16.01.1989

UNTERNEHMERAtmosphäre gestört

Seine Omnibusse wirken futuristisch, sein Führungsstil erscheint nicht ganz zeitgemäß: Neoplan-Chef Auwärter lebt im Dauer-Krach mit seinen Arbeitnehmern.
Der 11. Juni 1985 war für die Bewohner der Kleinstadt Honey Brook ("Honigbach") im US-Bundesstaat Pennsylvania ein ganz besonderer Tag. Mit Luftballons und Blasmusik feierte die Bevölkerung die Eröffnung einer neuen Fabrik. Der Stuttgarter Unternehmer Albrecht Auwärter, 52, hatte am Ortsrand auf über 100 000 Quadratmetern ein Omnibus-Werk errichtet.
Gouverneur Dick Thornburgh pries den 30 Millionen Mark teuren Zweckbau von Auwärters Unternehmen Neoplan als "Meilenstein für die wirtschaftliche Entwicklung" der Region. Er überbrachte einen Auftrag der Transportbehörde über 900 Busse, ein zinsgünstiges Darlehen sowie einen Ausbildungszuschuß von 150 000 Dollar.
Heute, dreieinhalb Jahre später, werkeln in dem Betrieb, der bis zu 600 Mitarbeiter beschäftigen sollte, noch 60 Leute, und die arbeiten nur im Reparatur- und Servicebereich. Auwärter hat den Spaß an Honey Brook schnell verloren.
Dafür hat zweifellos die allgemeine Geschäftslage gesorgt. Die US-Regierung strich die Subventionen für Stadtverwaltungen, die mit neuen Bussen den öffentlichen Nahverkehr fördern wollen. Das drückt die Bestellungen.
Für den schnellen Abgang hat aber, das sagt auch Auwärter, eine ärgerliche Entscheidung der Belegschaft im Werk Honey Brook gesorgt. Die hatte es gewagt, den Einzug von Gewerkschaften in das Neoplan-Werk zu fordern und für höhere Löhne zu streiken. Und solche Aufsässigkeit mag Auwärter ganz und gar nicht.
Ob im fernen Amerika oder daheim im Schwabenland - der Unternehmer Auwärter steht zu seinen Grundsätzen. Gewerkschaften sind für ihn hinderlich und überflüssig; Arbeitnehmer sollen nur eins: arbeiten und gehorchen.
Seit Jahren hat der Firmenchef, der das Familienunternehmen (2500 Beschäftigte, 593 Millionen Mark Umsatz) zusammen mit seiner Schwester Else und seinem Bruder Konrad leitet, Dauerkrach mit Gewerkschaftsvertretern, Betriebsräten und Teilen der Belegschaft.
Sozialer Friede im Betrieb scheint Auwärters Lebensgefühl zu beeinträchtigen. Selbst kleine Streitigkeiten führen regelmäßig zu Arbeitsgerichtsprozessen.
Kranken ausländischen Mitarbeitern läßt der Omnibusfabrikant nachspionieren. "Ich möchte nicht wissen", sorgt sich der Neoplan-Chef ums Gemeinwohl, "was der deutschen Wirtschaft durch diese und andere Simulanten jedes Jahr verlorengeht."
Besonders schlecht ist Auwärter auf gewerkschaftlich organisierte Angestellte zu sprechen. "Wer wie ein Zwerg schafft, ist in der Gewerkschaft", reimt er holprig über IG-Metall-Mitglieder.
"Die fallen doch, wenn überhaupt, nur durch ihren überdurchschnittlich hohen Krankenstand auf", schimpft der Neoplan-Chef, "zersetzen unsere gute deutsche Wertarbeit und gefährden damit die Zukunft unserer Kinder."
Damit nicht zu viele "Störenfriede" von der Gewerkschaft bei ihm mitreden können, hält Auwärter die Belegschaft in seinen drei bundesdeutschen Betrieben (in Stuttgart-Möhringen, Berlin und im bayrischen Pilsting) bei höchstens 600 Mitarbeitern. "Ab 601", erläutert der Neoplan-Chef, "steigt die Zahl der gesetzlich vorgeschriebenen Betriebsräte, sprich Gewerkschaftsräte, nämlich um zwei auf elf Mitglieder."
Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten die Auseinandersetzungen, die anmuten wie Kämpfe aus den Flegeljahren des Kapitalismus, als der Firmenchef vor einigen Jahren ein umstrittenes Prämiensystem einführte.
Auwärter wollte die Krankmeldungen im Möhringer Stammwerk drücken. Angestellten, die sich weniger als vier Tage im Jahr krank meldeten, legte der Chef daher bis zu 4000 Mark pro Jahr drauf. "Das ist wie bei der Autoversicherung", erläutert er sein Modell, "wer einen Unfall gebaut hat, wird ja auch bestraft und verliert seinen Schadenfreiheitsrabatt."
Doch jene, die wegen Krankheit länger fehlen mußten, fühlten sich ungerecht behandelt und klagten vor dem Arbeitsgericht - mit Erfolg, der Chef mußte zahlen.
Gleichzeitig mit dem Scheck traf ein Brief von Auwärter ein. In dem Schreiben forderte er die Arbeitnehmer auf, den Scheck nicht einzulösen, sondern innerhalb von acht Tagen zurückzuschicken. Andernfalls werde er keinen Sonderurlaub oder keine übertariflichen Leistungen gewähren.
Die Neoplan-Angestellten zogen erneut vor Gericht - und gewannen. Wegen "Nötigung und versuchter Nötigung" mußte Auwärter 25 000 Mark Geldstrafe zahlen.
1985 war der Schwabe bereits wegen Beihilfe zum Subventionsbetrug zu einem Jahr und zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Die Staatsanwaltschaft hatte daher zunächst eine Gesamtstrafe von zwei Jahren und drei Monaten Haft gefordert. Wäre das Gericht dem Antrag gefolgt, hätte Auwärter einsitzen müssen. Doch mit Rücksicht auf die Firma, die nach Meinung der Richter womöglich in Schwierigkeiten geraten wäre, blieb es bei einer Geldstrafe.
Dem Absatz der PS-Ungetüme von Neoplan haben die fragwürdigen Praktiken des Firmenchefs bislang wenig geschadet. Die futuristisch gestylten Busse rollen über den saudiarabischen Flughafen Dschidda, durch das US-Raumfahrtzentrum in Cape Canavaral oder in der Moslem-Metropole Mekka.
In der Bundesrepublik ist Auwärter ein geschätzter Lieferant von Omnibus-Unternehmern; seine glitzernden Komfortbusse machen bei der Reise-Kundschaft was her. Außerdem werden in drei Dutzend Städten Neoplan-Busse im Linienverkehr eingesetzt.
Während die Branchenriesen Daimler-Benz oder MAN über schleppende Geschäfte klagen, eilen die schwäbischen Busbauer von einem Verkaufsrekord zum nächsten. Im vergangenen Jahr legten sie bei der Produktion rund 14 Prozent zu.
Nur in München hatte Auwärter Schwierigkeiten wegen seines Verhaltens gegenüber den Arbeitnehmern. Die dortigen Verkehrsbetriebe wollten im vorletzten Jahr 75 Linienbusse kaufen. Auwärter bot die Bus-Flotte rund 300 000 Mark billiger an als die Konkurrenten Daimler-Benz und MAN. Dennoch blitzte er bei den Münchnern ab.
Technische Gründe, so die offizielle Erklärung des Stadtrats, hätten den Ausschlag für die teureren Modelle gegeben. Es sei langfristig billiger, sich auf wenige Fahrzeugtypen zu beschränken.
Da mag was dran sein. Dennoch waren dies nicht die einzigen Einwände gegen Neoplan. Im Kommunalparlament gab es auch moralische Bedenken gegen das Geschäft mit dem Busbauer.
Auwärter kommt womöglich dennoch zum Zuge. Weil seine Busse billiger sind als die von Daimler-Benz und MAN, erhob die Regierung von Oberbayern kürzlich Einspruch gegen den Beschluß.

DER SPIEGEL 3/1989
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