozialwerk der Bundesfinanzverwaltung als Ferienheim. Immerhin 6000- bis 8000mal im Jahr legten müde Finanzbeamte ihre Häupter auf Burg Katz zur Ruh'.
Dann, im Dezember 1987, wurde vom Brandschutz das Fehlen einer Feuertreppe bemängelt. Die dafür fälligen 1,5 Millionen Mark waren dem Vermögensamt zuviel: "Und dann", wundert sich noch heute der Bürgermeister, "hieß es ruck, zuck: Das Ding wird geschlossen und verkauft."
CDU-Mann Daum hatte gehofft, daß die gewogene Bundesregierung seiner Stadt die Burg schenkt. Das, beschieden ihn die Parteifreunde im Bonner Finanzministerium, sei "aus haushaltsrechtlichen Gründen" nicht möglich: Die Burg müsse zum Verkehrswert verkauft werden.
Dessen Höhe wurde durch eine Ausschreibung ermittelt; zum Pech der Stadt trat der betuchte Japaner auf den Plan. Rein theoretisch hätten Sankt Goarshausen und seine 1700 Bürger in das Höchstgebot einsteigen können; bei 1,6 Millionen Mark Schulden aber und ohne Aussicht auf Zuschüsse aus Bonn oder Mainz stand dies nicht zur Debatte. Die Stadt verzichtete auf ihr Vorkaufsrecht; der Weg war frei für Satoshi Kosugi.
Inzwischen hat Bürgermeister Daum sich der neuen Lage angepaßt: Er betont jetzt gern und häufig, daß er schließlich "nix gegen Japaner" hat.
Das könnte er sich auch nicht leisten. Sankt Goarshausen, das außer einigen Behörden kaum Arbeitgeber hat, hängt fast völlig vom Tourismus ab. Und der ist, was Gäste aus dem Inland betrifft, in der Krise: Die Zahl der deutschen Übernachtungsgäste rund um die Loreley ist in den achtziger Jahren um rund ein Viertel geschrumpft.
Vor allem jüngere Menschen läßt der Mythos von der Maid auf dem Felsen völlig kalt: Die Loreley ist ihnen allenfalls noch als Kulisse für Rockspektakel ein Begriff.
Rhein-Romantik ist heute hauptsächlich bei Touristen aus dem Ausland gefragt; insofern ist der japanische Kauf nur konsequent. Im vergangenen Jahr stieg in der Bundesrepublik die Zahl der Gäste aus Fernost auf 300 000, und erstmals wurden mehr als eine Million Übernachtungen gezählt. Burgen und Schlösser sind dabei seit jeher die Renner im Sightseeing-Programm, und immerhin 88 Prozent der europareisenden Japaner, hat die Deutsche Zentrale für Tourismus ermittelt, kennen und lieben den legendären Sitz der Loreley.
Beliebt sind die Gäste aus Japan vor allem aufgrund ihres entspannten Umgangs mit dem Geld: Mehr als tausend Mark, so wissen Touristen-Statistiker, geben die Fernost-Gäste in ihren Reiseländern für Souvenirs aus.
Wer am Fremdenverkehr verdient, ist denn auch in Sankt Goarshausen gern bereit, den Nationalstolz zu vergessen und das Hotel des Herrn Kosugi als Bereicherung zu begrüßen. Die Souvenir-Verkäuferin am Schiffsanleger weiß, daß "die Japaner net lang fragen, die kaufen schnell". Gastronomen am Ort hoffen, daß bei einem verstärkten Zustrom aus Nippon auch in ihren Kassen etwas hängenbleibt: "Hauptsache, wir kriegen mehr Leute hierher."
Daß es soweit kommt, gilt als ziemlich sicher. In diesen Tagen ist Satoshi Kosugi dabei, seine Pläne mit den diversen Behörden abzustimmen: mit dem Bundesvermögensamt, der Stadt Sankt Goarshausen und, nicht zuletzt, den Denkmalschützern. Die Rhein-Front nämlich darf der zukünftige Besitzer der Burg nicht verändern, allenfalls auf der Bergseite ist ein Anbau möglich.
Egal jedoch, wie die Denkmalschützer entscheiden - auf den Burgherrn aus Japan wird sich Sankt Goarshausen in jedem Fall einzurichten haben. Musenfreund Kosugi ist wild entschlossen zum Kauf: "Notfalls", verkündet er, "wohne ich dort oben auch ganz allein." #

DER SPIEGEL 16/1989
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